Deklassierung und Selbstdeklassierung

Motivation

Die Begriffe der Deklassierung, des Übergangsbereichs und der Selbstdeklassierung charakterisieren Bereiche der Übertragungsfunktion eines Regelkreises. Sie dienen der gedanklichen Abgrenzung und schaffen ein Bewusstsein für diese Bereiche. Mit Hilfe der Definition kann bei Bewegungsabläufen gezielt nach Effekten in den Bereichen gesucht werden. Jeder Bereich verlangt bei auftauchenden Problemen bestimmte Lösungsansätze. Erst die gedankliche Unterscheidung erlaubt eine systematische Suche.

Herleitung

Eigenschaften des Regelkreises

Der Regelkreis kann mit Hilfe einzelner Elemente beschrieben werden. Jedes Element kann innerhalb einer gewissen Bandbreite variieren. Sie bestimmen mit ihren Eigenschaften das Verhalten des Regelkreises.

Jedes Element ist aber mit Fehlern behaftet. Bei hoher Geschwindigkeit oder Kraft beginnen diese Fehler sehr dominant zu werden. Sie beginnen dann das Verhalten des Regelkreises zu bestimmen. Mit Hilfe von Belastungstests bei hoher Geschwindigkeit oder Kraft wird getestet, ob die Fehler den Regelkreis in die Überlastung treiben.

Darstellung als Übertragungsfunktion

Zur Darstellung dieses Zusammenhangs wird eine Übertragungsfunktion verwendet. In dieser Funktion werden Geschwindigkeit oder Kraft innerhalb einer Bandbreite variiert. Wenn der Regelkreis wie gewünscht die Ziele erreicht, ergibt sich eine durchgehende gerade Kurve. Sobald der Regelkreis Fehler zeigt, verändert sich die Kurve. Ein zu „starkes, hektisches“ Regeln wird durch eine Überhöhung der Kurve ausgedrückt. Wenn der Regelkreis nicht mehr „hinterherkommt“ und völlig überlastet wird, sinkt die Kurve nach unten.

 

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Diese Aufteilung in drei charakteristischen Bereiche ist typisch für einen Regelkreis1In der Literatur gibt es Ausnahmen für dieses Tiefpassverhalten. Allerdings lässt sich die Regelung in sehr weiten Bereichen mit diesem Verhalten abbilden.. Diese Bereiche können mit Hilfe von Belastungstests bestimmt werden. Die Grenzen der Bereiche sind sehr dynamisch und können sich stark verschieben (also bspw. der Übergangsbereich beginnt einmal bei einer niedrigen, mal bei einer hohen Geschwindigkeit).

 

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Deklassierung

Der Begriff der Deklassierung des Gegners weist darauf, dass der Regelkreis nicht überlastet wird. Das bedeutet, dass trotz aller Versuche des Gegners keine äußerlich wahrnehmbaren Überlastungseffekte auftreten2Überlastungen von Teilbereichen des Regelkreises treten trotzdem auf. Dadurch muss dieser Begriff eingeführt werden. Der Begriff der Überlastung kann die Bereiche nicht sauber abgrenzen, siehe der späteren Abgrenzung. und der Regelkreis „normal“ funktioniert. Man „deklassiert“ den Gegner, ist „eine Klasse“ besser (linker Bereich der Übertragungsfunktion).

Beispiel

  • Gegner greift immer wieder mit Schlägen an.
  • Abwehr der Schläge gelingt immer.
    • Egal auf welcher Höhe oder mit welcher Kraft der Gegner angreift. Immer schafft man den Angriff passend abzuwehren.

 

Die Perspektive dreht sich sobald der Gegner es schafft den eigenen Regelkreis völlig zu überlasten (rechter Bereich der Übertragungsfunktion). In diesem Fall schafft es der Gegner „eine Klasse“ besser zu sein (Deklassierung durch Gegner). Sein Regelkreis schafft es den eigenen Regelkreis in seiner Auslegung zu überbieten. Man wird deklassiert.

Beispiel

  • Gegner greift immer wieder mit Schlägen an.
  • Abwehr der Schläge gelingt nie.
    • Man wehrt die Schläge auf der falschen Höhe ab.
    • Die eigene Kraft genügt nicht die Kraft des Gegners zu überwinden.
    • Man reagiert zu spät oder gar nicht.

Übergangsbereich

Der Übergangsbereich liegt dazwischen. In diesem Bereich beginnt das Regelsystem zu kippen. Die Fehler im Regelablauf werden dominant und der Regelkreis kann die Ziele nicht mehr erfüllen. In diesem Bereich kann die Bewegung noch geregelt ablaufen, allerdings tauchen Einschränkungen durch Überlastungseffekte (z.B. Nachhängen) auf.

Beispiel

  • Gegner greift immer wieder mit Schlägen an.
  • Abwehr der Schläge gelingt bedingt.
    • Man hängt hinterher, aber schafft es noch die Abwehr auszuführen.
    • Die Bewegungen wirken sehr ruckhaft, greifen zu kurz oder schießen über das Ziel hinaus.

Sonderfall Selbstdeklassierung

Der Begriff der Selbstdeklassierung beschreibt den Effekt, sobald man selbst den eigenen Regelkreis in die Überlastung führt. Die Überlastung wird also nicht vom Gegner ausgelöst. Man selbst wählt die Einstellungen des Regelkreises in der Art, dass eine Überlastung auftritt (z.B. durch eine gesteuerte Bewegung).

Abgrenzung zum Begriff Überlastung

Die Übertragungsfunktion stellt durch die drei Bereiche das Verhalten bis zur völligen Überlastung des Regelkreises dar. Allerdings ist der Begriff Überlastung nicht eindeutig genug. Es gibt weitere unterlagerte Regelkreise, welche ineinander verschachtelt das Verhalten des übergelagerten Regelkreises beeinflussen. Jeder dieser Regelkreise hat eigene Überlastungsgrenzen. Ein typisches Beispiel ist der Regelkreis der Wahrnehmung. Die Kompensation dieser „Schwäche“ erfolgt in diesem Fall mit Hilfe einer Rekonstruktion der Abläufe. Es entsteht der Eindruck einer „erfolgreichen“ Wahrnehmung.

Die Aussage „der Regelkreis ist überlastet“ genügt in Summe als Beschreibung nicht und erfordert einen klareren Begriff. Der Begriff der Deklassierung dient in diesem Fall der klaren Abgrenzung und beschreibt immer das Verhalten des übergeordneten Regelkreises. Überlastete unterlagerte Regelkreise und deren Kompensationsansätze3Typische Kompensationen sind unbewusste Rekonstruktionen, Nutzung eigentlich nicht vorhandener Informationen (IdI) oder gezieltes Ignorieren von Informationen. können in dieser Form sprachlich abgegrenzt werden.

In der folgenden Abbildung ist dieser Zusammenhang dargestellt. Ein unterlagerter Regelkreis wird überlastet (z.B. Wahrnehmung). Der übergeordnete Regelkreis kann mit Hilfe einer erfolgreichen Rekonstruktion der Abläufe „normal“ funktionieren.

 

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Fußnoten   [ + ]

1. In der Literatur gibt es Ausnahmen für dieses Tiefpassverhalten. Allerdings lässt sich die Regelung in sehr weiten Bereichen mit diesem Verhalten abbilden.
2. Überlastungen von Teilbereichen des Regelkreises treten trotzdem auf. Dadurch muss dieser Begriff eingeführt werden. Der Begriff der Überlastung kann die Bereiche nicht sauber abgrenzen, siehe der späteren Abgrenzung.
3. Typische Kompensationen sind unbewusste Rekonstruktionen, Nutzung eigentlich nicht vorhandener Informationen (IdI) oder gezieltes Ignorieren von Informationen.

Der Artikel wurde am 8. Juni 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.