Quelle-Kopplung-Senke

Bei längeren Diskussionen und Analysen können sich gedankliche Sackgassen ergeben. In solchen Situationen hat man mehrere Analyseschleifen hinter sich und findet doch keine passenden Lösungen. An dieser Stelle kann sich der „Schritt zurück“ lohnen und ein Perspektivwechsel zu neuen Lösungsansätzen verhelfen.

Das Modell ist der Elektrotechnik entlehnt und kann sehr gut für Diskussionen in den Kampfkünsten eingesetzt werden. In der Elektrotechnik wird es zum Beispiel für die allgemeine Modellierung von elektronischen Schaltkreisen verwendet. Ein typisches Beispiel ist die Wirkungsweise des Verstärkers eines Radios. Vereinfacht ausgedrückt verstärkt ein Verstärkerschaltkreis (Energiequelle) das Signal und überträgt es mit Hilfe eines Kabels (Koppelung) zur Senke (Lautsprecher, „Verbraucher“ der Energie).

 

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Bei Betrachtungen in den Kampfkünsten konzentriert man sich meist auf Quellen für Kraft oder Geschwindigkeit. Zum Beispiel kann guter Kontakt zum Boden als Quelle zur Krafterzeugung verwendet werden (Abdrücken, Kraft gleich Gegenkraft). Bei der Betrachtung von einzelnen Körperhaltungen können gewisse Winkelstellungen der Arme bedingt durch Hebelgesetze eine größere Kraft erzeugen (Quelle 1 / Quelle 2). Die Definition, ob sich ein gewisser Körperteil als Quelle, Koppelung oder Senke darstellt, ist dabei nur von untergeordneter Bedeutung. Zum Teil fallen Quelle und Koppelung zusammen oder lassen sich kaum trennen (Stoß mit der Schulter). Zum Teil bilden bei einer umfangreicheren Betrachtung verschiedene Quellen und Senken eine spezielle Kombination (kinematische Kette aus Bein-Körper-Arm Kombination). Es geht aber immer darum, zielgerichtet nach Beeinflussungsmöglichkeiten zu suchen, sowohl bei sich selbst, als auch beim Gegner.

 

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Diese Herangehensweise erscheint auf den ersten Blick wie so oft trivial, aber wer einmal nach diversen Schleifen in der Bewegungskonstruktion immer noch keine Lösung gefunden hat, wird diesen Perspektivwechsel zu schätzen wissen. Die Konzentration fällt dann zum Beispiel nicht mehr nur auf die Waffe, sondern auch auf den Waffenarm als weiteres Koppelelement, weiter über die Schulter usw. Jeder weitere Punkt und dessen Einfluss wird betrachtet und als Ansatz in Betracht gezogen. Auf diese Art und Weise entwickeln sich eher ganzheitlichere Ansätze. Lösungsansätze mit Überladung sind erst mit diesen ganzheitlichen Perspektiven möglich.

An dieser Stelle wird dann auch die große Bandbreite an Lösungsansätzen für spezifische Probleme sichtbar. Nicht mehr genau „die eine Lösung“ steht im Vordergrund, sondern alle Lösungen stehen gleichberechtigt auf dem Prüfstand, ohne eine unbegründete Vorauswahl.

Der Artikel wurde am 13. Dezember 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.