Paradox der Nähe als Schutz

Hintergrund

Die Auseinandersetzung mit einem Gegner (z.B. in einem Sparring) führt Schüler an ihre Grenzen. Diese Grenzen beinhalten zum Beispiel ein eher mulmiges Gefühl von Unsicherheit, wenn man zu nah an einem Gegner steht. Ein dabei auftretendes Paradox, Nähe als helfenden Schutz zu empfinden, ist gedanklich schwer zu fassen. Die Ursache der Unsicherheit liegt in der Kombination vieler Effekte.

Dabei existiert beim Zusammentreffen gewisser Randbedingungen eine Art Kipppunkt (Umkippen von Gefahr zu Schutz). Dann bietet die gefährliche Nähe tendenziell Schutz. Dieser Artikel erarbeitet Hintergründe und Randbedingungen, damit Nähe dem Schutz dienen kann.

Ursachen für das Gefühl der Unsicherheit

Kurze Distanz bedeutet kurze Ablaufzeiten

Bewegungen benötigen für ihre Ausführung eine gewisse Zeit. Diese Zeit ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Ein großer Anteil ist die notwendige Strecke, welche für Treffer überwunden werden muss. Eine Verringerung der Strecke zum Ziel verringert die Zeitdauer der Bewegung.

Beispiel

  • Schlag auf kurze Distanz (kurze Zeitdauer)
    • Nur Strecken des Arms für Treffer notwendig
  • Schlag auf weite Distanz (längere Zeitdauer)
    • Schritt zur Verkürzung des Abstandes und Strecken des Arms für Treffer

Reaktionszeit überschritten

Die verkürzte Distanz zum Gegner verringert Ablaufzeiten. Bewegungen benötigen für ihre Ausführung immer weniger Zeit. Notwendige Reaktionen (bspw. für eine Abwehr) sind auf die Wahrnehmung der Bewegungen angewiesen1Reaktionen sind für Schüler die Standardansätze zur Lösung von Bewegungsproblemen. Es gibt andere Lösungsansätze, welche das Problem überschrittener Reaktionszeiten adressieren..

Verkürzen sich die Ablaufzeiten, verkürzt sich auch die verfügbare Zeit der Wahrnehmung, Handlungsauswahl und Starten der Reaktion. Bei kurzer Distanz werden Kipppunkte erreicht, welche Reaktionen auf Angriffe unmöglich werden lassen.

 

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 Höhere Kräfte

Ein weiterer Effekt der verkürzten Distanz sind die höheren Kräfte. Die Ursache liegt im Gleichgewicht der Hebellängen. Muskeln und deren Ansatzpunkt an den Gliedmaßen bleiben immer gleich (Hebellänge konstant), egal welchen Abstand man zum Gegner hat. In der folgenden Skizze wird der Ansatzpunkt eines Muskels am Arm skizziert.

 

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Wenn sich die Distanz verringert, verändert sich der Punkt zur Kraftübertragung auf einen Gegner. Er rückt näher an den Drehpunkt des Hebels. Dadurch steigen die übertragenen Kräfte an (siehe Hebelgesetz). In der folgenden Skizze verschiebt sich der Ansatzpunkt vom Handgelenk zum Ellenbogen. Daraus resultiert eine höhere Kraft.

 

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In der Folge ist man gezwungen mit tendenziell höheren Kräfte des Gegners umzugehen. Aus den höheren Kräften resultieren unter anderem härtere Treffer (z.B. Vergleich Schlag und Treffer mit Faust zu Ellenbogen)2Die Kräfte können bei weiterer Verkürzung der Distanz sinken, siehe die Kraftkurve im Artikel Winkel und Muskelkraft. Eine ganzheitliche Betrachtung ist nötig. Das Absinken der Kräfte in bestimmten Fällen wird von Schülern aber im Vergleich zu härteren Treffen nicht gleichwertig wahrgenommen (Schmerz sticht Logik aus)..

Überlastung

Die Nähe zu einem Gegner führt damit unweigerlich zu typischen Überlastungseffekten. Die folgenden Effekte wirken verstärkt bei der Verkürzung der Distanz.

Zeitliche Überlastung und Nachhängen

Die Wahrnehmung der Abläufe ist überlastet. Bewegungen hängen hinterher/ sind zu langsam und können nicht wie geplant abgeschlossen werden. Reaktionen sind zu langsam.

Überlastung mit Kraft

Auftretende Kräfte sind zu hoch und können nicht gekontert werden.

Anzahl der Ablaufvarianten

Die Überlastung der Wahrnehmung sorgt für Informationslücken. Abläufe können nicht mehr sauber unterschieden werden. Parallel ablaufende Varianten tauchen auf. Der hohe Grad an Bewegungsmöglichkeiten des Gegners lässt sehr viele Ablaufvarianten zu (bspw. Angriffshöhe sehr variabel).

Kontroll- und Vertrauensverlust

Die eigene Handlungsfähigkeit sinkt durch die Überlastungen stark ab. Das eigene Ziel eines sicheren Umgangs mit den Abläufen wird nicht mehr systematisch erreicht. Diese Ohnmacht gegenüber den Abläufen verwirrt (z.B. „plötzliche“ Treffer ohne eigene Gegenwehr). Nähe wird als gefährlich empfunden und gedanklich mit Kontrollverlust verknüpft. Dadurch sinkt das Vertrauen und eine Abneigung zur nahen Distanz entsteht.

Erste Lösungsansätze

Wenn Schüler mit diesen Abläufen konfrontiert werden, versucht jeder für sich eine passende Lösungsstrategie zu entwickeln. Die folgende Strategie ist sehr typisch.

Die Überlastungen führen tendenziell zu hektischen Bewegungen: kurz etwas wahrnehmen und bei Gelegenheit mit maximaler Kraft und Geschwindigkeit agieren. Die Nähe des Gegners wird gemieden. Eine Annäherung erfolgt um kurz Treffer zu erzielen und sich sofort danach wieder in den Schutz des großen Abstands zu begeben.

Der Erfolg dieses Ansatzes hängt stark vom Gegner ab. Je gleichwertiger beide sind, umso seltener wird der Ansatz zum Erfolg führen. Der Grund liegt in der Herangehensweise. Obige Überlastungen müssen als Bewegungsprobleme systematisch erkannt und bearbeitet werden. Erst der Einsatz von zugeschnittenen Lösungsansätzen ermöglicht mehr Erfolg.

Die fehlende Systematik beim Erfolg der obigen Strategie lässt Schüler weiter an Nähe zweifeln. Der Vertrauensverlust wird stärker und sie landen in einem Teufelskreis aus Erfolg und Misserfolg.

Zusammenfassung der Problematik

Übersicht der wirkenden Effekte

Die folgende Übersicht stellt nur die dominierenden Effekte dar. Jeder dieser Effekte sollte in Diskussionen beachtet und bearbeitet werden.

  • Überlastung der Wahrnehmung (zu viele oder zu wenige Informationen)
  • Nachhängen
  • Parallel ablaufende Varianten
  • Deklassierung Kraft (z.B. kein passender Umgang mit Kraft)
  • Deklassierung zeitliche Abläufe (z.B. eigene Bewegung zu langsam)

Gemeinsames Wirken der Effekte

Jeder dieser wirkenden Effekte trägt dazu bei Nähe tendenziell als Gefahr, weniger als Schutz, zu betrachten.

 

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Wirkt nur ein Teil der Effekte, wird das Gefühl des Kontroll- und Vertrauensverlust reduziert. Das Ziel ist also die wirkenden Effekte systematisch zu verringern oder aufzuheben.

 

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Kipppunkt Gefahr zu Schutz

Jede Reduktion der Überlastungseffekte bringt einen Schüler näher an den Kipppunkt, an dem er Nähe eher als Schutz empfindet. Das Bewusstsein für den Kipppunkt ermöglicht systematisches Arbeiten. Diese Klarheit schafft mehr Vertrauen in kurze Distanzen.

 

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Erfüllung von Randbedingungen

Das Erreichen des Kipppunkts ist an die Verwendung von Lösungsansätzen für die obigen Effekte gebunden. Jeder Lösungsansatz ist wiederum an Randbedingungen geknüpft. Solange die Bedingungen erfüllt sind, können die Ansätze verwendet werden. Schlagen Randbedingungen fehl, kann die Überlastung nicht reduziert werden. Dadurch ist der Kipppunkt manchmal nicht erreichbar. Dieses Wissen hilft dann im Umkehrfall Nähe systematisch zu vermeiden, da kein Schutz erreichbar ist.

Der Ablauf wird im folgenden Diagramm dargestellt.

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Beispiel

  • Problem
    • Zu viele Informationen und zu schnelles Auftauchen der Reize
  • Ergebnis
    • Schüler ist verwirrt und weiß nicht, worauf er achten soll
  • Wirkender Effekt
    • Überlastung der Wahrnehmung
    • Zeit genügt nicht alle Informationen zu verarbeiten
  • Lösungsansatz
    • Systematisches Ignorieren von Informationen
  • Randbedingung
    • Verbliebene, nicht ignorierte Informationen müssen verfügbar sein (nicht überlastet oder versteckt)
    • Informationen müssen zur Handlungsplanung genügen (ausreichender Informationsgehalt zur Wahl einer Bewegung)

 

Überführung der Nähe zur Schutzfunktion

Betrachtung der Lösungsansätze

Die Lösungsansätze für die obigen Effekte sind dem Katalog der Bewegungsansätze entliehen. In den folgenden Absätzen werden deswegen die Aspekte nur andiskutiert. Das Beispiel der Freiheitsgrade wird zur Erläuterung der Herangehensweise etwas detaillierter ausgeführt.

Jeder Effekt kann mit Hilfe folgender „Management“-Ansätze systematisch bearbeitet werden. Die gezielten Fragen weisen in Richtung der Lösungsansätze im Katalog der Bewegungsansätze.

Beispiele aus dem Katalog der Bewegungsansätze

  • Management Informationen
    • Wie soll mit Informationen umgegangen werden?
    • Was soll gesucht werden?
    • Was soll ignoriert werden?
    • Kann den Informationen vertraut werden?
    • Ist der Informationsgrad auseichend hoch für eine darauf aufbauende Bewegungsplanung?
    • Wie will man selbst Informationen zum Gegner veröffentlichen / verstecken?
  • Management der Kräfte
    • Wie sollen Kräfte erzeugt werden?
    • Wie sollen Kräfte umgeleitet/ verstärkt / geschwächt / gestoppt werden?

Anwendung Lösungsansatz mittels Management Freiheitsgrade

Die folgenden Fragen helfen die Aspekte des Problems der Nähe zu erarbeiten. Der Einfluss der Freiheitsgrade wird am Vergleich zweier Situationen auf zwei ausgewählte Überlastungseffekte herausgearbeitet:

  •  Überlastung der Wahrnehmung (zu viele oder zu wenige Informationen)
  • Parallel ablaufende Varianten

 

Fragen für Freiheitsgrade

  • Wie viele Freiheitsgrade habe ich selbst?
  • Wie viele hat der Gegner?
  • Wie spannt sich der Bewegungsraum auf?

 

  • Situation 1
    • Kooperatives Greifen der Hand des Partners (z.B. wie Schütteln der Hände zur Begrüßung)
  • Situation 2
    • Kein kooperatives Greifen. Jeder darf seine Handlung frei wählen. Schlagen oder Greifen, alles ist möglich.

 

Der gedankliche Ablauf ist in folgendem Diagramm dargestellt. Die gezielten Fragen erlauben Rückschlüsse auf die wirkenden Überlastungseffekte.

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Einordnung der Situationen in die Überlastungseffekte

Situation 1 (Hand schütteln)

Die Anzahl der Freiheitsgrade für den Ablauf ist sehr gering, da das Schütteln der Hand in einem festen Bereich stattfindet. Die Aufmerksamkeit kann sich sicher auf den erwarteten Bewegungsraum richten. Eine Überlastung der Wahrnehmung wird nicht stattfinden. Die Einschränkung der Freiheitsgrade lässt keine parallel ablaufenden Varianten auftauchen. Es gibt nur einen einzigen Ablauf, den des Schüttelns der Hände. Der Erfolg des Ablaufs ist gesichert.

Situation 2 (alles ist möglich)

Die Anzahl der Freiheitsgrade für den Ablauf ist sehr hoch, da es keinen festen Bereich für den Ablauf gibt. Die Aufmerksamkeit kann nicht gerichtet erfolgen. Die Chance für eine Überlastung der Wahrnehmung ist damit sehr hoch. Ohne eine Einschränkung der Freiheitsgrade tauchen zwangsweise parallel ablaufende Varianten auf. Die Ablaufvarianten können nicht alle gleichzeitig gelöst werden. Ein Misserfolg beim Auftauchen einer ungeplanten Variante ist wahrscheinlich.

Vergleich beider Situationen

Im Vergleich beider Situationen zeigen sich Unterschiede bei den Überlastungseffekten. Das Verringern der Freiheitsgrade des Partners sorgt für ein Verringern der möglichen Überlastungseffekte. Die Reduzierung der Überlastung lässt Abläufe weniger unkontrolliert erscheinen. In dieser Form kann Nähe als Schutz dienen3Bei einem nicht kooperierenden Gegner müssen andere Ansätze die Freiheitsgrade reduzieren (Beispiel: erzwungener dauerhafter Kontakt).

 

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Zusammenfassung

Das obige Beispiel der Diskussion der Freiheitsgrade ist stark verkürzt. Es zeigt aber eine Tendenz. Eine systematische Auseinandersetzung mit den zu Grunde liegenden Effekten und Lösungsansätzen wird Nähe tendenziell als Schutz ermöglichen, statt als Gefahr.

Badewannenkurve

Die folgende Darstellung vereinfacht die Zusammenhänge, aber es zeigt in dieser Form das Potential für Nähe als Schutz. Die Form ähnelt dabei einer Badewanne4Der Ursprung des Begriffs der Badewannenkurve ist die statistische Ausfallverteilung von Bauelementen. Das Diagramm ergibt aber eine ähnliche Form und damit einen passenden Namen..

Bei einem ausreichend großen Abstand ist der Schutz immer gegeben. Sobald der Abstand zum Gegner verringert wird, sinkt der Schutz ab. Das Absinken kann in einem Übergangsbereich nicht verhindert werden. In diesem Bereich können Lösungsansätze nicht genutzt werden, weil deren Randbedingungen nicht erfüllt werden5Dieser Umstand ergibt sich bei einer umfassenden systematischen Betrachtung mit Hilfe des Katalogs der Bewegungsansätze. Ein Nachweis kann an dieser Stelle nicht erfolgen..

Erst mit einer weiteren Annäherung sind Lösungsansätze für Überlastungen möglich. Richtig eingesetzte Lösungsansätze erreichen mit ansteigender Nähe wieder ein hohes Niveau an Schutz.

 

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Fußnoten   [ + ]

1. Reaktionen sind für Schüler die Standardansätze zur Lösung von Bewegungsproblemen. Es gibt andere Lösungsansätze, welche das Problem überschrittener Reaktionszeiten adressieren.
2. Die Kräfte können bei weiterer Verkürzung der Distanz sinken, siehe die Kraftkurve im Artikel Winkel und Muskelkraft. Eine ganzheitliche Betrachtung ist nötig. Das Absinken der Kräfte in bestimmten Fällen wird von Schülern aber im Vergleich zu härteren Treffen nicht gleichwertig wahrgenommen (Schmerz sticht Logik aus).
3. Bei einem nicht kooperierenden Gegner müssen andere Ansätze die Freiheitsgrade reduzieren (Beispiel: erzwungener dauerhafter Kontakt)
4. Der Ursprung des Begriffs der Badewannenkurve ist die statistische Ausfallverteilung von Bauelementen. Das Diagramm ergibt aber eine ähnliche Form und damit einen passenden Namen.
5. Dieser Umstand ergibt sich bei einer umfassenden systematischen Betrachtung mit Hilfe des Katalogs der Bewegungsansätze. Ein Nachweis kann an dieser Stelle nicht erfolgen.

Der Artikel wurde am 15. Oktober 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.