Problem des Erkennens der Mehrdeutigkeit

Hintergrund

Eine wahrgenommene Variante kann sich aus unterschiedlichen Bereps zusammensetzen (Beispiel Druck und Gegendruck). Der äußerlich sichtbare Ablauf gibt nicht zwingend die wahre innere Berep preis. Das Problem ähnelt dem Erkennen von unbekannten Motivationen von Menschen. Man sieht deren Handlung, aber kann nicht direkt die Motivation erkennen, welche zu dieser Handlung geführt hat. Durch die Überlagerung aller möglichen Kräfte kann man nicht erkennen, wie die „wahren“ Kräfte aussehen. Reines Beobachten erlaubt immer nur das Erkennen der Summe aller Kräfte. Wenn im Training Glück im Spiel ist und die Bewegung mehrmals vorgezeigt wird, kann man vielleicht auf Grund der kleineren Abweichungen in jeder Bewegung auf die „wahre“ Berep zurückschließen.

In den folgenden Darstellungen wird beispielhaft die Summe aus drei Kräften im Deklassierungsbereich konstruiert. Dieses Beispiel kann als grundlegendes vereinfachtes Beispiel für jede Art von Bewegung gesehen werden, die auf einen Widerstand trifft (Schlag, Tritt, …). Übergeordnet steht die eigene Bewegungsplanung mit einer Vorwärtsbewegung. Diese wird gegen einen Widerstand ausgeführt. Wenn man selbst von der Kraft her stärker ist, also selbst deklassiert, wird der Widerstand verschoben. In diesem Fall stimmen die Bewegung und die Berep überein.

 

 

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In dieser Darstellung werden die Stellsignale und die erzeugten Kräfte des Muskels vom bewussten Regelkreis an einen Muskel dargestellt. In der Realität sehen diese Diagramme völlig anders aus. Es gibt nicht die dargestellten langen geraden Linien. Die Stellsignale schwanken stark wie beim EKG, also viele Signale mit Spitzen. Für ein Verständnis der Zusammenhänge ist diese Darstellungsform aber besser.

 

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Wenn der Widerstand aber stärker ist und sich nicht bewegt, also man deklassiert wird, so kommen durch tiefere Regelkreise weitere Kräfte hinzu. In diesem Fall stimmen die Bewegung und die Berep nicht überein, da auch in diesem Beispiel die zusätzlich erzeugten Kräfte nicht ausreichen1Im ersten Fall springen diese tieferen Regelkreise auch mit an. Es gibt immer eine leichte Abweichung einer Bewegung von der Berep. Allerdings ist die Abweichung im ersten Fall per Definition nicht so hoch, dass diese dominiert..

 

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Ein tieferer Regelkreis (Selbstreflex) springt an2Dieser Umstand mit „anspringenden“ tieferen Regelkreisen führt wiederum zu einem ganz eigenen Bewegungsproblem im Training. Wenn die Geschwindigkeit von Bewegungen im Training nicht hoch genug angesetzt wird, springen diese Regelkreise nicht in einer bewusst wahrnehmbaren Stärke an. Damit wird bei Schülern kein Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen dieser Regelkreise geschaffen. Die dabei erzeugten Kräfte können sehr hoch sein und für Bewegungskonstruktionen eingesetzt werden. Allerdings können diese Regelkreise auch ausgenutzt werden. Zum Beispiel wird gezielt gegen eine gegnerische Deckung geschlagen, um die entstehende Körperspannung des Gegners zu triggern. Direkt danach folgt ein eigener Angriff. Die (ungeplante) Körperspannung des Gegners „lähmt“ dessen eigene Bewegung. Je nach Konstellation genügt das entstehende Zeitfenster für eigene Treffer., sobald dieser detektiert, dass die Vorwärtsbewegung am Widerstand stockt und die Berep „in den Widerstand“ gehen würde. Diese Abweichung wird vom Selbstreflex als Störung der Bewegung detektiert und setzt zusätzliche Stellsignale an den Muskel ein, um die Bewegung durchführen zu können3Dieses Beispiel ist nicht ganz „sauber“. Es gibt verschiedene Bewegungsmodelle für derartige Abläufe. An dieser Stelle steht das Verständnis der Überlagerung der (zum Teil unbekannten) Kräfte didaktisch im Vordergrund..

 

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In dieser Darstellung werden die Stellsignale und die erzeugten Kräfte des Muskels vom bewussten und vom tieferen Regelkreis an einen Muskel dargestellt. Da eine Abweichung stattfindet, kommt der Selbstreflex hinzu.

 

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Im dritten Fall genügen die zusätzlich erzeugten Kräfte des Selbstreflexes und der Widerstand kann doch noch verschoben werden. Die anfängliche eigene Deklassierung wird überwunden und das Verschieben des Widerstandes gelingt. Allerdings ist man in diesem Fall im Übergangsbereich. Eine saubere Zuordnung, ob das Verschieben systematisch gelingt oder nicht, ist nicht möglich.

 

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In diesem Fall kann die Kraft des Widerstandes durch die zusätzliche Kraft des Selbstreflexes überwunden werden.

 

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An dieser Stelle entsteht das Problem der Mehrdeutigkeit von Bewegungen. Ein externer Beobachter kann nicht erkennen, wie weit der Arm „wirklich“ in den Widerstand hineingedrückt wird oder am Widerstand stoppt ohne weiteres Eindringen. Weiterhin ist der zeitliche Verlauf der Kraft nicht erkennbar. Solange der Arm am Widerstand verbleibt, kann man nichts über den in diesem Moment stattfinden Kräfteaustausch sagen. Als Teilnehmer hat man diese Information über den entstehenden Druck. So gesehen kann man „rückwärtsrechnen“, wie die Kraft des Widerstandes ausgesehen haben muss4Das setzt voraus, dass einem selbst alle eigenen Kräfte bewusst werden. Die Kraft des Widerstandes verbleibt an dieser Stelle trotzdem nur als „Gesamtpaket“.. Der Beobachter hat diese Information aber nicht. Nicht einmal wenn sich der Widerstand selbst bewegt, kann auf die Kraft zurückgeschlossen werden. Die Bewegung des Widerstandes kann heißen, dass das Vorwärtsdrücken sich durchgesetzt hat. Es kann aber auch nur heißen, dass sich der Widerstand unabhängig davon bewegt.

Dieses Problem existiert auch außerhalb des Deklassierungsbereichs, allerdings wird es im Deklassierungsbereich schlimmer. Tiefere, bisher nicht deklassierte, Regelkreise springen mit an und tragen ihren Kraftanteil bei. Diese Anteile werden aber zum Teil vom Bewusstsein und der bewusst geplanten Berep mitbestimmt (siehe Schmidt und Lee, S. 168, Tabelle 5.1). Ohne die Berep können diese Anteile und deren Einfluss nicht mit abgeschätzt werden.

Fußnoten   [ + ]

1. Im ersten Fall springen diese tieferen Regelkreise auch mit an. Es gibt immer eine leichte Abweichung einer Bewegung von der Berep. Allerdings ist die Abweichung im ersten Fall per Definition nicht so hoch, dass diese dominiert.
2. Dieser Umstand mit „anspringenden“ tieferen Regelkreisen führt wiederum zu einem ganz eigenen Bewegungsproblem im Training. Wenn die Geschwindigkeit von Bewegungen im Training nicht hoch genug angesetzt wird, springen diese Regelkreise nicht in einer bewusst wahrnehmbaren Stärke an. Damit wird bei Schülern kein Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen dieser Regelkreise geschaffen. Die dabei erzeugten Kräfte können sehr hoch sein und für Bewegungskonstruktionen eingesetzt werden. Allerdings können diese Regelkreise auch ausgenutzt werden. Zum Beispiel wird gezielt gegen eine gegnerische Deckung geschlagen, um die entstehende Körperspannung des Gegners zu triggern. Direkt danach folgt ein eigener Angriff. Die (ungeplante) Körperspannung des Gegners „lähmt“ dessen eigene Bewegung. Je nach Konstellation genügt das entstehende Zeitfenster für eigene Treffer.
3. Dieses Beispiel ist nicht ganz „sauber“. Es gibt verschiedene Bewegungsmodelle für derartige Abläufe. An dieser Stelle steht das Verständnis der Überlagerung der (zum Teil unbekannten) Kräfte didaktisch im Vordergrund.
4. Das setzt voraus, dass einem selbst alle eigenen Kräfte bewusst werden. Die Kraft des Widerstandes verbleibt an dieser Stelle trotzdem nur als „Gesamtpaket“.

Der Artikel wurde am 3. Februar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.