Gegensätze des Kontextmanagments

Hintergrund

Der Kontext bestimmt den eigenen und den gegnerischen Handlungsrahmen. Veränderungen des Kontexts verringern oder erweitern den Handlungsrahmen für Bewegungen und erreichbare Ziele. Im folgenden Artikel werden die Motivationen und Herangehensweisen für diese Kontextänderungen vorgestellt.

 

Beispiele für Kontextdimensionen

  • Moral und Ethik
    • Wettkampfregeln
      • Schläge gegen den Kopf erlaubt oder verboten
  • Mechanische Freiheitsgrade
    • Griff am Arm des Partners
      • Fester Griff schränkt den Partner ein – er kann nicht weiter handeln
      • Schwacher Griff schränkt den Partner nicht ein – er bleibt handlungsfähig
  • Umgebungsbedingungen
    • Training auf wechselndem Untergrund
      • Hallenboden liefert sicheren Stand
      • Grasboden mit nicht sichtbaren Senken oder Löchern erschwert sauberen Stand

Sprachliche Vereinfachung

Der Kontext als Begriff wird durch viele spezifische Einflüsse definiert (siehe obige Beispiele). Jeder einzelne Einfluss kann als eigene Dimension betrachtet werden. Dabei sind die Einflüsse selten voneinander isoliert, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Diese vielen Dimensionen und die damit verbundene Komplexität erschweren eine Diskussion des Kontextmanagements.

In den folgenden Betrachtungen wird der Begriff des Kontexts deswegen sprachlich reduziert. Statt die Einflüsse in Größe, Wirkungsrichtung, gegenseitiger Beeinflussung usw. zu diskutieren, wird der Kontext nur noch isoliert als „vergrößert“, „verkleinert“ oder „(un-)verändert“ beschrieben. Alle Begriffe beschreiben den veränderten Handlungsrahmen ohne Betrachtung der unterlagerten Dimensionen.

Vom Kontext zur Leistungsfähigkeit

Der Kontext setzt sich aus verschiedenen Dimensionen zusammen und bildet einen Handlungsrahmen. Dieser ermöglicht oder verbietet die Nutzung von bestimmten Bewegungselementen. Jede Zusammenstellung von Elementen ergibt in ihrer Gesamtheit eine Bewegung. Jedes Element einer Bewegung kann als Mittel bestimmte Ziele erfüllen. Die spezielle Kombination einzelner Elemente kann wiederum Ziele erfüllen, welche nicht allein durch Einzelelemente erreicht werden können (Emergenz). Die erreichbaren Ziele stecken einen Leistungsrahmen ab und definieren die Leistungsfähigkeit einer Bewegung.

 

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Motivation des Kontextmanagements

Der Kontext ist verknüpft über die Bewegungselemente bis zur Leistungsfähigkeit und den Zielen einer Bewegung. Jede Ebene beeinflusst ihren jeweiligen Nachbarn, also führt die Anpassung einer Ebene automatisch zur Anpassung aller verknüpften Ebenen. Diese starke Verknüpfung erlaubt die Veränderung einer Ebene, indem bewusst eine andere Ebene angepasst wird.

 

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Die Motivation des Kontextmanagements zielt darauf ab bewusst den Kontext anzupassen oder konstant zu halten, damit die verknüpften Ebenen gerichtet beeinflusst werden können. Die umgekehrte Richtung ist auch möglich, also die Ausrichtung des Kontexts nach Vorgaben einer anderen Ebene:

Beispiel

  • Ziel stellt sich als nicht erreichbar dar.
  • Kontext wird derart verändert, dass Ziel erreicht werden kann.

 

Daraus ergeben sich aus Sicht des Kontexts generell zwei Arten der gegenseitigen Beeinflussung:

  • Beeinflussung zwischen Kontext zu Bewegungselementen
  • Beeinflussung zwischen Kontext zu Zielen (über die Elemente)

 

Die folgende Betrachtung vereinfacht diese Beeinflussung auf die Verknüpfung zwischen Kontext und Zielen. Die Zwischenstufe der Elemente wird nicht weiter betrachtet.

Abgleich erreichbarer und geforderter Ziele

Die erwähnte Richtung des Kontextmanagements lässt zwei Perspektiven zu. In der einen Richtung definiert der vorhandene konstante Kontext die erreichbaren variablen Ziele (Top-Down). In der umgekehrten Richtung definieren die geforderten konstanten Ziele einen benötigten variablen Kontext (Bottom-Up)1Eine komplexe Bewegungsentwicklung verlangt iterative Herangehensweisen, welche diese starre Betrachtung einer Richtung nicht mehr zulassen..

 

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Im folgenden kurzen Beispiel werden die geforderten Ziele beibehalten und dafür der Kontext verändert.

Beispiel

  • Zielebene und Kontext
    • Zwei Partner versuchen gegeneinander unter Einhaltung fester Regeln Treffer zu erzielen.
    • Die Übung verlangt Treffer als Zielegröße ohne weitere Alternativen.
    • Einem von beiden Partnern gelingen nie Treffer.
  • Ebene der Bewegungselemente
    • Der erfolglose Partner schafft es nicht den anderen Partner zu treffen, egal welche verfügbare Bewegung er anwendet.
  • Anpassung des Kontexts
    • Er entscheidet sich gegen eine Regel zu verstoßen.
  • Anpassung der Bewegungselemente
    • Der Regelverstoß erlaubt ihm den Einsatz einer bisher verbotenen Bewegung.
  • Abgleich der Ziele
    • Mit Hilfe des Regelverstoßes und der verbotenen Bewegung gelingt ihm ein Treffer.
    • Der Zielkonflikt zwischen Regelverstoß und Erzielung von Treffern wird nicht gelöst.

 

 

Gegensätze des Kontextmanagements

Die bewusste Beeinflussung des Kontexts wird mit Hilfe des „Kontextmanagements“ beschrieben. Dabei ergeben sich gegensätzliche Herangehensweisen. Je nachdem welche Wirkung erzielt werden soll, kann in Bandbreiten zwischen Gegensätzen und Zwischenstufen gewählt werden.

Die folgenden Gegensätze stellen die grundlegenden Möglichkeiten gegenüber. An dieser Stelle wird keine Unterscheidung zwischen den gegnerischen oder den eigenen Beeinflussungen getroffen.

Kontext verändern oder erhalten

Eine Form der Beeinflussung des Kontexts unterscheidet zwischen der Veränderung des Kontexts oder dessen Erhaltung. Beide Fälle können je nach Stand des Kontext vorteil- oder nachteilhaft sein.

 

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Seinen eigenen Handlungsrahmen zu verändern kann helfen, wenn die eigenen Ziele mit Hilfe der verfügbaren Bewegungselemente nicht erreicht werden können. Das Erhalten des Kontexts ist vorteilhaft, wenn man mit Hilfe des Kontexts seine Ziele erreichen kann. Sobald Abweichungen des Kontexts nur Verschlechterungen ergeben, ist das Erhalten dem Verändern vorzuziehen.

Wahrgenommener zu realer Kontext

Eine weitere Veränderung oder Erhaltung des Kontexts umfasst die Unterscheidung zwischen realem und wahrgenommenen Kontext. Der Ausdruck „real“ steht an dieser Stelle für den „wahren“ existierenden Kontext, unbeeinflusst durch die eigene Sichtweise. Der wahrgenommene Kontext steht für den im eigenen inneren Modell konstruierte Kontext. Dieser ist abhängig von der Wahrnehmung, den daraus vorhanden und interpretierten Informationen, der Beeinflussung durch Überlastungserscheinungen usw. Dieser Umstand kann zu einer Abweichung beider Kontexte führen.

 

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Beispiel

  • Situation
    • Der Angriff des Gegners ist zu schnell für eine Wahrnehmung in Echtzeit.
    • Im Moment des Angriffs wird die Wahrnehmung überlastet.
  • Resultat
    • Realer Kontext: Der Angriff findet statt.
    • Wahrgenommener Kontext: Der Angriff findet nicht statt.

 

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Beispiel

Die Konstruktion einer Finte besteht auf dem gezielten Aufbau von Bewegungen mit Unterschieden zwischen realem und wahrgenommenen Kontext.

  • Finte
    • Die Finte besteht aus zwei Bewegungen.
    • Die erste Bewegung ist eine sichtbare Finte.
    • Sie wird niedriger Geschwindigkeit ausgeführt.
    • Die niedrige Geschwindigkeit überlastet die Wahrnehmung nicht.
  • Einschätzung des Kontexts
    • Realer und wahrgenommener Kontext stimmen überein.
    • Beide Kontexte werden verändert.
  • Angriff
    • Die zweite Folgebewegung ist der eigentliche Angriff.
    • Er wird mit sehr hoher Geschwindigkeit ausgeführt.
    • Die hohe Geschwindigkeit überlastet die Wahrnehmung.
  • Einschätzung des Kontexts
    • Realer und wahrgenommener Kontext weichen voneinander ab.
    • Der reale Kontext verändert sich.
    • Der wahrgenommene Kontext des eigentlichen Angriffs verändert sich nicht.

 

Diese Trennung zwischen realem und wahrgenommenen Kontext erlaubt die gezielte Manipulation beider Kontextformen. Die Abweichung realer zu wahrgenommener Kontext erlaubt es dem Gegner „falsche“ Handlungsrahmen zu präsentieren, sodass er zum realen Kontext unpassende Bewegungen wählt. Das obige Beispiel der Finte basiert auf diesem Ansatz. Ein Gegner, der die erste Bewegung als Aufforderung sieht, wird passend dazu eine Bewegung wählen. Diese Bewegung kann nicht mit dem folgenden real ablaufenden Kontext umgehen und wird fehlschlagen.

Kontext weiten oder beschränken

Bei der Veränderung des Kontexts werden die Dimensionen angepasst. Dabei kann jede einzelne Dimension verändert werden, sodass sich der Handlungsrahmen weitet oder beschränkt (Ergebnis: mehr/ weniger oder andere Bewegungselemente verfügbar, andere Ziele erreichbar, …).

 

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Beispiel

  • Partner 1 greift den Arm von Partner 2.
  • Der Griff von Partner 1 schränkt die Handlungsmöglichkeiten von Partner 2 ein.
  • Ziel von Partner 2 ist ein größerer Handlungsrahmen.
  • Partner 2 wählt eine Griffbefreiung, um wieder mehr Handlungsmöglichkeiten herzustellen.

 

Das Beschränken des Kontexts ist zum Beispiel vorteilhaft, sobald ein weit gefasster Kontext zu viele Handlungsabläufe bietet, sodass eine Wahl schwierig wird und Überlastungen drohen (z.B. blockieren des Arms des Gegners, damit er nicht schlagen kann). Umgekehrt lohnt das Weiten des Kontexts, wenn wie im obigen Beispiel der eigene Handlungsrahmen zu gering ist.

Kontextwechseln isoliert oder sensitiv begegnen

Bestimmte Dimensionen des Kontexts sind statisch (z.B. Regeln innerhalb eines Wettkampfs). Andere Dimensionen (z.B. mechanische Freiheitsgrade) sind sehr dynamisch und unterliegen ständigen Änderungen (z.B. Greifen und Blockieren im Kampf). Die wechselnden Anteile sorgen dafür, dass der Kontext nicht fest und statisch ist, sondern eher zu dynamischen Änderungen tendiert.

Im Aufeinandertreffen mit einem Kontext liegt eine Handlungsaufforderung (z.B. der Kontext ist ein Angriff des Gegners in der die mögliche Forderung einer Abwehr liegt). Die Aufforderung liegt darin, wie mit dem jeweiligen Kontext umgegangen werden soll, sodass die eigenen Ziele erreicht werden. Ein statischer Kontext erlaubt Planung und ergibt einen Determinismus, der wiederum die Ziele erreichbar werden lässt. Ein dynamischer Kontext lässt keinen solchen Determinismus zu. Die geforderte Handlung sieht sich ständig wechselnden Kontexten gegenüber. Daraus ergibt sich die Frage, ob eine Bewegung diese Änderungen des Kontexts adressieren soll oder den Wechsel des Kontexts nicht in die Handlungswahl einbezieht.

Die Einbeziehung der Kontextwechsel in die Handlungsplanung wird als sensitiv gegenüber dem Kontextwechsel bezeichnet. Die Nichtbetrachtung wird als isolierend gegenüber Kontextwechseln bezeichnet.

 

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Beispiel für Kontextwechsel

  • Situation
    • Ein Schüler soll eine Abwehr gegenüber zwei Angriffen ausüben.
    • Der angreifende Partner wählt bei der Ausführung zwischen einem der Angriffe.
    • Beide Angriffe bilden je einen eigenen Kontext.
    • Durch die Wahl des Partners findet ein Kontextwechsel statt.
  • Fall 1
    • Werden beide Angriffe langsam ausgeführt, kann visuell eine Unterscheidung zwischen beiden Angriffen erfolgen.
    • Dieser Fall erlaubt eine isolierende Herangehensweise. Der Kontextwechsel findet zwar statt, aber durch die mögliche Unterscheidung sieht sich der Schüler nur einem Kontext gegenüber. Die Handlungswahl kann sich determiniert auf je einen Kontext konzentrieren.
  • Fall 2
    • Werden beide Angriffe schnell ausgeführt, kann durch die Überlastung der Wahrnehmung nicht mehr zwischen beiden Angriffen unterschieden werden.
    • Dieser Fall verlangt eine sensitive Herangehensweise. Der Kontextwechsel kann nicht unterschieden werden. Die Handlungsauswahl erfordert eine Bewegung, welche beide Kontexte gleichzeitig lösen kann.

 

Eine isolierende Betrachtung wird vor allem im Unterricht von Schülern angewendet. Die Störfaktoren, welche zu dynamischen Kontextwechseln führen, werden reduziert. Auf diese Weise können sich Schüler stärker auf andere Aspekte einer Bewegung konzentrieren.

Störfaktoren und damit verbundene dynamische Kontextwechsel sind in späteren Einsatzfällen der Normalfall. Sie können nicht dauerhaft im Unterricht reduziert werden. Für eine Annäherung an den Einsatzfall ist dadurch eine sensitive Betrachtung unabdingbar.

Fußnoten   [ + ]

1. Eine komplexe Bewegungsentwicklung verlangt iterative Herangehensweisen, welche diese starre Betrachtung einer Richtung nicht mehr zulassen.

Der Artikel wurde am 23. Januar 2017 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.