Äquivalente

Hintergrund

Der Begriff der Äquivalente kann verschieden definiert werden. Die folgenden Definitionen beziehen sich allein auf diesen Blog. Äquivalenz wird hier im Sinne von Gleichwertigkeit verwendet. Äquivalente dienen in erster Hinsicht der Klassifizierung von Bewegungen und um daraus Arbeitstechniken abzuleiten.

 

Funktionsäquivalent

Als Funktionsäquivalent sollen auf diesem Blog alle Bewegungen gelten, welche als gewählte Mittel die gleiche Funktion zur Erfüllung von Zielen erreichen können. Ein oft zitiertes Beispiel in der Literatur der Bewegungswissenschaften ist die Möglichkeit des Körpers mit vielen Körperteilen seine Unterschrift zu leisten. Sei es, im Gegensatz zur Schreibhand, die entgegengesetzte Hand, ein Fuß oder der Mund; die Details in Form und Ausprägung fehlen, aber der grundlegende Bewegungsfluss ist gleich. Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag, wer eine offene Kühlschranktür mit der Hand schließt oder mittels Ellenbogen hat äquivalente Mittel eingesetzt (Hand hält bswp. gerade die entnommene Flasche). Das Ziel war die geschlossene Kühlschranktür, der Ellenbogen oder die Hand waren mögliche Mittel. Die Hand war als Mittel blockiert, also ist das nächste Mittel gewählt worden. Diese Entscheidung wird vom eigenen Körper scheinbar spontan umgesetzt. Nur der Gedanke an den zu schließenden Kühlschrank hat den Ellenbogen als Bewegung ausgelöst.

Der Zusammenhang selbst erscheint trivial, jedoch öffnet ein tieferes Bewusstsein viele Gestaltungsmöglichkeiten für Bewegungen in den Kampfkünsten. Wenn Bewegungen sehr starr und isoliert vom praktischen Einsatz weitergegeben werden, kann es bei deren Ausführung in scheinbar unpassenden Situationen zu inneren Blockaden kommen. Man hat das Gefühl, die Bewegung nicht anwenden zu können. Die Ursache der Blockade liegt oft in einer zu engen Definitionen oder dem Selbstzweck der Bewegung. Wenn innerhalb des Trainings eine saubere Trennung zwischen Mitteln und Zielen verfolgt wird, lassen sich auch in scheinbar schwierigen Situationen noch passende Bewegungen finden. An dieser Stelle spielt das Äquivalent dann weniger die Rolle eines Nebeneinanders von gleichwertigen Bewegungen. Es ermöglicht vielmehr eine Arbeitstechnik, um der gedankliche Sackgasse zu entgehen. Wer klare Ziele formuliert und die Bereitschaft zeigt, sich von dem unzureichenden Mittel zu trennen, wird oft mit einer kreativen neuen Lösung belohnt. Das kann dazu führen, dass automatisierte Bewegungen plötzlich von Körperteilen ausgeführt werden, welche noch nie in dieser Kombination trainiert wurden.

Äquivalente bilden damit den positiv besetzten Gegenpol zu der gegensätzlichen Notwendigkeit Bewegungen in engen Bahnen für deren Automatisierung zu trainieren. Beides schließt sich nicht aus, sondern ist ganz im Gegenteil ein notwendiges Paradoxon. Erst die Auseinandersetzung mit diesen zwei Gegenpolen öffnet den Blick für zwei grundlegende Bewegungseigenschaften. Auf der einen Seite steht der spontane Bewegungsfluss, der durch gezieltes Training von Äquivalenten seinen Ausdruck findet kann. Auf der anderen Seite steht das Bedürfnis nach Beständigkeit, um ein Verständnis der Zusammenhänge zu erlangen und eine Automatisierung zu ermöglichen. Es kann sich eine Sucht entwickeln, für definierte Ziele immer die optimalste, die einfachste, die allgemeinste Lösung zu suchen und zu finden. Diesem Vorgang geht ein Denken mit vollständiger Trennung von Mitteln und Zielen und der Befreiung von Selbstzweck voraus.

Ein weiterer Vorteil bei der Nutzung von Äquivalenten ergibt sich durch die Möglichkeit Bewegungen übergeordnet zu beschrieben. Bei Gegenständen zeichnet sich die Kategorie Stuhl durch Sitzfläche, vier Beine und eine Rückenlehne aus. Die gleiche Art der übergreifenden Beschreibung können Funktionsäquivalente bilden. Bewegungen werden dann gedanklich in einer viel allgemeineren Form zusammengefasst. Diese Beschreibung führt zu einer viel tieferen Auseinandersetzung. Statt den Details stehen die verallgemeinerten Elemente und deren Verknüpfungen im Vordergrund.

Eine etwas trockene Anwendung dient der Bewegungskonstruktion. Bei einer großen Anzahl an gesetzten Zielen kann es vorkommen, dass die bisherigen Mittel nicht alle Ziele erfüllen können. Mit Hilfe von Arbeitstechniken zu Funktionsäquivalenten können diejenigen Bewegungsteile isoliert werden, welche zur Funktion beitragen. Der Rest an nicht erforderlichen Anteilen steht für Änderungen zur Verfügung, um weitere Ziele zu erreichen.

 

Bewegungsäquivalent

Die Gruppe der Bewegungsäquivalente stellt auf diesem Blog eine spezielle Untergruppe von Funktionsäquivalenten dar. Bewegungen können mit Hilfe von Arbeitstechniken in mechanische und dynamische Komponenten zerlegt werden. In Sonderfällen können dann die so erstellen Funktionsäquivalente in ihrer Struktur frei auf beliebige Körperteile gelegt werden. Als Randbedingung muss die Körperstruktur die gleichen Anforderungen an die Dynamik und die mechanischen Freiheitsgraden erfüllen.

Die folgende Skizze deutet ein mögliches Bewegungsäquivalent an. Dabei werden eine Waffe und deren Kopplung mit dem Körper über den gestreckten Arm als Bewegungsstruktur definiert. Das Äquivalent dazu wird durch ein Verschieben der Elemente um ein Gelenk in Richtung des Körpers erstellt. Die Wirkung der Waffe wird durch den Unterarm ersetzt und der Oberarm ersetzt den vormals voll gestreckten Arm.

 

DE_Äquivalente_01

 

Die Motivation hinter dieser zusätzlichen Einteilung liegt in einer einfacheren Heranführung von Schülern an Funktionsäquivalente. Statt sich in Details von Bewegungen zu verlieren, wird zielgerichtet nach den wesentlichen Elementen gesucht. Bei allgemeinen Funktionsäquivalenten ist dieser Vorgang viel schwieriger. Bei Bewegungsäquivalenten bleibt die unterlagerte Bewegungsstruktur erhalten und kann von Schülern als Ankerpunkt wahrgenommen werden. Wenn derartige Bewegungsäquivalente gut definiert werden, kann die Bewegungsstruktur auf fast beliebige Körperteile gelegt werden.

Das obige Beispiel mit dem Kühlschrank ist in erster Linie kein Bewegungsäquivalent. Je nach Art der Bewegungsplanung ergibt sich für jede der Bewegungen eine andere unterlagerte Bewegungsstruktur.

 

Trainingsäquivalent

Als weiterer Sonderfall von Funktionsäquivalenten sind Trainingsäquivalente (ähnlich dem Bewegungsäquivalent). Wenn bei hohen Geschwindigkeiten die Menge an verfügbarer Sensorinformationen eingeschränkt wird, können auch Bewegungen von Gegnern (z.B. Angriffe, …) nicht sauber unterschieden werden. Mit diesem Umstand im Kopf können statt der eigentlichen Angriffe auch äquivalente Bewegungen oder Gegenstände zum Training eingesetzt werden. Typische Beispiele sind vereinfachte Partnerbewegungen, bei denen Details bewusst weggelassen werden oder Holzpuppen, welche Gegenkräfte simulieren. Aber auch Alltagsgegenstände wie Türen, Treppengeländer oder auch eine simple Wand können mit speziell konstruierten Übungen wie ein Gegner und dessen Bewegungen wirken.

Die Vorteile von Trainingsäquivalenten mit Gegenständen liegen in dem immer verfügbaren „Partner“ und den sauber vorhersehbaren Trainingsbedingungen. Die Nachteile beginnen, sobald das Trainingsäquivalent zu stark von dem eigentlichen Einsatzfall abweicht oder nur ein bestimmter Aspekt sehr isoliert trainiert wird. Der Effekt der Überoptimierung von Bewegungen kann den Trainingseffekt dann einschränken oder sogar aufheben.

Die Konstruktion dieser Art der Bewegungen ist durch die genannten Nachteile zum Teil sehr schwierig. Ein Knackpunkt sind die in der Übung verfügbaren Sensorinformationen, welche in der späteren Anwendung vielleicht nicht verfügbar sind (siehe IdI). Ein Fehler im Denkansatz fällt dann erst sehr spät bei einer Live-Anwendung der Bewegung auf (siehe Strategieausbildung …). Diese Art der Denkweise hilft die obigen Nachteile im Blick zu behalten.

 

Sensoräquivalent

Als Sensoräquivalent werden auf diesem Blog eine Zusammenstellung von Sensorinformationen genannt, welche als „Paket“ die reale Wahrnehmung von Sensorinformationen ersetzen. Diese Sensorinformationen werden im Training wahrgenommen, abgespeichert und bilden ein inneres Modell (siehe Antizipation). Statt also Sensorinformationen wahrzunehmen, wird diese Zusammenstellung verwendet. Bei der eingeschränkten Wahrnehmung (Detaillierung Alternativen) von Sensorinformationen in Echtzeit kann dieses Paket nicht vollständig wahrnehmbare Sensorinformationen ergänzen. Der Prozess der Antizipation baut zum Teil auf diese Zusammenhänge auf. Die Grenzen der Sensoräquivalente sind aber eng gesteckt. Nur bei einer Übereinstimmung mit den realen Abläufen sind diese verwendbar. Sobald diese Abläufe durch Entkopplungsvorgänge (siehe IdI) abweichen, können Sensoräquivalente nicht mehr genutzt werden.

Ein negativer Effekt dieser Möglichkeiten zeigt sich sehr deutlich im Training. Schüler lassen sich dann nicht auf neue Sensorinformationen ein und behindern ihr eigenes Vorankommen durch ständigen Rückgriff auf bekannte gespeicherte Sensorinformationen. Ein „Einfühlen“ in die Situation findet nicht mehr statt.

Weiterhin spielen Sensoräquivalente für gesteuerte Bewegungen eine große Rolle. Bei diesen Bewegungen kann der Körper durch eine sehr hohe Bewegungsgeschwindigkeit seine inneren Modelle nicht schnell genug auf dem laufenden Stand halten. Ohne Sensoräquivalente lässt sich in diesen Situationen keine weitere Bewegungsplanung durchführen. Diese ersetzen die Realität. Ein einfaches Beispiel stellt das Betasten von Gegenständen dar (hohe Geschwindigkeit ist hier äquivalent zu der unbekannten Sensorinformation). Wenn die Gegenstände bekannt sind, wird im Kopf das Bild der im Tastmoment entstehenden Sensorinformationen zum Vergleich bereitgehalten.

Bei Danion/ Latash findet sich eine interessante Studie zu diesen beiden Problemen. Dabei haben Versuchspersonen Probekörper angehoben. Der zeitliche Verlauf des Anhebens wurde gemessen. Im Verlauf der Versuche wurden den Versuchspersonen Probekörper mit anderem Gewicht vorgelegt. Das Aussehen der Probekörper blieb aber gleich. Der zeitliche Verlauf änderte sich stark. Das Anheben lief zu schnell ab (leichterer Probekörper) oder viel langsamer (schwerere Probekörper). Erst nach einiger Zeit ( ca. 100 ms mit folgendem Überschwingen) pendelte sich der zeitliche Verlauf des Anhebens wieder beim ursprünglichen Verlauf ein (siehe Zeitverlust Antizipation). Das Verlassen auf das Sensoräquivalent für die Bewegungsplanung hat also bei den passenden Probekörpern zu einem optimierten, schnellen Anheben geführt. Bei einer Abweichung wurde der Ablauf massiv gestört (siehe Überoptimierung). In dieser Studie konnten die Versuchspersonen die Abweichungen aber detektieren und Anpassungen vornehmen. Im Training  ist dieser Umstand mitunter nicht gegeben, weil die Aufmerksamkeit nicht auf die Abweichung gelenkt wird. In diesem Fall werden Sensoräquivalente nicht hinterfragt und bleiben mit ihren Fehlern erhalten.

Der Artikel wurde am 17. August 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.