Potentialbetrachtung der Mittel

Hintergrund

Im Artikel Ziele und Mittel zuordnen lag der Fokus auf der Gegenüberstellung von Mitteln und Zielen. Bei der reinen Zuordnung der Ziele fällt schnell auf, wenn ein Missverhältnis besteht, also einige Mittel viele Ziele übernehmen, während andere kaum etwas beitragen.

Das folgende Beispiel zeigt eine Zuordnung aller Elemente, welche dem Ziel der Krafterzeugung für einem Schlag zuarbeiten. Bei der Zusammenstellung zeigt sich, dass die Hüfte und Beine bisher nicht in die Bewegung einbezogen werden. Diese Elemente können aber zur Steigerung des Ziels einer möglichst hohen Kraft beitragen.

Beispiel

Gesetztes Ziel: Hohe Krafterzeugung für Schlag

 

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Diese Zuordnung kann aber auch zu einer Potentialbetrachtung verwendet werden. Jedes Körperteil kann einem Ziel zuarbeiten. Wenn Elemente keine oder nur eine geringe Anzahl an Zuordnungen haben, so können diese Elemente vielleicht mobilisiert werden. So ergibt sich eine weitere Perspektive, welche sich nicht nur mit der Zuordnung zufrieden gibt, sondern nach den offenstehenden Möglichkeiten fragt.

 

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Mit Hilfe der Potentialbetrachtung ergeben sich verschiede Folgebetrachtungen:

Vergleich zum Gegner

Ein weiterer Aspekt ergibt sich bei einem Vergleich des eigenen mit dem Potential des Gegners. Dazu ordnet man den Mitteln des Gegners auf die gleiche Weise die (vermutete) Ziele zu. Daraus ergibt sich auch wieder eine Potentialbetrachtung. Im Anschluss kann verglichen werden. Wer nutzt seine Elemente besser aus? Wer hat noch Möglichkeiten?

 

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Anpassen der Belegung

Aus dem Vergleich zum Gegner lassen sich wichtige Rückschlüsse ziehen. Muss man selbst seine Potentiale besser nutzen? Müssen weitere Elemente für das gesetzte Ziel genutzt werden? Diese stehen mitunter anderen Zielen nicht mehr zur Verfügung. Kann man die Ausnutzung des Elements auch verringern? In diesem Fall werden Elemente frei und können andere Ziele unterstützen.

In der folgenden Darstellung wird ein Element in der Mind-Map vom Ziel freigestellt, da das Potential immer noch genügt, um das Potential des Gegners zu schlagen.

 

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Absichern und Störung

Diese Betrachtungen liefern auch wichtige Hinweise, welche Elemente das Potential am meisten anheben, sowohl bei sich, als auch beim Gegner. Bei sich selbst wird man versuchen die Elemente mit dem größten Beitrag abzusichern. Beim Gegner geht man umgekehrt vor. Sein Potential versucht man zu verringern, indem die Elemente mit dem höchsten Beitrag gezielt gestört werden.

In der folgenden Darstellung werden die Elemente einer gegnerischen Bewegung skizziert. Bei einer Potentialbetrachtung stellt sich Teil 2 als wichtigstes Element heraus. Dieses Element würde bei dem Versuch einer Störung vorranging angegriffen werden.

 

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Abschätzung für Fallbetrachtungen

Eine mögliche Überlastungserscheinung ist das Auftauchen von parallel ablaufenden Varianten. Bei der Betrachtung kann auf die gleiche Art eine Potentialabschätzung in den einzelnen Varianten erfolgen. Meistens gibt Varianten, in denen das eigene Potential nicht gut ausgenutzt werden kann. In anderen parallel ablaufenden Varianten wird das Potential besser ausgenutzt. Die Betrachtung kann dann helfen einen Ausgleich zwischen den Varianten zu finden. Das Optimum in allen Varianten wird dann als Ziel höher angesetzt, als das Potential einer einzelnen Variante zu optimieren1Dieses Ziel ist für Außenstehende ohne einen Überblick über alle Varianten meist unverständlich. Bewegungen, welche alle betrachteten Varianten in einer ausreichend guten Form erfüllen, wirken meist nichts so leistungsfähig, wie spezialisierte Bewegungen. Erst wenn in Baumdiagrammen und Belastungstests mit parallelen Varianten die Probleme erläutert werden, wird transparent, warum ein Sub-Optimum akzeptabel ist..

In der folgenden Darstellung wird akzeptiert, dass die Bewegung in einem der Fälle nicht ihr volles Potential ausspielen kann. Durch Anpassungen der Elemente kann das Potential einer anderen Variante erhöht werden.

 

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Fallbetrachtungen über Potentialanalysen können auch helfen allzu große Illusionen zu dämpfen. Der erste Blick auf eine Bewegung mag erfolgversprechend sein. Sobald dann aber über Potentialbetrachtungen die weiteren Fälle bearbeitet werden, tritt Ernüchterung ein. Eine zuerst aussichtreich wirkende Bewegung verliert viel von ihrer Stärke2An diesen Ablauf muss man sich immer erst gewöhnen. Der erste Blick weckt Begeisterung. Der zweite Blick ernüchtert. Dabei ist dieser Ablauf normal und an sich nichts Negatives. Erst in der darauf folgenden Auseinandersetzung, der Analyse und Strukturierung, gewinnen Bewegungen ihre wahre Stärke. Der erste Eindruck täuscht meistens. Umso größer ist dann manchmal die Überraschung, wenn es umgekehrt läuft. Eine Bewegung mit dem Eindruck eines „hässliches Entlein“ wird nach umfassender Analyse und Strukturierung ein „Schwan“..

Lehrplan strukturieren

Potentialanalysen können helfen Lehrpläne zu strukturieren. Jedes Mittel und der Grad dessen Ausnutzung werden dann in Stufen eingeteilt. Je nach Stand des Wissens bekommen Schüler dann ein „Paket“ ihrer Stufe zugewiesen. Nach Abschluss der Stufe wird das Paket der nächsten Stufe vorgestellt und bearbeitet. In dieser Form werden Schüler schrittweise an ihre Potentiale herangeführt.

 

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Durchführung

Für die Durchführung sollte eine Mind-Map mit den eingetragenen Zielen vorliegen.

 

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Danach wählt man eines der Ziele aus und geht man Schritt für Schritt durch die einzelnen Elemente. Kann das Element in seiner jetzigen Form dem Ziel noch stärker zuarbeiten? Wenn ja, wie?

 

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Elemente, welche noch keinem Ziel zuarbeiten können genauso untersucht werden.

 

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Wenn diese Betrachtung für das erste Ziel abgeschlossen ist, folgen die restlichen Ziele mit der gleichen Betrachtung. Es kann vorkommen, dass sich Widersprüche ergeben. Das bedeutet, wer das Potential für ein Ziel erhöhen will, muss das Potential eines anderen Zieles verringern. In diesem Fall müssen Kompromisse gefunden werden.

Strichmännchen-Test

Oftmals fehlt im Training schlicht die Zeit um eine Mind-Map mit allen Bewegungselementen zu erstellen. In diesem Fall genügt oft für eine erste Einschätzung eine einfache Zeichnung eines Strichmännchens.

Zum Anfang wird ein Strichmännchen skizziert. Die Hüfte und die Schultern sollten dabei mit angedeutet werden. Dann wird mit einer weiteren Farbe pro Ziel an der Figur gestrichelt, welches Körperteil dem Ziel zuarbeitet. Die Stärke der Schraffur bestimmt, wie stark das Körperteil diesem Ziel zuarbeitet.

In der folgenden Darstellung werden die zwei Ziele jeweils einer Seite zugeordnet (Bsp. Ziel 1 ist ein Angriff, Ziel 2 ist eine Abwehr).

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Im Anschluss kann mit dem Gegner gleich verfahren werden. In der Gegenüberstellung wird dann schnell klar, wer noch über welche Reserven verfügt. Ein typischer Fall ist eine eigene starke Auslastung, während der Gegner noch viele bisher nicht betrachtete Potentiale hat. Bei einer späteren Betrachtung der Varianten müssen diese Potentiale dann mit einbezogen werden. Andernfalls werden Belastungstests mit Varianten tendenziell zu positiv ausfallen und können nicht den späteren Einsatzfall abdecken.

Fußnoten   [ + ]

1. Dieses Ziel ist für Außenstehende ohne einen Überblick über alle Varianten meist unverständlich. Bewegungen, welche alle betrachteten Varianten in einer ausreichend guten Form erfüllen, wirken meist nichts so leistungsfähig, wie spezialisierte Bewegungen. Erst wenn in Baumdiagrammen und Belastungstests mit parallelen Varianten die Probleme erläutert werden, wird transparent, warum ein Sub-Optimum akzeptabel ist.
2. An diesen Ablauf muss man sich immer erst gewöhnen. Der erste Blick weckt Begeisterung. Der zweite Blick ernüchtert. Dabei ist dieser Ablauf normal und an sich nichts Negatives. Erst in der darauf folgenden Auseinandersetzung, der Analyse und Strukturierung, gewinnen Bewegungen ihre wahre Stärke. Der erste Eindruck täuscht meistens. Umso größer ist dann manchmal die Überraschung, wenn es umgekehrt läuft. Eine Bewegung mit dem Eindruck eines „hässliches Entlein“ wird nach umfassender Analyse und Strukturierung ein „Schwan“.

Der Artikel wurde am 22. Oktober 2015 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.