Körperschwerpunkt und Gleichgewicht

Hintergrund

Körperschwerpunkt und Gleichgewicht sind wichtige Größen bei der Diskussion und Bewertung von Bewegungen. Sie sind eng miteinander verknüpft. Es gibt verschiedene Modelle zur Beschreibung des Schwerpunkts und wie dieser mit dem Gleichgewicht zusammenhängt. Jedes Modell hat seine Eigenheiten und Vorteile. Allen gemeinsam ist der Versuch Bewegungen und deren Abhängigkeit vom eigenen Gleichgewicht gedanklich greifbar zu machen. Das oberste Ziel ist die Erhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit durch eine Kontrolle der wirkenden Kräfte. Ohne diese Kontrolle schlagen Bewegung fehl und Bewegungsziele werden nicht erreicht. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körperschwerpunkt und dem Gleichgewicht gewinnt deswegen an Bedeutung und ist als Thema wiederkehrend ein Teil von Diskussionen.

Definition Gleichgewicht/ Ungleichgewicht

Das Wort Gleichgewicht wird sprachlich unterschiedlich wahrgenommen. Im Kontext von Bewegungen wird das Gleichgewicht gedanklich oft mit festem Stand oder dem Widerstand gegen das Drücken eines Gegners verknüpft (im Sinne von Körpergleichgewicht – „sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen“). Der Ursprung des Wortes bezieht sich aber allgemeiner auf ein Gleichgewicht von Kräften (z.B. wie bei einer Waage und deren Waagschalen).

In diesem Artikel wird Gleichgewicht genau im Sinne von Ausgleich aller Kräfte angesehen. Umgekehrt wird das Ungleichgewicht definiert als fehlender Ausgleich. Dabei heben sich Kräfte nicht vollständig gegeneinander auf und eine Bewegung in Richtung der dominanten Kraft entsteht.

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_01

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_02

 

Das Halten des Körpergleichgewichts ist eine Teilmenge des allgemeineren Gleichgewichts. In den folgenden Paragraphen werden am Beispiel des Körpergleichgewichts die Ziele des allgemeinen Gleichgewichts vorgestellt. Daraus ergeben sich dann die Einschränkungen durch eine zu starre Konzentration auf das Körpergleichgewicht als Bewegungsansatz. Das notwendige Weiten der Perspektive auf ein allgemeines Gleichgewicht von Kräften wird dadurch verständlich. Nicht immer ist das starre Halten des Körpergleichgewichts eine gute Lösung.

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_03

 

Allgemeine Ziele des Körpergleichgewichts

Die Ziele des Körpergleichgewichts lassen sich am Einfachsten definieren, indem man sich vorstellt kein Körpergleichgewicht zu haben. Ohne Körpergleichgewicht misslingen Bewegungen und man stürzt. Einwirkungen auf den Gegner, z.B. in Form von Schlägen oder Tritten, sind auch nicht möglich. Daraus können übergeordnete Ziele des Körpergleichgewichts abgeleitet werden. Handlungsfähigkeit bereitstellen und erhalten ist das Hauptziel. Die wirkenden Kräfte (von außen und im Körper) sollen antizipiert und damit zielgerichtet geführt werden. Darauf folgen spezifische Bewegungsziele (z.B. Kampf beenden), welche in Schlägen und Tritten als Umsetzungsmitteln resultieren. Das Körpergleichgewicht ist dabei ein spezieller Bewegungsansatz dieser Kontrolle der Kräfte und kann für Schüler ein Zwischenziel darstellen.

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_04

 

Einschränkungen des Ansatzes Körpergleichgewicht

Der Ansatz eines ausgeglichenen Körpergleichgewichts scheint auf den ersten Blick sehr lohnend. Es vereinfacht die Situation der mitunter komplex wirkenden Kräfte. Schüler können den Ansatz „Körpergleichgewicht behalten“ leicht verstehen. Wer möchte schon einen schlechten Stand haben?

 

Beispiel

Für ein ausgeglichenes Körpergewicht werden folgende Mittel gewählt:

  • Sehr fester, statischer und tiefer Stand
  • Stark erhöhte Körperspannung (Verspannung zwischen Körpergliedern)

 

Im Ergebnis werden äußere Kräfte durch einen Gegner sehr gut kontrolliert. Der tiefe Stand senkt den Schwerpunkt, sodass angreifende Kräfte den Körper nicht umkippen. Weiterhin muss ein Gegner zuerst die erhöhte Körperspannung überwinden, bevor seine Kräfte Wirkungen entfalten (z.B. Verformungen für Hebel).

Allerdings versperrt dieser Ansatz den Weg zu einer kreativeren Kontrolle der gegnerischen Kräfte. Kräften können nicht nur Kräfte entgegengesetzt werden (obiges Beispiel: Kraft durch starke Gegenkraft kontrollieren). Gegnerische Kräfte können auch umgeleitet, aufgenommen oder sogar verstärkt werden1Diese Ansätze werden im Artikel Gegensätze des Kräftemanagements detailliert vorgestellt und diskutiert..

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_05

 

Bei einer allzu starren Konzentration auf die obigen Mittel (Stand und Körperspannung) droht eine Überoptimierung und einseitige Konzentration auf den Lösungsansatz des Körpergleichgewichts.

Allgemeine Ziele bevorzugen

Die übergeordneten Ziele des Körpergleichgewichts sind allgemein gültig. Die Bewegungsansätze zum Erreichen der Ziele sind im Gegensatz dazu sehr vielfältig. Das Halten des Körpergleichgewichts ist nur ein Ansatz zum Erreichen der Ziele. Damit der eigene Blick deswegen nicht zu stark eingeschränkt wird, ist eine allgemeinere Definition notwendig.

Die allgemeinen Ziele werden besser erreicht, indem bei der Auslegung einer Bewegung ein gerichteter Umgang mit Kräften konstruiert wird. Nicht das Gleichgewicht an sich steht im Vordergrund, sondern das Erreichen der Ziele. Das kann sogar bedeuten, dass statt eines Gleichgewichts ein Ungleichgewicht vorzuziehen ist.

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_06

 

Beispiele für gerichteten Umgang

Opferwürfe im Judo

  • Situation: Der Gegner wird gegriffen. Dann wird das eigene Körpergleichgewicht bewusst aufgegeben. Der Fall des eigenen Körpers bringt auch den Gegner zu Fall.
  • Ansatz: Aufgabe des Körpergleichgewichts

Gegner zieht am Arm

  • Situation: Eigener Arm wird durch Körperspannung mit restlichem Körper verbunden. Kraft des Zugs wird über Arm auf Körper übertragen. Ganzer Körper wird mitgezogen und ein Schritt in Richtung der Kraft ausgeführt. Kraft des Ziehens geht ins Leere, da sich der Kraft kein Widerstand bietet.
  • Ansatz: Kraft läuft ins Leere – zeitlich kurzes Ungleichgewicht in Form des geführten Schrittes akzeptiert.

 

Modelle zur Beschreibung

Die Beschreibung des Körperschwerpunkts und des Gleichgewichts erfolgen über Modelle. Diese Modelle unterscheiden sich in ihrem Detailgrad und welche Phänomene bei Bewegungen erfasst werden. Nicht jedes Modell erfasst alle wirkenden Kräfte und Momente. Die Modelle werden schrittweise um diese Punkte erweitert.

 

de_koerperschwerpunkt_und_gleichgewicht_07

 

Folgend einige Modelle, welche in separaten Artikeln detaillierter erläutert werden.

Modell Körperschwerpunkt und Lot

Bei diesem Modell wird der Körperschwerpunkt des Körpers bestimmt. Danach wird mittels eines gedanklichen Lots auf den Boden überprüft, ob der Körper im Gleichgewicht ist.

Das Modell ist relativ einfach und kann gut im Unterricht eingesetzt werden. Die Vereinfachung erfasst keine äußeren und inneren Kräfte und Momente2Ausnahme ist die Schwerkraft.. Daher kann es für viele Bewegungsphänomene und -ansätze nicht verwendet werden.

Modell Körperschwerpunkt und Summe

Dieses Modell zieht äußere Kräfte und Momente auf den Körper zur Erläuterung hinzu. Es ist umfangreicher und kann weitere Bewegungsphänomene und -ansätze erklären. Für komplexe Bewegungen genügt es aber nicht.

Modell Mehrmassensystem mit variabler Kopplung

Das Modell sieht den menschlichen Körper ähnlich einer Puppe, welche kontrolliert die Stellung ihrer Gliedmaßen variabel mit Momenten verändern kann. In dieser letzten Stufe werden alle wirkenden Kräfte und Momente (intern und extern) diskutiert. Es kann alle Bewegungsphänomene und -ansätze abbilden. Das Modell ist sehr komplex und kann im Unterricht nur bedingt voll diskutiert werden.

Fußnoten   [ + ]

1. Diese Ansätze werden im Artikel Gegensätze des Kräftemanagements detailliert vorgestellt und diskutiert.
2. Ausnahme ist die Schwerkraft.

Der Artikel wurde am 25. Dezember 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.