Belastungstests mit Varianten

Motivation

Reine Belastungstests der Hauptvariante „im Labor“ (Training) liefern selten die gleichen Ergebnisse wie in einem richtigen Kampf. Die Unterschiede zwischen Training und Einsatzfall sind einfach zu groß (siehe die dazu passende Methode). Die Ursachen liegen in den wirkenden Überlastungserscheinungen und der verfügbaren Information. Beim einem Belastungstest mit einer einzigen Bewegung fehlen die vielen Möglichkeiten, welche einem Gegner während seines Angriff zur Verfügung stehen. Wenn der Bewegungsraum eines Gegners (oder noch genauer seine Freiheitsgrade) analysiert werden, ergeben sich oftmals viele mögliche parallel ablaufende Varianten (siehe deren Bestimmung)1Diese Annahme ist nicht immer richtig. Es gibt sehr viele Konstellationen, in denen ein Gegner nur eine Möglichkeit hat und diese eine Möglichkeit ausführen muss. In diesem Fall ist solch ein Belastungstest gültig. Es gilt immer die relevanten Varianten zu betrachten. Nur noch eine Hauptvariante ist ein Grenzfall, wenn man eine Bandbreite an potentiellen Varianten aufspannt. Es ist ein spezieller Ansatz dem Gegner so viele Freiheiten zu nehmen, dass er nur noch eine scheinbare Lösungsmöglichkeit hat. Wählt er diese „Lösung“, wird er damit keinen Erfolg haben..

Belastungstests mit Varianten zielen darauf ab, die eigene Bewegung näher an den Einsatzfall zu bewegen. Die Möglichkeiten des Gegners werden stärker ins Spiel gebracht und Überlastungserscheinungen treten offener zu Tage. Direkt zu kämpfen liefert zwar auch diese Varianten, aber die Überlastung ist mitunter so groß, dass keine Auswertung mehr erfolgen kann. Belastungstests mit Varianten bilden an dieser Stelle einen Mittelweg.

Beispiel und Vergleich

In dem folgenden Beispiel wird eine nicht näher bestimmte Bewegung in einem Belastungstest überprüft. Das Ziel des Beispiels ist ein Vergleich zwischen einem einfachen Belastungstest und einem Test mit mehreren Varianten. Daraus wird die Notwendigkeit dieses Ansatzes deutlich.

Belastungstest ohne Varianten

Bei diesem Belastungstest wird nur eine Abwehrbewegung gegenüber dem immer gleichen Angriff eines Partners überprüft2Der Belastungstest kann genauso gut mit dem Versuch eigener Angriffe kombiniert werden. Die Worte „Angriff“ und „Abwehr“ sind an dieser Stelle nur Stellvertreter für jede Art von Bewegung. Es können beliebige Bewegungen gegeneinander antreten.. Bei der schrittweisen Erhöhung der Geschwindigkeit (Arbeitspunkt anheben) gelingt die Abwehr ohne Probleme. Der Partner kann also so schnell angreifen wie er will, er schafft es nicht die eigene Abwehr zu deklassieren.

In der Übertragungsfunktion ausgedrückt wird kein Übergangs- oder Deklassierungsbereich erreicht. Diese beiden Bereiche können nicht bestimmt werden und werden nur angedeutet.

 

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Belastungstest mit mehreren Varianten

Bei diesem Belastungstest kann der Angreifer frei zwischen bspw. drei Varianten wählen. Er sagt vorher nicht an, welchen Angriff er ausführen wird. Zu jedem Angriff gibt es je eine spezifische Abwehr. Bei der Erhöhung der Geschwindigkeit wird schnell der Punkt der Überlastung erreicht. Die Angriffe können nicht mehr mit Hilfe der festgelegten Abwehr gekontert werden.

In der folgenden Darstellung werden die drei Varianten der Einfachheit in einem Diagramm zu einer einzelnen Kurve zusammengefasst.

 

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Wenn man beide Übertragungsfunktionen vergleicht, werden die Unterschiede sichtbar. Der Belastungstest einer einzelnen Variante bringt trotz gleich hoher Geschwindigkeit nicht die gleichen Ergebnisse. Die Abfrage von Varianten treibt den eigenen Regelkreis in die Überlastungsbereiche (siehe Einfach- gegenüber Wahlreaktion).

 

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Ein Vergleich zwischen beiden Tests liefert eine Erklärung (gekürzte Betrachtung der Elemente des Regelkreises3Die genauen Unterschiede und deren Einfluss kann über eine Analyse der Elemente des Regelkreises erfolgen. Bei der Einordnung der Elemente kann es je nach Wahl der Berep noch zu Unterschieden kommen. Zum Beispiel muss nicht jede Bewegung auf differenzierende Merkmale warten.). Sobald bestimmte Ablaufzeiten unterschritten werden, genügt die notwendige Ablaufzeit im Regelkreis nicht mehr aus. Damit wird die eigene Bewegung ab einer gewissen Geschwindigkeitsgrenze deklassiert.

 

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Im Fall des Belastungstests ohne Varianten sind der Übergangs- und Deklassierungsbereich nicht „verschwunden“. Ihre Grenzen sind durch die Einstellung des Regelkreises nur sehr hoch. Dieser Effekt steht im Training zur Verfügung. Im Kampf ist dies meist nicht der Fall und wägt Trainierende in trügerischer Sicherheit (siehe IdI).

 

Durchführung

Die Durchführung eines Belastungstests mit Varianten basiert auf der Vorgehensweise, welche in den Grundlagen für Belastungstests vorgestellt wurden. Es kommen allerdings weitere Schritte hinzu.

Erzeugung und Auswahl von Varianten

Als zusätzlichen Schritt werden vor der Durchführung der Tests relevante Varianten erzeugt. Dann wird eine erste Auswahl aus den Varianten getroffen. Es genügt für den Anfang zwei oder drei Varianten auszuwählen. An dieser Stelle kann relativ frei gewählt werden. Erfahrungen können helfen die kritischen Varianten vorab auszusuchen. Meist werden die Varianten noch geändert. Es ist deswegen am Anfang nicht schlimm, wenn man bei der Auswahl nicht recht weiß, womit man beginnen soll. Belastungstests werden meist wiederholt. Zu diesem Zeitpunkt können die Varianten verändert werden.

Jedem Beteiligten sollten die gewählten Varianten klar sein. Es muss vor allem die Plausibilität und Relevanz der Varianten mit allen Beteiligten abgestimmt werden. Andernfalls kann es bei der Auswertung der Tests zu Meinungsverschiedenheiten kommen.

Wahl der unbekannten Variante

Als Absicherung sollte aus der Anzahl an Varianten eine Variante bestimmt werden, welche als unbekannte Variante während der Belastungstests mit auftauchen soll. Das dient der Absicherung, falls trotz der hohen Variantenanzahl die Belastungsgrenze nicht erreicht wird. Sobald es also „zu gut“ läuft, sollte diese unbekannte Variante überprüft werden.

Die Testperson sollte diese gewählte Variante nicht kennen. Sie sollte aber wissen, dass es eine unbekannte Variante gibt.

Ausführung und Arbeitspunkt

Bei der Durchführung des Belastungstests wird frei zwischen den Varianten gewechselt. Die Variante wird vorher nicht angesagt. Es wird wieder bei einem niedrigen Arbeitspunkt (z.B. niedrige Ablaufgeschwindigkeit) gestartet. Dann wird der Arbeitspunkt immer weiter erhöht, bis Überlastungserscheinungen auftauchen. In Kombination mit der Erfüllung gesetzter Ziele wird entschieden, ob die Tests weiterlaufen sollen oder abgebrochen wird.

Fußnoten   [ + ]

1. Diese Annahme ist nicht immer richtig. Es gibt sehr viele Konstellationen, in denen ein Gegner nur eine Möglichkeit hat und diese eine Möglichkeit ausführen muss. In diesem Fall ist solch ein Belastungstest gültig. Es gilt immer die relevanten Varianten zu betrachten. Nur noch eine Hauptvariante ist ein Grenzfall, wenn man eine Bandbreite an potentiellen Varianten aufspannt. Es ist ein spezieller Ansatz dem Gegner so viele Freiheiten zu nehmen, dass er nur noch eine scheinbare Lösungsmöglichkeit hat. Wählt er diese „Lösung“, wird er damit keinen Erfolg haben.
2. Der Belastungstest kann genauso gut mit dem Versuch eigener Angriffe kombiniert werden. Die Worte „Angriff“ und „Abwehr“ sind an dieser Stelle nur Stellvertreter für jede Art von Bewegung. Es können beliebige Bewegungen gegeneinander antreten.
3. Die genauen Unterschiede und deren Einfluss kann über eine Analyse der Elemente des Regelkreises erfolgen. Bei der Einordnung der Elemente kann es je nach Wahl der Berep noch zu Unterschieden kommen. Zum Beispiel muss nicht jede Bewegung auf differenzierende Merkmale warten.

Der Artikel wurde am 4. September 2015 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.