Bewegungsraum

Hintergrund

Der Bewegungsraum eines Menschen stellt die Bereiche in der nächsten Umgebung dar, welche mit Bewegungen erreicht werden können. Dabei ergeben sich stufenweise verschiedene Perspektiven unterschiedlicher Bewegungsräume. Man beginnt mit einfachen Ansichten, wie weit zum Beispiel der eigene Arm reicht, bis zu sehr komplexen Perspektiven, welche den Gegner und Regelkreise mit einbeziehen.

Betrachtung der Freiheitsgrade

Der erste Bewegungsraum wird durch die mechanischen Freiheitsgrade (Einschränkungen durch Gelenke-, Muskel- und Sehnenlängen) begrenzt. Dieser Bewegungsraum stellt den theoretisch maximalen Bereich für Bewegungen dar. Er wird am häufigsten bei Diskussionen verwendet, um zum Beispiel die theoretische Reichweite von Bewegungen abzuschätzen.

 

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Der Vorteil dieser Betrachtung liegt in der Möglichkeit diese Reichweite leicht nachzuvollziehen. Jeder kann seinen Arm ausstrecken und damit seine Möglichkeiten erkennen. Diese Perspektive kann sehr gut im Training für Grundlagen eingesetzt werden.

Der Nachteil dieser Betrachtung liegt in den fehlenden Details und Abhängigkeiten, welche durch den Gegner und die eigenen inneren Regelkreise hinzukommen. Wer sich zum Beispiel schnell bewegt, wird feststellen, dass Trägheit den eigenen Bewegungsraum einschränkt. Die Freiheitsgrade lassen eine gewisse Richtung zu. Wer sich aber gerade in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wird feststellen, dass die Trägheit eine Umkehr in die eigentlich „freie Richtung“ behindert. Damit ist der Bewegungsraum für diesen kurzen Moment eingeschränkt. Weitere Einschränkungen entstehen durch Überlastungen der Regelkreise (Gegner schränkt mit seiner stärkeren Kraft den Bewegungsraum ein, …). Die gedankliche Hülle für den Bewegungsraum bekommt also „Dellen“ und „Löcher“. Diese Räume können trotz einer „gedanklichen Verfügbarkeit“ in der Perspektive der Freiheitsgrade nicht erreicht werden (siehe Potentialbetrachtung).

Bewegungsraum mit bewusstem Regelkreis

Die folgenden Punkte zeigen die Bandbreite an zusätzlichen Einschränkungen, welche bei Bewegungen durch den obersten bewussten Regelkreis auftreten können. Dazu wird die Überlastung des Regelkreises (Deklassierung) hinzugezogen. In dieser Betrachtung werden die zwei Größen der verfügbaren Ablaufzeit und der Kraft im Verhältnis zum Gegner betrachtet (schneller gegenüber langsamer als Gegner, usw.). Als Schema werden die folgenden Fälle aus einer weiter vereinfachten Bewertungsmatrix herangezogen. Es ergeben sich vier Fälle, wobei drei der Fälle den Bewegungsraum wie erwähnt weiter verändern.

 

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Beispiel

Ein Gegner versucht ab einem gemeinsamen Startzeitpunkt den eigenen Arm zurückzudrängen. Man selbst wiederum versucht den Arm zum maximalen Bewegungsraum zu strecken1Es gibt weitere Fälle, welche an dieser Stelle nicht betrachtet werden. Die diskutierten Fälle gehen davon aus, dass man selbst und der Gegner eine feste Körperposition halten. Sobald sich die Körperpositionen verändern können, treten weitere Fälle auf. Zusätzlich gibt es noch Sonderfälle, welche in weiteren Artikeln besprochen werden..

Schneller und kräftiger

In diesem Fall wird der Bewegungsraum nicht weiter eingeschränkt. Wer schnell genug ist und im Verhältnis zum Gegner genug Kraft hat, wird seinen Bewegungsraum voll ausnutzen können. Eventuelle Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Der Bewegungsraum wird folgend stark vereinfacht dargestellt (gegnerischer Arm in rot).

 

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Langsamer, aber kräftiger

In diesem Fall kann der Gegner durch seine höhere Geschwindigkeit schnell den eigenen Bewegungsraum zeitweise einschränken (eigene Einschränkung in grau). Die Kraft steht durch die langsamere Geschwindigkeit nicht sofort zur Verfügung. Sie muss erst „hochgeregelt“ werden. Später kann die eigene höhere Kraft den Verlust im Bewegungsraum wieder ausgleichen2Wenn die eigene Kraft immer sehr hoch ist, wird man natürlich nicht eingedrückt. Dieser Fall dient nur als Beispiel um zu veranschaulichen, dass das Potential der verfügbaren Kraft auch ausgenutzt werden muss..

In der Darstellung wird der eigene Arm am Anfang noch vom Gegner blockiert und zurückgedrängt. Durch den Kraftvorteil kann der eigene Bewegungsraum aber wieder eingenommen werden.

 

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Schneller, aber schwächer

Bei diesem Fall kann der eigene Bewegungsraum zwar schnell eingenommen werden, allerdings kann er später vom kräftigeren Gegner verkleinert werden. Der Ablauf des vorherigen Falls dreht sich um. Allerdings ist der Bewegungsraum nicht unbedingt verloren. Wer im Verhältnis zum Gegner schneller agieren kann, hat auch die Möglichkeit noch Anpassungen vorzunehmen und verlorenen Raum wieder anderweitig einzunehmen (z.B. Umgehen des gegnerischen Arms).

 

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Langsamer und schwächer

In diesem Fall kann man weder den eigenen Bewegungsraum einnehmen, noch kann man ihn zu einem späteren Zeitpunkt zurückgewinnen. Der Bewegungsraum wird dauerhaft eingeschränkt.

 

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Nutzung

Der erste Nutzen liegt in dem Bewusstsein der eigenen Möglichkeiten. Welchen Bereich kann ich einnehmen? Welcher Bereich bleibt mir durch den Gegner verschlossen? Kann ich Bereiche doch einnehmen? Erst mit systematischen Herangehensweisen bekommt man ein Gefühl für all seine Möglichkeiten.

In späteren Schritten kann der Bewegungsraum für Analysemethoden verwendet werden. Jede Bewegung (eigene oder gegnerische) kann in den Größen Kraft oder Ablaufzeit betrachtet werden. Dann wird zum Beispiel die eigene Ablaufzeit im Verhältnis zur gegnerischen Ablaufzeit gebildet. Die Verhältnisse müssen nicht immer zu den eigenen Gunsten stehen. Die oberen Fälle der Deklassierung in Kraft und/oder Zeit können alle bei ein und dem gleichen Gegner auftauchen. Der erste Fall, selbst stärker und schneller, wird allzu oft isoliert und als einziger Fall betrachtet. Die anderen Fälle können aber nicht vernachlässigt werden. Wer kann sicherstellen, dass er immer stärker und schneller ist? Der Bewegungsraum kann an dieser Stelle helfen systematisch Ablaufvarianten zu generieren und zu betrachten. Wer bisher immer nur sich selbst als stärker und schneller angesehen hat, wird jetzt auf die anderen Fälle aufmerksam. Der Blick weitet sich dann auf den eigenen und den gegnerischen Bewegungsraum, die jeweiligen Möglichkeiten und welche Abläufe entstehen können.

Fußnoten   [ + ]

1. Es gibt weitere Fälle, welche an dieser Stelle nicht betrachtet werden. Die diskutierten Fälle gehen davon aus, dass man selbst und der Gegner eine feste Körperposition halten. Sobald sich die Körperpositionen verändern können, treten weitere Fälle auf. Zusätzlich gibt es noch Sonderfälle, welche in weiteren Artikeln besprochen werden.
2. Wenn die eigene Kraft immer sehr hoch ist, wird man natürlich nicht eingedrückt. Dieser Fall dient nur als Beispiel um zu veranschaulichen, dass das Potential der verfügbaren Kraft auch ausgenutzt werden muss.

Der Artikel wurde am 18. Juli 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.