Äußere Überlagerung von Bewegungen

Hintergrund

Bewegungen können nicht immer ohne äußere Einflüsse ausgeführt werden. Sobald von außen Zwänge hinzukommen (Gegner hält den Arm fest, Gegenstand im Weg, …) werden eigene Bewegungen davon überlagert. Im Artikel der inneren überlagerten Bewegungen gab es keine solchen Zwänge. Jetzt wird im nächsten Schritt die Kombination „eigene Bewegung“ zu „äußerer Zwang“ betrachtet.

Beispiele

Ein Beispiel für Zwänge durch die Umgebung ist Fahrradfahren. Man tritt in die Pedale mit einer gedanklichen Auf-und-Bewegung. Die Pedale und deren Pedalarme lassen aber nur eine Kreisbewegung zu (siehe Artikel Getriebe im Alltag III).

Ein weiteres Beispiel ist das Schütteln der Hände mit einem Gegenüber beim Begrüßen. Gerät man an einen etwas ruppigeren Menschen, wird derjenige das Schütteln völlig bestimmen. Man selbst denkt zwar auch an eine „Schüttel-Bewegung“, aber derjenige bestimmt mit seiner Kraft die Bewegung. Man selbst wird „mitgeschüttelt“.

Ein Beispiel aus den Kampfkünsten kann das Aufeinandertreffen von Waffen sein. Der Partner mit der größeren Kraft kann einem die eigene Waffe in Richtung des eigenen Körpers treiben. Von der eigenen gedachten und geplanten Vorwärtsbewegung bleibt nicht viel übrig. Sie ist überlagert worden durch den äußeren Zwang.

Abhängigkeiten

Je nach Ablaufgeschwindigkeit unterscheiden sich die Ergebnisse. Wenn die Zeit ausreicht, kann man nachregeln, also die Bewegung noch anpassen und gegen den Zwang ankämpfen. Der weitaus interessantere Fall ist: Was passiert, wenn alles zu schnell geht? Welche Bewegung entsteht dann? Wenn der Gegner sich als stärker erweist, wird die eigene Bewegung „durchgezogen“ (Abweichung Berep zu Bewegung). Es gibt also keinen bewussten Eingriff mehr. An der Stelle wirken andere unbewusste Regelkreise1Tieferliegende, schnellere Regelkreise schaffen es meist noch einzugreifen. Eigenreflexe können zum Beispiel eingreifen und versuchen die Störung auszuregeln. In den Betrachtungen geht es darum sich Schritt für Schritt an diese Überlagerungen heranzutasten. Die Abläufe sind direkt mit dem Problem der Abweichung Berep zur Bewegung verknüpft. Die eigene Bewegungsplanung und die „wirklich“ ablaufende Bewegung unterscheiden sich. Diese Perspektive ist allerdings schwerer zu fassen, als die Perspektive überlagerter Bewegungen..

 

Nutzung

Bewegungsschwächen finden

Ähnlich wie bei der reinen Betrachtung innerer überlagerten Bewegungen spielt diese Perspektive bei Bewegungsanalysen eine Rolle. An dieser Stelle geht es aber viel mehr darum, welche Bewegungen entstehen, sobald ein Gegner die eigenen Bewegungen versucht zu unterdrücken. Die Ergebnisse können verwendet werden, um Schwachpunkte von Bewegungen zu finden. Wer die „schwachen“ Glieder in der Kette seiner Bewegung kennt, kann dann im Training eingreifen.

Beispiel

Typische Beispiele sind Schläge von Anfängern. Die Bewegungsabläufe sind noch nicht ausreichend eingeprägt. Ihre Bewegungskette aus Fuß mit Kontakt zum Boden, zum Knie, zur Hüfte usw. bis zur Faust ist zu lang, um systematisch kontrolliert zu werden. Wenn ihr Schlag auf ein Hindernis trifft, stimmt immer nur ein Teil der Kette. Irgendein Gelenk ist immer nicht mit in die Bewegung einbezogen und schwächt damit die ganze Kette. Das schwächste Glied bestimmt die verfügbare Kraft und „sprengt“ die Kette zum Boden. Im Ergebnis trifft der Schlag auf das Ziel, kann sich aber mitunter nicht durchsetzen.

Einbeziehen des äußeren Zwangs

Eine andere Anwendung ist das gezielte Miteinbeziehen dieser Effekte. Das bedeutet, anstatt zu versuchen gegen den Zwang zu „gewinnen“, ergo stärker zu sein, nutzt man die entstehenden Bewegungen für die eigenen Zwecke. Das bedeutet, dass die eigene Bewegung durch die Kräfte des Gegners zwar überschrieben wird, aber nicht nutzlose wird2Diese Ansätze sind bedeutend komplexer als einfache Bewegungsplanungen. An dieser Stelle müssen umfangreiche Fallbetrachtungen möglichst vieler Abläufe erfolgen (siehe Baumdiagramm). Dazu kann das Bewertungsschema für parallele Varianten und der Matrix verwendet werden. Zur gezielten Auslegung und Optimierung können Beschreibungsformen aus der Getriebetechnik verwendet werden (Getriebeansätze). Die Schwierigkeit liegt vor allem daran, dass man bei hohen Geschwindigkeiten keine bewussten Anpassungen mehr vornehmen kann. Nur noch unbewusste Regelkreise stehen zur Verfügung. Diese müssen in ihren erzeugten Kräften mit möglichst viele Varianten umgehen können..

Beispiel

Ein einfaches Beispiel ist eine Bewegung, welche sicherlich jeder bereits einmal erfahren hat. Dabei steht man gerade und wird vom Partner von vorn gegen eine Schulter geschuppt. Bei niedriger Körperspannung dreht sich im Ergebnis der eigene Körper; gibt also nach. Diese Bewegung erfolgt fast automatisch und relativ natürlich. Wenn man die Augen geschlossen hat, weiß man auch nicht ob die linke oder rechte Schulter gedrückt wird. Trotzdem gibt der Körper nach. An dieser Stelle findet keine Reaktion statt. Keine Information wird verarbeitet und dient einer Reaktion als Basis. Bei geschlossenen Augen ist auch keine Antizipation, also Vorausahnung, möglich. Es gibt keine bewusste Verarbeitung, welche vorher eine Anpassung erlaube würde. Es ist die reine Körperstruktur und die Spannung zwischen den Körperteilen, welche die Lösung erbringt und sich der gegnerischen Kraft entledigt. Für Außenstehende mag es wie eine Reaktion wirken, aber innerlich hält man nur eine gewisse Körperspannung (siehe dem Problem die „wahre“ Berep zu erkennen, da der Zustand des Regelkreises unbekannt ist).

An dieser Stelle ist der eigene Anteil relativ passiv. Man selbst steht still und lasst die Kraft von außen auf einen wirken. Der Ansatz für überlagerte Bewegungen mit Einbeziehen des Zwangs ist aber gleich. Nur statt passiv zu sein, nimmt man die eigene geplante Bewegung als Basis und testet, was wohl passiert, wenn der Gegner die eigene Bewegung überschreibt. Je nach Ergebnis ergänzt man die eigene geplante Bewegung an, bis ausreichende Überlagerungen entstehen.

Fallunterscheidung

Die Abläufe im Kampf mit ihren vielen Überlagerungen können nur schwer im Detail beschrieben werden. Es ist aber möglich sich bestimmte Fälle anzusehen und auf diese Weise Stück für Stück einen Überblick über die Bandbreite an Fällen zu bekommen. Erst mit diesem Überblick können systematisch Überlagerungen entworfen werden.

Die folgenden Artikel stellen die Überlagerungen schrittweise vor. Es beginnt beim Zwang eines einzelnen Punktes und endet bei der Betrachtung des ganzen Körpers. Dabei wird immer angesetzt, dass die Überlagerungen sehr schnell erfolgen und das eigene bewusste Bewegungshandeln überlasten. Die Beispiele sind stark idealisiert um die Effekte sauber zu erkennen. Es geht dabei immer nur um sehr kurze Momente der Überlastung. Normalerweise dringen Abweichungen des eigenen Körperbildes durch äußeren Zwang immer sehr schnell ins Bewusstsein. Allerdings sind es gerade diese kurzen Momente einer Art „Hilflosigkeit“, welche Probleme bereiten. In diesen Momenten hat man keine bewussten Anpassungsmöglichkeiten. Was geschehen ist, ist geschehen und man muss mit den Ergebnissen umgehen.

 

Fußnoten   [ + ]

1. Tieferliegende, schnellere Regelkreise schaffen es meist noch einzugreifen. Eigenreflexe können zum Beispiel eingreifen und versuchen die Störung auszuregeln. In den Betrachtungen geht es darum sich Schritt für Schritt an diese Überlagerungen heranzutasten. Die Abläufe sind direkt mit dem Problem der Abweichung Berep zur Bewegung verknüpft. Die eigene Bewegungsplanung und die „wirklich“ ablaufende Bewegung unterscheiden sich. Diese Perspektive ist allerdings schwerer zu fassen, als die Perspektive überlagerter Bewegungen.
2. Diese Ansätze sind bedeutend komplexer als einfache Bewegungsplanungen. An dieser Stelle müssen umfangreiche Fallbetrachtungen möglichst vieler Abläufe erfolgen (siehe Baumdiagramm). Dazu kann das Bewertungsschema für parallele Varianten und der Matrix verwendet werden. Zur gezielten Auslegung und Optimierung können Beschreibungsformen aus der Getriebetechnik verwendet werden (Getriebeansätze). Die Schwierigkeit liegt vor allem daran, dass man bei hohen Geschwindigkeiten keine bewussten Anpassungen mehr vornehmen kann. Nur noch unbewusste Regelkreise stehen zur Verfügung. Diese müssen in ihren erzeugten Kräften mit möglichst viele Varianten umgehen können.

Der Artikel wurde am 14. Juni 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.