Methoden zum Umgang mit Komplexität

Hintergrund

Bewegungen in Kampfkünsten sind sehr komplex. Sie bestehen aus vielen einzelnen Elementen, welche in jahrelangem Training ausgebildet werden. Dabei sind Bewegungselemente nur das Ende einer langen Kette von Vorüberlegungen. Dieser Prozess zur Auswahl von Bewegungselementen kann mit Hilfe verschiedener Methoden unterstützt werden. Dabei steht immer der Umgang mit komplexen Problemen und deren Lösung im Vordergrund. Einer der grundlegenden Fehler ist zum Beispiel zu einseitig gewählte Schwerpunkte. Die folgenden Methoden dienen vor allem dazu, sich nicht isoliert nur mit Teilaspekten zu beschäftigen. Das Gesamtbild der Bewegung und dessen Einordnung im Kontext dürfen nicht verloren gehen. Die folgenden grundlegenden Denkansätze helfen sich diesen Problemen zu nähern. Viele andere Methoden nutzen diese Grundlage für detaillierte Betrachtungen.

Bandbreitenbetrachtung

Viele Bewegungsprobleme sind geschwindigkeitsabhängig, also mit wachsender Geschwindigkeit verschärfen sich diese Probleme. Der Erfolg anderer Bewegungen hängt davon ab, dass eine gewisse Höhe an Kraft des Gegners überwunden werden muss. In dieser Art lassen sich Randbedingungen für den Erfolg von Bewegungen definieren. Bestimmte „Kipppunkte“ oder Schwellen, also ab wann eine Bewegung nicht mehr funktioniert, lassen sich meist finden. Allerdings sind diese selten absolut fest, sondern hängen noch von anderen Randbedingungen ab.

Bei Problemen dieser Art lohnt sich eine Betrachtung von Bandbreiten. Dabei wird ein Parameter, bspw. die Geschwindigkeit einer Bewegung, in einem Bereich variiert. Dieses Variieren kann als Gedankenexperiment oder als realer Test erfolgen. Mit dieser Perspektive lassen sich die Abläufe und Abhängigkeiten von diesem Wert beschrieben. Geschwindigkeit und Kraft sind nur zwei der vielen Parameter. Mit jedem „Durchfahren“ der Bandbreite verändern sich weitere Parameter. Vorher kaum fassbare Verknüpfungen stechen dann heraus und können gedanklich erfasst werden. Auf diese Art und Weise ergibt sich langsam das Gesamtbild der Abhängigkeiten.

Beispiel

Ein typisches Anwendungsbeispiel sind Belastungstests. Im folgenden Beispiel stehen sich zwei Übungspartner gegenüber. Ein Partner greift an. Der andere Partner wehrt ab. Die Abwehr ist als Reaktion konstruiert. Dazu wird der Angriff wahrgenommen und daraufhin die Abwehr ausgeführt. Für den Test erhöht der angreifende Partner seine Geschwindigkeit immer weiter (Anstieg Arbeitspunkt). Der verteidigende Partner versucht trotzdem seine Abwehr weiter auszuführen. Durch den Geschwindigkeitsanstieg sinkt die zur Verfügung stehende Reaktionszeit immer weiter ab. Ab einer gewissen Schwelle genügt die Reaktionszeit nicht mehr und die Abwehr gelingt nur noch knapp oder schlägt fehl. Im folgenden Diagramm einer Übertragungsfunktion lässt sich die Überlastung ab einer gewissen Geschwindigkeit darstellen.

 

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Fallunterscheidung bei Bandbreiten

In vielen Fällen ist die Betrachtung einer ganzen Bandbreite nicht sinnvoll. Es ergeben sich zu viele Abstufungen. Es ist an dieser Stelle einfacher bestimmte Fälle zu wählen und diese zu untersuchen. Wichtig ist hierbei, dass trotz dieses Fokus auf einen Fall die weitere Entwicklung innerhalb der Bandbreite betrachtet wird. Der Fall wird also nicht isoliert betrachtet, sondern in die Bandbreite und die damit verbundenen Abhängigkeiten eingeordnet. Diese Betrachtung lohnt sich zum Beispiel, wenn die Schwellen für Erfolg und Misserfolg schnell gefunden werden sollen.

Beispiel

Das obige Beispiel eines allgemeinen Angriff- und Abwehrschemas wird gekürzt. Die Fragestellung ist jetzt nicht mehr wie sich die Reaktionszeit entwickelt. Es geht stärker darum, ob die Abwehr überhaupt bei hohen Geschwindigkeiten bestehen kann. Als Zusatz soll die Geschwindigkeitsgrenze zwischen Erfolg und Misserfolg bestimmt werden. Dazu greift einer der Partner direkt mit höchster Geschwindigkeit an. Der andere Partner versucht abzuwehren und schlägt dabei fehl. Im Folgeschritt verringert der Partner seine Angriffsgeschwindigkeit. In diesem Fall gelingt die Abwehr. Damit sind mit diesen zwei Fällen schnell zwei relevante Fälle gefunden worden. Wenn die Grenze genauer bestimmt werden soll, wird die Geschwindigkeit nur noch zwischen den zwei Fällen variiert.

Start mit unbekannter Belastungsgrenze

 

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Belastungstest bei höchst möglicher Geschwindigkeit schlägt fehl

 

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Belastungstest mit reduzierter Geschwindigkeit führt zu Erfolg

 

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Durch das Wissen um das Wesen einer Übertragungsfunktion sind die Fälle eingeordnet. Erfolg und Misserfolg begrenzen den Übergangsbereich. Weitere Variationen der Fallbetrachtungen müssen nur noch zwischen den zwei Fällen erfolgen.

Fallunterscheidung bei Bewegungselementen

Bandbreiten müssen nicht immer nur einen Wert variieren. Es können auch Bewegungselemente einer Bewegung schrittweise hinzugefügt und verändert werden. In der folgenden Betrachtung ergibt sich dann keine durchgehende Bandbreite. Das Ergebnis sind eher sehr fein aufgefächerte Fallunterscheidungen, welche ähnlich einer Bandbreite variiert werden können. Auf diese Art und Weise kann der Einfluss von Elementen herausgearbeitet werden. An einem Ende der Bandbreite steht dann ein Bewegungsprototyp mit allen nachteiligen Elementen. Am anderen Ende steht ein Bewegungsprototyp, der alle zielführenden Elemente beinhaltet. Im Zwischenbereich werden die Elemente mit einer Abschätzung ihres Einflusses nach bestimmten Merkmalen aufgetragen. Dieser Ansatz kann sehr gut für die Entwicklung von Lehrplänen verwendet werden.

Beispiel

Im folgenden Beispiel werden Merkmale einer Bewegung betrachtet. Sie geben dem Gegner frühzeitig Informationen, welche Abläufe man selbst plant. Damit ermöglicht man dem Gegner die eigenen Bewegungen zu antizipieren. Das Ziel der Fallunterscheidung ist eine Einteilung von Schülern und deren Umgang mit Merkmalen1Das Beispiel ist stark gekürzt und ohne Erläuterungen der Ansätze. Grundlegend wird der Ansatz Quelle-Kopplung-Senke angewendet. Zuerst wird die eigene Quelle von Merkmalen kontrolliert, dann geht man Stück für Stück weiter bis zur Senke, dem Gegner. .

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Potentialbetrachtung

Bei Betrachtungen von Potentialen werden das theoretische Potential einer Bewegung und das abgerufene Potential in einem Einsatzfall vergleichen. Nicht immer wird das, was möglich ist, auch ausgeführt. Manche Bewegungen wirken in ihrer theoretischen Betrachtung der Bewegungselemente sehr gut, können im Einsatzfall ihr Potential aber nicht abrufen. Es nützt zum Beispiel nichts viel Kraft zu haben, aber in der Anwendung schafft man es durch zu lange Reaktionszeiten nicht die Kraft einzusetzen.

Diese Betrachtungen werden verwendet, um das abgerufene Potential zielgerichtet an das theoretische Potential heranzuführen.

 

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Gegenüberstellung von Bandbreiten und Potentialen

Die Betrachtung von Bandbreiten und Potentialen liefert zwar wichtige Erkenntnisse, allerdings treten eigene Bewegungen gegen Bewegungen eines Gegners an. Dadurch genügt selten die isolierte Betrachtung der eigenen oder der gegnerischen Bandbreite. Es ist viel wichtiger die Bandbreiten und Potentiale gegenüberzustellen. Andernfalls kann es vorkommen, dass man beim Aufeinandertreffen von Bewegungen falsche Schlüsse zieht. Der wahrgenommene Ablauf spiegelt nur einen Moment wider. Im Hintergrund können die verfügbaren Potentiale völlig anders verteilt sein.

In der folgenden Abbildung wird beispielhaft das Aufeinandertreffen von Kräften zweier Partner gegenübergestellt. Als Belastungstest drücken beide ihre Hände gegeneinander.

 

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Partner A hat ein bedeutend höheres Kraftpotential. Er ruft aber nur einen geringen Teil davon ab. Partner B hat ein geringeres Kraftpotential, ruft dafür aber eine höhere Kraft ab. Ein Außenstehender könnte den Eindruck gewinnen, dass Partner B „stärker“ sei. Der Test besagt aber nichts weiter aus, als dass B sich gegen A genau in diesem Test durchgesetzt hat. Weitere Rückschlüsse können nicht gezogen werden.

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Dieses Beispiel ist noch recht einfach und einleuchtend. Schwieriger wird es, wenn die Potentiale von Regelkreisen gegenübergestellt werden. In diesem Fall sind die Betrachtungen und Ergebnisse nicht so offensichtlich.

Fußnoten   [ + ]

1. Das Beispiel ist stark gekürzt und ohne Erläuterungen der Ansätze. Grundlegend wird der Ansatz Quelle-Kopplung-Senke angewendet. Zuerst wird die eigene Quelle von Merkmalen kontrolliert, dann geht man Stück für Stück weiter bis zur Senke, dem Gegner.

Der Artikel wurde am 5. Juni 2015 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.