Informationsverfügbarkeit

Hintergrund

Die Informationsverfügbarkeit ist eine spezielle Perspektive 1Vergleichbar mit Informationsgrad in der Entscheidungstheorie. Der Name Verfügbarkeit ist „sprechender“, also verständlicher.. Sie dient dazu den Prozess der Wahrnehmung zu untersuchen und zentrale Fragen für Bewegungen zu klären: Sind genug Informationen verfügbar für die systematische Wahl einer Bewegung? Wenn nein, wie soll trotzdem gehandelt werden?

Beispiel

In dem folgenden Beispiel werden kurz zwei Situationen vorgestellt. Beide Situationen unterscheiden sich in der verfügbaren Zeit zur Wahrnehmung der Abläufe. Die Informationsverfügbarkeit steigt bei ausreichender Zeit und sinkt bei Überlastungen.

 

  • Situation 1
    • Der Gegner greift mit einer langsamen, ausholenden Bewegung an.
  • Einschätzung
    • Die eigene Wahrnehmung hat genug Zeit. Der Angriff kann erkannt werden. Die Informationsverfügbarkeit ist gegeben. Eine Gegenbewegung kann ausgewählt und gestartet werden.

 

  • Situation 2
    • Der Gegner greift auf kurze Entfernung sehr schnell an.
  • Einschätzung
    • Die eigene Wahrnehmung ist überlastet. Der Angriff kann vielleicht noch im Ansatz erkannt werden, aber nicht vollständig. Die Informationsverfügbarkeit ist gering. Eine passende Gegenbewegung kann nicht sicher ausgewählt werden.

 

Bestimmung der Informationsverfügbarkeit

Die Informationsverfügbarkeit ist eine theoretische Größe. Sie fasst die Ergebnisse anderer Betrachtungen der Wahrnehmungsprozesse zu einer gemeinsamen Perspektive zusammen.

Die Wahrnehmung besteht aus Detektion, Identifikation und Interpretation. Jedes Element kann unterschiedlich mit verfügbaren Reizen und Informationen umgehen (siehe deren Bandbreite). Je nachdem sinkt oder steigt die Verfügbarkeit für den Aufbau des inneren Modells und der Handlungsauswahl an.

 

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Ein Beispiel sind verfügbare Reize. Erst wenn Reize bspw. gezielt ignoriert werden, können die enthaltenen Informationen der Reize nicht weitergegeben werden. Das bedeutet, dass die Verfügbarkeit bereits früh in der Wahrnehmung sinkt.

 

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Balance finden

Das Ziel ist die Informationsverfügbarkeit im Verlauf von Bewegungen auf einem passenden Niveau zu halten. Dabei ist nicht die absolute Höhe der Verfügbarkeit wichtig, sondern nur eine ausreichende Höhe. Die Folgeabläufe, z.B. Wahl der Bewegung und Ausführung, müssen auch bedacht werden. Es gilt eine Balance zwischen allen Größen im Regelkreis zu finden. Was nützt es „alles“ zu wissen, wenn die Zeit für die Folgebewegung nicht mehr ausreicht?

 

Beispiel

  • Der Gegner greift an.
  • Man selbst wartet noch etwas ab, statt früh einzugreifen.
  • Die Wartezeit erlaubt länger wahrzunehmen.
  • Die längere Wahrnehmung erlaubt mehr Reize und damit Informationen aufzunehmen.
  • Die Informationsverfügbarkeit ist sehr hoch.
  • Die hohe Verfügbarkeit erlaubt die Auslegung eines perfekten Konters.
  • Bevor der Konter gestartet wird, trifft der Gegner.

 

Mit der Wartezeit wurde zwar die Informationsverfügbarkeit erhöht, aber der Zeitverlust hat eine passende Reaktion unmöglich gemacht. In diesem Fall ist die Balance zwischen den Größen des Regelkreises nicht gegeben.

 

Nutzung in der Bewegungsentwicklung

Die Perspektive der Informationsverfügbarkeit dient als Optimierungsparameter für Bewegungsentwicklungen. Mit ihrer Hilfe kann gezielt der Kompromiss zwischen den Abläufen des Regelkreises gesucht werden. Habe ich genügend Informationen? Benötige ich überhaupt so viele Informationen? Kann ich mit weniger auskommen und damit eine Bewegung früher starten?

Dadurch lässt sich gedanklich eine Art „Zielkorridor“ konstruieren. Zu hohe Werte belasten zeitlich alle Folgeprozesse im Regelkreis (z.B. Ausführung der Bewegung)2Das gilt bei nacheinander ablaufenden Prozessen. Sobald Abläufe gleichzeitig ablaufen ändern sich die Abhängigkeiten.. Zu niedrige Werte erfordern Kompensationsmechanismen (z.B. Heuristiken oder kontextsensitive Bewegungen), damit trotzdem die Ziele einer Bewegung erreicht werden könne. Andernfalls steigen die Risiken für Fehlschläge.

 

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Fußnoten   [ + ]

1. Vergleichbar mit Informationsgrad in der Entscheidungstheorie. Der Name Verfügbarkeit ist „sprechender“, also verständlicher.
2. Das gilt bei nacheinander ablaufenden Prozessen. Sobald Abläufe gleichzeitig ablaufen ändern sich die Abhängigkeiten.

Der Artikel wurde am 30. Oktober 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.