Parallel ablaufende Varianten

Hintergrund

Im Gegensatz zu den Überlastungserscheinungen wie Nachhängen, Überreagieren oder fehlenden Reaktionen ist die Überlastungserscheinung von parallelen Varianten etwas spezieller.

Jeder der gezwungen ist Pläne zu schmieden wird in diese Pläne Szenariendiskussionen („Was wäre wenn…?“) einfließen lassen. Das bedeutet, anstatt sich auf eine Ablaufmöglichkeit zu konzentrieren, trifft man Annahmen über weitere mögliche Abläufe. Zu jedem dieser Abläufe kann ein eigener Plan entworfen werden. Jeder dieser Pläne wird dann auch mit den zu erreichenden Zielen abgeglichen und optimiert.

 

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Um auch währen des Ablaufs sauber zwischen den auftretenden Varianten unterscheiden zu können, müssen allerdings einige Randbedingungen erfüllt werden. Die Möglichkeit der Unterscheidung und Anpassung der Bewegung setzt voraus, dass der innere Regelkreis nicht überlastet wird. Als Beispiel müssen die Informationen für eine mögliche Entscheidung wahrnehmbar sein oder die Zeit muss auch noch ausreichen, um bei Fehlentscheidungen nachregeln zu können.

In der folgenden Darstellung sind qualitativ die Übertragungsfunktion für die grundlegenden Reaktionsarten aufgetragen. Bei Belastungstests schneiden die Reaktionsarten unterschiedlich ab. Wahlreaktionen sind durch das viele Sammeln von Informationen mit dem Identifizieren und Interpretieren am langsamsten. Ihre Belastungsgrenze ist am schnellsten erreicht. Respektive folgen die verbliebenen zwei Reaktionsarten.

 

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Was passiert jetzt innerhalb des Übergangsbereichs und dem Bereich der eigenen Deklassierung mit den betrachteten Szenarien? Nun, diese sind immer noch vorhanden. An diesen Stellen werden aber die obigen Randbedingungen verletzt. Der Regelkreis ist überlastet. Es kann nicht mehr ausreichend zwischen den Varianten unterschieden werden. Diese laufen also parallel neben dem eigentlichen Ablauf mit. Sie sind in dem Moment nur bedingt oder gar nicht wahrnehmbar1Eine bedingte Wahrnehmung bedeutet nicht, dass eine Handlungsfähigkeit vorliegt. Dabei ist der Teil der Wahrnehmung noch nicht überlastet und man sieht „das Unglück“ kommen. Allerdings genügt die Zeit nicht mehr um nachzuregeln, ergo zu reagieren. Ein Beispiel wäre ein Auto mit ausgefallener Lenkung, das auf einen Abgrund zusteuert.. Erst nach Abschluss der Bewegung wird klar, welches der mögliche Szenarien wirklich stattgefunden hat.

Dieses Problem ist in der folgenden Darstellung für eine Wahlreaktion beispielhaft skizziert2Die Darstellung ist stark vereinfacht. Jeder Ablauf stellt ganz eigene Anforderungen an den Regelkreis. Jede Variante beeinflusst im Regelkreis und der Übertragungsfunktion auch wieder wechselseitig die jeweils anderen Varianten. Diese Betrachtung ist auch wieder rein qualitativ zu sehen. Bei der späteren Anwendung dieser Erkenntnisse in Methoden wird sich zeigen, dass eine genauere Detaillierung nicht nötig ist.. Im Übergangsbereich wird die eigentliche Variante, darauf liegt die Aufmerksamkeit, noch sauber unterscheiden. Wenn sich Variante 2 einstellt, wird schon schwieriger, gelingt aber noch. Variante 3 wird nicht mehr ausreichend unterschieden. Im Überlastungsbereich, rechts davon, kann zwischen keiner der möglichen Varianten mehr sauber unterschieden werden. Eine Reaktion bleibt aus.

 

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Diese Problematik stellt eines der zentralsten Bewegungsprobleme dar und sollte bei dem Setzen von Zielen immer mit beachtet werden. Sobald Gegner es schaffen den Arbeitspunkt hoch genug zu legen, können diese nicht unterscheidbaren, parallel ablaufenden Varianten auftauchen.

 

Weitere Punkte

Lernen von Bewegungen im Überlastbereich

Ein Bewegungsproblem ergibt sich in dieser Hinsicht für das Lernen und Automatisieren von Bewegungen. Tiefere Regelkreise des Körpers (Selbstreflexe, …) können im Training im Regelfall nur schwer mit diesem Umstand umgehen. Diese Regelkreise sind im Gegensatz zu Regelkreisen mit bewusst geplanten Bewegungen nicht so schnell überlastet. Sie regeln aber immer nur auf die aktuell wahrnehmbare Variante aus. Sie regeln nur auf das was „ist“ und nicht auf das, was „sein könnte“. Das stellt ein Problem dar. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten zur Lösung des Bewegungsproblems der parallelen Varianten. Der universelle Ansatz über kontextsensitive Bewegungen versucht über umfangreiche Vorplanungen der Bewegungen möglichst viele Varianten gleichzeitig zu lösen. Das erfordert dann eine gleichzeitige Ausregelung aller Varianten; eine nicht triviale Herausforderung mit den tieferen Regelkreisen.

Austausch von Kategorisierungen

Ein tieferes Verständnis des Effekts der parallel ablaufenden Varianten wird durch zu grobe gedankliche Kategorisierungen von Bewegungen erschwert. Ein Beispiel ist die übergeordnete Zuordnung in angreifende und verteidigende Bewegungen. Wer weiß denn in dem genauen Moment des Ablaufs, ob er noch angreift oder ob sich nicht gerade eine Variante ergeben hat, welche eine Verteidigung erfordern würde? Ein Umwechseln der Bewegung ist nicht möglich. Der Regelkreis ist überlastet und kann keine oder nur geringe Anpassungen vornehmen. Bevor man eine eigene Bewegung startet, vermag man an einen „Angriff“ denken. Wenn die Bewegung abgelaufen ist, kann eine Einschätzung erfolgen, was passiert ist und ob man sauber „angegriffen“ hat. Allerdings zählen diese zwei Zeitbereiche, davor und danach, nicht. Er zählt der Moment des Ablaufs und des Aufeinandertreffens mit dem Gegner. Genau in diesem Moment geschehen die Treffer und damit die relevanten Ereignisse. Das Ultrakurzzeitgedächtnis und die nachfolgende Verarbeitung von Sensorinformationen kann einem die Illusion der Handlungsfähigkeit vermitteln. Es wird einem mitunter das Gefühl vermittelt, dass man doch noch etwas hätte tun können. Allerdings täuscht dieser Eindruck. Ein überlasteter Regelkreis ist nicht mehr anpassungsfähig. Damit ergibt sich ein Grundzusammenhang, welcher für spätere Bewegungskonstruktionen sehr wichtig ist:

Im überlasteten Regelkreis ist keine starre Unterscheidung in „Angriff“ und „Verteidigung“ möglich.

Die Kategorisierung in Angriff und Verteidigung muss nicht direkt aufgegeben werden, aber man muss diese zumindest neu ordnen. Das Problem entsteht durch die generelle zu grobe Trennung einer Bewegung in ihrer Gesamtheit. Es ist die gedankliche Entscheidung „Jetzt greife ich an“ oder „Jetzt verteidige ich mich“, welche an dieser Stelle nicht mehr haltbar ist. Einer ganzen Bewegung wird, von außen betrachtet, der „Stempel“ Angriff oder Verteidigung aufgedrückt. Davon muss man sich trennen und jedes Bewegungselement in jeder Variante einzeln betrachten. Eine Armbewegung kann bei parallel ablaufenden Varianten in jedem Moment sowohl „angreifen“, als auch „verteidigen“. Wenn zum Beispiel die Armbewegung als „Schlag“ geplant ist, kann diese in einer parallel ablaufenden Variante gegenüber einer gegnerischen Bewegung als Verteidigung wirken. Der Arm kann dann den Angriffsweg des Gegners versperren und damit als verteidigendes Element wirken.

Der gedankliche Schritt sich insgesamt von Angriff und Verteidigung als Kategorisierung zu trennen ist sehr schwierig. Es kann eine Weile dauern, sich dieser Zusammenhänge wirklich bewusst zu werden und auch zu „leben“. Erst wenn bei der Betrachtung von Bewegungen nicht sofort das Wort „Angriff“ im Kopf entsteht, hat man diese korsettartige Kategorisierung überwunden. Innerhalb von Bewegungskonstruktionen zählt am Ende einzig und allein, ob ein Bewegungselement gesetzten Zielen zuarbeitet oder diese behindert.

Fußnoten   [ + ]

1. Eine bedingte Wahrnehmung bedeutet nicht, dass eine Handlungsfähigkeit vorliegt. Dabei ist der Teil der Wahrnehmung noch nicht überlastet und man sieht „das Unglück“ kommen. Allerdings genügt die Zeit nicht mehr um nachzuregeln, ergo zu reagieren. Ein Beispiel wäre ein Auto mit ausgefallener Lenkung, das auf einen Abgrund zusteuert.
2. Die Darstellung ist stark vereinfacht. Jeder Ablauf stellt ganz eigene Anforderungen an den Regelkreis. Jede Variante beeinflusst im Regelkreis und der Übertragungsfunktion auch wieder wechselseitig die jeweils anderen Varianten. Diese Betrachtung ist auch wieder rein qualitativ zu sehen. Bei der späteren Anwendung dieser Erkenntnisse in Methoden wird sich zeigen, dass eine genauere Detaillierung nicht nötig ist.

Der Artikel wurde am 16. Januar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.