Modell Körperschwerpunkt und Lot

Hintergrund

Das erfolgreiche Ausführung von Bewegungen verlangt einen zielgerichteten Umgang mit Kräften. Andernfalls sinkt die eigene Handlungsfähigkeit, da man bspw. durch angreifende Kräfte umgestoßen wird oder der eigene Schlag zu schwach wird. Das Halten des Körpergleichgewichts ist dazu ein sinnvoller Ansatz, damit wirkende Kräfte gekontert werden können (siehe allgemeine Ziele des Körpergleichgewichts).

Im folgenden Artikel wird ein erstes einfaches Modell für den Körperschwerpunkt vorgestellt. Mit Hilfe des Körperschwerpunktes können die Randbedingungen zum Erreichen des Körpergleichgewichts erarbeitet werden. Das Modell erläutert die Frage: Wann ist der eigene Körper im Gleichgewicht, also eine Stabilität des Körpers gegeben?

Körperschwerpunkt

Der menschliche Körper besteht aus vielen Körperteilen. Alle Teile haben ihr eigenes Gewicht. Wenn eine Kraft auf den Körper wirkt, z.B. der Gegner schiebt gegen den Oberkörper, ist nicht auf den ersten Blick erkennbar was passiert. Wie setzt sich die Kraft im Körper fort. Wie wirkt die Kraft auf alle Körperteile?

Ein Ansatz ist die isolierte Betrachtung aller Massen des Körpers (ohne weitere Kräfte). Das Modell des Körperschwerpunkt fasst für diese Betrachtung alle Massen des Körpers in einem theoretischen Punkt, dem Körperschwerpunkt, zusammen. Dazu werden alle Massen und deren Abstand zusammengefasst. Große Massen bestimmen den Ort des Körperschwerpunkt stärker (z.B. der Oberkörper).

Beispiel für allgemeine Schwerpunkte

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Beispiel für Körperschwerpunkt

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Randbedingung für Körpergleichgewicht

Zum erfolgreichen Halten des Körpergleichgewichts wird gedanklich ein senkrechtes Lot vom Körperschwerpunkt auf den Boden geführt. Liegt der Punkt des Lots zwischen den Füßen, so steht der Körper stabil. Der Körper kippt, sobald der Punkt außerhalb der Füße liegt.

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Sicht von oben

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Dabei kann jeder Punkt des eigenen Körpers zur Stabilität beitragen. Wenn zusätzlich eine Hand den Boden berührt, erweitert sie den stabilen Bereich für das Lot. Das Lot kann dann in der neu aufgespannten Fläche liegen und als Kriterium für Stabilität dienen.

Abstützen mit einer Hand (Sicht von oben)

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Zusätzliche Betrachtungen

Einfluss der Körperhaltung

Je nach Anordnung der Körperglieder „wandert“ der Körperschwerpunkt. Zum Beispiel wird beim Anheben der Arme über den Kopf der Körperschwerpunkt leicht nach oben verschoben. In dieser Art verändert sich der Körperschwerpunkt bei jeder Bewegung.

Verschiebung Körperschwerpunkt außerhalb des Körpers

Der Körperschwerpunkt muss nicht „im Körper“ liegen. In einer hockenden Stellung liegt der Schwerpunkt zum Beispiel außerhalb des Körpers.

Einsatz bei Bewegungsentwicklung

Bei der Bewertung von Bewegungen kann das Lot als einfaches Stabilitätskriterium genutzt werden. Sobald es außerhalb des stabilen Bereichs liegt, ist der Stand instabil.

Grenzen des Modells

Das Modell ist strikt und einseitig auf die Stabilität mit Hilfe des Körperschwerpunktes ausgelegt. Ohne die Stabilität kann das Ziel der Handlungsfähigkeit nicht erreicht werden (siehe Bild). Dadurch stecken in dem Modell Grundannahmen, welche nicht bei jeder Bewegung gelten oder sinnvoll sind.

Schwerkraft als Basis

Der Fokus auf das Lot basiert auf dem Wirken der Schwerkraft im Zusammenspiel mit der Körperstruktur zum Boden. Diese Randbedingung ist zum Beispiel beim freien Fall eines Wurfs (z.B. im Judo) nicht gegeben. Beim freien Fall entfällt für einen kurzen Moment die Schwerkraft als bedingende Größe1Die Schwerkraft wirkt weiter. Das Ziel der Handlungsfähigkeit kann in diesem Fall aber nicht mit dem Lot als Stabilitätskriterium erreicht werden..

Äußere Kräfte

Das Modell bildet keine äußeren Kräfte ab (z.B. Schieben oder Ziehen vom Gegner). Dessen Wirkungen können nur indirekt überprüft werden. Man stellt sich vor, wie Körpergliedmaßen durch Kräfte verschoben werden. Dann wird im nächsten Schritt wieder das Lot auf Stabilität überprüft. Dieser Zwischenschritt wird bei einem umfassenderen Modell anders gestaltet.

Innere Kräfte

Die Kopplung der eigenen Körperteile untereinander ist nicht immer starr (Beispiel: Arm fest anspannen oder locker lassen). Äußere Kräfte wirken je nach Kopplung, starr oder weich, anders auf den Körper. Bei starrer Kopplung übertragen sich Kräfte auf die restlichen Körperglieder. Bei einer weichen Kopplung läuft die Kraft ins Leere.

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Die Grenzen des Modells erfordern weitere Ausbaustufen für diese Fälle. Vor allem der kreative Einsatz gegnerischer Kräfte für eigene Bewegungen kann nicht damit abgebildet werden. Der bewusste Wechsel zwischen Gleich- und Ungleichgewicht ist ein weiterer Bewegungsansatz, welcher mit diesem Modell nicht diskutiert werden kann.

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Fußnoten   [ + ]

1. Die Schwerkraft wirkt weiter. Das Ziel der Handlungsfähigkeit kann in diesem Fall aber nicht mit dem Lot als Stabilitätskriterium erreicht werden.

Der Artikel wurde am 31. Dezember 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.