Einführung in Bewegungsdokumentationen

Motivation

Bewegungsdokumentationen stellen immer einen Kompromiss dar. Auf der einen Seite steht eine ausführliche Dokumentation, deren Nutzen für Außenstehende nicht immer direkt nachvollziehbar ist. Ausführliche Analysen mit Diagrammen und langen Ablaufsequenzen werden von Trainierenden als Ballast empfunden. Diese Einstiegshürde wirkt abschreckend. Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit Details zu dokumentieren, welche Bewegungen im Ganzen definieren. Der Verlust der Details führt zu Bewegungen, welche gesteckte Ziele nur sehr unvollständig erfüllen. Eine reine Ablaufdokumentation der Bewegungen ist immer nur der Anfang. Der Fokus der hier vorgestellten Bewegungsdokumentation liegt auf den definierbaren Bewegungsproblemen und den daraus abgeleiteten Bewegungszielen. Erst ein Verständnis der umfangreichen Einflüsse von Bewegungsproblemen wird den Aufwand rechtfertigen. Als Folgeschritte lassen sich Lehrpläne erstellen und die didaktische Vorgehensweise klären.

An dieser Stelle möchte ich kurz einige Punkte berechtigter Kritik an der dieser Dokumentation vorwegnehmen. Es wird vielleicht von Manchem zu Recht die trockene, die leblose, ja fast technokratische Vorgehensweise kritisiert. Dieser Punkt lässt sich nicht von der Hand weisen. Bewegungen sind eben eher ein lebendiger Fluss, als eine erstarrte tote Masse, welche mittels Mitteln der Bürokratie in Form gepresst werden. Dokumentationen können diese gefühlsmäßigen Aspekte nie ganz erfassen. Aber eben um Schüler zu diesem Erfassen hinzuführen, bedarf es einiger Festlegungen. Die vorgestellten Dokumentationsformen möchte ich weniger als alles erstickende Zwangsjacke verstanden wissen, als vielmehr ein Rahmengerüst, an dem man sich bei Bedarf festhalten kann. Schlechte sprachliche Definitionen können sich auch im entgegengesetzten Fall als zu ungenau für die Wissensvermittlung herausstellen. Manch einer tarnt sein „Wissen“ durch ungenaue Sprache und überlässt die Interpretationen dem Zuhörer. Das dann Vorgebrachte kann alles und nichts bedeuten; der Laie meint aber darin eine Vielschichtigkeit zu erkennen und hängt dem Redner an den Lippen.

Douglas Hofstadters Zitat bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt:

Wenn Wörter Schrauben und Muttern wären, brächten Menschen es fertig, dass jede beliebige Schraube in jede beliebige Mutter paßte; sie würden einfach das eine in das anderen hineinpressen, wie in einem surrealistischen Bild, wo alles weich wird. In den Händen der Menschen wird Sprache trotz ihrer grobkörnigen Komponenten fast zu Flüssigkeit.

Der zweite Punkt umfasst den teilweise großen Umfang und das damit verbundene Verschrecken für den Einstieg. Die entstehenden Dokumente erreichen schnell einen Punkt, an dem man geneigt ist aufzugeben. Ich kann nur empfehlen in kleinen Schritten zu beginnen und sich im Klaren zu sein, dass jedes neue Fachgebiet Interesse und Hingabe bedarf. Das Denken wird mit einer einsetzen Routine schneller und die nötigen Dokumente sind innerhalb von wenigen Minuten erstellt. Der Lohn stellt sich nach einigen Monaten ein, wenn langsam und stetig ein Überblick entsteht, welcher ohne die Dokumente kaum möglich gewesen wäre.

 

Dokumentationsform

Bei den Formen der Dokumentation bewegt man sich in der Bandbreite einer einfachen bis zu einer sehr detaillierten Form. Es genügen meist Stift und Papier oder eine Tafel, um Schülern im Training bestimmte einfache Zusammenhänge zu veranschaulichen. Für die eigene Dokumentation wird man um umfangreiche Dokumente in Papierform oder in digitaler Form nicht umhinkommen. In Zwischenschritten können kleinere Einheiten für Schüler und deren Dokumentation aus den Detailplanungen erstellt werden.

 

Abkürzungen

Zum Anfang sollte man sich mit seinen Partnern auf ein Abkürzungssystem einigen. Andernfalls werden Beschreibungen zu umfangreich. Dabei sollten immer „sprechende“ Abkürzungen gewählt werden. Anfangsbuchstaben oder Buchstabenkombinationen aus den Silbenanfängen haben sich bewährt. Groß- und Kleinschreibung kann helfen schneller zwischen Verben, Adjektiven und Körperteilen zu unterscheiden. Nach einem Übergangszeitraum sollten dann die gewählten Abkürzungen überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

 

Beispiel:

Diagonales Greifen des linken gegnerischen Handgelenks

Wird zu

Griff dia lg HG

(Griff diagonal links gegnerisch HandGelenk)

 

Elemente einer Dokumentation

Es gibt zu diesem Thema umfangreiche Literatur (z.B. R. Wollny). Die hier vorgestellten Elemente sind als Grundlage zu verstehen, um die Intentionen des Blogs umzusetzen. Bei den einzelnen Elementen unterscheide ich zwischen der Bewegungsdokumentation und den Elementen, welche zu einem Verständnis der Bewegungen führen. Diese Elemente helfen, um die Bewegungsplanung nachzuverfolgen und bei Bedarf selbst Anpassungen vorzunehmen (Imitations- und Emulationslernen als übergeordnetes Ziel des Blogs). Die folgende Liste gibt einen kurzen Überblick und kann aber nur die Richtung aufzeigen. Die Details dieser Punkte werden in weiteren Artikeln vorgestellt. Diese Liste ist nicht abschließend.

 

Liste der Elemente

Bei dieser Dokumentation unterscheide ich zwischen sichtbaren und nicht sichtbaren Elementen. Sichtbare Elemente umfassen alle Elemente, welche von Beobachtern direkt wahrgenommen werden können. Nicht sichtbare Elemente umfassen diejenigen Elemente, welche vom Ausführenden in Form von aktiver Instruktion weitergegeben werden müssen. Es ist auffällig, wie viele Elemente sich in der nicht sichtbaren Liste befinden. Dieser Umstand sollte eine erste Warnung sein, dass die Dokumentation von Bewegungen sich vor allem um diese nicht sichtbaren Aspekte dreht. Ohne eine aktive Instruktion dieser Zusammenhänge verlieren Bewegungen schnell an Wert.

 

Sichtbare Elemente bei Bewegungen

  • Körperstellung
  • Zeitlicher Ablauf der Bewegung
  • Resultierende Kraft beim Aufeinandertreffen mit dem Gegner

 

Nicht sichtbare Elemente bei Bewegungen

  • Wahl/ Wechsel der Ziele
  • Wahl/ Wechsel der Mittel
  • Einbeziehung von Ablaufalternativen
  • Entscheidungskriterien und Heuristiken
  • Aufmerksamkeitspunkt und dessen Veränderung
  • Zu beobachtende Merkmale und Muster (Ziel-Reiz, …)
  • Bewegungsrepräsentation
  • Körpervorspannung, -verspannung
  • Kräfteverteilung beim Aufeinandertreffen (Querkräfte inbegriffen)
  • Antizipationsversuche
  • Abhängigkeiten von Elementen untereinander

 

Didaktik

Die Vermittlung der obigen Elemente stellt hohe Anforderungen an die Didaktik. Es gilt sicherzustellen, dass die Elemente den Schüler auch in verständlicher Form erreichen. Die hier vorgestellten Elemente sind wieder nur ein Ausschnitt, um die Ziele des Blogs zu erreichen. Die umfangreiche Literatur zu Didaktik wird hier nicht behandelt.

In einem ersten Schwerpunkt wird die Informationsweitergabe selbst untersucht. Die Weitergabe erfordert meist Vereinfachungen der Sachverhalte. Vereinfachende Regeln können die Aspekte eines komplexen Sachverhalts selten vollständig transportieren. Deswegen sollten Regeln einer Art „Rückwärtsprüfung“ unterworfen werden. Dabei versucht man aus den Regeln „rückwärts“ auf die allgemeineren Sachverhalte zu schließen. Diese Prüfung sollte sicherstellen, dass Schüler auch die Möglichkeit haben aus den Regeln eigene Gedankengänge zu entwickeln und nicht in einem Stadium der Abhängigkeit von Regelwerken zu verharren. Die Regeln müssen überarbeitet werden, wenn die getroffenen Interpretationen zu stark von den eigentlichen Aspekten abweichen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in den Diskussionen der Unterschiede zwischen Training und Anwendung. Die Mischung aus hohem Stress, Verletzungsrisiko usw. lässt ein direktes Training der Anwendungssituationen meist nur bedingt zu. Die schrittweise Annäherung an diese Situationen muss als Ziel immer im Hinterkopf behalten werden. Allerdings stehen sich im Training damit gegensätzliche Anforderungen gegenüber. Denn gerade Schüler in den Anfangsphasen vor dieser Art der Überlastung zu schützen hat Priorität vor der „Realitätsnähe“ des Trainings. Die schrittweise Annäherung erfordert ständige Kompromisse. Es gilt die akzeptablen Unterschiede zwischen Training und Anwendung herauszuarbeiten. Wenn eine Annäherung in letzter Konsequenz nicht möglich ist, müssen Maßnahmen getroffen werden, damit die Unterschiede nicht zu einem falschen Verständnis führen. Große Abweichungen erhöhen die Chance, dass die Bewegungen in späteren Anwendungen nicht gelingen. Die in diesem Fall getroffen Entscheidungen und die Wahl der Strategien unterliegen dann wieder eigenen Regeln. Die Rechtfertigungen müssen in Lehrplänen separat dokumentiert werden.

 

Ansätze

  • Methodische Reihen
  • Verbalisierung
  • Visualisierung
  • Rollenspiele

 

Arbeitstechniken zur Analyse und Synthese

Mit Hilfe der Arbeitstechniken setzt man sich mit den gestellten Bewegungsproblemen auseinander. Die Ergebnisse der Analysen werden in Folgeschritten für Lösungsansätze verwendet.

 

  • Auswahl und Bewertung von Zielen und Mitteln
  • Checkliste für Antizipation/ Reflexe/ Kommunikation/ Merkmale und Muster/ …
  • Baumdiagramme
  • F-T-Matrix für Worst-Case Betrachtungen
  • Mechanische Freiheitsgrade
  • Diskussion der dynamischen Kräfte
  • Krafterzeugung, -quellen
  • Kontrolle eigener Muster/ Merkmale
  • Kontrolle und Auslegung der Körperspannung
  • „Rückwärtsanwendung“ der Checklisten gegenüber Gegnern
  • Kontextsensitive Bewegungen
  • Lerntheorien
  • Automatisierungsansätze
  • Getriebeansätze
  • Vor-/ Nachteile, Grenzen der Lösungsansätze
  • Vergleich zu anderen Lösungen

Der Artikel wurde am 6. August 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.