Detaillierung Alternativen

Hintergrund

Der folgende Artikel vertieft einige der im Artikel Antizipation, Absatz Schlussfolgerung, nur kurz angesprochen Punkte. Die vorgestellten Aspekte und Effekte werden rein qualitativ vorgestellt. Absolute Aussagen über spezifische Situationen können nur über Tests überprüft werden. Die hier vorgestellten Aspekte können aber zur Konstruktion solcher Tests beitragen. Die eigentlichen Modelle zur Abbildung des menschlichen Körpers sind zu komplex für diese Betrachtungen. Bei Schmidt und Lee lassen sich viele solcher Modelle finden. Wer aber nicht mit Regelungstechnik vertraut ist, wird mit mehrschleifigen und verketteten Regelkreisen (zusätzlich Feed-Forward, Störgrößenkompensation, …) nichts anfangen können. Der im Artikel Antizipation vorgestellte „kleine“ Kreisprozess soll als Einstieg für Regelkreise genügen.

Als Ausgangsgröße wurde Geschwindigkeit gewählt. Diese physikalische Größe ist nur in diesem noch recht einfachen Stadium der Betrachtungen ausreichend. Die eigentliche Größe für diese Betrachtungen muss „Zeit bis zum Abschluss einer Bewegung“ sein. Allerdings hat diese Größe den Nachteil, dass sie sehr schwer zu definieren ist. Geschwindigkeit als variable Größe bietet sich in diesem Fall eher an. Als Bezugsmodell wird nur das vereinfachte Modell für Antizipation verwendet.

Modell Antizipation

 

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Detaillierung

Eine gegnerische Bewegung, als gestelltes Problem, ist eine beliebige Bewegung, welche mittels Antizipation auf Basis von Merkmalen oder Mustern gelöst werden soll. Die Geschwindigkeit für den Ablauf der Reaktion wird in diesem Beispiel für die Bewegung immer weiter um verschiedene Stufen gesteigert. Die Unterscheidung niedrig, mittel und hoch ist dabei willkürlich gewählt.

 

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Die für den Reagierenden zur Verfügung stehenden Merkmale werden als „immer verfügbar“ eingestuft. Es werden also in diesem Beispiel keine Merkmale versteckt. Weiterhin enthalten die wahrzunehmenden gegnerischen Bewegungen alle nötigen Merkmale zur Differenzierung gegenüber anderen Bewegungen. Das heißt, es ist egal, bei welcher Geschwindigkeit die wahrzunehmende Bewegung abläuft. Deren Merkmale stehen immer zur Verfügung. Diese Annahmen sind idealisiert und werden in Kämpfen nicht erreicht. Abstufungen dazu führen aber immer zu negativeren Ergebnissen.

 

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Der im Modell Antizipation vorgestellte Kreisprozess ist kein idealer Kreisprozess. Viele kleine Fehler (z.B. Signallaufzeiten) summieren sich zu einen Gesamtfehler. Eine Diskussion der auftretenden Fehler soll hier nicht erfolgen. Jeder Fehler wird aber der Einfachheit halber als kleine, gleich groß bleibende, Verzögerung angenommen. Bei niedrigen Geschwindigkeiten fallen diese Fehler im Gesamtprozess nicht ins Gewicht. Sobald aber der Kreisprozess schneller ablaufen muss, wird deren prozentualer Anteil am Gesamtprozess immer größer. Irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem der Kreisprozess nicht mehr sauber ablaufen kann. Die Fehler dominieren dann und das innere Modell kann nicht mehr auf dem neuesten Stand gehalten werden.

 

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Zusätzlich zu den inhärenten Fehlern im Kreisprozess können weitere Fehler, bspw. Fehlinterpretationen von Merkmalen hinzukommen. Diese werden hier außen vorgelassen. Allerdings wird der Ablauf damit nur negativer beeinflusst.

Die Leistungsfähigkeit des Kreisprozesses ist damit ab einer bestimmten Geschwindigkeit stark eingeschränkt, wenn nicht sogar überlastet. Die eigentlich benötigte Leistungsfähigkeit, um das innere Modell immer auf dem neuesten Stand zu halten, wird nicht erreicht.

 

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Ab dem Zeitpunkt der Überlastung kann das innere Modell nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr auf dem Laufenden gehalten werden. Die nötige Identifizierung und Interpretation der Informationen aus Merkmalen kann nicht mehr ablaufen. Damit stehen bei hohen Geschwindigkeiten diese Merkmale und deren Informationen nicht mehr zur Verfügung. Kritisch ist hierbei, dass diese Merkmale sowohl für die Bewegungsauswahl, als auch für den Start der gewählten Bewegung benötigt werden. Für beide Abläufe stehen die Merkmale nicht mehr zur Verfügung.

 

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Das innere Modell nutzt bei geringen Geschwindigkeiten verfügbare Informationen, um daraus Szenarien für die Zukunft zu entwerfen. Auf deren Basis werden dann Änderungen des eigenen Verhaltens veranlasst. Wenn keine Informationen zur Verfügung stehen, wird auch keine Verhaltensänderung veranlasst. Wenn ausreichend und rechtzeitig Informationen zur Verfügung stehen, kann aus verschiedenen Möglichkeiten eine verbleibende Alternative isoliert werden. Diese Alternative bildet die Grundlage für die Bewegungsplanung.

Wenn bei hohen Geschwindigkeiten diese nötigen Informationen nicht rechtzeitig eintreffen, kann die Anzahl der Alternativen nicht verringert werden. Es bleiben weitere Szenarien übrig. Da keine Unterscheidung getroffen werden kann, sind alle Szenarien gleichberechtigt und können in diesem Moment der Überlastung eintreffen. Die „eine“ Alternative, wie sie bei niedrigen Geschwindigkeiten isolierbar ist, kann nicht gefunden werden. Es ist wichtig an dieser Stelle, dass erst nach dem Ablaufen der Bewegungen und der „nachhängenden“ Verarbeitung die „eine“ abgelaufene Alternative erkannt werden kann. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die nachträglich erkannte Alternative auch während ihres Ablaufs bereits bekannt gewesen wäre.

 

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Unter diesen Umständen leidet die Differenzierungsfähigkeit. Es kann keine, auf irgendeine Basis gestellte, Wahl getroffen werden. Alle Alternativen müssen als gleichberechtigt angesehen werden. Durch Betrachtungen des Kontext (Regelsysteme, äußere Umstände, …) kann die Anzahl der Alternativen noch reduziert werden, aber eine unbestimmte Anzahl bleibt erhalten. Diese kann nicht weiter reduziert werden.

Durch die Anzahl an Alternativen kann kein kausaler Zusammenhang zwischen den Alternativen und der eigenen gewählten Bewegung hergestellt werden. Eine von außen scheinbar wahrgenommene Verknüpfung, dass auf eine Bewegung mit einer Gegenbewegung reagiert wird, besteht zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

 

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Den möglichen Alternativen können Wahrscheinlichkeiten für deren Eintreffen zugeordnet werden. Wenn keine weiteren Kriterien für eine Unterscheidung vorliegen oder wahrgenommen werden, kann nur jede Variante gleich gewichtet werden. Aus einer sicher geglaubten Variante bei niedriger Geschwindigkeit, werden dann in diesem Beispiel drei Varianten mit je gleicher Wahrscheinlichkeit des Eintreffens. Bei der Zuordnung von Werten zu „wahrscheinlicheren“ Varianten muss sehr vorsichtig vorgegangen werden. Die hier erläuterten Phänomene betreffen genauso den Gegner. Er kann bei hohen Geschwindigkeiten auch nur begrenzt oder gar nicht wahrnehmen und daraus Schlüsse ziehen. Es ist an dieser Stelle dann falsch, ihm diese Möglichkeit zuzugestehen und zu argumentieren, dass er bestimmte wahrnehmbare Alternativen vorziehen würde.

 

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Die Reaktionszeit wird sich aus der Kombination der gewählten Bewegung und der aufkommenden Alternative verändern. Wenn die Bewegung auf ihre passende Alternative trifft, wird die Reaktionszeit stark absinken oder gar gegen Null tendieren. Wenn die Bewegung auf andere nicht-passende Alternativen trifft, wird die Zeit durch notwendige Gegenbewegungen stark vergrößert. Dieser entstehende Zeitverlust (Detaillierung) kann den Einsatz von Antizipation vollständig in Frage stellen.

 

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Der Artikel wurde am 22. Mai 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.