Problem des Erkennens der vollständigen Berep

Hintergrund

Bei der Beobachtung von Bewegungen im Deklassierungsbereich, zum Beispiel beim Vorzeigen des Trainers oder im Kampf, kann die vollständige Berep kaum erkannt werden. Von den vorhanden Varianten kann immer nur eine Variante gezeigt werden. Alle anderen Varianten laufen im Deklassierungsbereich parallel mit. Wenn durch spezielle Ansätze eine Berep kontext-sensitiv ist (z.B. mittels Überladung) und somit mit mehreren Varianten gleichzeitig umgehen kann, so ist dieser Umstand nicht unbedingt erkennbar. Man muss um diese Ansätze wissen und direkt danach suchen.

Das Problem hängt eng mit dem Problem der Mehrdeutigkeit von Bereps zusammen. Allerdings soll es hier explizit um das Problem gehen, dass Schüler nicht von selbst auf die Idee kommen Bereps so aufzubauen, sodass diese mit mehr als einer Variante umgehen können.

Im folgenden Beispiel bewegt sich ein Seiltänzer über ein Seil und nutzt einen Stab zum Balancieren. Eine dritte Person stört den Seiltänzer durch Kräfte am Stab (im Deklassierungsbereich, nicht dargestellt). Er drückt den Stab nach oben oder unten und verschlechtert damit die Möglichkeit des Gleichgewichtsausgleichs. Als Varianten ergeben sich damit ein Druck nach oben und nach unten. Es gibt zusätzlich aber weitere unbekannte Varianten den Stab zu verändern. Vorgezeigt werden nur die Varianten nach oben oder unten.

 

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Ein Schüler beobachtet diesen Vorgang und versucht für sich die notwendige Berep zu erfassen. Dabei beschäftigt er sich nicht mit den parallel ablaufenden Varianten, sondern immer nur mit der gerade ablaufenden Bewegung. Er bildet für sich eine Berep für genau die gerade ablaufende Bewegung. In diesem Fall bildet der Seiltänzer aber eine Berep für all diese Varianten gleichzeitig.

 

Variante mit Kraft nach unten

 

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Variante mit Kraft nach oben

 

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Im Training müssen beim Zeigen derartiger Bewegungen zuvor die Zusammenhänge der Deklassierung und der sich damit ergebenden parallel ablaufenden Varianten erläutert werden. Schüler erkennen nicht, dass sie sich im Deklassierungsbereich befinden und damit ganz andere Regeln gelten, als bei „normalen“ Handlungsregulationen.

 

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Sie wenden das Lernverhalten für nicht-deklassierte Bewegungen an und bilden damit nur unzureichende Konzepte der Bewegungen. Ihr „Bild“ der Bewegung wird immer nur die einzelne Variante beinhalten, niemals die gleichzeitig parallel ablaufenden Varianten dazu. Für einen Schüler ergibt sich nicht die Notwendigkeit sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Die Varianten werden konzeptuell immer isoliert betrachtet und ergeben kein gemeinsames, unzertrennbares Bild. Vor allem das „Ich kann doch noch dieses oder jenes tun, bevor es schief geht“ ist ein Denken, dass im Deklassierungsbereich nicht funktioniert. Es ist zu spät für Anpassungen. Wenn die Konsequenzen für eine Fehlhandlung nicht ausreichend hoch sind, wird kein Umdenken stattfinden und es entwickeln sich suboptimale Strategien. Bei einer späteren Anwendung wird ein Schüler aber scheitern, sobald die nicht-unterscheidbare Variante auftaucht, welche mit seiner Art der Berep nicht gelöst werden kann.

Der Artikel wurde am 3. Februar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.