Bewertungsschema von Belastungstest

Hintergrund

Belastungstests lassen immer nur Rückschlüsse auf die Bandbreite und inneren Abläufe von Bewegungen zu. Allerdings bedeutet ein Überschreiten des Übergangsbereichs noch nicht automatisch, dass die Bewegung nicht ausreichend leistungsfähig ist. Für eine Bewertung muss noch überprüft werden, ob die gesetzten Ziele erreicht wurden. Erst mit diesem Vergleich können die Bewegungen und die Ergebnisse des Belastungstests eingeordnet werden.

Wenn zum Beispiel ein Schüler seine Abwehr bei einer hohen Geschwindigkeit nicht erfolgreich ausführt (Arbeitspunkt zu hoch, Übergangsbereich überschritten), so muss das nicht als Fehlschlag gelten. Es kann ein didaktisches Ziel sein zu verstehen, dass diese Abwehr für diesen Geschwindigkeitsbereich nicht ausreicht. Für den Trainer wäre an der Stelle das didaktische Ziel erreicht. Außenstehende könnten die Abwehr ohne das Wissen um dieses gesetzte Ziel als Fehlschlag sehen und die Leistungsfähigkeit der Bewegung als zu niedrig ansehen.

 

Bewertungsschema

Das folgende Bewertungsschema wird aus der Übertragungsfunktion zusammengestellt. Dafür wird die Übertragungsfunktion vereinfacht und in drei Bereiche aufgeteilt. Die drei Bereiche werden jeweils aus dem Bereich links und rechts des Übergangsbereichs gebildet.

 

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Der erste Bereich links des Übergangsbereichs ist der Deklassierungsbereich des Gegners; im Sinne von „eine Klasse besser“. Dieser Bereich steht dafür, dass es dem Gegner mit seinem gesetzten Arbeitspunkt nicht gelingt, die eigene Bewegung zu überlasten. Bei einem Belastungstest mit einer schrittweisen Erhöhung der Geschwindigkeit wäre man immer ausreichend schnell gewesen.

Der zweite Bereich ist der Übergangsbereich. In diesem Bereich treten je Belastungssituation des Regelkreises verschiedene Effekt auf (Nachhängen, Übersteuern, …), welche helfen diesen Bereich zu identifizieren.

Der dritte Bereich rechts des Übergangsbereichs ist der Bereich der eigenen Deklassierung. In diesem Bereich schafft es der Gegner den eigenen Regelkreis vollständig zu überlasten.

 

Vorbetrachtung

Auswahl der Bereiche

Der Abgleich der Ziele kann grundlegend auf zwei Arten erfolgen. Man kann nur diejenigen Bereiche vergleichen, welche auch im Belastungstest aufgetaucht sind. Wenn der Übergangsbereich nicht erreicht wurde, werden die Ziele auch nur im ersten Bereich bewertet.

Die zweite Vorgehensweise bewertet grundsätzlich immer alle Bereiche, unabhängig von den Ergebnissen des Belastungstests. Dafür wird die Unsicherheit in den Belastungstests soweit erhöht, dass die Bandbreite der Arbeitspunkte immer alle Bereiche überdeckt. Dahinter steht der Gedanke, dass in keinem Belastungstest sichergestellt werden kann, dass Fehleinschätzungen den Belastungstest nicht „scharf“ genug eingestellt haben. Der Übergangsbereich wird in einer späteren Anwendung dann doch erreicht. Weiterhin ist diese Betrachtung ab einem gewissen (hohen) Niveau von Kämpfern empfehlenswert. Es kommt dann zu einem Deckeneffekt (Kämpfer erreichen tendenziell gleiches hohes Niveau). Das bedeutet, dass die Gefahr einer gegenseitigen Deklassierung fast immer gegeben ist. Man bewegt sich immer mehr oder weniger um den Übergangsbereich herum.

Art des Arbeitspunkts

Für die Übertragungsfunktion wurde bisher immer nur die Geschwindigkeit betrachtet. Eine Übertragungsfunktion kann aber auch mit der Variation der Kraft durchlaufen werden. Beide Größen sind im Regelkreis eigentlich verkoppelt und könnten in einem einzigen Diagramm aufgetragen werden. Meiner Erfahrung nach ist es für Schüler aber einfacher, wenn die Kraft einzeln ohne die Geschwindigkeit betrachtet werden kann.

 

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Es gibt die Möglichkeit beide Schemata in einer Matrix zusammenzufassen. Diese Darstellung ist aber für die meisten Betrachtungen im täglichen Training etwas zu aufwendig. Für komplexe Bewegungskonstruktionen ist diese Art der Darstellung dann aber unumgänglich.

 

Durchführung

Zur Durchführung der Bewertung müssen die Ziele mit einer Priorisierung und die Ergebnisse des Belastungstests vorliegen. Mit diesen beiden Anteilen wird das Bewertungsschema ausgefüllt.

 

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Als Beispiel wird die Abwehr vom Anfang genutzt. Bei dieser Bewegung hat ein Schüler im Belastungstest ab einer bestimmten Grenze gegen einen definierten Angriff keine Reaktion mehr gezeigt. Damit ist eine Betrachtung aller drei Bereiche nötig (Deklassierungsbereiche und Übergangsbereich).

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Aus Trainiersicht hat sich die Übung gelohnt. Der Schüler hat selbst erfahren, dass die Bewegung noch unzureichend ist. Gleichzeitig kann ein Schüler aber auch erkennen, dass die Abwehr nicht völlig ohne Berechtigung ist. Nur Gegner, welche eine bestimmte Geschwindigkeitsgrenze bei ihm überschreiten, können seine Abwehr überwinden.

Das Bewertungsschema und dessen Ergebnisse können dann für Optimierungen verwendet werden. In dem Fall der gescheiterten Abwehr würde man versuchen die Abwehrbewegung anders zu strukturieren (Zielreiz und Bewegungselemente anpassen, spezielle Ansätze, …) und nach anschließenden Belastungstests erneut eine Bewertung vorzunehmen.

Der Artikel wurde am 6. Januar 2015 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.