Einsatz von Heuristiken

Hintergrund

Heuristiken wendet man ständig an. Selten bleibt im täglichen Leben die Zeit für umfangreiche Analysen (siehe Heuristiken und Scherenmodell). In den Kampfkünsten ergeben sich zwei große Bereiche für die Anwendung, im Kampf und im Training.

 

Einsatz in Kampf

Für Kampfkünste hat der Einsatz von Heuristiken eine sehr hohe Relevanz. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit für Sensorik im Körper ist begrenzt. Heuristiken für Mustererkennung helfen bereit an diesen Stellen fehlende Informationen zu ergänzen (siehe Top-down-Verfahren). Anfänger können schnellen Bewegungen kaum folgen. Experten sehen jede Bewegung, jeden Fehler, sofort. Nicht weil Experten besser „sehen“ könnten, sondern weil diese das wenige verfügbare Wissen besser verknüpfen (siehe Bowler und Schach). Trotzdem sind die damit verfügbaren Informationen für Handlungsplanungen bei hohen Geschwindigkeiten sind nur sehr eingeschränkt nutzbar (siehe IdI). Durch diese Einschränkungen fallen viele Entscheidungen für oder gegen Bewegungen im Kampf genau in den Bereich von Heuristiken. Es ist ein typischer Anfängerfehler im Kampf den Versuch zu starten zu viele Informationen zu sammeln. Mit geschickten Vorüberlegungen und Hintergrundwissen lassen sich für viele Situationen ausreichend passende Heuristiken bilden, welche zwar nicht immer die optimale Lösung, dafür aber sicher und schnell überhaupt eine Lösung, liefern.

Verlust des Zeitvorteils

Durch diesen Ansatz ergibt sich in die gegenteilige Richtung aber auch ein Nachteil. Wenn eine vorhergehende Analyse nicht systematisch erfolgt, werden Annahmen getroffen, welche später nicht zum Einsatzziel passen. Nicht betrachtete Varianten werden dann in der Mustererkennung nicht mit eingearbeitet. Die Mustererkennung versagt dann (siehe die oben genannte Schachstudie). Man fällt auf das Erkennungsniveau eines Anfängers zurück, obwohl die eigenen Bewegungsplanungen auf den Zeitvorteil der Heuristik gesetzt haben oder diesen sogar zwingend benötigen.

Die folgende Skizze stellt zwei Zeitverläufe mit und ohne Einsatz einer Heuristik gegenüber. Der entstehende Zeitverlust kann zum Scheitern der ganzen Bewegung führen.

 

DE_Einsatz_von_Heuristiken_01

 

Einsatz im Training

Im Training verhält es ähnlich. Statt langwierigen Analysen werden Bewegungen mit Hilfe von Heuristiken zusammengestellt. Dabei fließen Erfahrung mit Bewegungselementen und aktuell gestellte Anforderungen (Niveau der Schüler, …) gleichermaßen ein. Dabei wird es problematisch, wenn die Heuristiken und die Umgebung (siehe Scherenmodell) nicht ausreichend definiert wurden. Schnell geht die Einordnung in die Umgebung verloren und die Heuristik wird fälschlich in falschen Umgebungen angewendet. Wenn dann nicht eine regelmäßige Überprüfung der Heuristik stattfindet, setzt sich diese Anwendung als „richtig“ fest (siehe Strategieausbildung …).

Der umgekehrte Weg, also im Training immer mit umfangreichen Analysen zu arbeiten (Einbeziehung Ziele, …) ist aber auch kein möglicher Weg. Schüler werden dann mit Wissen überfrachtet und das eigentliche Training bleibt auf der Strecke. Die Crux beim Unterrichten liegt also darin, wie die komplexen Probleme mit Hilfe von gebildeten Heuristiken heruntergebrochen werden, ohne die obigen genannten Fehler zu begehen. Es kann an dieser Stelle fast schon zu tragischen Trainingskonstellationen kommen. Im Extremfall schafft es der Lehrende nicht sein eigenes Wissen in strukturierter Form an seine Schüler weiterzugeben. Die Güte sinkt dann stark ab und Bewegungen werden nicht mehr sauber an Folgegenerationen weitergegeben (siehe Wagenhebereffekt).

In der folgenden Skizze wird dieser Umstand angedeutet. Die konstruierte Bewegung mit Hilfe aller Zusammenhänge kann mit den verfügbaren Heuristiken nicht völlig abgebildet werden. Wenn man also die gewählten Bewegungselemente aus beiden Konstruktionen (Analyse gegenüber Heuristik) vergleicht, ergeben sich starke Unterschiede (in Skizze durch Farben angedeutet). Damit ist ein Aufbau der Bewegung mit Hilfe der Heuristik fehlgeschlagen und die im Artikel Wagenhebereffekt angesprochenen Probleme kommen voll zum Tragen.

 

DE_Einsatz_von_Heuristiken_02

 

Aus diesem Grund ist eine Schritt-für-Schritt Entwicklung von Bewegungen nötig. Andernfalls legt sich, bildlich gesprochen, immer ein Schleier zwischen der sauber geplanten Bewegung und der Nachkonstruktion mit Hilfe von Heuristiken. Das eigene Vorankommen wird damit erschwert und es wird einem ein Verständnis vorgegaukelt, welches sich bei umfangreicheren Analysen als „Scheinverständnis“ herausstellt.

Das Abnehmen der Güte ist auch ein Effekt durch die scheinbare Aufwandslosigkeit in der Anwendung von Heuristiken (siehe Kahnemann, System 1 und System 2). Langwierige Analysen benötigen nicht nur mehr Zeit, es ist auch gedanklich viel anstrengender. Es ist verständlich, wenn man sich dann mehr auf Heuristiken verlässt.

Der Artikel wurde am 13. Oktober 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.