Logik im Überlastbereich

Hintergrund

Der Titel des Artikels deutet eine eigene spezielle Art der Logik1Der Begriff die Logik wird in vielen Fachgebieten mit leicht unterschiedlichen Definitionen eingesetzt. In diesem Artikel wird dabei die eher umgangssprachliche Definition verwendet. Im Vordergrund soll die Fähigkeit stehen mit seinem eigenen Denken die Welt für sich zu erkennen, Phänomene zu ordnen und daraus für sich Schlüsse zu ziehen. in den Kampfkünsten an. An dieser Stelle folgt dann die berechtige Frage, warum innerhalb der Kampfkünste eine eigene, vom „normalen“ Denken abweichende Logik existieren sollte. Ist es nicht so, dass ich den Gegner wahrnehme? Ist es nicht so, dass ich daraufhin meine Bewegung wähle, starte und ausführe? Genügt das denn nicht?

Die Antwort darauf ist leider nein. Der eigene Eindruck von „ich denke, ich fühle und ich handle“ trügt. Wer sich der Phänomene des Danebenschlagens, der Nicht-Reagierens und des Fehlstarts von Bewegungen bewusstwird, kann den obigen Ablauf nicht mehr als ausreichend ansehen. Es gibt noch andere Phänomene, welche die Art und Weise zu denken und zu handeln im Kampf bestimmen. Die Logik im Überlastbereich ist ein Versuch einige spezielle notwendige Denkweisen im Überlastungsbereich von Bewegungen vorzustellen. Die Basis stellen die Überlastungseffekte dar, welche bei hohen Geschwindigkeiten und Kräften einen Kampf prägen und zu teilweise unverständlichen Effekten führen.

 

Beispiel

Sie stehen einem Gegner gegenüber. Er nähert sich. Sie machen sich bereit. Er führt einen letzten Schritt auf Sie aus. Sie sehen seinen Angriff starten und wollen reagieren. Plötzlich spüren Sie einen Schmerz. Der Gegner hat Sie getroffen. Gerade hat er noch ausgeholt und jetzt haben Sie bereits einen Treffer. Was ist geschehen? Wie konnte Ihnen dieser andere Angriff entgehen?

 

Andere Perspektiven …

Der Ausdruck der „Logik im Überlastbereich“ ist an dieser Stelle nur ein sprachlicher Platzhalter, um sich einer grundlegenden Perspektive zu nähern. Wer diese Phänomene wahrnimmt, wird bei einer Einordung sein Denken anpassen. Es ergeben sich neue Grundregeln, welche das „altbekannte“ Denken ergänzen. Ähnlich dem ersten Lernen von Rechnen und Lesen muss man sich erst an diese Art des Denkens heranasten. Die Regeln erscheinen einfach. Wer allerdings weiter blickt, wird die sich ergebenden Folgeprobleme erkennen. An dieser Stelle beginnt dann die richtige Auseinandersetzung mit dieser Perspektive2Die Beispiele sind alle stark vereinfacht und decken nicht die Bandbreite der Vorkommnisse ab. Für den Einstieg sind Extreme aber meist einfacher zu verstehen und zu ordnen..

Die Beispiele gelten allesamt für den Übergangsbereich und den Überlastbereich von Bewegungen (in folgender Darstellung als Übertragungsfunktion). Diese zwei Bereiche stellen denjenigen Teil von Bewegungen dar, in dem der Regelkreis an seine Grenzen gerät. Infolgedessen können die normalen Abläufe wie Wahrnehmung, Auswahl und Ausführung von Bewegungen und Umgang mit Störungen nicht mehr regulär stattfinden.

 

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Regeln der Wahrnehmung

Die folgenden Regeln beschäftigen sich mit der „langsamen“ Wahrnehmung gegenüber der überlasteten Wahrnehmung. Wenn in der „langsamen Welt“ ein Arm deutlich erkennbar ist, ist er in der Welt der Überlastung schlicht nicht vorhanden. Wer sich so etwas vorstellen will, der kann sich den Körper seines Gegners einfach ohne Arme vorstellen. Dieses Bild mag extrem erscheinen, aber Arme können so schnell bewegt werden, dass eine Überlastung schnell eintritt. Zurück bleibt ein Flirren oder nur ein Schatten. Wer sich dieses Effekts bewusst wird, darf bei der eigenen Bewegungsplanung die Arme nicht als gegeben annehmen. Ein „ich sehe den Arm und wehre ihn ab“ gibt es dann nicht.

Im Übergangsbereich verschwinden die Arme nicht ganz. Die Wahrnehmung liefert noch wenige Informationen. Das bedeutet, dass sie nur noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an dem vermuteten Platz sind. Dadurch kann man sich die Arme ähnlich einer „Wolke“ vorstellen, also eines ungefähren Bereichs, wo sie sein müssen.

 

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Die Folgeprobleme lassen sich leicht einschätzen. Wie soll ich handeln, wenn ich nicht weiß, wo der Gegner seine Arme hat? Für diese Bereiche der Wahrnehmung müssen also spezielle Ansätze genutzt werden, welche trotz dieser Einschränkungen noch Lösungen bieten.

 

Stillhalten, Fehlstarts und falsche Bewegungen

Eine Reaktion ist auf Informationen angewiesen, genauso wie Reflexe und viele andere Arten von Regelvorgänge im Körper. Der obige Effekt des „Verschwindens“ oder Verzögern von Informationen sorgt bei derart abhängigen Vorgängen für einen Effekt des „Stillhaltens“. Das bedeutet, dass im Extrem statt einer Reaktion einfach „nichts“ passiert. Der eigene innere Regelkreis kann keine Planungen vornehmen oder „hängt“ hinterher. Das Ergebnis ist ein „Nicht-Reagieren“ oder ein sichtbares anfängliches Stillhalten bevor eine Bewegung startet. Wo sich im Kopf normalerweise ein Verständnis für Abläufe bildet, ist in diesem Fall eine schwer fassbare Leere.

Es erscheint immer unverständlich, warum man selbst „freiwillig“ stillhalten solle. Ist man nicht immer handlungsfähig? Wäre alles andere nicht irrational? Im Bereich der Überlastung von Bewegungen sind diese Effekte aber der Normalfall. Irrational ist die stille Annahme mit seinen Bewegungen immer handlungsfähig zu sein.

Weitere Effekte wie Fehlstarts oder falsch gewählte Bewegungen lassen sich auf die gleichen Ursachen zurückführen. Im Überlastbereich tauchen viele solche Phänomene auf und erzwingen eigene Handlungen, welche einem selbst irrational erscheinen.

Hin- statt Wegsehen

Anstatt den Blick abzuwenden und einfach weiter zu trainieren, müssen diese Effekte systematisch in Betrachtungen für Bewegungen einbezogen werden (siehe Bewegungsentwicklungen). Wer die Logik im Überlastbereich akzeptiert, wird sich zu Anfang diesen Effekten ausgeliefert fühlen. Dieses Gefühl wird sich mit weiterer Beschäftigung wandeln. Eine erste Perspektive ist die Einsicht, dass auch der Gegner den gleichen Effekten unterliegt. Was einem selbst als Einschränkung erschien, wird dann als Chance gesehen. Warum soll ich mich überlasten lassen, wenn ich den Gegner überlasten kann. Ein erstes Patt ist in Aussicht. Folgeperspektiven konzentrieren sich auf spezielle Bewegungen in Kampfkünsten. Es gibt eine Vielzahl an Bewegungsansätzen, welche trotz einer Informationsarmut die Handlungsfähigkeit erhalten oder nicht zu stark absinken lassen. An diesem Punkt verliert der Überlastbereich seinen Schrecken.

Fußnoten   [ + ]

1. Der Begriff die Logik wird in vielen Fachgebieten mit leicht unterschiedlichen Definitionen eingesetzt. In diesem Artikel wird dabei die eher umgangssprachliche Definition verwendet. Im Vordergrund soll die Fähigkeit stehen mit seinem eigenen Denken die Welt für sich zu erkennen, Phänomene zu ordnen und daraus für sich Schlüsse zu ziehen.
2. Die Beispiele sind alle stark vereinfacht und decken nicht die Bandbreite der Vorkommnisse ab. Für den Einstieg sind Extreme aber meist einfacher zu verstehen und zu ordnen.

Der Artikel wurde am 31. Januar 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.