Entwicklung auf Basis von Bewegungsansätzen

Motivation

Der Aufwand zur Entwicklung einer Bewegung kann sehr hoch sein. Es sind sehr viele Schleifen im Bewegungsentwurf notwendig, bis die Bewegung den Anforderungen entspricht. Alle Anteile werden Schritt für Schritt ausgewählt, geprüft und bei Bedarf angepasst. Im Gegenzug kann es im ersten Moment Vorteile bringen Anforderungen nicht zu erfüllen (z.B. Vereinfachung für Schüler). Das Nicht-Erfüllen von Anforderungen kann aber später dazu führen, dass Bewegungen in einer späteren Anwendung fehlschlagen oder die Leistungsfähigkeit nur stark eingeschränkt ist.

 

DE_Grundlagen_von_Bewegungsentwicklungen_03

 

Die Entwicklung auf Basis von Bewegungsansätzen kann ein Kompromiss sein. Statt Anforderungen aus Zeitgründen nicht zu erfüllen1Anforderungen können bewusst nicht erfüllt werden. Es muss nicht negativ sein. Unterrichtbarkeit, Zeitersparnis oder Vereinfachungen zum Bewegungslernen können als Ziele höher stehen als die Leistungsfähigkeit der Bewegung., wird auf vorgefertigte und geprüfte Bewegungsansätze zurückgegriffen. Sie sind eine Vor-Form einer Bewegung und bilden den Zustand des Regelkreises und seiner Elemente ab. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin nach dem Start der Betrachtung relativ schnell zu einem „Grundgerüst“ einer Bewegung zu gelangen.

 

Beispiel

Einfachreaktion

  • Auswahl der Reaktion vor der Reizwahrnehmung
  • Reiz wird wahrgenommen
  • Reaktion wird ausgeführt

 

An dieser Stelle sind also noch keine Bewegungselemente ausgewählt worden. Trotzdem bestimmt diese Vor-Form der Bewegung viele Eigenschaften der späteren Bewegung. Eigenschaften wie Ablaufgeschwindigkeit, Handlungsfähigkeit während des Ablaufs oder Umgang mit Überlastungen werden an dieser Stelle festgelegt.

 

Beispiel

Einfachreaktion

  • Vorteile
    • Schneller als andere Reaktionsarten (hohe Ablaufgeschwindigkeit)
    • Erlaubt für gewählten Reiz eine sehr kurze Reaktionszeit
    • Keine Auswahl der Bewegung (vor Auftauchen des Reizes ausgewählt)
  • Nachteile
    • Reize müssen vorhanden sein
    • Reize müssen detektierbar sein

Einordnung in der Bewegungsentwicklung

Der Ansatz über Bewegungsansätze lässt sich bei der Entwicklung als Zwischenstufe zwischen den Anforderungen, deren Priorisierung und der Wahl der Mittel einordnen.

 

Entwicklung_auf_Basis_von_Bewegungsansätzen_01

 

Der Vorteil dieser Ebene ist deren Flexibilität. Das Grundgerüst steht mit wichtigen Eigenschaften als Basis der Bewegung. Der weitere Entwurf der Bewegung erlaubt die freie Wahl von Elementen und ist damit noch nicht so stark eingeschränkt. Im späteren Entwurf der Bewegung kann immer wieder auf diese frühe Ebene zurückgewechselt werden, um Mittel neu auszulegen.

Abgleich Anforderungen und Ansätze

Jeder Bewegungsansatz hat bestimmte Eigenschaften. Diese Eigenschaften bieten Vor- und Nachteile, welche mit den Anforderungen abgeglichen werden. Wenn die Anforderungen es erlauben, kann auf den Ansatz zurückgegriffen werden. Im folgenden Beispiel werden die Eigenschaften Flexibilität bei notwendigen Anpassungen gegenüber Ablaufgeschwindigkeit bei zwei Reaktionsarten gegenübergestellt.

 

Beispiel

Eigenschaft Flexibilität

  • Einfachreaktion
    • Fehlschläge, wenn festgelegte Reaktion auf unpassende Abläufe trifft
  • Wahlreaktion
    • Erlaubt Anpassungen, wenn Abläufe eine andere Reaktion erfordern

Eigenschaft Geschwindigkeit

  • Einfachreaktion
    • Bedeutend schneller als Wahlreaktion
  • Wahlreaktion
    • Je nach Aufwand der Unterscheidung der Abläufe kann Wahlreaktion sehr langsam sein

 

An dieser Stelle zeigt sich, dass beide Reaktionsarten je einen starken Vor- und Nachteil haben. Nach dieser Einschätzung kann entschieden werden, welcher Reaktionstyp für die Anforderungen passender ist. Wenn beide Eigenschaften gleichermaßen benötigt werden, können die Ansätze in dieser Form (als Reaktion) keine Lösung bieten2Über Abstufungen der Anforderungen (Wie schnell muss es sein?) lassen sich trotzdem Lösungen finden..

 

Entwicklung_auf_Basis_von_Bewegungsansätzen_02

Katalog der Bewegungsansätze

In den Ingenieurswissenschaften gibt es für die systematische Erarbeitung von Lösungen sogenannte „Konstruktionskataloge“. Diese Kataloge beinhalten eine große Anzahl an Lösungsansätzen für den systematischen Konstruktionsentwurf bei typischen Anforderungen.

Für Bewegungen kann in ähnlicher Form ein „Katalog der Bewegungsansätze“ zusammengestellt werden. Darin lassen sich typische Bewegungsansätze mit deren Eigenschaften finden. Dieser Katalog hilft bei typischen Anforderungen schnell zu Lösungen zu gelangen.

Unterschied zu „bewährten“ Bewegungen

Wenn man immer wieder mit den gleichen Anforderungen konfrontiert wird, setzen sich irgendwann bewährte Bewegungen durch. Diese haben im Laufe der Zeit gezeigt, dass sie „funktionieren“. Der Vorteil beim Einsatz dieser Bewegungen liegt in der damit verbundenen Sicherheit zum Erfolg zu kommen. Der Nachteil solcher Bewegungen liegt im eingeschränkten Transfer bei wechselnden Umgebungen. Nicht immer gelingt dieser Transfer in eine neue Umgebung mit anderen/ ähnlichen Anforderungen. Die Folge können langwierige Versuche sein, die Bewegung wieder zum „funktionieren“ zu bringen. Im schlimmsten Fall wird die Bewegung die Anforderung nicht erfüllen können.

Bewegungsansätze sind an dieser Stelle flexibler. Da nicht die Mittel der Ausgangspunkt sind, kann jederzeit wieder auf die Vor-Ebene der Bewegungsansätze zurückgekehrt werden. Neue Anforderungen können durch Austausch der Ansätze schneller bearbeitet werden. Der Nachteil liegt in der Notwendigkeit erneut die Mittel auswählen zu müssen. Man tauscht also Flexibilität mit dem Zeitverlust wieder zu einer anwendbaren Bewegung zu kommen.

 

Durchführung

  1. Grobe Festlegung der Ziele und Anforderungen
  2. Priorisierung der wichtigsten zwei bis drei Anforderungen
  3. Bestimmung der damit verbundenen Eigenschaften der Bewegung
  4. Abgleich der Anforderungen mit „Katalog der Bewegungsansätze“
  5. Auswahl eines Bewegungsansatzes
  6. Auswahl möglicher Mittel

 

Danach folgen die weiteren Abläufe und Schleifen einer Bewegungsentwicklung (Belastungstests, Bewertung, …).

Fußnoten   [ + ]

1. Anforderungen können bewusst nicht erfüllt werden. Es muss nicht negativ sein. Unterrichtbarkeit, Zeitersparnis oder Vereinfachungen zum Bewegungslernen können als Ziele höher stehen als die Leistungsfähigkeit der Bewegung.
2. Über Abstufungen der Anforderungen (Wie schnell muss es sein?) lassen sich trotzdem Lösungen finden.

Der Artikel wurde am 28. Mai 2016 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.