Fehlschlüsse bei der Bewertung von Bewegungen

Hintergrund

Die Bewertung von Bewegungen ist durch die Komplexität der Abläufe sehr schwierig und muss sehr vorsichtig erfolgen. Einfache Ursache-Wirkung-Zusammenhänge können selten gebildet werden. Die starken Verkettungen und Abhängigkeiten sorgen für schwer zu durchschauende Rückwirkungen. Diese Problematik wird mit Hilfe ganzheitlicher Betrachtungen reduziert. Damit werden Fehler bei Bewertungen tendenziell verringert oder vermieden.

Dieser Artikel stellt einige typische Fehlschlüsse bei der Bewertung von Bewegungen vor. Dabei stehen Fehlschlüsse im Fokus, welche durch die Komplexität hervorgerufen werden.

Beispiel

Im Training wird ein Konter zu einem Schlag vorgestellt. Der Angreifer führt den Schlag aus. Der Verteidiger kontert die Bewegung erfolgreich. Die erfolgreiche Abwehr wird als Bewertungskriterium genutzt. Der Erfolg führt zur Einschätzung, dass die Bewegung „funktioniert“ und die geforderte Leistung (Abwehr des Angriffs) erreicht wird.

Fehlschluss der Bewertung

Eine Bewertung der Bewegung, dies sei eine „gute“ Bewegung – im Sinne von leistungsfähig, kann in dieser Form nicht gesichert erfolgen. Das Bewertungskriterium ist nicht ausreichend valide (siehe Validität). Die Einschätzung der Leistungsfähigkeit kann nur bedingt auf Grund weniger Versuche erfolgen. Die Bewegung ist in der vorgestellten Form zu unbestimmt, da viele Störfaktoren nicht mit betrachtet werden.

 

Zuordnungen von Ursache und Wirkung

In der folgenden Übersicht werden in Kurzform die typischen Zuordnungen für Ursache-Wirkung-Zusammenhänge vorgestellt. Sie bilden die Grundlage für die Beschäftigung mit Fehlschlüssen bei der Bewertung von Bewegungen.

Definitionen

 

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Typische Fehlschlüsse

Die folgenden Fehlschlüsse sind typisch bei der Bewertung von Bewegungen. Sie treten vor allem durch die hohe Komplexität auf.

Fehlschlüsse durch Konfundierung

Der Einfluss von Störfaktoren bei der Bewertung von Bewegungen ist sehr hoch. Der Ursache-Wirkung-Zusammenhang, z.B. Angriff führt zu Abwehr, kann in dieser Konstellation nicht gewährleistet werden. Typische Störfaktoren sind Überlastungen, welche bei dem Entwurf und dem Training von Bewegungen nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Beim späteren Einsatz der Bewegung können derartige Störfaktoren dominant werden. Die auftretenden Überlastungen der Wahrnehmung oder des Regelkreises führen zu systematischen Fehlschlägen. Ein Angriff führt dann nicht mehr systematisch zu einer Abwehr.

Beispiel

In der folgenden Darstellung wird als Beispiel ein Angriff (Ursache) einer Abwehr (Wirkung) gegenübergestellt1Das Beispiel ist stark vereinfacht. Eine solche Zuordnung ist nicht direkt möglich. Eine bessere Konstruktion eines Ursache-Wirkung-Zusammenhangs unter Einfluss von Störfaktoren trifft keine strenge generelle Unterscheidung zwischen Angriff und Abwehr.. Die Abwehr wird dabei als Reaktion auf den Angriff konstruiert. Im Training gelingt die Abwehr. Der Störfaktor der Überlastung ist schwach verknüpft (z.B. niedrige Ablaufgeschwindigkeit) und wirkt deswegen nur gering (Pfeildicke entspricht der Stärke des Zusammenhangs). Im Einsatzfall schlägt die Abwehr fehl. Der Störfaktor der Überlastung ist dominanter verknüpft (z.B. signifikant höhere Ablaufgeschwindigkeit). Er wirkt stärker und verändert die Wirkung. In diesem Fall schlägt die Abwehr fehl.

 

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Fehlschlüsse bei Multikausalität

Bewegungen zeichnen sich durch das komplexe Zusammenwirken vieler Ursachen aus, welche eine gemeinsame Wirkung erzielen. Ein typischer Fehlschluss entsteht bei der Betrachtung der beteiligten Bewegungselemente, welche zur Wirkung beitragen. Die Anzahl der Elemente für eine Wirkung wird zu niedrig angesetzt, also wichtige beteiligte Elemente werden nicht betrachtet. Ein weiterer Fall ist eine zu niedrige Wichtung der Einflüsse. Elemente mit einem starken Einfluss werden nur schwach verknüpft.

Beispiel

In dem folgenden Beispiel besteht eine Abwehr gegen einen Schlag des Gegners aus drei gleichzeitig ablaufenden Bewegungselementen (Konterschlag, abwehrende Bewegung des Schlags und einem kleinen Schritt). Die Elemente werden in einer ersten Analyse als Mind-Map dargestellt und Ziele (nicht ausformuliert) zugeordnet2Die Darstellung ist stark vereinfacht. Ausformulierte Ziele würden die Darstellung unnötig verkomplizieren..

 

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Im Anschluss wird der Ursache-Wirkung-Zusammenhang gebildet. In diesem ersten Analyseschritt wird die Ursache des kleinen Seitwärtsschritts nur sehr schwach verknüpft. Die Elemente Konterschlag und Abwehrbewegung scheinen ursächlich den größten Einfluss zu haben und am stärksten zur erfolgreichen Abwehr beizutragen.

 

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Bei weiteren Analyseschritten (z.B. Belastungstests) zeigen sich starke Störfaktoren durch Überlastungen der Kraft. Der Angriff des Gegners überwindet immer wieder die Kraftbelastungsgrenze der Abwehrbewegung (höherer Arbeitspunkt des Gegners in der Darstellung einer Übertragungsfunktion). Die Überlastung schwächt folgend den gleichzeitig ablaufenden Konterschlag.

 

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Der Umgang mit den Störfaktoren wird als weiteres Ziel hinzugenommen. Andernfalls ist die erfolgreiche Abwehr als Wirkung nicht systematisch erreichbar.

 

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Der bisher schwach verknüpfte Seitwärtsschritt erhält jetzt mehr Bedeutung und wird stärker ausformuliert. Der Bewegungsansatz des Schritts verfolgt ein gezieltes Stören des inneren Modells des Gegners. Die erzielte Abweichung seines inneren Modells zu den realen Abläufen sorgt dafür, dass die Richtung und die Kraft seines Schlages nicht optimal ausgerichtet sind. Die eigene Abwehrbewegung ist somit mit weniger gegnerischer Kraft konfrontiert (Arbeitspunkt des Gegners sinkt). Die geringe Kopplung der gegnerischen Kraft auf den eigenen Körper verringert den Einfluss auf den Konterschlag. Der Konterschlag kann sauberer und gerichteter erfolgen.

 

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Der Schritt erhöht als Bewegungsansatz die Arbeitspunkte zum Auftreten der Überlastungen. Das bedeutet, dass der Einfluss des Störfaktors Überlastung stark abgeschwächt wird.

 

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Weitere Fehlschlüsse

Weitere Fehlschlüsse ergeben sich durch Scheinkausalität und Scheinkausalketten. In diesen Fällen werden kausale Zusammenhänge für Elemente geknüpft, welche mit der Wirkung in keinem Zusammenhang stehen. Im Hintergrund wirken weitere Elemente, welche nicht ausreichend identifiziert wurden. Ein typisches Beispiel ist die Illusion der Informationsverfügbarkeit (IdI). Dabei basiert eine Bewegung (z.B. Abwehr als Wirkung) auf der Wahrnehmung eines gegnerischen Reizes (z.B. Angriff als Ursache). Durch die Konstellation der IdI wird der Reiz aber nicht passend aufgenommen und verarbeitet. Stattdessen wird der Ablauf im inneren Modell konstruiert und die Bewegung mitunter sogar vor Auftreten des Reizes gestartet. Ein Zusammenhang Angriff als Ursache zu Abwehr als Wirkung ist nicht gegeben. Achtung! Dieser Ablauf ist nicht mit Antizipation zu verwechseln (siehe der Definition der IdI).

Fußnoten   [ + ]

1. Das Beispiel ist stark vereinfacht. Eine solche Zuordnung ist nicht direkt möglich. Eine bessere Konstruktion eines Ursache-Wirkung-Zusammenhangs unter Einfluss von Störfaktoren trifft keine strenge generelle Unterscheidung zwischen Angriff und Abwehr.
2. Die Darstellung ist stark vereinfacht. Ausformulierte Ziele würden die Darstellung unnötig verkomplizieren.

Der Artikel wurde am 5. Januar 2017 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.