Baumdiagramm (allgemein)

Vorbetrachtung

Bevor man sich in die Arbeit mit Baumdiagrammen stürzt, sollte man überprüfen, ob Baumdiagramme das richtige Werkzeug sind. Baumdiagramme werden zur Bearbeitung von Überlastungserscheinungen verwendet, vor allem für parallel ablaufende, nicht unterscheidbare Alternativen (siehe parallel ablaufende Varianten).

Bewegungsabläufe mit einer niedrigen Geschwindigkeit werden damit nicht betrachtet. Dort gibt es nicht diese starke Notwendigkeit. Wenn die Wahrnehmung nicht überlastet wird, ist man nicht auf die später vorgestellten Ansätze angewiesen. In diesen Fällen können „normale“ Handlungsplanungen und Bewegungsausführungen vorgenommen werden. Baumdiagramme sind in diesen Fällen zwar auch hilfreich für eine allgemeine Variantenbeschreibung; es ist an dieser Stelle des Blogs aber nicht der Fokus (siehe Auswahl der Themen).

 

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Hintergrund

Aus der Überlastung des Regelkreises ergeben sich spezifische Bewegungsprobleme (Nachhängen, Ablaufvarianten, …). Diese Probleme können über Baumdiagramme erfasst und abgeschätzt werden. Das zentrale Problem ist die Überlastung der inneren Informationsverarbeitung, welche zu Lücken in der Wahrnehmung führt (Rückgang der Informationsverfügbarkeit). Aus einer klar wahrgenommenen Realität entstehen dann parallel ablaufende Varianten, welche aber während des Ablaufs nicht unterschieden werden können. Die eigenen Handlungen sind dann von den „wahren“ Abläufen entkoppelt. Bei Abnahme der Geschwindigkeit können die Sensorinformationen noch „nachverarbeitet“ werden, aber dann kann es zu spät sein.

Erster Überblick

Betrachtungen mittels Baumdiagrammen geben dann einen Überblick über mögliche problematische Varianten. Sie liefern die Grundlage, um die Bewegungsprobleme zu bearbeiten. Die folgende Skizze liefert einen ersten einfachen Eindruck für solch ein Baumdiagramm.

 

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Dokumentation zur Transparenz

Baumdiagramme sind weiterhin eine gute Grundlage für Dokumentationen. Es wird transparenter für alle Beteiligten, welche Probleme bestehen und wie diese zeitlich eingeordnet werden können. Erst mit diesem Überblick kann mancher Außenstehender erkennen, warum ein scheinbar hoher Aufwand betrieben wird. Bestimmte Lösungsansätze scheinen übertrieben und zu „ausgeschmückt“. Aber gerade die für einen bestimmten Ablauf „überflüssigen“ Anteile können für parallel ablaufende Varianten die nötigen Lösungsansätze darstellen. Ohne eine Dokumentation dieser Zuordnungen kann es leicht zu „Überoptimierungen“ durch effizientere Bewegungsgestaltung kommen. Die eigentlich richtige Forderung nach Effizienz entfernt dann Lösungsansätze für nicht dokumentierte Problemstellungen. Die Bewegung verliert an dieser Stelle aber an Qualität (siehe Wagenhebereffekt).

Die folgende Skizze deutet diesen Vorgang an. Dabei stellen die Bewegungselemente in Summe eine Lösung für Variante 1 und 2 dar. Variante 3 benötigt als einzige Variante Element 3. Bei einer unzureichenden Dokumentation der dritten Variante wird Element 3 in zukünftigen Bewegungsplanungen nicht mehr weitergegeben. Element 3 erscheint unnötig. Erst durch Emulationslernen wird diese Variante „wiederentdeckt“ (Rekonstruktion von Bewegungen).

 

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Entwicklung von Bewegungen

Die Dokumentation eröffnet die Möglichkeit die Bewegungen weiterzuentwickeln. Erst mit einem schnellen Überblick kann systematisch an den dokumentierten Problemen gearbeitet werden. Mit der ständigen Abstimmung zwischen gesetzten Zielen, der Bewegungsplanung und den zu erwartenden Ergebnissen findet eine Entwicklung hin zu übergreifenden und weg von isolierten Betrachtungsweisen statt.

Der weitaus größere Bereich der Anwendung liegt aber in der Bewegungskonstruktion, speziell die Konstruktion kontextsensitiver Bewegungen. Dabei werden die relevanten Varianten festgelegt und diejenigen Elemente einer geplanten Bewegung gesucht, welche die Varianten erfüllen können. In diesem Fall werden schrittweise Elemente hinzugefügt und ausgetauscht, bis es für möglichst viele Varianten passt. Die folgenden Skizzen deuten die Arbeitsweise an.

 

Planung und Festlegung der Elemente 1,2 und 6 für Variante 1

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Planung und Festlegung der Elemente 4 und 5 für Variante 2

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Planung und Festlegung des Elements 3 für Variante 3

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Allgemeiner Ablauf

Der Vorgang zur Erstellung der Baumdiagramme ist immer ähnlich. Mittels einer Mischung aus Gedankenexperimenten und realem Ausprobieren werden die Möglichkeiten durchgetestet. Dabei ist immer die Frage zu stellen, welche Informationen wirklich zur Verfügung stehen. Erst diese Information wird zu systematischen Verhaltensänderungen führen in Form von bspw. antizipativen Anpassungen, Automatismen oder Reflexen.

Diese Selbsteinschätzung ist sehr subjektiv und muss immer hinterfragt werden. Mittels einfacher Belastungstests lassen sich diese Dinge aber in Grenzen objektiv abprüfen. Die relevanten Varianten werden dann dokumentiert und können für andere Arbeitstechniken verwendet werden.

Zum Anfang kann diese Methodik sehr aufwendig erscheinen. Mit einer gewissen Routine kennt man aber die relevanten Varianten und muss nicht mehr jede einzelne Variante überprüfen und rechtfertigen. Es ergeben sich später auch „Abkürzungen“ um Baumdiagramme zu verkleinern oder Varianten zusammenzufassen.

Als Dokumentation sind wieder Stift und Papier die erste Wahl. Bei einfachen Baumdiagrammen kann im Unterricht auch eine Tafel verwendet werden. Vor allem am Anfang sollte man es nicht übertreiben und sich Schritt für Schritt nur mit zwei bis drei Alternativen beschäftigen. Ein Programm zur Tabellenkalkulation kann später bei komplexeren Betrachtungen verwendet werden.

Der Artikel wurde am 3. September 2014 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.