Reaktionskette mit Antizipation

Hintergrund

Bei Schmidt und Lee wird Antizipation („Vorwegnahme“) sehr ausführlich behandelt. Dabei bildet man an Hand von Merkmalen ein inneres Modell. Dieses Modell bildet eine Abschätzung zukünftiger Ereignisse ab. Wenn die eigene Abschätzung sehr gut ist, lassen sich Reaktionszeiten auf wenige Millisekunden herunterdrücken. Musiker könnten als Beispiel ihre Einsätze ohne Antizipation nicht perfekt aufeinander abstimmen. Wenn man sich täuscht, passiert das Gegenteil. Die nötigen Anpassungen können den Zeitvorteil zunichtemachen.

 

Weiterer Nutzen

  • Weitere starke Verringerung von Reaktionszeiten unter Einhaltung der Randbedingungen
  • Verständnis für die Konstruktion von Finten nötig

 

Einzelne Anteile

Die Anteile entsprechen bis auf eine Ausnahme den Anteilen der Reaktionskette. Zusätzlich kommt das innere Modell hinzu.

Inneres Modell

Innere Modelle bilden aus den verfügbaren Informationen Szenarien, welche wiederum für die zukünftige Bewegungsplanung verwendet werden. Es werden sowohl wahrgenommene Reize interpretiert als auch auf deren Informationen untersucht, als auch in den Szenarien die Reize bestimmt, welche zukünftig zu erwarten sind. Diese Informationen werden ständig aktualisiert und auf Kausalität überprüft. Bei Abweichungen wird das Modell angepasst und versucht die wahrgenommenen Informationen und das Modell in Deckung zu bringen.

Vergleich Ist- zu Ziel-Reiz

Das innere Modell definiert eine Art Trigger, um die eigentliche Reaktionsausführung zu starten. Der Trigger besteht aus einem zu erwartenden Ziel-Reiz und der ständigen Suche nach diesem Reiz in Form des Ist-Reizes. Wenn der Ziel- und der Ist-Reiz deckungsgleich sind, ist die Triggerbedingung erfüllt.

 

Ablauf

Im Gegensatz zu einfachen Reaktionen wird hier ein sehr starkes inneres Modell gebildet. Die Übergänge sind fließend. Die Unterscheidung lässt sich eher am Trigger festhalten. Bei Antizipation liegt der Trigger nach der Reaktionsauswahl. Es bleibt Zeit für die Bildung eines möglichst passenden inneren Modells. Bei einer Reaktion liegt der Trigger am Start der Reaktionskette.

Um die auftauchenden Effekte mit Antizipation zu verstehen, muss das Grundlagenmodell der Reaktionskette erweitert werden. Statt wie bei Donder alles einzeln hintereinander ablaufen zu lassen, wird jetzt der Prozess des Aufbaus des inneren Modells als ständig ablaufender Kreisprozess aufgebaut.

 

DE_Reaktionskette_Antizipation_2

 

Das innere Modell nimmt dabei die wahrgenommenen Reize und bildet daraus ein Modell der Zukunft. Zusätzlich werden Szenarien entworfen, welche Reize als nächstes zu erwarten sind. Die ausgewählte Reaktion und deren Ausführung beginnen, wenn der antizipierte Reiz (Ziel-Reiz) dem wahrgenommenen Reiz (Ist-Reiz) entspricht.

DE_Reaktionskette_Antizipation_3

 

Schlussfolgerungen

Dieser Ablauf ist viel komplexer und damit anfälliger für Störungen. Durch die Notwendigkeit von passenden inneren Modellen, muss die Information für diese inneren Modelle auch immer zur Verfügung stehen. Fehlschläge treten ab einer gewissen Geschwindigkeit auf, bei der das innere Modell nicht mehr ausreichend mit Informationen versorgt werden kann. Die Wahrnehmung von Reizen unterliegt Grenzen, welche den Informationsfluss bei hoher Geschwindigkeit abbrechen lassen. Es können dann keine Szenarien für zukünftige Ereignisse mehr gebildet werden. Diese Szenarien bilden aber die Grundlage für Antizipation. Zusätzlich kann nicht überprüft werden, ob die Ziel-Reize mit den Ist-Reizen übereinstimmen.  Die daraus entstehende Problematik reicht aber noch viel tiefer. Wenn keine Informationen über den aktuellen Stand verfügbar sind, entstehen parallel ablaufende gleichberechtigte Szenarien, die aber nicht mehr differenziert werden können.

→ Detaillierung Alternativen

Durch die ständige Aktualisierung werden abweichende Informationen zwar relativ schnell erkannt und verarbeitet. Problematisch wird es aber, wenn bereits eine Reaktionsausführung begonnen wurde. Die körpereigene Trägheit lässt keine schnellen Änderungen zu. Die vorher als sicher gewähnte Reaktion kann in ihr Gegenteil verkehrt werden. Es kann sein, dass eine völlig gegensätzliche Reaktion nötig gewesen wäre. Die Zeit zur Anpassung wird die Dauer der Reaktion erhöhen. Je nach der Größe der Abweichung und dem Einfluss der Trägheit kann die Reaktionszeit noch größer werden als eine in der gleichen Situation angesetzte Wahlreaktionszeit.

Detaillierung Zeitverlust

 

Randbedingungen

Als Randbedingungen gelten alle in dem Artikel der Reaktionskette aufgeführten Randbedingungen. Die in den Schlussfolgerungen vorgestellten Probleme sind zum Teil damit abgedeckt. Der Fehlschlag der Antizipation mit der Auswahl einer falschen Reaktion wird durch eine genaue Betrachtung der Kausalitätsbedingung und der Isolierung der Möglichkeiten abgedeckt.

Abfrage mittels Checkliste

Erweiterte Reizverfügbarkeit

Es müssen ständig Reize verfügbar sein um daraus die inneren Modelle bilden zu können. Es genügt nicht, wie bei der Reaktion, nur einmalig Reize zu erhalten. Der Vergleich des Ziel- zum Ist-Reiz liegt vom Zeitpunkt her später als die Bildung des inneren Modells. Ohne die Informationen kann dieser Vergleich nicht mehr stattfinden. Der Trigger zum Start der Reaktionsausführung fehlt dann. Vor allem müssen Ziel- und Ist-Reiz auch definiert werden können.

Zeitpuffer für Modellbildung und Reaktionsauswahl

Mit den verfügbaren Informationen muss ein inneres Modell der zukünftigen Abläufe konstruiert werden können. Das Modell bedient sich aus die verfügbaren Informationen und benötigt Zeit für den Aufbau. Je komplexer Situationen sind und je mehr Möglichkeiten dieses Modell abbilden soll, desto größer muss der benötigte Zeitpuffer sein. Aus dem inneren Modell muss die Auswahl einer Bewegung als Reaktion erfolgen können. Bei Verzögerungen in dem Aufbau des inneren Modells, wird die nächste Phase der Reaktionsauswahl nicht erreicht.

Aussprungpunkt

Als Aussprungpunkt wird in diesem Modell überprüft, ob es möglich ist, den Übergang zur Reaktionsauswahl einzuleiten und den Kreislauf zu verlassen. Wenn nicht zusätzlich zu den projizierten zukünftigen Ereignissen definiert wird, wann eine Reaktionsauswahl möglich ist, wird es zu keiner Reaktion kommen. Hier gelten wieder all die anderen Randbedingungen aus dem Modell der Reaktionskette. Für den Aussprungpunkt müssen Muster und Merkmale definiert werden, Kausalität muss gegeben sein, Isolierung der Möglichkeiten, usw.

Gültigkeit inneres Modell für Reaktionsdauer

Das gebildete innere Modell muss bis zum Abschluss der Reaktion gültig sein. Wenn sich auf Grund weiterer nicht wahrnehmbarer Ereignisse die Umstände schon wieder geändert haben, wird das innere Modell fehlschlagen.

Der Artikel wurde am 13. Oktober 2013 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.