Detaillierung der Übertragungsfunktion

Hintergrund

Bei der bisherigen Vorstellung der Übertragungsfunktion fehlen noch wichtige Betrachtungen. Um die Übertragungsfunktion später zielgerichtet für Methoden einzusetzen, müssen zuerst diese Punkte noch hinzugenommen werden.

 

Übergangsbereich

In der Zusammenfassung ist die Betrachtung der Verschiebung des Übergangsbereiches schon angesprochen worden. Als Übergangsbereich wird der mittlere Teil der Kurve bezeichnet. Links des Übergangsbereiches ist die Geschwindigkeit niedrig genug, um mit eigenen Bewegungen zu folgen. Rechts des Übergangsbereichs liegt die Geschwindigkeit im Gegensatz dazu zu hoch, um noch zu folgen.

 

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Der Übergangsbereich muss nicht immer so aussehen. Die dargestellte kleine Spitze mit einem Überreagieren ist meiner Erfahrung nach aber näher am Normalfall dran. Eigentlich gibt es eine Vielzahl an möglichen Übergängen. An dieser Stelle können die Möglichkeiten nur angedeutet werden. Gerade Anfänger zeichnen sich durch ein starkes Überreagieren an dieser Stelle aus. Bei Fortgeschrittenen ist dieses Überreagieren reduziert. Dabei sollte aber nicht direkt auf das allgemeine Niveau (Anfänger, …) zurückgeschlossen werden. Jede Situation birgt ihre Eigenheiten und das Überreagieren kann auf Grund verschiedener Umstände stärker oder schwächer ausfallen.

 

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Arbeitspunkt

Die nächste nötige Betrachtung ist eine Einordnung der Geschwindigkeit. Als Arbeitspunkt wird dabei der betrachtete Punkt der Geschwindigkeit im Diagramm bezeichnet. Er wird für diese erste Betrachtung durch die vorgegebene Geschwindigkeit des Gegners bestimmt. Der Punkt verschiebt sich nach links (langsamer) oder rechts (schneller), je nachdem wie schnell bspw. ein Angriff verarbeitet werden muss.

 

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Die Übertragungsfunktion ist aber nicht nur für Reaktionen gedacht. Grundsätzlich läuft der Regelkreis für Bewegungen ab, egal welche Bewegungen man ausführt, egal ob man angreift oder verteidigt. Man lässt Bewegungen gegeneinander „antreten“ und versucht zu erkennen, ob der Regelkreis noch mit der Geschwindigkeit mithalten kann oder ob die Geschwindigkeit zu hoch für die nötige Regelung wird.

 

Bandbreite der Arbeitspunkte

Die Geschwindigkeit für den Ablauf kann variiert werden. Für jede Geschwindigkeit ergibt ich ein eigener Arbeitspunkt. Diese Punkte ergeben je eine Bandbreite, welche bspw. von einem Gegner abgedeckt werden kann. In den folgenden Diagrammen wird die Phase zur vereinfachten Darstellung weggelassen.

In einer ersten Betrachtung kann der Gegner seine Bewegung nicht schnell genug ausführen. Er kann also umgesetzt im Diagramm den Arbeitspunkt nicht hoch genug legen. In diesem Fall ist bei keiner Geschwindigkeit beim Belastungstest ein eigenes Überreagieren / fehlendes Reagieren oder Nachhängens sichtbar. Eine Betrachtung des Übergangsbereiches und des Bereiches mit zu hohen Geschwindigkeiten lohnt nicht.

 

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Bei einer weiteren Betrachtung schafft es der Gegner, den Arbeitspunkt höher zu legen. Es treten jetzt ein Überreagieren und ein zeitweises Nachhängen in den Bewegungen auf. Jetzt lohnt es sich, auch den Übergangsbereich zu betrachten.

 

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Bei einer letzten Betrachtung schafft es der Gegner den Arbeitspunkt immer höher zu legen. Als Effekte zeigen sich entweder ein extremes Nachhängen oder überhaupt kein Reagieren. Bildlich gesprochen: „Man kommt nicht hinterher“.

 

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Absolute Einordnung

Die bisherigen Diagramme hatten eine „gleichmäßige“ Verteilung der Bereiche dargestellt, welche nicht unbedingt der Fall sein muss. Im Normalfall ist der Übergangsbereich nur sehr klein. Links und rechts davon erstrecken sich dann je viel weiter die Bereiche der hohen oder niedrigen Geschwindigkeit. Eine Einordung, wo man sich genau befindet, kann nur mittels Belastungstests und auftretenden Effekten erfolgen.

 

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In den folgenden Darstellungen wird auf diesen Umstand verzichtet. „Langsamer geht immer“ heißt eben auch, dass der vordere Bereich „unendlich“ lang werden könnte. Damit ist in der Darstellung aber niemandem geholfen. Die Darstellung mit gleich großen Bereichen erlaubt, wenn auch im Verhältnis „falsch“, die auftretenden Effekte besser zu verstehen und einzuordnen.

 

Verschieben des Übergangsbereichs

Im Artikel Übertragungsfunktion eines Regelkreises wurde nur der Aufbau des Diagramms vorgestellt. Die Hintergründe für dieses Aussehen wurden ausgespart. An dieser Stelle kann auch keine ausreichende Diskussion erfolgen. Grundsätzlich kann aber folgende Aussage getroffen werden: Jedes Element im Regelkreis trägt zu dem Aussehen dieser Kurven bei, im Positiven, wie im Negativen. Der Übergangsbereich kann anders aussehen, wie oben bereits angedeutet, oder sich auch verschieben. Umgesetzt auf systematische Belastungstests würde das bedeuten, dass bspw. bei einer Bewegung mit sichtbarem Nachhängen eine Bewegung wird, welche wieder normal und ohne Nachhängen abläuft. Als kurzes Beispiel soll Mustererkennung dienen. Wenn bei einem Belastungstest mit zwei Personen die eine Person eine schlechtere Musterkennung hat, wird ihr Übergangsbereich weiter links liegen im Vergleich zur zweiten Person mit besserer Mustererkennung1Bei diesem kurzen Beispiel wird angenommen, dass beide Personen in allen anderen Bereichen gleiche Elemente im Regelkreis besitzen. Das ist unrealistisch. Für das Beispiel und zum Verdeutlichen der Verschiebung genügt diese Annahme. Angemerkt sei, dass eine verbesserte Mustererkennung auch negative Effekte hervorrufen kann. Diese Möglichkeit wird hier nicht diskutiert..

 

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Der Grund liegt in der Möglichkeit mit den Ergebnissen der Musterkennung schneller im Regelkreis agieren zu können. Die Ablaufzeiten im Regelkreis sinken. Es ergeben sich Zeitreserven für anderen Elemente usw. Eine weitere Steigerung der Geschwindigkeit ist möglich, bis wieder die Grenze der Reserven erreicht wird.

 

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Wenn Experten mit Bedingungen konfrontiert werden, welche nicht ihren bisherigen Mustern entsprechen und es keine anderen Möglichkeiten zur Kompensation gibt, fallen diese wieder auf das Niveau von Anfängern zurück. Am Beispiel der Schachspieler ist das schön zu sehen. Wenn deren Mustererkennung, welche auf Regeln basiert, gestört wird, können Sie die Stellungen nicht mehr so schnell erkennen.

 

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In dieser Art und Weise kann für alle Elemente im Regelkreis deren Einfluss bestimmt werden. Wenn der Einfluss dann bekannt ist, kann im Anschluss durch Anpassungen der Bewegungen und des Trainings der Übergangsbereich möglichst weit nach rechts gerückt werden.

Die hier geführte Betrachtung kann auch auf der Basis von Kraft erfolgen. Die Skala der Geschwindigkeit wird dann mit Kraft ersetzt. Die Ansätze basieren auch wieder auf dem Regelkreis. Allerdings rücken dann Aspekte der Biomechanik in den Vordergrund.

 

Unsicherheit der Übertragungsfunktion

Die Verschiebung des Übergangsbereichs muss bei der Durchführung von Analysen dann direkt mit betrachtet werden. Bei Belastungstests sind nicht immer alle beteiligten Elemente bekannt (Anfangsbedingungen wie körperliche Verfassung, unbekannte hinzukommende Wechselwirkungen und Verzögerungen, …). Wenn gerichtet der Einfluss von einzelnen Elementen untersucht werden soll, ist es nicht immer möglich alle anderen Elemente konstant zu belassen (Information aus innerem Modell schwer zu „löschen, …).

In der folgenden Darstellung hat der Partner es nicht geschafft die Bandbreite des Arbeitspunktes bis zum (unbekannten) Übergangsbereich zu legen. Es konnte zu keinem Zeitpunkt ein Überschwingen oder Nachhängen festgestellt werden. Es konnten aber auch nicht alle Elemente im Regelkreis sauber bestimmt werden. Es kann sein, dass der Übergangsbereich doch noch erreicht wird. An dieser Stelle ist es empfehlenswert, eine Unsicherheit der Bandbreite mit hinzuzunehmen. Dabei wird die Unsicherheit aber in beide (!) Richtungen eingetragen. Auch der Regelkreis des Partners kann Unsicherheiten unterliegen und somit verringert sich die Bandbreite des Arbeitspunktes.

 

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Diese Unsicherheit drückt also ein Bewusstsein für die unbekannten Komponenten aus. Allzu oft ergeben erste Belastungstests ein Gelingen einer Bewegung im Training. In der späteren Anwendung versagen diese (sehr oft bei Drills). Umgekehrt kann eine Bewegung in Belastungstests versagen, in der Anwendung aber plötzlich funktionieren. Das sind immer Zeichen dafür, dass bestimmte Elemente im Regelkreis nicht sauber betrachtet werden konnten. Es ist an diesen Stellen also immer gut, die Bandbreite etwas weiter aufzuspannen, um die späteren Überraschungen in Grenzen zu halten.

Fußnoten   [ + ]

1. Bei diesem kurzen Beispiel wird angenommen, dass beide Personen in allen anderen Bereichen gleiche Elemente im Regelkreis besitzen. Das ist unrealistisch. Für das Beispiel und zum Verdeutlichen der Verschiebung genügt diese Annahme. Angemerkt sei, dass eine verbesserte Mustererkennung auch negative Effekte hervorrufen kann. Diese Möglichkeit wird hier nicht diskutiert.

Der Artikel wurde am 7. Dezember 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.