Druck und Gegendruck

Beschreibung der Bewegungsrepräsentation

Das folgende Beispiel stellt stark verkürzt und vereinfacht ein typisches Problem dar, wenn Bewegungsrepräsentationen (Abk. Berep) nicht sauber dokumentiert werden. Zum Einstieg genügen an dieser Stelle wenige kurze Sätze für die Situationsbeschreibung.

In dem Beispiel stehen sich zwei Partner gegenüber. Beide halten ihre rechte Hand auf Brusthöhe und lassen die Handfläche zum Partner zeigen. Dann legen beide ihre rechten Handflächen gegeneinander. Im Folgenden üben beide auf die Handfläche des Gegners einen Druck aus. Das Bewegungsziel wird als abwechselndes Nachgeben und Durchsetzen definiert. Als Ergebnis sehen Außenstehende, wie sich beide Hände in Richtung des einen Partners bewegen.

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Jetzt kommt aber der springende Punkt. Das definierte Bewegungsziel ist durch zwei unterschiedliche Bereps des nachgebenden Partners erfüllbar (Zurücknahme oder Gegendruck, Kontakt bleibt erhalten). Ohne eine genauere Festlegung ist es Zufall, welchen der beiden Fälle Schüler trainieren.

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Ursache der Fehleinschätzung

Die Problematik in diesem Beispiel entsteht durch ein Funktionsäquivalent. Dabei kann ein Ziel, dass eine gewisse Funktion oder Ablauf definiert, mit mehreren Mitteln (Äquivalente) gleichwertig umgesetzt werden (Ziel 1 mit Mittel A oder Ziel 1 mit Mittel B). Wenn keine weiteren Festlegungen getroffen werden, sind beide Lösungen gleichgestellt. Der Unterschied beider Bereps erscheint zum Anfang gering, wenn doch scheinbar von außen die gleiche „Wirkung“ erzielt wird. Nur durch das Setzen zusätzlicher Bewegungsziele wird der Unterschied klarer. In der jetzigen Form ist die Übung zu undefiniert. Derartige Mehrdeutigkeiten stellen unter anderem eine hohe Hürde für Automatisierungen dar (Checkliste für Automatisierung).

Zusätzliche Bewegungsziele

Für die Zurücknahme der eigenen Hand ließe sich als zusätzliches Bewegungsziel eine Stabilisierung der eigenen Rückwärtsbewegung festlegen. Dabei soll das Zurücknehmen kontrolliert geschehen, ansonsten kann der Druck des Partners den eigenen Arm unkontrolliert in den eigenen Körper drängen und damit blockieren. Die eigene Fähigkeit zur Handlungsplanung würde damit stark eingeschränkt. Die Beibehaltung der Möglichkeit der Handlungsplanung kommt also als zusätzliches übergeordnetes Ziel 1Bei diesem Ansatz werden als Ziele eine Lösung der Bewegungsprobleme höher bewertet, als ein mögliches Ziel möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Das starke Verspannen von Muskeln verbraucht sehr viel mehr Energie als das reine Bewegen auf Basis des Agonisten/ gehemmter Antagonist. Je nach Wichtung der Ziele kann also dieser Ansatz nicht verwendet werden. hinzu.

Für die erhöhte Körperspannung werden die Muskeln des Arms starker als normal gegeneinander verspannt (Agonist und Antagonist stark angesteuert), anstatt nur „einfach“ angesteuert zu werden, wie es für Bewegungen im Alltag normal ist (Agonist angespannt, Antagonist gehemmt, geringere Gesamtspannung). Die resultierende Kraft bewegt den Arm trotz der starken Verspannung zur gewünschten Position 2Eine Beschreibung dieses Vorgangs kann bspw. mittels der „Equilibrium-Theorie“ erfolgen, siehe Schmidt und Lee. Diese höhere gegenseitige Verspannung von Muskel auch unwillkürlich beizubehalten ist ein ganz eigenes Bewegungsproblem (Überoptimierung von Bewegungen) und erfordert spezielles Training..

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Das Ziel der Bewegungsstabilisierung mittels erhöhter Körperspannung stellt eine Lösung für verschiedene Bewegungsproblems dar und wird hier detailliert erläutert. In erster Linie wird damit das Bewegungsproblem der Ausregelung von Störungen im Regelkreis gelöst. Weiterhin können bei einer hohen Ablaufgeschwindigkeit trotz Informationsarmut noch akzeptabel die eigenen Bewegungsziele erreicht werden (Kontextsensitivität als Lösungsansatz der IdI und IdD). Obwohl man also nicht genau wissen kann, welche Kraft des Partner zu welchem Zeitpunkt auf einen selbst wirkt, kann bis zur Grenze der eigenen Körperspannung damit umgegangen werden. Der unbekannte Kontext spielt keine Rolle mehr. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten und stark wechselndem Druck des Partners werden die Bewegungsziele erreicht. Erst eine saubere Definition der Bereps ermöglicht eine Dokumentation dieses Lösungsansatzes. Andernfalls ist es purer Zufall, welche Bewegung trainiert wird.

In der Skizze addieren sich alle Kräfte wieder zu der resultierenden sichtbaren Bewegung. Die resultierende Bewegung ist im Fall des Drucks des Gegners größer, als bei einer unbeeinflussten Bewegung. Allerdings lässt sich diese „Verstärkung“ der eigenen Bewegung kontrollieren, indem die Verspannung erhöht wird. Je größer die Gegenverspannung wird, umso kleiner wird der Einfluss des Gegners auf die eigene geplante Handlung.

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Wenn aber gar keine Verspannung vorhanden wäre, wird der Druck des Gegners die eigene Kraft vollständig verstärken und damit wird die eigene Bewegung noch „überholt“. Dabei geht dann jegliche Kontrolle über die eigenen Bewegungsziele verloren.

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Für die Berep des Gegendrucks wird das gleiche Bewegungsziel, nur in entgegengesetzter Richtung festgelegt. Das Vorwärtsdrücken soll kontrolliert erfolgen, auch wenn es von äußeren Kräften beeinflusst wird.

Einsatz für Bewegungen

Die Bewegung des Gegendrucks kann zum Beispiel als Element in einem Angriff verwendet werden (siehe die Elementaufteilung im Baumdiagramm). Dabei ist der Gegendruck der eigentlich aufgebaute Druck im eigenen Angriff. Trotz Gegendruck des Gegners kann bis zur Grenze der eigenen Körperspannung die eigene Bewegung „durchgezogen“ werden, unabhängig vom eignen Wissen, ob man sich durchgesetzt hat (IdI, …). Die Handlungsfähigkeit bleibt erhalten.

Fußnoten   [ + ]

1. Bei diesem Ansatz werden als Ziele eine Lösung der Bewegungsprobleme höher bewertet, als ein mögliches Ziel möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Das starke Verspannen von Muskeln verbraucht sehr viel mehr Energie als das reine Bewegen auf Basis des Agonisten/ gehemmter Antagonist. Je nach Wichtung der Ziele kann also dieser Ansatz nicht verwendet werden.
2. Eine Beschreibung dieses Vorgangs kann bspw. mittels der „Equilibrium-Theorie“ erfolgen, siehe Schmidt und Lee. Diese höhere gegenseitige Verspannung von Muskel auch unwillkürlich beizubehalten ist ein ganz eigenes Bewegungsproblem (Überoptimierung von Bewegungen) und erfordert spezielles Training.

Der Artikel wurde am 25. Oktober 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.