Illusion der Informationsverfügbarkeit

Hintergrund

Die Illusion der Informationsverarbeitung (Abk. IdI) bezeichnet den Effekt einer verfälschten Wahrnehmung von Informationen. Dabei wird irrtümlicherweise die Verfügbarkeit von Informationen angenommen, obwohl diese zu einem relevanten Zeitpunkt nicht gegeben war. Die Annahme der Verfügbarkeit führt zu Fehlplanungen von Bewegungen und damit zum Fehlschlagen von gesetzten Zielen.

Das folgende Beispiel kann in dieser Kombination auch durch andere Effekte hervorgerufen werden. Es ist aber auch der typische Fall der Illusion der Informationsverfügbarkeit.

Beispiel

Im Training soll der Angriff eines Gegners abgewehrt werden. Die Abwehr muss dazu den Angriff erkennen. Wenn der Angriff erkannt wurde, beginnt die Abwehr. Der Partner greift immer wieder mit dem gleichen Angriff an. Im Training gelingt die Abwehr immer. Später, in einem freien Trainingskampf mit weiteren möglich Angriffen, greift der Partner genau gleich an. Die Abwehr klappt in diesem Fall nicht.

 

Insgesamt fasst die Beschreibung dieses Effektes eines der am häufigsten auftretenden Probleme im Training und Kampf von Kampfkünsten zusammen. Viele Misserfolge bei der Bewegungsplanung sind auf dieses Problem zurückzuführen. Die beteiligten Effekte können zwar einzeln beschrieben werden, aber gerade diese spezielle Kombination tritt so häufig auf, dass eine eigene Beschreibung gerechtfertigt ist.

 

Wo sind die Ursachen?

Die Illusion setzt sich aus zwei Effekten zusammen. Der erste Effekt ist die Überlastung der eigenen Wahrnehmung. Der Regelkreis ist zur Handlungsplanung auf die Verfügbarkeit von Informationen angewiesen. Wie soll sonst eine Bewegung ausgewählt werden, wenn die Umwelt und der Gegner unbekannt sind1Bewegungsplanungen sind grundsätzlich auch ohne dieses Wissen möglich. Allerdings sind diese Ansätze sehr speziell und können nicht universell eingesetzt werden. Beispiele sind eine spezielle Konstruktion von Preflexen oder Getriebeansätze.? Im Regelkreis sind die Elemente der Detektion, Identifikation und Interpretation für die notwendigen Informationen verantwortlich. Diese Elemente benötigen aber Zeit zur Ausführung. Sobald Abläufe kritische Zeiten unterschreiten, werden diese Elemente nicht wie gewohnt notwendige Informationen liefern können. Die Elemente sind dann überlastet.

Der Zusammenhang dieses unterlagerten Regelkreises kann mit Hilfe einer Übertragungsfunktion dargestellt werden. Ab einer gewissen Geschwindigkeitsgrenze werden die Elemente überlastet.

 

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Als Trainierender nimmt man diese Überlastung nur bedingt wahr. Der Grund liegt im unbewussten Einsatz einer Kompensation (der zweite beteiligte Effekt). Damit ist ein Ansatz gemeint, welcher die Schwäche der Übertragungsfunktion wieder verbessert. Dann kann bei hoher Geschwindigkeit die gesamte Bewegung trotz der Überlastung der Wahrnehmung funktionieren. Der Ansatz beruht auf einer Konstruktion der Wahrnehmung. Statt die Umwelt und den Gegner wahrzunehmen wird diese Information im inneren Modell konstruiert.

Dargestellt in einer Übertragungsfunktion des gesamten Regelkreises verschiebt sich die vormals unzureichende Grenze wieder nach rechts. Die Bewegung gelingt auch bei hohen Geschwindigkeiten.

 

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Die Konstruktion der Wahrnehmung beruht auf den Informationen aus den vorherigen Trainingsdurchgängen. Der Ablauf des Angriffs und der Abwehr ist klar und eindeutig. Eine erneue volle Wahrnehmung muss nicht mehr erfolgen. Diese Kombination erlaubt die Konstruktion statt der Wahrnehmung im inneren Modell. Sie spart Zeit und wird dem Ablauf unbewusst hinzugefügt.

 

Wo liegt der Fehler?

Die Stärke der Kompensation mittels Konstruktion liegt in ihrer prinzipiellen Möglichkeit die Grenze der Geschwindigkeit wieder anzuheben. Die Schwäche liegt in der Abhängigkeit der Konstruktion. Stimmt diese nicht mit den wirklichen Abläufen überein, wird die Bewegung fehlschlagen. Diese Randbedingung wird im Training sauber eingehalten, da ein Partner immer nur mit der gleichen Bewegung angreift. In einem freien Kampf ist diese Randbedingung nicht mehr gegeben. Sobald mehr als eine Möglichkeit des Ablaufs besteht, kann nicht ohne weiteres auf Informationen vom Vorlauf zurückgegriffen werden. Dadurch schlägt die Bewegung fehl. Die Information des Ablaufs darf also nicht unbewusst unrechtmäßig genutzt werden. Sie ist schlicht nicht verfügbar und wird aber als gegeben wahrgenommen, deswegen Illusion der Informationsverfügbarkeit.

 

Was sind Indizien für die IdI?

Es gibt typische Indizien für das Auftreten der IdI. Das obige Beispiel ist nur einer der Fälle in den scheinbar gut trainierte Bewegungen im freieren Einsatz fehlschlagen. Weitere Fälle können Drills mit sehr hohen Ablaufgeschwindigkeiten sein. Auch hier kann die Bewegung im späteren Einsatz fehlschlagen, wenn die Konstruktion der Drillbewegung auf das Vorhandensein nicht-verfügbarer Informationen setzt. Grundlegend sind alle Bewegungen anfällig für die IdI, sobald keine vorhandenen Varianten im Überlastungsbereich überprüft werden.

Sehr typisch ist auch ein zu früher Start von Bewegungen, welche von gegnerischen Merkmalen abhängen. Erst das Auftauchen des Merkmals erlaubt das Erkennen des zukünftigen Ablaufs und den Start der eignen Bewegung. Trainierende starten aber bevor das Merkmal wahrgenommen wird. Die Überlastung der Wahrnehmung für dieses exakte Merkmal findet dann gar nicht mehr statt. Die Verfügbarkeit des Merkmals wird nur noch konstruiert. Trotzdem befindet sich die Wahrnehmung im Überlastungsbereich.

 

Warum fällt es schwer auf?

Es gibt mehrere Ursachen, warum die IdI so verbreitet ist. Die erste Ursache liegt direkt im Regelkreis. Ein Erkennen eines Problems setzt eine korrekte Wahrnehmung voraus. Allerdings baut der ganze Effekt auf einer fehlerhaften Wahrnehmung auf. Was soll erkannt werden, was nicht wahrgenommen wird? Eine Trennung von konstruierten Abläufen und wahrgenommenen Abläufen findet nicht statt. Dadurch verschwimmen die Grenzen und das eigentliche Problem, die Überlastung, wird nicht erkannt.

Die zweite Ursache liegt in der Didaktik des Trainings. Schüler sollen langsam an Bewegungen herangeführt werden. Deswegen werden Bewegungen vereinfacht oder in weitere kleinere Bewegungselemente aufgeteilt. Bei dieser Herangehensweise muss am Ende aber die Bewegung wieder zusammengesetzt und in der richtigen Umgebung (freier Kampf) platziert werden. Fehlen diese letzten Schritte, drohen Schüler der IdI zu erliegen.

Eine weitere Ursache ist psychologischer Natur. Stile haben eigene Rituale und Bewegungen. Diese Rituale und Bewegungen schaffen eine eigene Gruppenidentität zur Abgrenzung gegenüber anderen Stilen. Das Eingestehen einer geringen Leistungsfähigkeit der unterrichteten Bewegungen ist damit gleichzeitig ein Identitätsverlust, welcher in jedem Fall vermieden werden muss2Die dritte Ursache ist bedeutend komplexer und tiefgreifender als hier in diesen wenigen Zeilen dargestellt. Der gedankliche Widerstand, die Rationalisierungen, die im Raum stehenden Vorwürfe können bei Diskussionen eine Eigendynamik entwickeln. Das gedankliche Loch, in das man fällt, sobald man einsehen muss, dass eigene Bewegungen starke Probleme haben, ist anfangs schwer zu überwinden. Die Gefühle der Enttäuschung, Wut, Nicht-Eingestehen-Wollen können Schülern stark zusetzen. Die Motivation für weiteres Training kann an dieser Stelle völlig verschwinden.. Erkannte Probleme werden dann nicht mit der notwendigen Beharrlichkeit verfolgt.

 

Gibt es weitere Konsequenzen?

Die IdI führt zu systematischen Fehleinschätzungen der Leistungsfähigkeit von Bewegungen. Bei der Auswahl von Bewegungen kommt es dann Entscheidungen, welche leistungsschwache Bewegungen bevorzugen. Wenn man nicht aufpasst, werden grundlegend leistungsschwache Bewegungen im Extrem nur von Kompensationen „am Leben gehalten“. Die Bewegungen erhalten dann als Bewertung eine „hohe“ Leistungsfähigkeit, obwohl nur die schlecht eingesetzten Kompensationen Schlimmeres verhindern.3Der Einsatz der Kompensationen ist vergleichbar mit einer alten Grundregel für Investitionen. Dabei solle man „schlechtem Geld kein gutes Geld“ hinterherwerfen. Schlecht entwickelte Bewegungen sollten nicht mit Hilfe von Kompensationsansätzen gerettet werden. Zuerst sollten die Mittel im Regelkreis sauber zur Bewegungsentwicklung genutzt werden..

 

Wie kann man es verhindern?

Zur Prävention stehen zwei Wege zur Verfügung. Der erste Weg ist pragmatisch. Die Ursache der IdI liegt im fehlenden Training der Varianten im Überlastungsbereich. Sobald systematisch Belastungstests mit Varianten durchgeführt werden, kann die Wahrnehmungskonstruktion nicht mehr so stark wirken.

Der zweite Weg setzt auf eine analytische Herangehensweise. Die Methode Vergleich Training und Einsatzfall hilft sich im Training an den Einsatzfall heranzutasten. Dabei tauchen in den Ergebnissen der Methode die Überlastungsfälle mit Varianten auf. Diese müssen dann im Training mit betrachtet werden.

Eine zweite hilfreiche Methode ist Zuordnung unterscheidender Merkmale. Wenn die Merkmale zur Bewegungsauswahl gefunden wurden, kann im Training gezielt danach gesucht werden. Sobald Schüler trotz möglicher Varianten zeitlich davor mit Bewegungen starten, war deren Wahrnehmung konstruiert.

Allgemein liegt der Fokus einer Suche nach diesem Effekt auf der Frage: Woher hat der Ausführende seine Information? Ist diese wahrgenommen oder konstruiert?

 

Zusammenfassung

Die IdI ist die spezielle nachteilige Kombination aus Wahrnehmungsüberlastung und Konstruktion von Informationen. Es gibt weitere Kombinationen, welche ähnliche Auswirkungen haben und Bewegungen leistungsfähiger erscheinen lassen. Die Abgrenzung zu weiteren Effekten lohnt vor allem durch das häufe Vorkommen der IdI. Es gibt bei all den Phänomenen der Überlastungserscheinungen, deren Überlagerungen und den dementsprechend schwer zu isolierenden Hintergründen kaum einen anderen Effekt, welcher derart die Kampfkünste durchsetzt, prägt und die Einschätzung der Leistungsfähigkeit von Bewegungen erschwert.

Fußnoten   [ + ]

1. Bewegungsplanungen sind grundsätzlich auch ohne dieses Wissen möglich. Allerdings sind diese Ansätze sehr speziell und können nicht universell eingesetzt werden. Beispiele sind eine spezielle Konstruktion von Preflexen oder Getriebeansätze.
2. Die dritte Ursache ist bedeutend komplexer und tiefgreifender als hier in diesen wenigen Zeilen dargestellt. Der gedankliche Widerstand, die Rationalisierungen, die im Raum stehenden Vorwürfe können bei Diskussionen eine Eigendynamik entwickeln. Das gedankliche Loch, in das man fällt, sobald man einsehen muss, dass eigene Bewegungen starke Probleme haben, ist anfangs schwer zu überwinden. Die Gefühle der Enttäuschung, Wut, Nicht-Eingestehen-Wollen können Schülern stark zusetzen. Die Motivation für weiteres Training kann an dieser Stelle völlig verschwinden.
3. Der Einsatz der Kompensationen ist vergleichbar mit einer alten Grundregel für Investitionen. Dabei solle man „schlechtem Geld kein gutes Geld“ hinterherwerfen. Schlecht entwickelte Bewegungen sollten nicht mit Hilfe von Kompensationsansätzen gerettet werden. Zuerst sollten die Mittel im Regelkreis sauber zur Bewegungsentwicklung genutzt werden.

Der Artikel wurde am 17. Januar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.