Problem des Trainings der vollständigen Berep

Hintergrund

Selbst wenn die Berep durch eine gute Dokumentation bekannt ist, verbleiben im Training einige Schwierigkeiten. Der im Artikel Grundlagen des Regelkreises vorgestellte Ablauf ist idealisiert. Bei Schmidt und Lee oder Meinel und Schnabel lassen sich Modelle für überlagerte Regelkreise finden. Das bedeutet, dass mehrere dieser Regelkreise auf unterschiedlichen Ebenen wirken und untereinander verkettet sind. Diese Verkettung führt zu ganz eigenen Problemen. Folgend werden nur einige allgemeine Beispiele vorgestellt.

 

Deklassierung Geschwindigkeit

Das folgende Beispiel stellt einen typischen Übungsablauf dar, um eine gemeinsame (!) Berep für mehrere parallel ablaufende, nicht unterscheidbare Varianten zu trainieren. Dabei wird ständig zwischen den Varianten gewechselt, allerdings ohne es dem Partner mitzuteilen. Die Geschwindigkeit wechselt dabei zwischen langsam und schnell. Die langsame Geschwindigkeit dient dazu, die Varianten kennenzulernen und zu versuchen, die gemeinsame Berep dafür aufzubauen (keine Deklassierung). Die schnelle Geschwindigkeit führt den Partner in den Deklassierungsbereich und hilft zu überprüfen, ob die Berep bereits mit den Varianten umgehen kann (Deklassierung in Geschwindigkeit).

 

DE_Problem_des_Trainings_der_vollständigen_Berep_01

 

Die untereinander verketteten Regelreise beginnen gerade bei Anfängern relativ schnell zu wirken. Das bedeutet, dass sich tiefere Regelkreise einschalten und die Bewegung wird vom Bewusstsein weg gelenkt. Es baut sich früh eine Teilautomatisierung auf und das Training geht in Routine über1Der hier beschriebene Effekt ist eigentlich der „normale“ Lerneffekt bei Bewegungen. Allerdings führt diese Art des Lernens in eine Sackgasse, wenn es um diese speziellen Ansätze geht. Bei Schmidt und Lee lassen sich eine Menge Studien zu dem Thema Lernen gegenüber Leistung finden. In bestimmten Fällen muss dieser Ablauf des Lernens systematisch durchbrochen werden, um wirklich den angedachten Lerneffekt zu erzielen. Andernfalls besteht eine hohe Chance, dass die Routine zwar eine hohe Leistung vorgaukelt, aber der Lerneffekt gering ist. Dafür muss die Konzentration auf die gemeinsame Berep immer wieder hoch gehalten werden. Man darf nicht der Verlockung der Automatisierung verfallen. Das Hauptproblem liegt darin, dass tiefere Regelkreise nicht in Varianten „denken“ können.. An dieser Stelle tritt der Effekt ein, dass sehr schnell die geforderte gemeinsame Berep in spezialisierte Einzel-Bereps umgewandelt wird. Wenn in diesem Fall nicht rigoros die Varianten im Deklassierungsbereich abgerufen werden, so trainieren Schüler die „neuen“ Einzel-Bereps ohne zu erkennen, dass die Intention einer gemeinsamen Berep verloren gegangen ist (siehe Problem des Erkennens der Mehrdeutigkeit). Wenn ein Schüler beim Abrufen der Varianten mit seiner spezialisierten Berep auf die falsche Variante trifft, wird er scheitern. Diese Art des Trainings kann sehr demotivierend wirken, da scheinbar nicht das Bewegungsziel erreicht wird. Das ist aber der nötige Preis, um sich wieder der gemeinsamen Berep zu nähern. An dieser Stelle hilft nur Transparenz und das Erläutern des Ziels, dass nicht der direkte Bewegungserfolg im Mittelpunkt steht, sondern das Erlernen der gemeinsamen Berep.

 

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Deklassierung Kraft

Einen weiteren Dreh bekommt diese Problematik, wenn zur Deklassierung der Geschwindigkeit noch eine Deklassierung der Kraft hinzukommt. Wenn der eigene Körper mit einer zu großen Kraft konfrontiert wird, „sucht“ sich die Kraft ihren Weg und verformt die einzelnen Körperteile (Einbrechen der Deckung, Hohlkreuz, Verlieren des Gleichgewichts, Ausbrechen von Waffen, …). Dabei können Bewegungen entstehen, welche in der Art nicht gedacht waren. Das Zusammentreffen der eigenen Bewegung und der Bewegung des Gegners ergibt also in Summe eine neue Bewegung.

 

Eigene Kraft + Gegnerische Kraft = Summe der Kraft ≙ entstehende Bewegung

 

Die eigene Kraft setzt sich im Deklassierungsbereich aber nicht nur aus den bewusst erzeugten Teilen zusammen, sondern auch aus bspw. Selbstreflexen. Diese bringen weitere Kräfte ein und hängen von der Art des Geschwindigkeitsablaufs ab (höhere Geschwindigkeit lässt diesen Anteil anwachsen).

 

Ohne Deklassierung

Bewusst erzeugte Kraft+ Gegnerische Kraft = Summe der Kraft ≙ entstehende Bewegung

 

Mit Deklassierung

Bewusst erzeugte Kraft + Kraft durch eigene Selbstreflexe + Gegnerische Kraft

= Summe der Kraft ≙ entstehende Bewegung

 

Die bewusst erzeugte Kraft entsteht durch eine eigene Berep. Der Anteil der Selbstreflexe entsteht nicht durch eine eigene Berep. Dieser Kraftanteil wird von den Muskeln und der detektierten Abweichung hinzugefügt2Durch die Abhängigkeit der Selbstreflexe zur Geschwindigkeit entsteht der im ersten Blick kuriose Zusammenhang, dass die idealisierte Übertragungsfunktion der Selbstreflexe „umgedreht“ ist. Das bedeutet, dass dieser Anteil bei niedrigen Geschwindigkeiten keine Rolle spielt. Bei hoher Geschwindigkeit kann er dominieren. Damit beginnt die Kurve der Übertragungsfunktion bei Null und steigt dann zu ihrem Maximum an, eben umgedreht wie für bewusste Bewegungen. Damit sind Selbstreflexe als konstruktives Element für Bewegungen sehr schwer einzusetzen. Schüler können damit kaum etwas anfangen und sollten als Bewegungselement Fortgeschritten vorbehalten bleiben. Wer nur eine höhere Muskelanspannung benötigt, wird damit schnell eine Lösung konstruieren können. Wer die Möglichkeiten der Selbstreflexe aber ausreizen will, muss kreativ werden..

 

Bewusst erzeugte Kraft (mit eigener Berep)+ Kraft durch eigene Selbstreflexe (Abhängigkeit Geschwindigkeit)+ Gegnerische Kraft

= Summe der Kraft ≙ entstehende Bewegung

 

Schüler ohne das Hintergrundwissen dieser Addition der Kräfte werden bewusst oder unbewusst im Training die Berep so anpassen, dass der Anteil der Selbstreflexe wegfällt. Sie wollen also die entstehende Bewegung direkt erzeugen, ohne den Anteil der Selbstreflexe zu berücksichtigen. Auf diese Art und Weise entsteht folgendes:

 

Angepasste Kraft (neue Berep)+ Kraft durch eigene Selbstreflexe (Abhängigkeit Geschwindigkeit)+ Gegnerische Kraft

= Summe der Kraft ≙ entstehende Bewegung

 

In der späteren Anwendung addieren sich aber wieder die Selbstreflexe. Dann weicht die entstehende Bewegung mitunter stark ab, je nachdem wie groß der Anteil der Selbstreflexe ist.

 

Angepasste Kraft (neue Berep)+ Kraft durch eigene Selbstreflexe (Abhängigkeit Geschwindigkeit)+ Gegnerische Kraft

= Andere Summe der Kraft ≙ Andere entstehende Bewegung

 

Das dieser Fall überhaupt entsteht, liegt oftmals daran, dass zu selten im Deklassierungsbereich trainiert wird, um genau auf diese Effekte zu stoßen. Die nächste Stufe dieser Eskalation tritt dann ein, wenn Schüler genau diese Anwendungen in Formen ohne Partner trainieren sollen. Dann fehlt sogar noch der Anteil der gegnerischen Kraft zum Einschätzen der entstehenden Bewegung und der unterlagerten Berep. Allzu oft bilden Schüler dann angepasste Bereps, welche die entstehende Bewegung direkt abbilden, also ohne Gegnereinfluss, Selbstreflexe oder ein Verständnis für die Summe all dieser Komponenten.

 

Angepasste Kraft ≙ Angepasste Berep ≙ Andere entstehende Bewegung

 

Dies ähnelt dann dem Trockenschwimmen. Für den Anfang und um überhaupt ein Gefühl für die Bewegung zu bekommen, ist diese Herangehensweise in Ordnung. Allerdings muss zügig mit der Vermittlung der gegnerischen Kräfte begonnen werden, sonst werden diese angepassten Bereps in der angedachten Anwendung mit hoher Sicherheit nicht funktionieren. Formen mit solch einem Trainingsinhalt können erst sinnvoll trainiert werden, wenn über Partnerübungen Sensoräquivalente für die gegnerische Kraft gebildet worden sind. Weiterhin muss ein Schüler die Summenbildung der Kräfte mit einfließen lassen. Dann kann sich ein Schüler gedanklich an die Berep herantasten und wenigstens den gegnerischen Anteil hinzufügen.

Fußnoten   [ + ]

1. Der hier beschriebene Effekt ist eigentlich der „normale“ Lerneffekt bei Bewegungen. Allerdings führt diese Art des Lernens in eine Sackgasse, wenn es um diese speziellen Ansätze geht. Bei Schmidt und Lee lassen sich eine Menge Studien zu dem Thema Lernen gegenüber Leistung finden. In bestimmten Fällen muss dieser Ablauf des Lernens systematisch durchbrochen werden, um wirklich den angedachten Lerneffekt zu erzielen. Andernfalls besteht eine hohe Chance, dass die Routine zwar eine hohe Leistung vorgaukelt, aber der Lerneffekt gering ist. Dafür muss die Konzentration auf die gemeinsame Berep immer wieder hoch gehalten werden. Man darf nicht der Verlockung der Automatisierung verfallen. Das Hauptproblem liegt darin, dass tiefere Regelkreise nicht in Varianten „denken“ können.
2. Durch die Abhängigkeit der Selbstreflexe zur Geschwindigkeit entsteht der im ersten Blick kuriose Zusammenhang, dass die idealisierte Übertragungsfunktion der Selbstreflexe „umgedreht“ ist. Das bedeutet, dass dieser Anteil bei niedrigen Geschwindigkeiten keine Rolle spielt. Bei hoher Geschwindigkeit kann er dominieren. Damit beginnt die Kurve der Übertragungsfunktion bei Null und steigt dann zu ihrem Maximum an, eben umgedreht wie für bewusste Bewegungen. Damit sind Selbstreflexe als konstruktives Element für Bewegungen sehr schwer einzusetzen. Schüler können damit kaum etwas anfangen und sollten als Bewegungselement Fortgeschritten vorbehalten bleiben. Wer nur eine höhere Muskelanspannung benötigt, wird damit schnell eine Lösung konstruieren können. Wer die Möglichkeiten der Selbstreflexe aber ausreizen will, muss kreativ werden.

Der Artikel wurde am 11. Februar 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.