Auswahl der Themen

Bewegungswissenschaften sind ein weites Feld und die Auswahl der Themen auf diesem Blog mag nicht direkt schlüssig erscheinen. Im Folgenden werden die Hintergründe der Themenwahl vorgestellt. Dabei lassen sich Vorgriffe auf spezielle Themengebiete nicht vermeiden. Eine Detaillierung erfolgt in den einzelnen Artikeln.

 

Wo sind die Grenzen?

Bei der Vielfalt der Kampfkünste und den verschiedenen Ausprägungen selbst innerhalb einzelner Stile ist eine isolierte Betrachtung bspw. von Bewegungen oder Vorgehensweisen nicht ausreichend. Der menschliche Körper ist nicht „einfach“ über Studienergebnisse und daraus abgeleiteten Modellen beschreibbar. Wenn man sich mit Literatur der Bewegungswissenschaften auseinandersetzt, stechen bestimmte Themengebiete ins Auge. Es gibt Bereiche mit gut gesicherten Ergebnissen. Diese können für grundlegende Bewegungsanalysen und-synthesen verwendet werden. Diese Modelle sind nicht perfekt, aber ausreichend. In anderen Bereichen gibt es eine ständige Entwicklung und die Ergebnisse können durch die auftauchenden Widersprüche nur schwer für Analysen verwendet werden. Nun bauen Kampfkünste über diese bereits komplexe Schicht ihre eigene komplexe Schicht; eine Schicht mit völlig davon verschiedener Denkweise und Logik. Kampfkünste stoßen an Grenzbereiche, welche über Bewegungswissenschaften bedingt beschreibbar sind, aber eine sehr hohe Komplexität erreichen. Grenzbereiche ergeben sich bspw. aus Bewegungen, welche schneller ausgeführt werden, als dass die sensorische Wahrnehmung eine Verfolgung erlaubt. Wie soll ohne diese Information reagiert werden? Wie soll mit diesem und ähnlich gelagerten Zusammenhängen umgegangen werden? So stellen sich grundlegende Fragen, welche zwar inhärent in den Bewegungen der Kampfkünste beantwortet werden, aber welche Bewegungselemente helfen letztendlich? Welche Elemente tragen zu den Lösungen bei, in welchem Maße und welche behindern eher (siehe Top-down und Bottom-up im unteren Teil des Artikels)?

Dieser Grenzbereich soll auf diesem Blog behandelt werden. Ein Bereich, in dem statt kausalen, scheinbar akausale Zusammenhänge vorherrschen. Ein Bereich, in dem die Wahrnehmung zu verschwimmen beginnt und letztlich „verstummt“. Diese inhärenten Elemente sollen bestimmt werden und für systematische Bewegungskonstruktionen zur Verfügung gestellt werden. Das erfordert in den ersten Schritten ein Verständnis der Probleme. In Folgeschritten können die identifizierten Probleme bearbeitet werden. Am Ende werden die Bewegungselemente bestimmt und für die Konstruktion optimierter Bewegungen verwendet.

Die folgende Skizze deutet den Grenzbereich an und liefert einen Vorgriff auf Probleme und Lösungsansätze. Die einzelnen Punkte sind stark vereinfacht und können nur als Hinweis dienen.

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Die angesprochene Komplexität erfordert spezielle Vorgehensweisen und wird im Artikel Umgang mit Komplexität behandelt.

Top-down und Bottom-up

In den Kampfkünsten wird bei der Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten meistens eine Art von Top-down-Strategie verfolgt. Dabei werden Bewegungen „im Ganzen“ unterrichtet, also vollständige Abläufe mit allen zur Bewegung gehörenden Elementen. In vielen Bereichen lässt sich die Notwendigkeit dieser Strategie auch ohne Probleme begründen. Zeitmangel bei der Ausbildung und unterschiedlicher Wissensstand der Schüler sind nur einige wenige Probleme auf die ein Trainer trifft und die ihn dazu zwingen in der didaktischen Aufbereitung auf Top-down-Strategien zurückzugreifen.

Komplexe Bewegungen zwingen Trainer zwar manche Bewegungen in Einzelelemente aufzuteilen und diese Elemente zu unterrichten, aber dabei leidet mitunter der Bewegungsfluss oder Synergien in Bewegungselementen werden aufgehoben. Ein weiterer Fehler ist ein unzureichendes erneutes „Zusammensetzen“, sodass sich die ergebende Bewegung am Ende von der angedachten Bewegung unterscheidet. Wenn dann noch eine unzureichende didaktische Aufbereitung hinzukommt, wird verhindert, dass Schüler die Zusammenhänge und Synergien der Bewegungselemente klar erkennen können (siehe bspw. R. Wollny).

Zusammenfassend lässt sich der Wechsel auf eine tiefere Detailebene mit einer Bottom-up-Strategie nicht vermeiden. Wenn Synergien zielgerichtet aufgebaut werden sollen, muss die Wirkungsweise von Bewegungselementen und deren Wechselwirkung mit anderen Elementen bekannt sein. Bei der Verwendung reiner Top-down-Strategien können einzelne Bewegungselemente und deren Verflechtung nur noch schwer voneinander getrennt werden. Das führt dazu, dass ganze „Bewegungspakte“ gebildet werden, ohne die unterlagerten Zusammenhänge und Probleme zu kennen. Wenn Synergien dann in neuen Umgebungen (andere Wettkampfregeln, Gegnerverhalten, Waffen) eingesetzt werden sollen, können diese fehlschlagen, da gerade diese Kombination aus den neuen Elementen mit den eigenen unterlagerten und unbearbeiteten Problemen nicht zusammenpassen. Es gilt Bewegungen immer in ihrer Umgebung und ihren Einsatzfall zu betrachten (siehe Scherenmodell). Die Auswahl der Themen auf diesem Blog zielt darauf ab, sich die unterlagerten Bewegungselemente zu erarbeiten, die Synergien und Probleme bei der Zusammenstellung zu erkennen und durch geschickte Wahl ein Optimum für sich zu erhalten.

Der Artikel wurde am 6. September 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.