Bestimmung der Bewegungsansätze

Hintergrund

Bewegungen werden je nach der eigenen Erfahrung, dem spezifischen Hintergrundwissen oder der Zugehörigkeit zu einem Stil sehr unterschiedlich wahrgenommen. Einem Vergleich von Bewegungen innerhalb eines Stiles oder sogar über die Grenzen von Stilen hinaus sind damit Grenzen gesetzt. Allerdings gibt es eine spezielle Perspektive, welche die Grenzen der Stile überwindet und grundlegende Vergleiche ermöglicht. Bei dieser Perspektive konzentriert man sich auf diejenigen Ansätze, welche die Regelung der Bewegung abbilden (folgend die Bewegungsansätze). Jede Bewegung kann auf dieser Ebene beschrieben werden und ermöglicht dadurch einen Vergleich.

Das folgende Beispiel stellt eine typische Bewegungsbeschreibung mit Hilfe von Regelungsvorgängen dar.

 

Beispiel

Ablauf:

  • Wahrnehmung und Verstehens des Angriffs – Wahl der Abwehr – Ausführung der Abwehr

Bestimmung der relevanten Regelkreiselemente zur Wahrnehmung:

  • Detektion, Identifizierung und Interpretation notwendig

Einordnung in Regelung:

  • Wahlreaktion für Wahrnehmung

 

Jede Bewegung kann auf diese Weise in ihre Grundstruktur zerlegt und beschrieben werden. Die Kombination der einzelnen Elemente ergibt zusammenfassend eine abstrahierte vereinfachte Beschreibungsform.

Vorteile dieser Betrachtungsebene

Die Zusammenfassung der Elemente in Form einer Abstraktion erlaubt eine Vereinfachung der sonst sehr komplexen Zusammenhänge1Es gibt allerdings nicht für jede Zusammenstellung beschreibende Namen. Diese Kombinationen müssen dann wieder einzeln betrachtet werden. Oftmals genügt es aber bestimmte Schlüsselelemente hervorzuheben, statt den ganzen Regelkreis zu betrachten.. Die Abstraktion erlaubt sich mit den Eigenschaften dieser Zusammenstellung auseinanderzusetzen, statt nur die Eigenschaften der einzelnen Elemente zu betrachten. Jede Kombination der Elemente ergibt eine ganz eigene Bewegung mit ihren Eigenarten. So können die Vor- und Nachteile eines Bewegungsansatzes in einer kurzen Form zusammengefasst werden (z.B. Antizipation, Wahlreaktion, …).

Im folgenden Beispiel werden stark gekürzt die Vor- und Nachteile einer Wahlreaktion vorgestellt2Die Betrachtung ist einseitig. Erst wenn die Bewegung in die jeweilige Situation eingebettet wird, kann eine abschließende Bewertung erfolgen. Auch wenn die Nachteile als sehr hart erscheinen, muss ein Gegner erst einmal eine derartige Umgebung erschaffen können. Wahlreaktionen haben also trotz der harten Einschränkungen eine Berechtigung im Kampf eingesetzt zu werden..

 

Beispiel von oben

Vorteile Wahlreaktion außerhalb des Überlastbereichs:

  • Universell einsetzbar durch Anpassung an jeweilige Situation (Reaktion zugeschnitten auf Anforderungen)
  • Keine Einschränkung bei der Wahrnehmung durch vollständige Verarbeitung aller Informationen
  • Keine Kompromisse bei der Bewegungsauswahl
  • Kein Fehlstart oder Fintenanfälligkeit

 

Nachteile Wahlreaktion innerhalb des Überlastbereichs:

  • Anfällig für alle Arten von Überlastungserscheinungen (Nachhängen, Fehlauswahl von Bewegungen, …)
  • Arbeitspunkt zum Übergangs- und Überlastbereich sehr niedrig (Überlastung tritt im Verhältnis zu anderen Reaktionsarten schon bei niedrigeren Ablaufgeschwindigkeiten auf)
  • Hohe Anfälligkeit für Finten und Fehlstarts

 

Nachteile der Betrachtung

Eine Abstraktion birgt immer die Gefahr sich der unterlagerten Abläufe nicht länger gewahr zu werden. Trotz der Vorteile einer Vereinfachung der Betrachtung dürfen die Eigenschaften der unterlagerten Elemente nicht vergessen werden. Andernfalls werden Bewegungen zu schnell in positive und negative „Schubladen“ gesteckt. Einmal als „schlecht“ eingestufte Bewegungen werden nicht weiter betrachtet. Der Gedanke eine Bewegung in kleineren Details anpassen zu können und damit zu verbessern geht dann verloren.

 

Anwendung

Die Anwendung dieser Methode erlaubt viele weitere Folgeschritte. Die ersten Schritte lassen eine Zusammenfassung von ähnlichen Bewegungen mit gleichwertigen Bewegungsansätzen zu. Kommt es zu Unterschieden zwischen den Ansätzen können diese auf der Regelungsebene miteinander verglichen werden. Weitere Folgeschritte erlauben eine tiefere Auseinandersetzung durch die Betrachtung eventueller Überlastungen, der Planung von Belastungstests bis zur vollen Bewegungsentwicklung.

Zusammenfassung von Bewegungen

Bewegungen sind meist aus einer Vielzahl von Elementen zusammengesetzt. Jedes Element hat im Idealfall eine oder mehrere Funktionen. Bei komplexen Bewegungen kann an dieser Stelle die Übersicht verloren gehen. Die erste Anwendung setzt an dieser Stelle an und schafft die Möglichkeit sich von vielen Details einer Bewegung zu trennen. Bestimmte Eigenschaften einer Bewegung wirken im ersten Moment wie ein wichtiges Unterscheidungskriterium. Im folgenden Beispiel wird die Angriffshöhe als Unterscheidungskriterium genutzt.

 

Beispiel

  • Festgelegter hoher Angriff, sobald Gegner in Reichweite
  • Festgelegter niedriger Angriff, sobald Gegner in Reichweite

 

Bei einer Betrachtung der unterlagerten Bewegungsansätze zeigt sich dann aber, dass beide Bewegungen sich mit dem gleichen Bewegungsansatz beschreiben lassen. Die Höhe des eigenen Angriffs spielt für den unterlagerten Ablauf in diesem Fall keine relevante Rolle3Diese Aussage ist nur eingeschränkt richtig. Besser wäre die Aussage, dass bei der Betrachtung aller Regelungseinflüsse die Angriffshöhe eine Rolle spielt, aber eben nur stark untergeordnet. Meistens können nicht alle Merkmale betrachtet werden. Es kristallisieren sich in vielen Fällen aber stark dominante Merkmale heraus. Insgesamt spielt jedes Merkmal eine Rolle und kann angepasst und ganzheitlich optimiert werden..

 

Beispiel

Wahrnehmung des Abstandes zum Gegner⇒ Wenn nah genug⇒ Start des eigenen vorher festgelegten Angriffs

Zusatz: Ignorieren aller anderen Fälle

 

Somit hilft die Perspektive der Bewegungsansätze sich von Details zu trennen und stattdessen nur noch den allgemeinen Regelungsansatz selbst zu betrachten. Bewegungen mit gleichem Regelungsansatz werden  gedanklich zusammengefasst. Dadurch verringert sich die absolute Anzahl der Bewegungen und erleichtert die nächste Anwendung, den Vergleich von Bewegungen.

In der folgenden Darstellung werden zwei Bewegungen verglichen (Mind-Map-Darstellung). Durch die hohe Anzahl an Details scheinen beide sehr verschieden. Mit der Perspektive der Regelungsansätze entfallen nicht relevante Details und der verblieben „Rumpf“ ist gleich.

 

DE_Bestimmung_der_Bewegungsansätze_01

 

Vergleich von Bewegungen

Die Vereinfachung erlaubt statt einer sehr großen Anzahl an Bewegungen den überschaubaren Teil der Regelung zu vergleichen und die Unterschiede herauszuarbeiten. Die Unterschiede ergeben dann in späteren Schritten die Möglichkeit einer Bewertung anhand von festgelegten Merkmalen. Im vorherigen Beispiel konnte bisher kein Unterschied festgestellt werden. Eine einfache Anpassung der Angriffe erlaubt aber bereits Unterschiede zu erkennen.

 

Beispiel 1

Festgelegter hoher Angriff, sobald Gegner in Reichweite

Zusatz: Ignorieren aller anderen Fälle

Beispiel 2

Fall 1: Festgelegter hoher Angriff, sobald Gegner in Reichweite

Fall 2: Verfolgen, wenn Gegner sich zurückzieht

 

Ein Vergleich der Ansätze ergibt folgendes:

Im ersten Beispiel wird nur auf einen Ablauf geachtet. Alle anderen Abläufe werden ignoriert. Deswegen bleibt die Struktur wie oben bereits vorgestellt gleich:

 

Regelungsansatz Beispiel 1

Wahrnehmung des Abstandes zum Gegner⇒ Wenn nah genug⇒ Start des eigenen vorher festgelegten Angriffs

 

Im zweiten Beispiel ändert sich die Struktur. Da ein weiterer Ablauf hinzukommt, muss dieser wahrgenommen und unterschieden werden. Wenn die Unterscheidung erfolgt ist, muss die passende Bewegung gewählt werden.

 

Regelungsansatz Beispiel 2

Wahrnehmung des Abstandes zum Gegner⇒ Unterscheidung

Fall 1: nah genug⇒ Angriff

Fall 2: Gegner entfernt sich⇒ Verfolgung

 

Wenn beide Ansätze vergleichen werden, so ergeben sich folgende Unterschiede:

Unterschiede Beispiel 2 zu Beispiel 1

  • Unterscheidung notwendig in Beispiel 2
  • Wahl der Bewegung notwendig in Beispiel 2

 

Das erste Beispiel erscheint „einfacher“, da es nicht die Unterscheidung erfordert. Allerdings kann das „einfacher“ nicht gedanklich in ein „damit besser“ umgewandelt werden. Der Preis für die fehlende Unterscheidung ist hoch. Wenn die eigene vorher festgelegte Bewegung auf einen unpassenden Angriff des Gegners trifft, kann die eigene Bewegung völlig fehlschlagen4Eine Herleitung der Hintergründe kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Dieses Problem ergibt sich durch die fehlende Unterscheidung und der Möglichkeit anderer Abläufe. Wer nicht unterscheidet, ist den kommenden Abläufen ausgeliefert. Nicht immer ist „einfacher“ gleich „besser“.. Das Beispiel zeigt, dass die Ebene der Bewegungsansätze hilft die relevanten Unterschiede herauszuarbeiten. Dadurch können Bewegungen verschiedener Stile verglichen werden, welche sonst durch ihre „Andersartigkeit“ keinen direkten Vergleich zulassen.

 

DE_Bestimmung_der_Bewegungsansätze_02

 

Überlastungen und Belastungstests

In einem der oberen Beispiele wurden Vor- und Nachteile des Ansatzes kurz angerissen. Die Betrachtung erfordert eine Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kombination (!) von Bewegungselementen. Jede Kombination hat gegenüber einer gegnerischen Bewegung andere Arbeitspunkte und Überlastungserscheinungen. Die Bestimmung der Grundstruktur einer Bewegung erlaubt die systematische Planung von Belastungstests um eventuelle Überlastungen zu bestimmen.

 

Beispiel

  • Wahrnehmung erfordert eine Unterscheidung des gegnerischen Angriffs
  • Hintergrundwissen: Wahrnehmung immer anfällig für Überlastung
  • Planung von Belastungstest mit Varianten
  • Auswahl der Varianten in der Art, das eine genauen Wahrnehmung für jede Variante notwendig ist
  • Versuch eine Fehlwahrnehmung durch Überlastung zu erzeugen
  • Auftreten der Fehlauswahl von Bewegungen als Indiz für eine überlastete Wahrnehmung

Bewertung

Jede Kombination aus Bewegungselementen ergibt Vor- und Nachteile, welche wiederum einer Bewertung unterzogen werden können. Für eine Bewertung wird der Bewegungsansatz unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht. Ein Gesichtspunkt kann die Anfälligkeit für Überlastungen sein. Mit Hilfe von Belastungstests wurde zum Beispiel die Grenze zur Überlastung des Ansatzes bestimmt. Bestimmte Ansätze können ohne Überlastung mit einer höheren Ablaufgeschwindigkeit umgehen als andere. Im folgenden Beispiel werden verschiedene Arten von Reaktionen in einer Übertragungsfunktion eingeordnet. Je nach Reaktionsart ergeben sich unterschiedliche Geschwindigkeitsgrenzen. Wird die Grenze überschritten, ist der Überlastungsbereich erreicht und es drohen die damit verbundenen Effekte aufzutauchen5Eine Herleitung der Hintergründe kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Die Unterschiede entstehen durch die unterschiedlichen Zeitanforderungen. Beispiel: Wer unterscheiden will, benötigt mehr Zeit. Erlaubt die Situation diese Zeit nicht, wird die Bewegung überlastet, falls trotzdem versucht wird zu unterscheiden..

 

DE_Bestimmung_der_Bewegungsansätze_03

 

An dieser Stelle kann aber kein abschließendes Urteil erfolgen. Die Wahlreaktion erscheint unter diesem Gesichtspunkt als „schlecht“. Ihre erreichbarer Arbeitspunkt liegt niedriger und ihr droht damit früher eine Überlastung. Andere Reaktionsarten erscheinen „besser“. Allerdings ist diese Perspektive einseitig. Diese Arten haben aber wiederum andere Nachteile, welche sich mit Hilfe weiterer Perspektiven erschließen lassen.

 

Durchführung

Die Bestimmung der Regelansätze ist ein komplexer Vorgang und wird in weiteren Methoden vorgestellt. Die folgenden Fragen stehen stellvertretend für die notwendigen Methoden. Sie können eine Grundlage zur Vorgehensweise bilden.

 

  • Was soll wahrgenommen werden?
  • Woher kommt die notwendige Information zur Wahl der Bewegung?
  • Woher kommt die Information zum Wechsel der laufenden zur nächsten Bewegung?
  • Sollen Informationen auch ignoriert werden?
  • Wie schnell soll der Wechsel der Bewegung erfolgen?
  • Welche Körperteile sind betroffen?
  • Welche Überlastungen können entstehen und verarbeitet werden?
  • Welche Kompensationsansätze gegen Überlastungen werden eingesetzt?
  • Wie verläuft das Wechselspiel aus Berep, unterlagerten Regelkreisen und äußeren Störungen?

Fußnoten   [ + ]

1. Es gibt allerdings nicht für jede Zusammenstellung beschreibende Namen. Diese Kombinationen müssen dann wieder einzeln betrachtet werden. Oftmals genügt es aber bestimmte Schlüsselelemente hervorzuheben, statt den ganzen Regelkreis zu betrachten.
2. Die Betrachtung ist einseitig. Erst wenn die Bewegung in die jeweilige Situation eingebettet wird, kann eine abschließende Bewertung erfolgen. Auch wenn die Nachteile als sehr hart erscheinen, muss ein Gegner erst einmal eine derartige Umgebung erschaffen können. Wahlreaktionen haben also trotz der harten Einschränkungen eine Berechtigung im Kampf eingesetzt zu werden.
3. Diese Aussage ist nur eingeschränkt richtig. Besser wäre die Aussage, dass bei der Betrachtung aller Regelungseinflüsse die Angriffshöhe eine Rolle spielt, aber eben nur stark untergeordnet. Meistens können nicht alle Merkmale betrachtet werden. Es kristallisieren sich in vielen Fällen aber stark dominante Merkmale heraus. Insgesamt spielt jedes Merkmal eine Rolle und kann angepasst und ganzheitlich optimiert werden.
4. Eine Herleitung der Hintergründe kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Dieses Problem ergibt sich durch die fehlende Unterscheidung und der Möglichkeit anderer Abläufe. Wer nicht unterscheidet, ist den kommenden Abläufen ausgeliefert. Nicht immer ist „einfacher“ gleich „besser“.
5. Eine Herleitung der Hintergründe kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Die Unterschiede entstehen durch die unterschiedlichen Zeitanforderungen. Beispiel: Wer unterscheiden will, benötigt mehr Zeit. Erlaubt die Situation diese Zeit nicht, wird die Bewegung überlastet, falls trotzdem versucht wird zu unterscheiden.

Der Artikel wurde am 28. Februar 2016 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.