Bewegungsraum gesteuerter Bewegungen

Hintergrund

Gesteuerte Bewegungen sind ein Sonderfall für geregelte Bewegungen. Dabei werden Bewegungen so schnell ausgeführt, dass der Regelkreis die Sensorinformationen nicht schnell genug verarbeitet. Die Bewegung ist bereits beendet, bevor wahrgenommen wurde, was genau passiert war. Während der Ausführung steht keine Information zur Verfügung. Aufgenommene Reize und die enthaltenen Informationen werden erst danach im vollen Umfang verstanden.

 

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Dieser Fall einer Bewegungsausführung führt bei einer Einordnung in den Bewegungsraum zu interessanten Phänomenen. Grundlegend stimmt der Bewegungsraum vor (!) dem Start der gesteuerten Bewegung mit dem Bewegungsraum einer bewusst ausgeführten Bewegung und den mechanischen Freiheitsgraden überein. Solange ein Kontakt zum Gegner fehlt, können alle Richtungen und Auslenkungen erreicht werden.

In der folgenden Darstellung wird der gesamte Bereich als Einhüllende angedeutet.

 

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Interessant wird es, wenn jetzt nach der Bewegungsplanung die Sollwerte vorgegeben werden (siehe Bewegungsrepräsentation). Die gesteuerte Bewegung wird gestartet und zeichnet sich durch die sehr hohe Ablaufgeschwindigkeit aus. Sie läuft „blind“, also ohne ausreichend schnelle Verarbeitung von Reizen. Die Verarbeitung läuft „im Hintergrund“ natürlich weiter. Die Ergebnisse stehen aber nicht zur Verfügung und können damit nicht für Anpassungen der Bewegung während des Ablaufs verwendet werden.

Dieses Phänomen sorgt dafür, dass der Bewegungsraum während des Ablaufs einer gesteuerten Bewegung extrem stark eingeschränkt wird. Ohne Informationen können keine bewussten Anpassungen während des Ablaufs vorgenommen werden. Im Gegensatz zum anfänglich vorhandenen Bewegungsraum schrumpft der Bewegungsraum gesteuerter Bewegungen damit genau auf den Bereich zusammen, den sie passieren. Zur Erinnerung, der Bewegungsraum ist ein Symbol, welche Bereiche erreicht werden können um handlungsfähig zu sein. Der fehlende Bewegungsraum ist der Ausdruck für fehlende Handlungsfähigkeit bei notwendigen Korrekturen. Als Ausführender ist man im Bewegungsablauf gefangen und gezwungen die Bewegung zu Ende zu führen.

Das kann bei geradlinigen Bewegungen (z.B. ein geradliniger Schlag) bedeuten, dass als Bewegungsraum nur ein kleiner „Strich“ übrig bleibt. An dieser Stelle kann nicht mehr von „Löchern“ gesprochen werden. Das Verhältnis von verfügbaren zu nicht-verfügbaren Bewegungsraum dreht sich völlig. Eine Handlungsfähigkeit in angrenzenden Bereichen ist damit quasi nicht mehr vorhanden.

In der folgenden Abbildung wird der Bewegungsraum wieder als Einhüllende aller passierten Bereiche dargestellt. Bei einem geradlinigen Schlag ist dieser Bereich sehr klein.

 

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Gesteuerte Bewegungen können aber auch so ausgelegt werden, dass große Bereiche „überstrichen“ werden. In der folgenden Abbildung wird der Arm aus der obersten Position mit Hilfe einer gesteuerten Bewegung an die unterste Stelle geführt. An dieser Stelle wirkt die Einhüllende sehr groß.

 

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Allerdings handelt es sich dabei um einen Trugschluss. Der Arm kann bei der Ausführung immer nur an einer Stelle gleichzeitig sein. Wenn man es sich im zeitlichen Verlauf ansieht, wird deutlich, dass mit diesem Ansatz nichts gewonnen wird.

 

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Dieser Ansatz funktioniert nur dann, wenn sichergestellt werden kann, dass sich das Ziel sicher während des Ablaufs innerhalb des überstrichenen Bereiches in der Einhüllenden befindet. Bei schlechter Auslegung hat der Arm sonst bereits den relevanten Zielbereich zu früh oder zu spät passiert. Er kann dann erst nach Ablauf der gesteuerten Bewegungen wieder neu ausgerichtet werden.

Einordnung zu geregelten Bewegungen

Das Phänomen des stark eingeschränkten Bewegungsraums gesteuerter Bewegungen fällt bei der eigenen Handlungsausführung nicht sehr stark auf. Die aufgenommenen Reize werden nachverarbeitet und es entsteht schnell der Eindruck, dass die Information auch während der Bewegung zur Verfügung stand (also Handlungsfähigkeit bestünde, siehe IdI). Weiterhin sind gesteuerte Bewegungen im Verhältnis zu geregelten Bewegungen schneller abgeschlossen. Nach dem Abschluss kann die aktuelle Situation wieder erfasst werden, um erneut mittels gesteuerter Bewegung eine Korrektur vorzunehmen. Der Nachteil einer fehlenden Korrekturmöglichkeit während des Ablaufs wird damit abgeschwächt.

In der folgenden Abbildung wird dieser Zusammenhang angedeutet, indem der Bewegungsraum für eine gesteuerte gerade Vorwärtsbewegung in einer zeitlichen Reihenfolge dargestellt wird. Die gesteuerte Vorwärtsbewegung auf unterschiedliche Höhen (Arm gestreckt) wechselt dabei die Pause mit der Wahrnehmung der aktuellen Situation ab (Arm angewinkelt am Körper). Jeder Bewegungsraum der gesteuerten Bewegung ist sehr klein. Zum Zeitpunkt der Wahrnehmung der aktuellen Situation ist der Bewegungsraum wieder voll und ganz vorhanden1Der dargestellte Bewegungsraus ist auch noch von Reaktionszeiten abhänging und hier nur idealisiert dargestellt., eben bis zum Start der gesteuerten Bewegung. Dann beginnt der Ablauf und die Einschränkung des Bewegungsraums erneut.

 

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Die gedankliche „Vermischung“ dieser zwei Bewegungsräume führt zu dem Fehlglauben, dass mit Hilfe gesteuerter Bewegungen jeder Bereich im Bewegungsraum verfügbar sei. In Wirklichkeit ist bei gesteuerten Bewegungen nur immer genau der verkleinerte Bewegungsraum isoliert vorhanden.

Bei geregelten Bewegungen läuft dieser Vorgang insgesamt anders ab. Da die Wahrnehmung nicht für einen kurzen Moment aussetzt, können jederzeit Korrekturen vorgenommen werden. Der Bewegungsraum hat zwar durch Reaktionszeiten am Rand kleinere „Dellen“ und „Löcher“, allerdings sind diese viel geringer. Hier liegt das Problem eher darin, dass bei höheren Geschwindigkeiten der Regelkreis überlastet wird und die Handlungsfähigkeit deswegen absinkt. Der Bewegungsraum geregelter Bewegungen wird also tendenziell insgesamt geringer. Er wächst mit dem Ansteigen der verfügbaren Reaktionszeit wieder zum vollständigen Bewegungsraum.

 

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Vergleich gesteuerter gegenüber geregelter Bewegungsraum

Wenn man diese zwei Abläufe gegenüberstellt, kann die gesteuerte Bewegung auch weit entfernte Bereiche besetzen. Sie werden bevorzugt eingesetzt, wenn die verfügbare Zeit sehr gering ist. Der Nachteil liegt in den fehlenden Korrekturmöglichkeiten. Alle anderen nicht überstrichenen Bereiche sind zum Ablaufzeitpunkt der gesteuerten Bewegung nicht erreichbar. Probleme entstehen, wenn während des Ablaufs doch Korrekturmöglichkeiten erforderlich sind. Ein anderes Problem entsteht, wenn zum Anfang die aktuelle Situation nicht ausreichend erfasst wurde. Wer sich an dieser Stelle verschätzt, ist für den Ablauf der gesteuerten Bewegung im Ablauf „gefangen“.

Geregelte Bewegungen können eher großvolumige Bereiche besetzen. In den Grenzen der verfügbaren Reaktionszeit können Korrekturen vorgenommen werden. Je nach verfügbarer Reaktionszeit können aber keine weit entfernten Bereiche von der aktuellen Position erreicht werden.

 

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Fußnoten   [ + ]

1. Der dargestellte Bewegungsraus ist auch noch von Reaktionszeiten abhänging und hier nur idealisiert dargestellt.

Der Artikel wurde am 5. August 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.