Bewegungsproblem

Hintergrund

Bewegungen stellen in den meisten Fällen ein Mittel dar, um bestimmte gesetzte Ziele umzusetzen. Mit der Hilfe eines Schrittes gelangt von A nach B oder greift eine Türklinke, betätigt diese und geht durch eine Tür. Bewegungen haben also keinen Selbstzweck, sondern sind fest mit Zielen verknüpft.

Ein Bewegungsproblem ist dann in diesem Fall auf diesem Blog als diejenige Perspektive definiert, welche ein Problem erfasst und die Bewegung als spezifische Lösung damit verknüpft1Es gibt davon abweichende Definitionen, welche Bewegungsprobleme eher mit den Einschränkungen der Beweglichkeit im Alter oder durch Verletzungen verknüpfen. Die Perspektive ist an diese Stelle umgedreht. Nicht die Bewegung verursacht Probleme, sondern sie gibt die Möglichkeit Probleme zu lösen. Bewegungen sollen hier völlig frei ohne frühe Einschränkungen und einer „Vorgeschichte“ zusammengestellt werden. Die Frage ist: Wie kann ein spezifisches Problem mit einer möglichst passenden Bewegung gelöst werden?“

Beispiel

  1. Eine Tasse auf einem Tisch soll gegriffen und angehoben werden (Ziel).
  2. Die Position der Tasse wird wahrgenommen (Information).
  3. Die Bewegung zum Führen des Arms zur Tasse mit dem Greifen und Anheben wird ausgewählt (optimierte Bewegungsplanung).
  4. Die Bewegung wird gestartet und ausgeführt (Bewegungsablauf).

Aufteilung auf Elemente

An diesem Beispiel lassen sich einzelne Ablaufphasen der Bewegung erkennen. Weiterhin kann jede dieser Phasen in weitere Elemente aufgeteilt werden. Zum Beispiel kann das Führen des Armes meist in eine grobe Phase (grob gezielt in Richtung der Tasse) und eine verfeinerte Phase (sauberes Ausrichten der Hand zur Tasse) eingeteilt werden2Diese Trennung wird bspw. bei Schmidt und Lee für allgemeine Greifabläufe vorgestellt..

Diese Perspektive öffnet also die Möglichkeit Bewegungen nicht als feste Einheiten aufzufassen, sondern als Zusammenstellung von einzelnen Elementen, welche beliebig miteinander kombiniert werden können. Somit verändert sich die ganze Wahrnehmung von Bewegungen. Gerade in Alltagsdingen, wie Türen öffnen oder Gegenstände greifen, haben sich Bewegungen eingeschliffen, welche in ihrem Ablauf und ihren einzelnen Elementen nicht mehr hinterfragt werden. Wer sich bei dem Beispiel der oberen Tasse auf eine leichte Kunststofftasse eingestellt hat, aber eine schwere Keramiktasse anheben will, wird diese mitunter nicht anheben können. Die leichte Tasse verlangt viel weniger Kraft zum Anheben. Diese genügt nicht für eine schwere Tasse. Das Element der Kraft in der Bewegung ist dann nicht ausreichend ausgelegt3Bei Latash gibt es dazu eine entgegengesetzte Studie mit dem Anheben von Gewichten. Dabei wurden Gewichte innen ausgehöhlt. In einer Einlernphase wurden immer nur die nicht ausgehölten Gewichte gegriffen und angehoben. Wer die leichtere Variante gegriffen und angehoben hat, hat immer zu stark und ruckartig angehoben. Die antizipierte Kraft war auf das schwere Gewicht eingestellt. Das ist ein Beispiel für parallel ablaufende Varianten. Die geplante Bewegungsrepräsentation trifft auf falsche Bedingungen. Sobald Informationen fehlen, werden Bewegungen falsch geplant..

Rolle in Kampfkünsten

Wer über Jahre im Training einem Kampfkunststil gefolgt ist, wird diese Perspektive kennen. Angriffe eines Gegners werden zum Beispiel als Problem definiert mit dem Ziel nicht davon getroffen zu werden. In diesem Fall werden Bewegungen fest mit gesetzten Zielen und Problemen verknüpft.

Trotzdem kann hier der gleiche Effekt auftreten, wie bei Alltagsbewegungen. Bewegungen haben sich so eingeschliffen, dass die Abläufe und eingesetzten Elemente nicht mehr hinterfragt werden. Der Stil oder der Lehrplan definieren die Bewegung. Es kommt keine Idee auf, die Probleme sauber herauszuarbeiten, die Bewegungselemente zu hinterfragen und bei Bedarf auszutauschen. Es gibt auch viele Argumente gegen Veränderungen an Bewegungen4Bewegungen in Kampfkünsten sind komplexe Einheiten mit stark ineinander verzahnten Elementen. Wer ein Element verändert, wird sich durch die Komplexität der Vernetzung nicht unbedingt der Folgen bewusst sein. Oftmals gibt es kein Gesamtverbesserungen, sondern nur eine Verbesserung in einem Bereich mit einer Verschlechterung in anderen Bereichen. Der menschliche Körper hat trotz all der Leistungsfähigkeit klare Grenzen (z.B. Überlastung). Gute Kampfkunstbewegungen zeichnen sich in der Zusammenstellung der Elemente dadurch aus, dass diese Grenzen erkannt, bearbeitet und letztlich überwunden werden., allerdings gibt es immer wieder Gegner und Anforderungen, welche Anpassungen erfordern.

Gedankliche Vorgehensweise

Auch wenn der menschliche Körper nicht mit einer Maschine vergleichbar ist, kann eine Herangehensweise wie bei einem Roboter helfen. Man kann sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  • Wie würde eine Maschine so etwas ausführen? Wie müsste sie gestaltet sein für die Aufgaben?
  • Welche Befehle müssen zu welchem Zeitpunkt an die Motoren gegeben werden?
  • Wie sichert man die Maschine gegen Fehler ab?
  • Genügen die eingebauten Sensoren, um immer zu wissen, was gerade passiert? Wenn nein, wie soll damit umgegangen werden?

Übertragung auf den Menschen

An der Perspektive einer Maschine lässt sich erkennen, dass es für einen Menschen ähnlich ist. Auch er muss sich zum Handeln mittels Sensoren seiner Umgebung bewusst werden. Auch er muss mit den gegebenen Sensoren auskommen und kann diese nicht austauschen. Wer sagt, dass die Tasse ihre Position während des Greifvorgangs behält? Ein Gegner hält mitunter auch nicht still, während man greifen möchte. Bei hohen Ablaufgeschwindigkeiten genügt die menschliche Sensorik kaum aus, um Veränderungen wahrzunehmen. Diese Gedankengänge führen direkt zur Perspektive der Bewegungsprobleme.

Die Beschäftigung mit dem Menschen aus Sicht der Bewegungsregulation, der Mechanik, der Psychologie usw. hilft diese Komplexität der Bewegungsprobleme fassbar und bearbeitbar zu machen. Bewegungen sind mehr als nur starre Abläufe, welche, einmal gelernt und automatisiert, für immer ihre Form behalten. Sie verändern sich in diesem Netz an Anforderungen und bekommen bei jeder Betrachtung eine andere, eine neue Form.

Fußnoten   [ + ]

1. Es gibt davon abweichende Definitionen, welche Bewegungsprobleme eher mit den Einschränkungen der Beweglichkeit im Alter oder durch Verletzungen verknüpfen. Die Perspektive ist an diese Stelle umgedreht. Nicht die Bewegung verursacht Probleme, sondern sie gibt die Möglichkeit Probleme zu lösen. Bewegungen sollen hier völlig frei ohne frühe Einschränkungen und einer „Vorgeschichte“ zusammengestellt werden
2. Diese Trennung wird bspw. bei Schmidt und Lee für allgemeine Greifabläufe vorgestellt.
3. Bei Latash gibt es dazu eine entgegengesetzte Studie mit dem Anheben von Gewichten. Dabei wurden Gewichte innen ausgehöhlt. In einer Einlernphase wurden immer nur die nicht ausgehölten Gewichte gegriffen und angehoben. Wer die leichtere Variante gegriffen und angehoben hat, hat immer zu stark und ruckartig angehoben. Die antizipierte Kraft war auf das schwere Gewicht eingestellt. Das ist ein Beispiel für parallel ablaufende Varianten. Die geplante Bewegungsrepräsentation trifft auf falsche Bedingungen. Sobald Informationen fehlen, werden Bewegungen falsch geplant.
4. Bewegungen in Kampfkünsten sind komplexe Einheiten mit stark ineinander verzahnten Elementen. Wer ein Element verändert, wird sich durch die Komplexität der Vernetzung nicht unbedingt der Folgen bewusst sein. Oftmals gibt es kein Gesamtverbesserungen, sondern nur eine Verbesserung in einem Bereich mit einer Verschlechterung in anderen Bereichen. Der menschliche Körper hat trotz all der Leistungsfähigkeit klare Grenzen (z.B. Überlastung). Gute Kampfkunstbewegungen zeichnen sich in der Zusammenstellung der Elemente dadurch aus, dass diese Grenzen erkannt, bearbeitet und letztlich überwunden werden.

Der Artikel wurde am 15. August 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.