Arbeiten mit Katalog der Bewegungsansätze

Hintergrund

Der Komplexität von Bewegungen kann auf verschiedenen Wegen begegnet werden. Eine Vereinfachung liegt im Einsatz von „Konstruktionskatalogen“. Sie bieten eine Fülle an Bewegungsansätzen für Bewegungsprobleme; geordnet nach Eigenschaften und Anforderungen. Die Idee liegt in der sinnvollen Verknüpfung von Anforderungen, Eigenschaften und Bewegungsansätzen. In der Art kann dann eine Lösung ausgesucht und mit anderen Methoden überprüft und bewertet werden.

Ein Beispiel für einen derartigen Eintrag wird folgend vorgestellt. Dabei werden zwei Lösungsansätze für das Greifen eines Handgelenks gegenübergestellt. Beide Lösungen erfüllen die Anforderung des Greifens. Sie unterscheiden sich aber in der Umsetzung und Eigenschaften.

 

  • Bewegungsproblem (Anforderung)
    • „reines“ Festhalten eines Handgelenks
    • Kein Blockieren der Position des Handgelenks

 

  •  Lösungsansätze
    • Umgreifen mittels Formschluss
      • Durchführung
        • Finger bilden Form eines Kreises
        • Umschließen des Handgelenks mit geschlossenem Kreis
        • Kein Zudrücken, nur Umschließen des Handgelenks mittels der Finger
      • Eigenschaft
        • Kraftaufwand gering (Kraft nur benötigt zum Schließen des Kreises)
        • Kein völliges Schließen (Kreis geschlossen, hat aber Spiel gegenüber Handgelenk, siehe Bild)
        • Geringe Anzahl gesperrter Freiheitsgrade
          • Gegner kann Handgelenk noch recht weitläufig bewegen (nach oben und unten, drehen)
          • Festhalten schränkt eigene Handlungsmöglichkeiten wenig ein
        • Abhängigkeit zur erfolgreichen Durchführung gering (leichter zu erfüllen als Folgeansatz)
          • Eine Abhängigkeit besteht im erfolgreichen Halten der Kreisform

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_01

 

  • Umgreifen mittels Form-/Reibschluss
    • Durchführung
      • Wie obige Lösung, allerdings wird versucht den Kreisdurchmesser der Finger zu verringern
      • Dadurch Kraftausübung auf Handgelenk
      • Kraft übt Reibung aus
      • Reibungskraft wiederum blockiert Handgelenk zusätzlich
    • Eigenschaft
      • Kraftaufwand höher, da Zudrücken der Finger benötigt wird
      • Höhere Anzahl gesperrter Freiheitgrade
        • Gegner kann Handgelenk in geringerem Maße bewegen (Keine Bewegung mehr nach oben und unten, Drehung verhindert)
        • Eigene Handlungsmöglichkeiten stärker eingeschränkt
      • Höhere Anzahl an Abhängigkeiten zur erfolgreichen Durchführung (schwerer zu erfüllen)
        • Eine Abhängigkeit besteht im erfolgreichen Halten der Kreisform
        • Weitere Abhängigkeit besteht im erfolgreichen Erzeugen der Reibkraft

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_02

 

Vereinfachung des Entwurfsprozesses von Bewegungen

Der Entwurfsprozess von Bewegungen kann mit Hilfe von Katalogen vereinfacht werden. Sie bilden eine Art „Pool“ an typischen Lösungsansätzen. Der Schritt der Zusammenstellung von Elementen, die Betrachtung der Eigenschaften und die Abstimmung mit den Anforderungen wird damit verkürzt. Die Vereinfachung erlaubt die stärkere Beschäftigung mit anderen Schritten im Entwurfsprozess. Das Abwägen zwischen Lösungsansätzen und der notwendige Ausgleich zwischen Zielkonflikten rücken in den Vordergrund.

Bezogen auf das obige Beispiel tritt die Auswahl zwischen den beiden Lösungsansätzen in den Vordergrund. Die Fragen konzentrieren sich dann mehr auf die Eigenschaften und welche Vor- und Nachteile akzeptabel sind.

 

Beispiel Festhalten des Handgelenks

Zielkonflikte und Kompromisse

  • Ist der erhöhte Kraftaufwand gerechtfertigt oder genügt das Festhalten in einem geringeren Maße?
    • Muss es immer die maximale Kraft sein?
  • Ist es akzeptabel eine Bewegung mit mehr Kraft auszulegen, dafür aber die Chance zu vergrößern, dass diese durch mehr Abhängigkeiten fehlschlägt?
    • Ist mehr Kraft gegen einen möglichen Fehlschlag akzeptabel?
  • Darf die eigene Handlungsfähigkeit stärker absinken, wenn dafür mehr Freiheiten des Handgelenks gesperrt werden?
    • Wer festhält, schränkt sich auch selbst ein.

 

Bandbreite der Ansätze

Kataloge bieten aber noch andere Perspektiven. Die Auflistung und Darstellung in der Bandbreite erlaubt einen Überblick über alle Lösungsansätze. In dieser Darstellung können Vor- und Nachteile schnell verglichen werden. Dabei fällt auf, dass jeder Ansatz gewisse Vor- und Nachteile besitzt. Es gibt also keine „Hierarchie“ der Lösungsansätze mit einem absoluten Optimum, also „dem perfekten Ansatz“. Das Erkennen der Unvermeidbarkeit von Nachteilen liefert den wichtigen Impuls die Ansätze nicht länger in „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen. Jeder Vorteil in der einen Anwendung kann zum Nachteil in einer anderen Anwendung werden. Alle Ansätze sind gleichberechtigt. Es gilt eher einen Ausgleich zwischen Anforderungen und Eigenschaften zu finden. Vor allem unter dem Blickwinkel parallel ablaufender Varianten ist dieser Punkt wichtig. Woher weiß man mit Sicherheit, auf welche Situation die eigene Bewegung trifft?

Daraus ergibt sich der wichtige Gedanke der Toleranz gegenüber den gewählten Bewegungsansätzen anderer Kampfkünstler. Dieser Gedanke fußt aber nicht aus reinen „Forderung nach Toleranz“, welche eher zu einer Gleichgültigkeit tendieren kann, also der Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Diese Toleranz liegt im Erkennen, dass auch die eigene Bewegung zwangsläufig Fehler beinhaltet, der damit verbundenen Demut und dem Ende der überhöhten Bewertung eigener Bewegungen.

Angewendet auf das obige Beispiel können die Eigenschaften beider Ansätze gegenübergestellt werden. Dabei lassen sich je Ansatz Punkte vergeben (in der Darstellung als Länge der Pfeile symbolisiert). Die Wahl zwischen beiden Ansätzen kann nicht auf Grund des reinen Vergleichs der Eigenschaften erfolgen. Erst im Zusammenspiel mit gestellten Anforderungen als notwendiges Gegenstück (ähnlich zweier Puzzle-Stücke) kann eine Wahl erfolgen.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_03

 

Im folgenden Bild wird dieser Zusammenhang etwas bildlicher dargestellt. Die Anforderung mit Überlastungen in Form von parallel ablaufenden Varianten umzugehen wird mit Hilfe der Eigenschaft der Kontextsensitivität begegnet.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_04

 

Grenzen weiten und Potentiale entdecken

Wenn die eigene Bewegung innerhalb des Kataloges eingeordnet wird, kann der Blick geweitet werden. Wenn bisher nur „die eine Bewegung“ existiert hat, existieren plötzlich eine Vielzahl an Bewegungen. Jeweils „links“ und „rechts“ der bisherigen Bewegungen kann abgewichen werden. So ergibt sich die Möglichkeit Anforderungen in noch höherem Maße zu erfüllen. In dieser Art können bisherige Grenzen von Bewegungen (Nicht-Erfüllung von Anforderungen) geweitet werden.

Ein weiterer Effekt ist die genauere Betrachtung „hässlicher Entlein“. Es gibt Bewegungen welche scheinbar nie passen. Ihre Eigenschaften erscheinen schwach ausgeprägt und selten scheinen sich passende Anwendungsfälle zu ergeben. Eine differenziertere Betrachtung mit Hilfe des Katalogs hilft diese Potential zu wecken. Statt immer nur vereinzelt Fälle mit der Bewegung zu vergleichen kann in einer Art „Rückwärtskonstruktion“ auf die Eigenschaften ein passender Fall entworfen werden. So ergeben sich andere Perspektiven auf die Bewegung und in Zukunft wird diese stärker mit in Betrachtung einbezogen. Dieser Blick kann auch wieder mit dem Bild von Puzzlestücken verglichen werden. Wer ein Stück kennt, kann das Gegenstück daraus konstruieren.

 

Grenzen der Kataloge

Die Vorteile der Verwendung eines Kataloges verkehren sich in gewissen Fällen aber auch ins Gegenteil. Die Anwendung des Katalogs verlangt ein genaues Verständnis der Eigenschaften und Anforderungen einer Bewegung. Es ist ein langer Lernprozess diese Punkte zu verinnerlichen, damit der Katalog nicht nur eine reine Sammlung von Ansätzen dient, sondern auch aktiv im Entwurfsprozess eingesetzt werden kann.

Ein weiterer Punkt ist die Gefahr sich zu sehr auf die präsentierten Ansätze zu verlassen. In diesem Fall findet keine Suche nach weiteren, nicht dokumentierten Ansätzen statt. Der Katalog wird dann „mechanisch“ angewendet und die Ansätze werden nicht hinterfragt. Die tiefergehenden Ursachen und Zusammenhänge aus bspw. dem Regelkreis bilden aber immer die Grundlage im Bewegungsentwurf. Der Katalog ist nur eine „bequeme“ Abkürzung.

 

Aufbau des Katalogs der Bewegungsansätze

Ein Katalog lässt sich aus verschiedenen Ebenen zusammenstellen. Dabei wechselt pro Ebene der Detailierungsgrad. Dieser Grad wird bestimmt durch die Anzahl der Elemente und deren Kombinationen. Einzelne Elemente haben einen kleinen Detaillierungsgrad. Die Kombination aus mehreren Elementen lässt den Grad an Details anwachsen.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_05

 

Allen Ebenen gleichen sich in der direkten Gegenüberstellung von Bewegungsansatz zu Anforderungen zu Eigenschaften. Diese drei Punkte werden in jedem Detaillierungsgrad gebildet.

 

Bildung der Bewegungsansätze

Die einzelnen Ebenen und Ansätze werden aus einer systematischen Betrachtung einzelner Größen und deren Kombinationen erstellt. Verschiedene Perspektiven (z.B. Wie wird mit Informationen umgegangen?) bilden die Grundlage. Durch diese Systematik wird ein großer Teil an Möglichkeiten erfasst.

Am Beispiel des Umgangs mit Kräften lässt sich diese Struktur als Ausschnitt darstellen. Man beginnt mit der einfachsten Ebene: einer wirkenden Kraft auf einen passiven Körper (Zusammenstellung vereinfacht). Diese erste Ebene wirkt trivial, aber darauf aufbauend beginnend ergeben sich die interessanteren Perspektiven.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_06

 

Beschreibung

  • Krafteinwirkung auf einen Körper
  • Körper wird durch Kraft bewegt, sobald Trägheit des Körpers überwunden wird

 

Eigenschaft

  • Handlungsfähigkeit (Fähigkeit Ziele zu verfolgen)
    • Keine eigene Handlungsfähigkeit
    • Ausnahme: Kraftrichtung entspricht genau eigenem Bewegungsziel
  • Kontextsensitivität (Fähigkeit mit mehr als einer Ablaufvariante umzugehen)
    • Keine Betrachtung auf dieser Ebene möglich
  • Eigener Energieaufwand
    • Kein Aufwand
  • Notwendige Informationen
    • Keine Informationen notwendig

 

Erfüllbare Anforderungen

  • Keine Betrachtung auf dieser Ebene möglich

 

Nach weiteren Zwischenschritten gelangt man zu einer Zusammenstellung aus mehreren Körperteilen (z.B. Oberarm, Unterarm, Schulter), welche untereinander Kräfte austauschen (z.B. Muskelanspannung) und von außen Kräfte wirken (z.B. Gegner drückt gegen Arm). Je nach Verteilung der Kräfte ergeben sich verschiedene Ansätze. Folgend wird beispielhaft ein Ansatz vorgestellt. Eine äußere Kraft versucht den Winkel zwischen zwei Körperteilen zu vergrößern. Als Ansatz werden die Körperteile mit Hilfe der eigenen Muskeln gegeneinander verspannt. Das Verspannen sorgt für eine starke Kraft in alle Winkelrichtungen. Andere Ansätze für die Betrachtung der Bandbreite sind zum Beispiel gar keine Muskelanspannung oder Muskelanspannung spezifisch angepasst zur wirkenden Kraft.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_07

 

Beschreibung

Krafteinwirkung von außen wird durch starkes Verspannen aller Muskeln gegeneinander begegnet. Verspannen bewirkt, dass äußere Kraft diese Gegenkräfte erst überwinden muss, um die Körperteile zu bewegen. Anspannen unspezifisch zur äußeren Kraft (Richtung und Höhe der Kraft wird in Bewegungsplanung nicht einbezogen).

 

Eigenschaft

  • Handlungsfähigkeit
    • Verspannen stoppt alle eigenen Bewegungen. Nur gehaltene Position durch Verspannen als Bewegungsziel möglich. Handlungsfähigkeit damit sehr stark eingeschränkt.
    • Wenn äußere Kraft die Verspannung überwindet, wird die Position der Körperteile unbestimmt. In diesem Fall entsteht eine unbekannte Veränderung des Winkels zwischen beiden Körperteilen.
  • Kontextsensitivität
    • Hohe Kontextsensitivität gegenüber Höhe und Richtung der Kraft
      • Varianten der Höhe und Richtung der Kraft können ohne Anpassung begegnet werden
    • Geringe Kontextsensitivität gegenüber Fall der Überlastung (äußere Kraft überwindet Verspannen)
      • Gesetztes Ziel des Haltens des Winkels kann nicht gehalten werden
  • Energieaufwand
    • Hoher Aufwand durch hohe Muskelanspannung aller Muskeln
  • Notwendige Informationen
    • Äußere Kraft muss nicht genauer bestimmt werden. Richtung und Höhe der Kraft als Information nicht benötigt.

 

Erfüllbare Anforderungen

  • Bewegungsproblem der Überlastung durch zu viele oder zu wenige Informationen nicht möglich
    • Wissen über Höhe und Richtung der Kraft nicht notwendig
  • Bewegungsproblem der Überlastung mit parallel ablaufenden Varianten der Kraftrichtung und Höhe kann kontextsensitiv gelöst werden
    • Grenze: Überlastung durch Kraft

 

Perspektiven

Die folgenden Perspektiven lassen eine systematische Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln zu.

  • Informationsmanagement
  • Kraftmanagement
  • Freiheitsgradmanagement
  • Handlungsmanagement
  • Raum-/ Abstandsmanagement

 

Durchführung

Die Arbeit mit dem Katalog der Bewegungsansätze kann auf verschiedene Arten erfolgen. Im Normalfall existieren bereits Bewegungen. Für die Arbeit mit dem Katalog wird die Bewegung in ihre Elemente und Ansätze zerlegt. Die Ansätze werden in die verschieden Perspektiven des Katalogs eingeordnet. Daraus ergeben sich die Eigenschaften der Bewegung.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_08

 

Im nächsten Schritt werde die Anforderungen mit den ermittelten Eigenschaften vergleichen. Werden die Anforderungen nicht erfüllt, beginnt die eigentliche Arbeit mit dem Katalog. Dazu wird entweder die Ebene gewechselt (vertikale Veränderung des Detailgrads) oder auf einer Ebene werden die Ansätze verglichen (horizontale Veränderung). Nach jedem Schritt können die Eigenschaften erneut mit den Anforderungen verglichen werden bis eine ausreichende Deckung erreicht ist.

 

DE_Arbeiten_mit_Katalog_der_Bewegungsansätze_09

Der Artikel wurde am 1. September 2016 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.