Anwendung Systems Engineering für Kampfkünste

Hintergrund

Systems Engineering (Abk. SE) ist ein Konzept zur systematischen Erarbeitung von Lösungsansätzen bei gegebenen Problemstellungen. Es findet unter anderem in den Ingenieurswissenschaften Anwendung. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Anwendung von zielgerichteten Methoden zur Lösungsfindung oder um weitere mögliche Vorgehensweisen (z.B. Nutzung von Fachwissen oder Erfahrung) zu unterstützen1Der Begriff des SE wird auch noch in anderen Bereichen davon verschieden eingesetzt. Der Schwerpunkt liegt hier auf den Methoden und deren Zusammenspiel..

Der folgende Artikel stellt SE in groben Zügen vor. Anschließend wird die Motivation vorgestellt die Methoden des SE für Kampfkünste einzusetzen. Folgend werden Randbedingungen zum Einsatz von SE zur Analyse und Synthese von Kampfkünsten vorgestellt. Der Abschluss erfolgt mit einem kurzen Ausblick, welche Perspektiven mit SE für Kampfkünste erarbeitet werden können.

Achtung! Der Begriff der Systeme kann in diesem Artikel missverständlich wahrgenommen werden. Als Systeme werden im SE komplexe Erscheinungen verstanden, nicht Kampfkunstsysteme. Ein angenäherter Begriff ist im SE der Begriff der Architektur2Eingrenzung des Lösungsraums mit Zusammenfassung von Lösungsansätzen, welche sich von anderen Zusammenfassungen unterscheidet..

 

Kurzvorstellung Systems Engineering

Systems Engineering kann als methodisches Vorgehen begriffen werden. Es setzt sich aus verschiedenen Teilbereichen zusammen. Diese werden eng verzahnt zur Lösungsfindung eingesetzt. Ein sehr gutes Buch zum Einstieg ist „Systems Engineering: Grundlagen und Anwendung“ von Haberfellner, de Weck, Fricke und Vössner. Die folgende Darstellung ist angelehnt an eine Darstellung des Buchs und stark vereinfacht.

 

DE_Systems_Engineering_für_Kampfkünste_01

 

Mit Hilfe der Methoden von SE wird das gestellte Problem analysiert, in Systeme zerlegt, strukturiert und in seiner Umgebung mit Schnittstellen eingeordnet. In Folgeschritten werden Lösungskonzepte unter Zielvorgaben erarbeitet, detailliert und bewertet, sodass eine Entscheidung für eine Lösung erfolgen kann. Parallel wird das Vorgehen durch Methoden zur Lösungsgenerierung und des Projektmanagements unterstützt.

Die Methoden selbst werden auch in anderen Ansätzen zur Generierung von Lösungen genutzt. Die Besonderheit des Konzepts vom SE ist das ganzheitliche Denken. Dabei werden gestellte Probleme als komplexe Erscheinungen begriffen, welche ganzheitlich bearbeitet werden müssen. Die Stärke liegt somit in der strukturierten Herangehensweise an komplexe Problemstellungen.

 

Motivation zum Einsatz von SE

Die Komplexität von Kampfkünsten erfordert methodische Ansätze, welche von Grund auf die Phänomene von komplexen Fragestellungen berücksichtigen. Andernfalls entstehen Defizite und einseitige Betrachtungen. SE bietet durch den Fokus auf komplexe Erscheinungen und den Versuch diese ganzheitlich zu begreifen einen idealen Ansatz. In dieser Form können typische Probleme bei der Betrachtung komplexer Erscheinungen verringert werden (siehe Artikel Umgang mit Komplexität).

Beispiele für unzureichenden Umgang mit Komplexität

  • Einfache Ursache-Wirkungs-Betrachtungen statt Rückkopplungen und Vernetzung einzubeziehen
  • Unzureichende Modellierungen der Phänomene
  • Konzentration auf Detailfragen, statt ganzheitlicher Betrachtung
  • Überoptimierung auf Einzelfälle, statt Bandbreiten von Vorkommnissen
  • Einseitige Zielsetzungen mit Vernachlässigung dominanter Einflussfaktoren

 

Die methodische Herangehensweise verringert auch weitere Probleme bei der Analyse und Synthese von Kampfkünsten. Folgend werden ausgewählte Probleme kurz angerissen (zum Teil als Detaillierungen der Komplexität). Die Lösungsansätze mit Hilfe von SE werden nicht vorgestellt.

Vielfalt und Redundanz der Lösungsansätze

Der menschliche Körper hat eine hohe Anzahl an mechanischen Freiheitsgraden. Dementsprechend gibt es viele mögliche Bewegungen, welche als Lösungsansätze für Problemstellungen dienen können. Das Eingrenzen erfordert passende Ausschlusskriterien, welche nur bedingt definiert werden können.

Fehlende Qualitätsstandards und Schwellen

Es ist schwer bei Bewegungen objektive Qualitätskriterien festzulegen. Ab wann gilt eine Bewegung als „gut“, „leistungsstark“ oder „robust“? Eine Tritthöhe lässt je nach Zielsetzung keine Aussage zu. Eine hohe Ablaufgeschwindigkeit mag den Eindruck von „hoher Kunst“ vermitteln, aber werden damit auch gesetzte Ziele erreicht? Selbst wenn die Ablaufgeschwindigkeit als Parameter gewählt wird, wo soll die Schwelle für „gut“ oder „schlecht“ liegen?

Unzureichende Transparenz und Kommunikation

Bei komplexen Fragestellungen entstehen schnell Missverständnisse, wenn in der Diskussion nicht Annahmen und Ziele sauber veröffentlich werden. Komplexität verlangt Transparenz und Veröffentlichung von Gedankengängen. Die große Anzahl an Informationen ist in typischen Trainingsumgebungen (z.B. keine oder nur kleine Tafel) nicht für jeden Beteiligten zu überblicken.

Weiterhin fehlt es an einer gemeinsamen Sprache und Definitionen für analytische Betrachtungen. Im Training besitzen die Teilnehmer selten den gleichen theoretischen Hintergrund, sodass es zwangsläufig zu Missverständnissen kommt.

Bedingungen zum Lernen eingeschränkt

Lernen kann aus anthropologischer Sicht in zwei Kategorien eingeteilt werden. Das eigenständige Lernen des Individuums (z.B. Konditionierung, motorische Fähigkeiten, …) und soziales Lernen mit zwei Individuen (Reizverstärkung, Imitation, …). Bestimmte Lösungsansätze für Bewegungsprobleme sind sehr komplex und erfordern ein sauberes Zusammenspiel beider Arten (z.B. gezielte Nutzung von Selbstreflexen oder Sollbruchstellen bei Überlastungen durch Kraft). Dieses Zusammenspiel zu garantieren ist durch den vorherigen Punkt der unzureichenden Transparenz nicht immer gegeben.

Fehlende Praktiken und Diskurse

Innerhalb der Kampfkünste gibt es nur bedingt Praktiken und Diskurse3Definition nach Foucoult: […] was gesagt werden soll und […] darf. zur Analyse und Synthese von Kampfkünsten4Ausgenommen sind Bereiche mit starker Wettkampforientierung. In diesen Bereichen sind derartige Herangehensweisen etabliert..

Vor der Anwendung der Herangehensweisen stehen mitunter langwierige Diskussionen über das „Wie?“, zum Teil auch des „Ob?“ (Wie soll man herangehen? Soll man überhaupt? Wer bestimmt?). Weiterhin verhindern oder behindern gegebene Machtstrukturen (z.B. „autoritäre Meister“) diese Form der Auseinandersetzung.

Kampfkünste in der Kulturindustrie

Kampfkünste sind in unserer Zeit in eine Kulturindustrie eingebettet. Das bedeutet, dass Abläufe unter dem Gesichtspunkt des Nutzens (siehe Utilitarismus) gesehen und bewertet werden. Nutzen (Wozu dient es?) und Zeit („Zeit ist Geld“) werden dazu als hohe moralische Werte definiert. Kampfkünste und deren Bewegungen werden in diesem Kontext ähnlich wie Gegenstände bewertet und gehandelt.

Die Überhöhung dieser Werte, Nutzen und Zeit, führt mitunter dazu, dass die Auseinandersetzung mit der Komplexität von Kampfkünsten nicht mehr in ausreichendem Maße erfolgen kann. Komplexität verlangt einen hohen Aufwand an Zeit, anstrengende gedankliche Auseinandersetzungen und der Nutzen ist nicht direkt von Anfang an erkennbar. Diese Gegensätze können nicht direkt gelöst werden und sie führen dazu, dass Analysen oft nur an der Oberfläche verbleiben.

Kampfkünste als Teil des Identitätserlebens

Kampfkünste können in ihrer Art der Vermittlung von bspw. Stärke, Dynamik und Macht substantiell zum Identitätserleben der Trainierenden beitragen. In einer stark überhöhten Form werden die in dieser Art gewonnenen Eigenschaften als Teil der eigenen Identität erlebt und direkt mit den Bewegungen verknüpft. Kritik an Bewegungen wird dann als direkter Angriff auf die Identität gewertet (meist unbewusst). Anpassungen an Bewegungen werden dann als undurchführbar gesehen, da in dieser Form obige Eigenschaften, und damit die Identität, verändert würden.

„Betriebsblindheit“ bei Bewegungen

Der Begriff der „Betriebsblindheit“ ist meist negativ wertend besetzt. Er bezeichnet ein Verhalten, welches sich durch Routine in Tätigkeiten und fehlende Selbstreflektion auszeichnet. Das mögliche Ergebnis ist verringerte Leistung und geringe Effizienz.

An dieser Stelle soll der Begriff nicht negativ wertend genutzt werden, sondern wertneutral ein grundlegendes Problem in Kampfkünsten thematisieren. Betriebsblindheit in den Kampfkünsten entsteht nicht nur aus reiner Passivität oder der fehlenden Selbstreflexion, sondern aus dem Umstand, dass Kampfkünste komplexe Erscheinungen sind. Die Werkzeuge zur Bearbeitung komplexer Fragestellungen sind aufwändig, sowohl zeitlich, als auch gedanklich. Der Rückgriff auf Routine als genereller Umgang mit der Thematik ist aus dieser Perspektive verständlich. Dieser Umstand führt im Gegenzug dazu, dass die Leistungsfähigkeit von Kampfkunstbewegungen nicht im möglichen Rahmen ausgeschöpft werden.

 

Randbedingungen und Annahmen

Systems Engineering ist ein allgemeiner Lösungsansatz für Problemstellungen. Eine Anwendung in den Kampfkünsten erfordert die Einhaltung von Randbedingungen und das Treffen diverser Annahmen. Folgend werden einige Randbedingungen und Annahmen kurz vorgestellt.

Erarbeitung gemeinsamer Terminologie

Die verwendeten Begriffe des SE (z.B. Architektur). können nicht direkt für die Handlungsregulation (z.B. Bewegung) oder andere Fachgebiete genutzt werden Im ersten Schritt sind klare Definitionen für eine folgende gegenseitige Zuweisung der Begriffe notwendig. Diese Zuweisungen erfolgen unter der Annahme, dass die Begriffe äquivalent genutzt werden können.

Beispiel

  • SE-Begriff System ist nicht äquivalent zum Begriff Kampfkunstsystem

Notwendige Hierarchisierung

Die Vorgehensweise im SE erfordert die Aufteilung des Systems in Sub-Systeme mit entsprechender Hierarchisierung.

Beispiel

Die Nutzung von SE für Kampfkünste unter dem Blickwinkel der Handlungsregulation erfordert die Erarbeitung sinnvoller Schnittstellen und Sub-Systeme:

  • Aufbau des Regelkreises (System) aus Elementen (Sub-Systemen)
    • Sub-System Sollwertvorgabe (Inneres Modell), Aktor (Muskel), …
  • Hierarchisierung durch unterlagerte Regelkreise
    • Regelkreis der Wahrnehmung, des Selbstreflexes, …

Bewegungen als Artefakte begreifen

Der Ansatz mittels SE verlangt klar strukturierte Ziele oder mindestens ein Vorgehen, sodass diese Ziele bestimmt werden können. Diese Ziele werden dann auf Funktionen und Elemente abgebildet.

Beispiel

  • Ziel: Nagel in die Wand schlagen
  • Umsetzung: Hammer (Element) schlägt (Funktion) auf Nagel (Element)

 

Diese Strukturierung erfordert ein Äquivalent für Bewegungen. Die reine Zuordnung von Begriffen (siehe Terminologie) genügt an dieser Stelle nicht. Bewegungen müssen vielmehr als Artefakte begriffen werden. Sie sind in dieser Form Träger von Intentionen des Erstellers. Es geht um ein Verständnis, dass die Bewegung „an sich“ nicht existiert, sondern das Ergebnis eines Prozesses des Erstellers und der Umgebung ist. Bildlich gesprochen ist eine Bewegung einer Welle im Meer vergleichbar. Die Welle ist sichtbar, aber das Ergebnis der Summe vieler nicht sichtbarer Strömungen. Wenn Bewegungen nur ähnlich von Gegenständen empfunden werden, kann mit Hilfe von SE kein Entwurfsprozess stattfinden (siehe obiger Punkt Kulturindustrie – Bewegung mit unveränderlichen Eigenschaften).

Die Auffassung als Artefakt wird erschwert, da Bewegungen immaterielle Abläufe darstellen, im Gegensatz zu Artefakten als Körper (materiell, z.B. Statue oder Hammer). Bewegungsabläufe müssen dazu abstrahiert werden und beschreibbar in Form einer Dokumentation.

Konvertierung Fachwissen für Bewegungsaspekte

Systems Engineering bietet eine Vielfalt von methodischen Vorgehensweisen. Viele davon haben ihren Ursprung aber bspw. in Ingenieurswissenschaften. Die Zielstellungen oder Konzepte konzentrieren sich auf Aspekte dieser Ursprünge (z.B. Betrachtung von Kosten, Wettbewerbsanalysen). Bewegungen benötigen zur Analyse andere Blickwinkeln aus anderen Fachbereichen (z.B. Bewegungsregulation). Die Nutzung von SE erfordert eine Konvertierung und Einordnung dieses Fachwissens innerhalb der methodischen Vorgehensweise und Lösungsansätze.

 

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Beispiel

Der folgende gedankliche Ablauf wird im Artikel Bewertungsschema von Belastungstests vorgestellt.

  • Fachwissen
  • Konvertierung in Methode für einfache Betrachtungen
    • Vereinfachung der Übertragungsfunktion durch Einteilung der Funktion in Bereiche, statt kontinuierlichem Aufbau
    • Vereinfachung der Überlastungserscheinungen und Eigenschaften durch feste Zuordnung in Bereiche
    • Vereinfachung ermöglicht Falldiskussionen als Varianten
  • Resultierende Methode
    • Bewertungsschema von Belastungstest

 

Ausblick

Systems Engineering kann als weitere Herangehensweise zur Analyse und Synthese von Kampfkunstbewegungen genutzt werden. Es erlaubt einen korrigierenden Eingriff, wenn Erfahrung oder Fachwissen nicht die gewünschten Lösungen hervorbringen. Weiterhin können bisher nicht erkannte Problemstellungen identifiziert und bearbeitet werden.

Konkrete Anwendungsfälle sind die Analyse von Bewegungen auf deren Leistungsfähigkeit, die zielgerichtete Zusammenstellung von Bewegungen für eine Bandbreite von Anwendungsfällen oder die Rekonstruktion von Bewegungen (siehe Artikel Übersicht der Themen und Definitionen).

Abgrenzung der Möglichkeiten

SE wird als rein methodischer Ansatz für Kampfkunstbewegungen genutzt. Es kann Perspektiven mit Fachwissen oder Erfahrung ergänzen, aber nicht ersetzen.

Soziologische oder psychologische Phänomene von Kampfkünsten sind kein Untersuchungsobjekt. Bestimmte Methoden nutzen Aspekte der Soziologie oder Psychologie, aber immer um fruchtbare Perspektiven auf Bewegungen zu schaffen.

Fußnoten   [ + ]

1. Der Begriff des SE wird auch noch in anderen Bereichen davon verschieden eingesetzt. Der Schwerpunkt liegt hier auf den Methoden und deren Zusammenspiel.
2. Eingrenzung des Lösungsraums mit Zusammenfassung von Lösungsansätzen, welche sich von anderen Zusammenfassungen unterscheidet.
3. Definition nach Foucoult: […] was gesagt werden soll und […] darf.
4. Ausgenommen sind Bereiche mit starker Wettkampforientierung. In diesen Bereichen sind derartige Herangehensweisen etabliert.

Der Artikel wurde am 25. März 2017 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.