Radikaler Konstruktivismus

Hintergrund

Der radikale Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, deren Grundaussage darauf abzielt, dass bei Wahrnehmungen die Realität nicht direkt wahrgenommen wird, sondern diese konstruiert wird. Dabei kann es zu Fehlkonstruktionen kommen, welche wiederum dazu führen, dass Fehlhandlungen geplant und ausgeführt werden. Typische Beispiele in den Kampfkünsten sind ein Danebenschlagen im Kampf oder Schüler im Training, welche Bewegungen trotz mehrmaligen negativen Rückmeldungen nicht anpassen1Es gibt viele weitere Umstände, wieso Schüler im Training beim Lernen ihre Bewegungen nicht anpassen und auf einem niedrigen Niveau verbleiben. An dieser Stelle möchte ich auf genau diese eine Ursache hinweisen. Wer sich und sein Abbild der Umwelt im Einklang erlebt, wird keine Anpassungen vornehmen, trotz negativen Rückmeldungen. Erst mit, zum Teil schmerzhaften, Konsequenzen wird die Abweichung erkannt und das Bild der Realität angepasst..

Bei Paul Watzlawick findet sich ein amüsantes Beispiel dieses Vorgangs einer Realitätskonstruktion. Dabei benötigt ein Mann einen Hammer. Er hat keinen, aber sein Nachbar hat einen. Allerdings kommen ihm Zweifel, ob der Nachbar ihm diesen Hammer wirklich leihen würde. Das Original findet sich hier. Diese Kurzgeschichte beinhaltet den ganzen Vorgang der Realitätskonstruktion und kann als Prototyp für diesen Vorgang angesehen werden:

Der obige Ablauf zeichnet sich durch die folgenden Punkte aus:

  1. Anfangszustand mit unklarer Situation
  2. Versuch, aus bekannten Informationen ein stimmiges Gesamtbild zu erhalten
  3. Handlungseinleitung auf Grund dieses Gesamtbildes

 

Allerdings fehlen in diesem Ablauf einige entscheidende Punkte, welche diesen Ausgang des Beispiels mit dem Hammer in einem Unglück enden lassen.

  • Selektive Vorauswahl von Informationen
  • Ignorieren von anderen verfügbaren Informationen
  • Interpretationen, anstatt den Versuch zu unternehmen, das Abbild mit der Realität abzugleichen

 

Für einen tieferen Einstieg sind die Bücher oder Vorträge von Paul Watzlawick empfehlenswert:

 

Es gibt weitere „Abstufungen“, weg von dieser radikalen Ansicht, hin zu anderen Modellen der Lerntheorie und Realitätsbildung. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht explizit für den radikalen Konstruktivismus einstehen. Allerdings hilft gerade die „Radikalität“ der Ansichten sich mit den Abläufen zu beschäftigen. Trotz der berechtigten Kritik lassen sich viele Phänomene im Training und im Kampf dem Modell einer konstruierten Realität zuordnen. Eine Beschäftigung mit dem Model kann helfen diese Phänomene zu verstehen, einzuordnen und letztendlich für sich nutzbar zu machen.

 

Konstruktion zur Kompensation

Trotz der schlechten Auswirkungen einer unzureichenden Wirklichkeitskonstruktion bieten die Vorgänge auch diverse Chancen zur Kompensation von negativen Effekten im Regelkreis. Der innere Regelkreis der Wahrnehmung wird bei hohen Geschwindigkeiten überlastet und es entsteht eine stetig wachsende Informationsarmut. Aus den gerade stattfindenden Abläufen können nicht genug Informationen gewonnen werden. Ohne diese Informationen kann es aber zu Fehlplanungen bei der Auswahl von passenden Bewegungen kommen. An dieser Stelle beginnt der Kompensationseffekt beim Rückgriff auf gespeicherte Informationen.

 

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In früheren Trainingssituationen wurde die Bewegung trainiert und die notwendigen Informationen aufgenommen und als Erfahrungen gespeichert. Bei Bedarf können diese Informationen abgerufen werden. Dieses Speichern und Abrufen von Informationen an sich ist ein normaler Vorgang und ermöglicht erst Lernprozesse, hier im Speziellen Bewegungslernen.

 

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Dieser Vorgang wirkt in einer Situationen der Überlastung als Kompensationseffekt. In der gerade ablaufenden Situation werden die gerade aktuell noch verfügbaren Informationen ergänzt durch vorher gespeicherte Informationen. Die Situation wird also nicht im Ganzen wahrgenommen, sondern nur auf Grund kleinerer „Informationsstücke“ (siehe z.B. Studie der Werfer) konstruiert. Das Abrufen ermöglicht in seiner positiven Form das Agieren mit Gegnern trotz einer hohen Informationsarmut durch hohe Geschwindigkeit.

 

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Die Kompensation erlaubt eine höhere Informationsverfügbarkeit mit Hilfe der konstruierten Realität.

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Allerdings ergibt sich daraus auch eine übersteigerte negative Form. Diese Konstruktion der Wirklichkeit ist ein heuristischer Ansatz. Er ist darauf angewiesen, dass die vereinfachte konstruierte Form auf den richtigen „Gegenpart“ trifft. In diesem Fall wäre der Gegenpart ein Gegner, dessen Verhalten der alten Trainingssituation entspricht.

 

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An dieser Stelle beginnt der schädigende Effekt einer konstruierten Realität. Was passiert, wenn auf Grund des Rückgangs der Informationsverfügbarkeit zu selektiv Reize ausgewertet werden? Die verfügbaren Reize werden dann heuristisch mit den Trainingssituationen ergänzt. Wenn allerdings der Gegner auf Grund seiner verfügbaren Möglichkeiten ein anderes Verhalten zeigt, trifft die konstruierte Realität auf die davon abweichende „wahre“ Realität. Bewegungen, deren Planung und Ausführung auf die höhere Informationsverfügbarkeit angewiesen gewesen wären, können dann fehlschlagen. Die notwendigen Korrekturen in der Ausführung verschlechtern die Übertragungsfunktion.

 

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Einschätzung der Kompensation

Um eine Einschätzung vorzunehmen, ob eine Situation vollständig wahrgenommen wurde oder eher konstruiert wurde, kann mit Methoden systematisch untersucht werden. Im Anschluss kann versucht werden eine Einschätzung vorzunehmen, ob die Kompensation hilft oder eher schädigt.

Die Kernfrage beläuft sich darauf, woher denn die Information zum Agieren in einer Situation gekommen ist. War diese wirklich aus aktuell wahrgenommenen Reizen zusammengefügt worden oder wurde die Situation aus den gespeicherten Informationen rekonstruiert? Im Anschluss folgt die Frage, ob die Rekonstruktion die Realität abbilden kann oder ob es zu Abweichungen kommt.

Ein typisches Beispiel aus Trainingseinheiten findet sich bei Schülern, welche den Angriff eines Gegners als Reaktion abwehren sollen. Dazu soll der Angriff des Gegners erkannt und daraufhin die Abwehr ausgeführt werden. Beim Beobachten der Schüler fällt auf, dass diese sehr früh starten. Der Angriff des Gegners ist noch nicht weit genug fortgeschritten, um zu erkennen, welcher Angriff stattfinden wird. Trotzdem führen die Schüler die Abwehr durch. Andere mögliche Angriffe, welche sich als parallel ablaufende Varianten ergeben können, werden damit nicht beachtet. Das „Erkennen“ des Angriffs wurde also konstruiert, da die nötigen Informationen noch nicht verfügbar waren. Die Abwehr wird ohne wirkliche Wahrnehmung mit Informationen aus vorherigen Durchgängen ausgeführt. In späteren Anwendungen kann es beim Auftreten von Varianten dadurch zu Problemen kommen (siehe IdI).

Eine Konstruktion zur Kompensation darf also nicht selbstverständlich als „funktionierend“ angenommen werden. Das Problem liegt darin, dass nicht zwischen vollständiger Wahrnehmung und kompensierter Wahrnehmung unterschieden wird. Die Quelle für Informationen muss immer hinterfragt werden.

Beispiele für Konstruktionen

Im Folgenden werden kurz zwei Beispiele für fehlerhafte Realitätskonstruktionen vorgestellt. Eine Detaillierung mit einem erfolgreichen Umgang kann nur über eine Beschäftigung mit den unterlagerten Effekten erfolgen (z.B. Überlastungserscheinungen). Es wirken noch andere Effekte. Die fehlerhafte Realitätskonstruktion stellt aber einen dominanten Effekt dar.

Danebenschlagen im Kampf

Dieses Beispiel entsteht durch die Überlastung des Regelkreises der Informationsverarbeitung und der daraus entstehenden Fehlwahrnehmung. Das daraus resultierende Abbild der Realität entspricht nicht den „wahren“ äußeren Abläufen. Eine auf diesem fehlerhaften Abbild gegründete Bewegungsplanung trifft auf eine „andere“ Realität. Im Fall des Danebenschlagens trifft der Schlag ins Leere, also an die Stelle, an die das eigene Abbild den Gegner „konstruiert“ hatte. Dieser befindet sich aber an einer anderen Stelle. Es handelt sich dabei nicht um ein einfaches Verschätzen. Hätte man vorher gewusst, wo sich der Gegner befindet, hätte man auch diesen „wahren“ Punkt anvisiert.

Training einer Abwehr

Eine Bewegung wurde als Abwehr gegen einen Angriff ausgelegt und für Monate trainiert. Im Training hat die Bewegung immer funktioniert, auch wenn die Partner extrem schnell und kräftig angegriffen haben. Sobald die Abwehr aber mit einem Fremden probiert wird, klappt diese nicht auf Anhieb. Es bedarf einiger Anläufe, bis man wieder „warm“ ist. Wäre die Situation im Ernstfall aufgetreten, hätte die eigene Abwehr nicht auf Anhieb funktioniert. An dieser Stelle wirkt ein Effekt, bei dem die eigene Realitätskonstruktion bei Partnern den Lerneffekt eingeschränkt hat. Das innere Modell mit „seiner“ Realität hat die Wahrnehmung zusätzlicher relevanter Reize ersetzt; ein typischer „Es ist doch alles klar wie es läuft“-Effekt. An dieser Stelle wird selektiv auf bestimmte Reize der (eingespielten) Partner getriggert. Weitere relevante Muster, welche Aufschluss über Abläufe geben würden, werden nicht weiter gelernt und in die Abwehr als Trigger eingebaut. Ein Fremder ist nicht mit diesen Abläufen der Partner und deren Bewegungsmustern vertraut. Er bewegt sich auf seine eigene Art und Weise. Somit trifft die eigene konstruierte Realität auf die Realität mit dem Fremden. Erst die Fehlschläge zeigen den Unterschied der eigenen Wirklichkeitskonstruktion zur Realität. Dabei dauert es aber nur wenige Durchläufe und man ist wieder auf den Fremden angepasst. Das alte Gefühl des „Verständnisses“ und die Befriedigung einer „erfolgreichen“ Abwehr stellen sich wieder ein. Es entstehen typische „perfekte“ Bewegungen, welche für Außenstehende als „höchste Kunst“ wahrgenommen werden. Im Hintergrund handelt es sich aber nur um perfektionierte Abläufe, ohne die Robustheit, um in abwechslungsreichen Situationen zu bestehen. Dieses Beispiel für Bewegungslernen hat noch einen sehr wichtigeren Hintergrund. Wer jahrelang Bewegungen mit unstimmig konstruierten Realitäten trainiert, wird zwar ein hohe Trainingsleistung „verspüren“, aber im harten Einsatzfall fehlschlagen.

Einsatz im Training und im Kampf

Erfolgreiche robuste Bewegungskonstruktionen beziehen diese Effekte mit in ihre Überlegungen ein und versuchen diese zu minimieren oder für sich auszunutzen. In den ersten Ansätzen wird mit Hilfe von Belastungstests rigoros versucht die Realität mit dem eigenen Abbild in Deckung zu bringen. In Analysen wird versucht die relevante Muster zu finden, welche wirklich als Trigger wirken können. In Folgeschritten können bei einer starken Armut an Informationen Wirklichkeitskonstruktionen aufgesetzt und wieder mit Belastungstests gegengeprüft werden. Wenn diese standhalten, ist diese Art der Konstruktion geeignet, um fehlende Reize zu kompensieren. Im Gegenzug können diese Ansätze gegen Gegner eingesetzt werden. Diese sind auch auf ihre Wirklichkeitskonstruktionen angewiesen; mit den gleichen Chancen und Einschränkungen. Es gibt noch weitere Ansätze, welche Fehlkonstruktionen gezielt herausfordern, um bspw. Selbstreflexe als zusätzliche Kraftquelle nutzbar zu machen.

Fußnoten   [ + ]

1. Es gibt viele weitere Umstände, wieso Schüler im Training beim Lernen ihre Bewegungen nicht anpassen und auf einem niedrigen Niveau verbleiben. An dieser Stelle möchte ich auf genau diese eine Ursache hinweisen. Wer sich und sein Abbild der Umwelt im Einklang erlebt, wird keine Anpassungen vornehmen, trotz negativen Rückmeldungen. Erst mit, zum Teil schmerzhaften, Konsequenzen wird die Abweichung erkannt und das Bild der Realität angepasst.

Der Artikel wurde am 1. März 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.