Einführung Überlastungserscheinungen

Hintergrund

Das Modell Regelkreis ist in der jetzigen Form stark idealisiert. Jede Komponente erfüllt „per Definition“ ihre Funktion. Allerdings hat jede Komponente weitere spezielle Eigenschaften, welche zu dem „realen“ Verhalten eines Regelkreises führt. Die Übertragungsfunktion ist ein Ausdruck dieses Verhaltens und zeigt, dass der Regelkreis bei gewissen Belastungen an seine Grenzen gerät. Über diese Grenzen hinaus kann der Regelkreis dann nicht mehr seine Funktionen erfüllen.

Eine typische Eigenschaft sind Zeitverzögerungen. Zum Beispiel kostet die Interpretation von Informationen Zeit („Totzeit“).

 

DE_Erweiterter_Regelkreis_mit_innerem_Modell_02

 

Dieser Zeitverlust kann dafür sorgen, dass schnelle Abläufe zwar wahrgenommen, aber die Zeit nicht mehr ausreicht, um die Muskeln anzusteuern. Bei geringen Geschwindigkeiten ist dieser Anteil verschwindend gering. Was sind schon Millisekunden, wenn die ganze Bewegung eine Sekunde benötigt? Diese Zeit ist im Verhältnis zur gesamten benötigten Zeit der Bewegung nicht relevant. Bewegungen des Gegners können aber auch eine Bewegungszeit von weniger als eine Sekunde erfordern, vielleicht sogar in Richtung weniger 100 Millisekunden. Dann dreht sich das Verhältnis. Plötzlich verbraucht die Interpretation der Informationen zu viel Zeit.

 

DE_Einführung_Überlastungserscheinungen_01

 

Dieser Effekt sorgt für die Phasenverschiebung im Bode-Diagramm. Man fängt an hinterherzuhängen und die eigene Reaktion verläuft zum Angriff nicht mehr synchron. Bei speziell konstruierten Bewegungen und Geschwindigkeiten kann das dazu führen, dass man genau entgegengesetzt zum Partner eine Bewegung ausführt, obwohl man alles daran setzt sich mit ihm synchron zu bewegen.

 

DE_Einführung_Überlastungserscheinungen_02

 

Einschätzung des Regelkreises

Jeder Anteil im Regelkreis sorgt mit seinem Verhalten in Überlastungssituationen für bestimmte Effekte. Das Gute daran ist, dass diese Effekte einen tiefen Einblick in den aktuellen Zustand des inneren Regelkreises eines Menschen liefern. Wenn man Schüler direkt fragt, welche Eindrücke sie in einer Situation gewonnen haben, sind sie meist überfordert. Die sichtbaren Effekte liefern an dieser Stelle viel genauer diejenigen Informationen die benötigt werden, um die Bewegung und deren Regelkreis einzuschätzen. Mit Hilfe dieses Wissens kann sehr genau herausgearbeitet werden, welche „Stellschrauben“ zur Verfügung stehen, um eine Bewegung zu verbessern. So gesehen sind Überlastungserscheinungen der einzige direkte Zugang zur inneren Bewegungsplanung eines Menschen. Jede Aussage eines Schülers kann durch unzureichendes Körpergefühl oder fehlendes Verständnis der Abläufe nicht die „wahren“ inneren Abläufe widerspiegeln. Im Gegensatz dazu können Überlastungserscheinungen nur in sehr geringem Maße gefälscht werden1Es ist möglich Überlastungserscheinungen zu fälschen. Allerdings setzt das eine sehr niedrige Geschwindigkeit voraus. Der Regelkreis darf noch nicht überlastet sein, um diese Art der Effekte erfolgreich zu simulieren. Sobald man sich in Richtung Übergangsbereich im Bode-Diagramm bewegt, ist diese Randbedingung nicht mehr erfüllt. Dann treten die „wahren“ Überlastungserscheinungen auf, ohne mögliche Einflussnahme..

Einschätzung der Leistungsfähigkeit

Die Bestimmung der Zustände der Elemente des Regelkreises kann verwendet werden, um die Leistungsfähigkeit von Bewegungen einzuschätzen. Mit Hilfe von Belastungstests werden Bewegungen systematisch an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt. Die auftretenden Effekte werden ausgewertet und lassen Rückschlüsse auf die innere Bewegungskonstruktion zu. Viele Bewegungen von verschiedenen Menschen sehen von außen betrachtet gleich oder ähnlich aus. Allerdings täuscht dieser Eindruck. Jedes Element im Regelkreis kann anders belegt sein und trotzdem entstehen ähnliche Bewegungen (z.B. Mehrdeutigkeit Berep). Das mancher Schüler im Training über Jahre hinweg sein Niveau kaum heben kann, während andere an ihm vorbeiziehen, hängt nicht nur mit den körperlichen Voraussetzungen zusammen. Ein gewisser Teil davon hängt von der Art und Weise der inneren Bewegungskonstruktion ab. Körperliche Voraussetzungen können mit Übungen an ihre Potentialgrenzen gebracht werden. Das Gleiche gilt für die Elemente des Regelkreises. Bestimmte Kombinationen sind leistungsfähiger. Es ist zum Beispiel ein großer Unterschied, ob Schüler versuchen viele Abläufe zu identifizieren, um dann mittels Wahlreaktionen eine Lösung zu finden. Dieser Ansatz funktioniert nur bis zu bestimmten Grenzen. Wenn Gegner die Arbeitspunkte höher legen (schneller angreifen) und diese Grenzen überwinden, kann man noch Jahre weiter trainieren. Die innere Bewegungskonstruktion lässt nur diese Grenzen zu. Eine Verschiebung der Grenzen gelingt nicht in dieser Kombination. Erst mit einer anderen Auslegung der Elemente, zum Beispiel auf die detaillierte Identifizierung zu verzichten, lässt sich die Grenze weiter verschieben und man kann mit höheren Arbeitspunkten erfolgreich umgehen.

Auftreten von Überlastungserscheinungen

Die meisten Überlastungserscheinungen treten nicht dauerhaft auf. Meistens sind es Effekte, welche bei Bewegungsabläufen kurz auftauchen und dann wieder verschwinden. Die Begründung liegt darin, dass es kaum möglich ist, ständig die nötigen Geschwindigkeiten oder Kräfte aufzubringen, um in diese Bereich vorzustoßen. Während man zum Beispiel selbst so schnell wie möglich eine Bewegung ausführt, gerät man mit der eigenen Bewegung in den Deklassierungsbereich. In diesem kurzen Moment kann man keine Bewegungsanpassung durchführen und ist in der ablaufenden Bewegung gefangen (keine Reaktion). Da diese Momente immer nur sehr kurz sind, fallen die Überlastungserscheinungen erst auf, wenn die Effekte sehr stark werden. Oftmals sind die Konsequenzen für die Überlastung auch so gering, dass dem Effekt keine Beachtung geschenkt wird. Wer es gewohnt ist, weiß, wonach er suchen muss. Für alle anderen bleiben diese Dinge verborgen.

Überlagerung der Effekte

Viele der Überlastungserscheinungen sind immer vorhanden. Das bedeutet, sie sind Teil einer jeden Bewegung und überlagern sich gegenseitig. Im obigen Beispiel war die Phasenverschiebung durch die Konstruktion als Reaktion auch von vornherein immer vorhanden. Nur war deren Anteil an der gesamten Bewegung sehr gering. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Effekten im Überlastungsbereich. Jeder Effekt wird bei ansteigender Geschwindigkeit und Kraft an Stärke zunehmen, mancher stärker, mancher schwächer. Es hängt immer von der Auslastung der einzelnen Komponenten des Regelkreises ab, welche Effekte sich einstellen. Es kann vorkommen, dass bestimmte Effekte sich gegenseitig verstärken oder mit der Lösung eines Effekts sofort ein anderer Effekt auftritt. An dieser Stelle kann es vorkommen, dass man versucht „den Teufel mit dem Beelzebub“ auszutreiben. Wer wie im obigen Beispiel versucht die Grenze einer Wahlreaktion mit einem geringeren Grad der Identifizierung zu lösen, muss damit rechnen, dass ihm zu wenige Informationen zur Verfügung stehen. Wer aber seine Handlungsplanung zu früh abschließt und die Bewegung startet, läuft Gefahr, in nicht betrachtete parallel ablaufende Varianten hineinzulaufen. Damit hat man das eine Problem gelöst, sich aber ein neues Problem geschaffen.

Fußnoten   [ + ]

1. Es ist möglich Überlastungserscheinungen zu fälschen. Allerdings setzt das eine sehr niedrige Geschwindigkeit voraus. Der Regelkreis darf noch nicht überlastet sein, um diese Art der Effekte erfolgreich zu simulieren. Sobald man sich in Richtung Übergangsbereich im Bode-Diagramm bewegt, ist diese Randbedingung nicht mehr erfüllt. Dann treten die „wahren“ Überlastungserscheinungen auf, ohne mögliche Einflussnahme.

Der Artikel wurde am 18. Februar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.