Illusion der Deklassierung

Hintergrund

Die Illusion der Deklassierung (Abk. IdD) bezeichnet einen ähnlichen Effekt wie die Illusion der Informationsverarbeitung. Allerdings handelt es sich nicht in gleicher Art um eine Fehlwahrnehmung, sondern eher um ein Fehlurteil bei der Bewertung von Bewegungen. Dabei wird Bewegungen eine zu große Leistungsfähigkeit zugeschrieben. Die Grenze zur Überlastung der Bewegung wird fälschlicherweise zu hoch angenommen. In der späteren Anwendung liegt die Grenze zur Überlastung viel niedriger. Dabei gelingen die Bewegungen im Training. In der späteren Anwendung treten alle Arten von Überlastungserscheinungen auf und die Bewegung misslingt.

 

Beispiel

Im Training wird eine Bewegung wieder und wieder trainiert. Sie gelingt und kann auch bei hoher Geschwindigkeit ausgeführt werden. Man wähnt sich sicher und versucht einen Kampf. Dabei zeigen sich dann aber Überlastungserscheinungen. Entweder hängt man hinterher und ist zu langsam, startet zum falschen Zeitpunkt oder gar nicht.

Als Erklärung wird unzureichendes Training der Bewegung vermutet. Man beginnt erneut und trainiert einen langen Zeitraum. Man wähnt sich sicherer. Bei einem zweiten Versuch in einem Kampf treten unverändert sofort wieder Überlastungserscheinungen auf.

 

Ein paar Details…

Der Name Illusion der Deklassierung setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Die erste Komponente ist die Illusion in Form eines Fehlurteils bei einer Einschätzung einer Bewegung. Die zweite Komponente ist die Deklassierung. Dieser Teil bezieht sich auf einen bestimmten Teil der Übertragungsfunktion eines Regelkreises. Die Übertragungsfunktion stellt die Bandbreite an möglichen Abläufen einer Bewegung dar. Die Bandbreite wird dabei zum Beispiel von sehr niedrigen bis zu sehr hohen Ablaufgeschwindigkeiten aufgespannt. Bei niedrigen Ablaufgeschwindigkeiten gelingt eine Bewegung. Sobald die Bewegung auf höhere Ablaufgeschwindigkeiten trifft, z.B. greift ein Gegner schneller an, kann es zu Fehlschlägen kommen. Diesen Umstand bildet die Übertragungsfunktion grafisch als Kurve in drei Teilen ab. Der erste Teil stellt das Gelingen dar, indem der Wert auf der gleichen Höhe verbleibt. Das Absinken deutet das Verschlechtern an, bis die Bewegung letztlich misslingt.

 

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Die Grenzen des Misslingens sind dabei variabel. Sie können sich verschieben, sobald sich Randbedingungen ändern. In einer geordneten Trainingsumgebung kann die mögliche Grenze dabei sehr hoch liegen. Die Bewegung gelingt also immer. Sobald aber weitere Faktoren (z.B. starker Stress, Fehleinschätzungen, Finten des Gegners, …) hinzukommen, sinkt die Grenze weiter ab. Das bedeutet, dass die scheinbar gleiche Bewegung sich je nach Anwendungsfall unterschiedlich verhält. Die Ursache liegt in der Bewegungsentwicklung mit  einem zu großen Unterschied der Trainingsumgebung und dem späteren Einsatzfall.

 

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Die Illusion der Deklassierung bezeichnet jetzt den Effekt sich gedanklich zu stark darauf zu verlassen, dass die eigene Bewegung nicht in den Deklassierungsbereich gelangt. Man nimmt an, dass die Erfolge im Training ausreichend sind. Ein Partner schafft es im Training nicht die Bewegung zu deklassieren, also den Arbeitspunkt hoch genug in den Bereich des Misslingens zu legen. Das eigene Urteil über die Bewegung fällt also sehr positiv aus. Man ist am Ziel. Die Bewegung „funktioniert“.

Allerdings kann es sich dabei um ein Fehlurteil handeln. Der Einsatzfall später unterscheidet sich zu stark vom Trainingsfall. Damit sinkt in der Umgebung der Anwendung die Grenze zur Deklassierung so stark ab, dass ein Gegner es mit dem gleichen Arbeitspunkt schafft die eigene Bewegung zu überlasten. Dadurch schlägt die Bewegung fehl. Der Deklassierungsbereich wurde nun doch erreicht.

 

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Wo liegen die Ursachen?

Die Ursachen liegen in den Unterschieden zwischen Training und Anwendung. Wenn das Training nicht die spätere Anwendung abbildet, werden die Unterschiede nicht ausreichend betrachtet. Die Bewegungsentwicklung muss den Anwendungsfall abdecken. Die Unterschiede zwischen Training und Anwendung werden sonst die Grenze der Deklassierung verschieben (meist nachteilig).

Das obige Beispiel zeigt einen typischen Fall der IdD. Die Bewegung wurde zwar viel trainiert, allerdings wurde nicht systematisch die Grenze der Belastung im Anwendungsfall überprüft. Der Kampf liefert diejenigen Indizien für eine Leistungsschwäche und Verbesserungsansätze, welche bevorzugt im Training identifiziert und angewendet werden sollten.

Ein weiterer beitragender Effekt ist die Überoptimierung von Bewegungen. Dabei wird die Bewegung zu stark auf die Abläufe im Training optimiert. Die Anwendung hält aber weitere Abläufe bereit, welche in der Bewegungsentwicklung betrachtet werden müssen. Durch die Optimierung scheint die Bewegung „perfekt“ zu funktionieren und verschleiert dabei das Problem der Abweichung Anwendungs- zu Trainingsfall.

Der unzureichende Abgleich der Anwendung zum Training kann so weit gehen, dass die Anwendung nie trainiert wird. Die Gründe mögen einleuchtend erscheinen (bspw. hohe Verletzungsgefahr). Dieses Argument führt dann aber teilweise dazu, dass jegliche Bemühungen zur Annäherung an die Anwendung eingestellt werden. Ohne dieses Bemühen können die möglichen Abläufe und Überlastungsfaktoren nicht bestimmt werden. Im Ergebnis besteht wieder ein zu großer Unterscheid zwischen Anwendung und Training.

Eine weitere Ursache liegt in dem Umgang mit den Problemen im Kampf. Die Analyse wird einseitig auf unzureichendes Training geschoben (siehe Umgang mit Komplexität). Der „Lösungsansatz“ besteht dann aus einem „viel hilft viel“. Bewegungen können aber nicht immer gelingen. Der Überlastungsfall mit seinen Effekten (Nachhängen, …) droht immer einzutreffen. Dadurch müssen Bewegungen mit Bewegungselementen versehen werden, welche im Überlastungsfall Lösungsansätze bieten (Preflexe, Getriebeansätze, …). Wer ohne dieses Wissen agiert, wird immer wieder den gleichen Problemen mit den gleichen Misserfolgen begegnen.

 

Was sind Indizien für die IdD?

Die typischen Indizien zeigen sich in immer wiederkehrenden Überlastungseffekten trotz vielen Stunden Training. In der Folge misslingen viele Bewegungen in der Anwendung.

 

Gibt es weitere Konsequenzen?

Ähnlich der IdI führt der Effekt der IdD zu systematischen Fehleinschätzungen der Leistungsfähigkeit von Bewegungen. Dadurch werden Bewegungen nicht systematisch analysiert und zur Anwendung hin optimiert.

 

Wie kann man es verhindern?

Der Effekt der IdD kann abgemildert werden, indem durch Analyse oder Belastungstests die Bewegung im Training so nah wie möglich an den Anwendungsfall geführt wird (Beispiel Analysemethode). Dabei muss der Anwendungsfall nicht unbedingt erreicht werden. Auf dem Weg dorthin treten viele Probleme auf und können als Indikator für eine weitere Annäherung gedeutet werden. Wenn eine Bewegung bereits in der Annäherung Probleme zeigt, sollte der weitere Einsatz kritisch überprüft werden.

 

Abgrenzung zu IdI

Eine direkte Abgrenzung zur IdI ist nur bedingt möglich. Die IdI beschreibt den Effekt einer verhängnisvollen Kombination aus einer Überlastung und ihrer Kompensation. Die Überlastung wird dabei unbewusst durch Konstruktion der Wahrnehmung kompensiert.

Die IdD ist weiter gefasst und konzentriert sich auf Fehlurteile bei der Bewertung von Bewegungen. Die drohende Deklassierung wird als nicht relevant eingeschätzt. Das führt dazu, dass keine weiteren Anpassungen an der Bewegung vorgenommen werden.

Der Artikel wurde am 24. Januar 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.