Kontextsensitivität

Hintergrund

Bewegungen werden immer in einen Kontext eingebettet. Je nach Konstruktion der Bewegung sind diese auf einen speziellen Kontext ausgelegt. Innerhalb dieses Kontexts erreichen sie die gesetzten Ziele. Bewegungen, welche außerhalb ihres Kontexts eingesetzt werden, erreichen gesetzte Ziele nur ungenügend. Diese Art von Bewegungen können nicht in einen neuen Kontext transferiert werden.

Eine bestimmte Art der Konstruktion von Bewegungen erlaubt den Transfer von Bewegungen in einen anderen Kontext. Bei wechselndem Kontext liefern diese speziellen Bewegungen ohne weitere Anpassungen ausreichende Ergebnisse. Diese Eigenschaft heißt kontextsensitiv.

Die Ergebnisse kontextsensitiver Bewegungen sind nicht unbedingt gleichwertig mit auf einen Kontext spezialisierte Bewegungen. Auf einen Kontext spezialisierte Bewegungen können Ziele meistens umfassender erfüllen. Kontextsensitive Bewegungen müssen in ihrer Auslegung immer Kompromisse zwischen den Varianten eingehen. Als zusätzliches Ziel wird also der Transfer ohne Anpassungen in einen anderen Kontext als Ziel höher priorisiert. Die Zielerfüllung anderer Ziele wird zurückgestellt.

Zusammenfassung

Zusammengefasst ist Kontextsensitivität ist eine Eigenschaft von Bewegungen. Sie erlaubt den Transfer von Bewegungen ohne Anpassung in einen anderen Kontext. Die Zielerfüllung ist dabei meist niedriger. Der Transfer in den anderen Kontext ist wichtiger als die volle Zielerfüllung.

 

Beispiel

Mittels einer Waffe wird ein geradliniger Stich1Die Waffe in dem folgenden Bild ist keine saubere Stichwaffe. In Ermangelung eines passenden Bildes ist eine Art Krummsäbel dargestellt in Richtung des Gegners ausgeführt. Der Stich wird mit einem Schritt in Richtung des Gegners überlagert (Bsp. Filmausschnitt ab 1:50). Als Kontext werden mögliche Bewegungsrichtungen des Gegners um seine aktuelle Position betrachtet. Der eigene Stich wird als gesteuerte Bewegung geführt. Er erlaubt damit keine Richtungsanpassungen, falls sich der Kontext, also der Standort des Gegners, währenddessen verändert (siehe obigen Filmausschnitt)2Das Beispiel ist sehr einfach gewählt. Es wird die stille Annahme getroffen, dass der Gegner noch nicht überlastet ist. Er kann noch agieren und sich als Reaktion bewegen. Das Ergebnis ist trivial. Bei richtigen Kämpfen mit Waffen sind die vorgestellten Optionen längst nicht so einfach zu nutzen. Harvey Keitel nutzt bspw. im vorgestellten Video (ca. bei 2:10) diesen Ansatz, um dem Stich von Keith Carradine zu entkommen und selbst zu treffen. Erst bei komplexeren Problemen lohnen sich diese Betrachtungen. Sobald zwischen Gegnern Kräfte ausgetauscht werden oder der Bewegungsraum sehr groß und damit variantenreich ist, kommt die Stärke dieser Perspektive zum Tragen.. Der Gegner führt außer einer Vorwärts-, Rückwärts- oder Seitwärtsbewegung keine weiteren Bewegungen durch.

Stich zum Gegner

 

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Ansicht von oben

Der Bewegungsraum der Waffe überstreicht nur den Bereich entlang der eigenen Vorwärtsbewegung.

 

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Wenn der Gegner sich noch an seinem Ausgangspunkt befindet, wird er getroffen. Bewegt er sich nur vorwärts oder rückwärts, wird er durch den abgedeckten Bereich der Waffe getroffen. Der Stich ist in diesem Bereich kontextsensitiv.

 

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Wählt der Gegner eine Seitwärtsbewegung, verlässt er den abgedeckten Bereich der Waffe und wird nicht getroffen. Der Stich ist in diesem Bereich nicht kontextsensitiv.

 

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Nutzung

Als Kontext können jegliche Zusammenhänge im Kampf betrachtet werden. Den größten Einsatzbereich haben Betrachtungen zur Kontextsensitivität aber im Überlastungsbereich des Regelkreises. Wenn der eigene und der gegnerische Bewegungsraum sehr groß sind, ergeben sich viele parallel ablaufende Varianten.

 

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Der erste Ansatz damit umzugehen, ist der Versuch den Überlastungsbereich zu verschieben. Dazu werden die Elemente des Regelkreises in andere Zustände versetzt.

 

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Damit ist das Problem aber nur verschoben, nicht gelöst. Trifft man auf Gegner mit gleichwertigen Kräften oder Geschwindigkeiten beginnt das Problem der parallel ablaufenden Varianten erneut zu wirken. Der Gegner schafft es dann die Arbeitspunkte wieder zu hoch zu legen.

An dieser Stelle beginnen kontextsensitive Bewegungen ihre Stärken auszuspielen. Parallel ablaufende Varianten können prinzipiell als anderer Kontext aufgefasst werden. Die Eigenschaft der Kontextsensitivität erlaubt die Konstruktion von Bewegungen, welche mit diesen nicht unterscheidbaren Kontexten umgehen können. Diese kontextsensitiven Bewegungen treffen auf die Varianten und liefern noch ausreichende Ergebnisse. Spezialisierte Ansätze können jeweils nur mit einer Variante umgehen. Sie schlagen beim Auftreten anderer Varianten fehl.

 

Ansatz ohne Kontextsensitivität

  • Spezialisiert auf Lösung einer Variante
  • Erreicht meist höhere Zielerfüllung als Ansatz mit Kontextsensitivität

 

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Ansatz mit Kontextsensitivität

  • Spezialisiert auf Lösung möglichst vieler Varianten
  • Erreicht meist nur niedrigere Zielerfüllung als Ansatz spezialisierter Lösungen

 

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Fußnoten   [ + ]

1. Die Waffe in dem folgenden Bild ist keine saubere Stichwaffe. In Ermangelung eines passenden Bildes ist eine Art Krummsäbel dargestellt
2. Das Beispiel ist sehr einfach gewählt. Es wird die stille Annahme getroffen, dass der Gegner noch nicht überlastet ist. Er kann noch agieren und sich als Reaktion bewegen. Das Ergebnis ist trivial. Bei richtigen Kämpfen mit Waffen sind die vorgestellten Optionen längst nicht so einfach zu nutzen. Harvey Keitel nutzt bspw. im vorgestellten Video (ca. bei 2:10) diesen Ansatz, um dem Stich von Keith Carradine zu entkommen und selbst zu treffen. Erst bei komplexeren Problemen lohnen sich diese Betrachtungen. Sobald zwischen Gegnern Kräfte ausgetauscht werden oder der Bewegungsraum sehr groß und damit variantenreich ist, kommt die Stärke dieser Perspektive zum Tragen.

Der Artikel wurde am 25. Mai 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.