Gefahr der Überoptimierung von Bewegungen

Hintergrund

Der Entwurfsprozess von Bewegungen kann sehr komplex sein. Bei der Auswahl von Bewegungselementen kann es vorkommen, dass bestimmte Anforderungen (z.B. Überlastungserscheinungen) nicht ausreichend betrachtet werden. Die entstehende Bewegung ist dann zu stark auf einen einzelnen Ablauf optimiert. Diese Bewegungen wirken „perfekt“ und scheinen auch bei sehr hohen Ablaufgeschwindigkeiten zu „funktionieren“.

Die Optimierung auf einen einzelnen Ablauf hat aber einen hohen Preis. Da zum Beispiel weitere Anforderungen aus Überlastungserscheinungen nicht mit in die Bewegungsplanung einfließen, werden diese Bewegungen beim Auftreten von Überlastungen keine guten Ergebnisse erzielen. Diese Herangehensweise eines Bewegungsentwurfs wird im folgenden Artikel als „Überoptimierung“ bezeichnet.

Entwurfsprozess von Bewegungen

Zum Verständnis der Gefahr einer Überoptimierung von Bewegungen wird zuerst der Entwurfsprozess einer Bewegung skizziert.

Bewegungen können aus der Perspektive von einzelnen Bewegungselementen betrachtet werden. Dabei werden die Elemente auf Grund von gesetzten Zielen ausgesucht (siehe Trennung von Mittel und Ziel).

Beispiel

  • Definition des Kontexts
    • Gegner greift von links mit einem Schlag zum eigenen Kopf an.
  • Ableitung des Ziels
    • Treffer des Gegners verhindern.
  • Wahl des Mittels
    • Anheben des rechten Arms (Mittel) um gegnerischen Schlag abzuwehren.

 

Ausgedrückt als Mind-Map sähe es folgendermaßen aus:

 

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Zwei Wege der Bewegungskonstruktion

Die Bewegung ist in dieser Form noch sehr unbestimmt. Es gibt noch viele weitere freie Mittel (linker Arm, weitere Körperteile, …). Nach dieser ersten Festlegung des Kontexts, des Ziels und eines Mittels beginnt die Gefahr einer Überoptimierung. Die freien Möglichkeiten scheinen eine Vielzahl an Wegen offen zu halten. Weitere Elemente können ausgewählt werden, um mit diesem einen Angriff (!) noch besser umgehen zu können.

 

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Allerdings sind die Bewegungsprobleme von Überlastungseffekten noch nicht mit in die Überlegungen eingeflossen. Diese Überlegungen erzwingen die Perspektive mit parallel ablaufenden Varianten (siehe Ziel und Mittel zuordnen)1Ausnahmen sind ein so starr festgelegter Kontext, bei dem es wirklich keine anderen Ablaufmöglichkeiten mehr gibt. Diese Analysen werden bspw. über Diskussionen von Freiheitsgraden geführt..

 

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An dieser Stelle trennt sich also die Bewegungskonstruktion in zwei Wege auf. Auf der einen Seite steht eine Bewegungskonstruktion, welche sich recht starr auf eine einzelne Bewegung konzentriert. Die weitere Auswahl der Mittel fokussiert sich sehr darauf, wie mit dem bisherigen Angriff besser umgegangen werden kann. Auf der anderen Seite steht eine Bewegungskonstruktion, welche Überlastungseffekte und Ablaufvarianten betrachtet. Dabei werden in den meisten Fällen andere Elemente ausgewählt werden.

In der folgenden Abbildung wird das Aufspalten in diese zwei Wege dargestellt. Während der eine Weg sich auf einen Angriff konzentriert, wird der zweite Weg Überlastungserscheinungen einbeziehen. Am Ende stehen Bewegungen mit unterschiedlich gewählten Mitteln.

 

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Für Außenstehende ohne Hintergrundwissen muss sich dabei nicht unbedingt ein wahrnehmbarer Unterschied ergeben. Die Probleme des Erkennens der vollständigen Berep und der Mehrdeutigkeit von Bewegungen stehen dem im Weg. Es ist möglich, dass zwei von außen völlig gleich erscheinende Bewegungen aus unterschiedliche Mittel aufgebaut sind und damit deren Leistungsfähigkeit völlig verschieden ist 2Beispiel: die Körperspannung kann nicht visuell wahrgenommen werden. Ein Arm, welcher nur mit geringer undefinierter Körperspannung bewegt wird, kann bei einem Auftreffen auf eine größere Kraft damit nicht umgehen. Wenn im Gegensatz dazu eine definierte Körperspannung ein Teil der Berep ist, kann diese Ablaufvariante von Beginn an mit in die Überlegungen einbezogen werden. Trotzdem kann dieser Unterschied von Außenstehenden nicht direkt erfasst werden. Die Wirkung ist zwar verschieden, aber auch dort ist nicht sicher bestimmbar, wie die ursprüngliche Berep aussah.. Erst Belastungstest mit systematischen Überlastungen zeigen die wahre Leistungsfähigkeit.

Die beiden dargestellten Wege stellen die zwei Extremfälle auf einer Bandbreite von möglichen Herangehensweisen dar. Ein völliges Ignorieren weiterer Abläufe und Überlastungseffekten ist selten. Genauso können nie alle Arten von Überlastungseffekten in einer Bewegungskonstruktion beachtet werden. Die Auslegung von Bewegungen liegt immer irgendwo in der Mitte dieser zwei Extreme.

 

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Betrachtung in der Übertragungsfunktion

In der Übertragungsfunktion können beide Herangehensweisen verglichen werden. Überoptimierte Bewegungen erscheinen für Außenstehende als „perfekt“. Sie können durch ihre Optimierungen auf eine Ablaufvariante sehr hohen Arbeitspunkten eines Gegners widerstehen. Die dabei erreichten hohen Geschwindigkeiten oder Kräfte erscheinen als „höchste Kunst“. Spätestens wenn die Geschwindigkeit die visuelle Wahrnehmung überschreitet, wird der Eindruck entstehen, dass die Abwehrbewegung nicht zu schlagen sei.

 

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Trotzdem wird die Bewegung Probleme mit Ablaufvarianten haben. Sobald diese auftauchen, wird die Bewegung diesen Varianten mit hohem Arbeitspunkt nicht oder nur wenig standhalten können. In der Übertragungsfunktion wird der Übergangsbereich dieser Varianten sich deswegen stark nach links verschieben. Der Grund liegt in den fehlenden verplanten Mitteln, welche mit den Varianten umgehen und den Übergangsbereich besser platzieren.

 

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Im Gegensatz dazu wird die Übertragungsfunktion mit Einbeziehung von Varianten bessere Ergebnisse erzielen. Da die Optimierung von Beginn an die Varianten einbezogen hat, wird deren Übergangsbereich höher liegen. Allerdings müssen für diese Bewegungskonstruktion meist Kompromisse eingegangen werden. Bei der Wahl der Mittel können nicht alle Varianten gleichermaßen gut betrachtet werden. Dadurch werden die Übergangsbereiche niedriger liegen als für die überoptimierte Variante. Die Grenzen werden aber höher liegen als bei den nicht-betrachteten Varianten der überoptimierten Varianten. Es kommt dann rein auf den Arbeitspunkt des Gegners an, ob die Bewegungen fehlschlagen.

 

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Letztendlich ist die Überoptimierung beim Entwurf von Bewegungen eine Herangehensweise, welche nicht immer negativ sein muss. Wenn Gegner es nicht schaffen die Arbeitspunkte hoch genug zu legen, wird die Überoptimierung bei schlecht ausgelegten Varianten nie auffallen. Erst beim Auftreten von zu hohen Arbeitspunkten in Verbindung mit Ablaufvarianten zeigt sich die Überoptimierung und die damit verbundenen Fehlschläge. Die gegensätzliche Herangehensweise kann auch nachteilig sein. Der Zwang zu Kompromissen kann dazu führen, dass keine Variante wirklich hohen Arbeitspunkten gerecht wird. Eine Überoptimierung hat also erst dann Nachteile, wenn der Ansatz über Kompromisse insgesamt bessere Ergebnisse erzielen würde.

Fußnoten   [ + ]

1. Ausnahmen sind ein so starr festgelegter Kontext, bei dem es wirklich keine anderen Ablaufmöglichkeiten mehr gibt. Diese Analysen werden bspw. über Diskussionen von Freiheitsgraden geführt.
2. Beispiel: die Körperspannung kann nicht visuell wahrgenommen werden. Ein Arm, welcher nur mit geringer undefinierter Körperspannung bewegt wird, kann bei einem Auftreffen auf eine größere Kraft damit nicht umgehen. Wenn im Gegensatz dazu eine definierte Körperspannung ein Teil der Berep ist, kann diese Ablaufvariante von Beginn an mit in die Überlegungen einbezogen werden. Trotzdem kann dieser Unterschied von Außenstehenden nicht direkt erfasst werden. Die Wirkung ist zwar verschieden, aber auch dort ist nicht sicher bestimmbar, wie die ursprüngliche Berep aussah.

Der Artikel wurde am 27. Dezember 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.