Bewegungsrepräsentation

Hintergrund

Am Ende der Kette der Wahrnehmung von Reizen (Was passiert mit mir und um mich herum?) und der daraus resultierenden Bewegungsplanung (Was will ich deswegen tun?) steht die Weitergabe der gewollten Bewegung als Bewegungsbefehl an den Körper. Diese Zusammenstellung von Bewegungsbefehlen (z.B. Arm soll sich strecken und Fuß wird vorgesetzt) wird als Bewegungsrepräsentation bezeichnet (Abkürzung Berep)1In der Literatur lassen sich immer leicht abweichende Formulierungen finden. Auf diesem Blog soll das keine Rolle spielen.. Sie fasst für den Moment alle Befehle zusammen und repräsentiert damit als „Gesamtpaket“ die geplante und auszuführende Bewegung. Wichtig ist an dieser Stelle, dass es sich nicht direkt um die Befehle an die Muskeln handelt. Es sind „nur“ alle Sollwerte für die jeweiligen Regler der Muskeln.

 

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Im erweiterten Regelkreis lässt sich die Berep darstellen, indem man Regler, Aktor und Strecke auf die einzelnen Muskeln aufteilt. Das bedeutet, dass das Modell in der Darstellung erweitert wird. Statt nur je einem Stellvertreter werden alle Muskeln usw. einzeln dargestellt. An dieser Stelle lässt sich deutlicher erkennen, wie alle Sollwerte an alle Regelkreise eine gesamte Bewegung des Körpers darstellen. In der folgenden Darstellung ist die Aufteilung auf zwei Regelkreise gekürzt.

 

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Die Berep stellt also nicht die „wirklich“ ablaufende Bewegung dar. Es ist nur die gedankliche Vorstellung der Bewegung (!), welche aber noch in den Regelkreisen ausgeregelt werden muss. Je nachdem, welche Kräfte auf den eigenen Körper wirken (fremde und eigens erzeugte Kräfte), weicht die spätere Bewegung davon ab. Ein und dieselbe Berep kann deswegen für eine Vielzahl von resultierenden Bewegungen stehen2Eine Möglichkeit sich diesen Zusammenhang zu Nutze zu machen sind kontextsensitive Bewegungen als Lösungsansatz für nicht unterscheidbare parallel ablaufende Varianten.. Ein Beispiel für Abweichungen entsteht, wenn der Gegner mit stärkeren Kräften die eigene Bewegung überschreibt, z.B. den eigenen Arm greift und gegen die eigene Kraft nach unten drückt (Überlastung mit Deklassierung).

 

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Dieser Punkt der Abweichung ist sehr wichtig, um zahlreiche Effekte in den Kampfkünsten zu verstehen und einzuordnen. Die Berep kann von Beobachtern nicht wahrgenommen werden. Sie stellt aber als Dreh- und Angelpunkt das zusammengefasste Wissen der Bewegungsplanung dar. Alle gewählten Ziele werden in einem einzelnen Mittel der Ausführung dargestellt. Sie ist eine Art Flaschenhals, welche alle vorherigen Betrachtungen in ein einziges „Tun“ kondensiert.

Dadurch entstehen viele Gefahren. Die Berep ist nur ein „Kondensat“, also eine Zusammenfassung aus komplexen Überlegungen. Sobald die Berep nur zum Teil weitergegeben wird, fehlen Anteile, welche für bestimmte, nicht sofort sichtbare Situationen oder Fragestellungen vorgesehen waren. Bewegungen werden dann nur unvollständig über Generationen weitergegeben (siehe WagenhebereffektAbweichung Berep zu Bewegung und Folgeartikel daraus, Einsatz von Heuristiken im Training).

Anpassungsfähigkeit der Berep

Ein weiterer wichtiger Zusammenhang ist die Fähigkeit die Berep im Verlauf einer Bewegung zu ändern. Als Mensch hat man im Allgemeinen den Eindruck sich frei und ungehindert bewegen zu können. Erst wenn äußere Kräfte (z.B. Festhalten des Gegners) die Bewegungen einschränken, spürt man dieses Problem.

Bei wirkenden äußeren Kräften ist das Verständnis für eine Abweichung von geplanter Bewegung in Form der Berep und der resultierenden Bewegung schnell erklärt.

Beispiel

Eine Berep gibt einen vorwärts gerichteten Druck vor (Streckung des eigenen Arms). Allerdings endet der Druck am größeren Widerstand des Gegners. Die Streckung des Arms wird nicht erreicht. Die Berep sieht eine Streckung zum Schlag vor und unterscheidet sich damit von der resultierenden Bewegung (nicht gestreckter Arm).

 

Die Einschränkung durch innere Kräfte, wie bspw. Trägheit, ist schon schwieriger zu vermitteln. Wer sich einmal mit voller Kraft vorwärts bewegt hat und dabei in einen Angriff des Gegners hineinläuft, wird den Moment kennen. Die eigene Wahrnehmung warnt noch vor dem, was kommen wird. Der eigene Körper kann wegen der Trägheit aber nicht mehr anhalten. Man mag es noch schaffen die Berep anzupassen. Die wirkende Trägheit wird als innerer Einfluss aber eine Anpassung der resultierenden Bewegung verhindern.

Aber was passiert, wenn die Wahrnehmung selbst eingeschränkt wird? Die Berep ist das Kondensat aus bekanntem Wissen, aktuellen Informationen und verfügbaren Mitteln. Sie ist damit zu einem großen Teil von der Wahrnehmung abhängig.

Wenn mit zunehmender Geschwindigkeit die Wahrnehmung überlastet wird, stehen weniger Informationen zur Verfügung. Damit kann die aktuelle Situation nicht mehr vollständig erfasst werden. Die Berep kann dann nicht mehr angepasst werden.

In der folgenden Darstellung wird dieser Zusammenhang in eine typische Übertragungsfunktion eingeordnet. Im Deklassierungsbereich kann die Berep nicht mehr angepasst werden. Die Bewegung wird „durchgezogen“.

 

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Berep für Bewegungsentwicklung

Die Aufteilung der resultierenden Bewegung in drei einzelne Komponenten verlangt bei der Bewegungsplanung der Berep eine andere Herangehensweise. Da sich die resultierende Bewegung aus drei Komponenten zusammensetzt, darf die eigene Planung nicht mehr nur die eigentlichen Bewegungsziele einbeziehen.

Der Grundgedanke eigener Bewegungsplanungen kann also nicht länger sein:

  • Ich nehme die aktuelle Situation wahr und verstehe was gerade passiert.
  • Ich plane die Bewegung von A nach B.
  • Ich führe die Bewegung von A nach B aus.

 

Dieser Ansatz funktioniert nur systematisch, wenn die anderen beiden Komponenten, innere und äußere Einflüsse, keine große Rolle spielen. Sie dürfen sich zwischen dem Moment der Wahrnehmung und der Bewegungsausführung auch nicht unterscheiden. In der Bandbreite möglicher Fälle wird damit aber nur ein sehr geringer Teil abgedeckt.

Im Gegensatz dazu können innere und äußere Einflüsse abgeschätzt werden und direkt mit in die Planung einfließen. Im folgenden Beispiel werden die Komponenten für eine resultierende Bewegung als Richtungen aufgeschlüsselt. Nur wenn innere und äußere Komponenten sehr gering sind, kann die Berep auch der resultierenden Bewegung entsprechen.

 

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Beide Komponenten müssen aber nicht gering sein. Sie können auch dominant werden (Bsp. Gegner bringt größere Kraft ein als äußerer Einfluss). Wenn durch Überlastung der Wahrnehmung die Berep diesen Einfluss nicht mit einplant, wird die resultierende Bewegung vom Ziel abweichen.

 

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Eine umfassende Planung der Berep versucht also diese Einflüsse mit einzubeziehen3Das Einbeziehen kann in bestimmten Fällen zu einem Zirkelschluss führen. Erhöht man z.B. die Kraft der Berep wegen äußerer Einflüsse an, können diese Kräfte auch ansteigen. Diese Abhängigkeit festzustellen ist auch ein Ergebnis, welches in die Planung einfließen kann..

Es genügt nicht den gewünschten Effekt, z.B. Bewegung von A nach B, im Blick zu haben. Diese Perspektive schärft den Blick, dass nur das Denken in den Summen und Veränderungen der Einflüsse zum Ziel führen kann. Andernfalls wird es immer zu Abweichungen der eigenen Planung und der resultierenden Bewegung kommen4Dieser Effekt ist sehr typisch (Reperaturdienstverhalten). Man glaubt die Ursache erkannt zu haben und passt die Planung an, nur um wieder mit Abweichungen konfrontiert zu werden. Vor allem wenn Effekte in vielen Fällen konstant sind, fällt eine Veränderung der Effekte in anderen Fällen sehr stark ins Gewicht und lässt Bewegungen fehlschlagen..

 

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Einsatzbeispiele

  • Vorwegnahme von Überlastungsfällen der Kraft des Gegners
  • Einbeziehung der Kraft von Selbstreflexen
  • Transparenz bei Auslegung der Bewegungen in Formen ohne Gegnerkontakt

Fußnoten   [ + ]

1. In der Literatur lassen sich immer leicht abweichende Formulierungen finden. Auf diesem Blog soll das keine Rolle spielen.
2. Eine Möglichkeit sich diesen Zusammenhang zu Nutze zu machen sind kontextsensitive Bewegungen als Lösungsansatz für nicht unterscheidbare parallel ablaufende Varianten.
3. Das Einbeziehen kann in bestimmten Fällen zu einem Zirkelschluss führen. Erhöht man z.B. die Kraft der Berep wegen äußerer Einflüsse an, können diese Kräfte auch ansteigen. Diese Abhängigkeit festzustellen ist auch ein Ergebnis, welches in die Planung einfließen kann.
4. Dieser Effekt ist sehr typisch (Reperaturdienstverhalten). Man glaubt die Ursache erkannt zu haben und passt die Planung an, nur um wieder mit Abweichungen konfrontiert zu werden. Vor allem wenn Effekte in vielen Fällen konstant sind, fällt eine Veränderung der Effekte in anderen Fällen sehr stark ins Gewicht und lässt Bewegungen fehlschlagen.

Der Artikel wurde am 29. Juli 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.