Reaktionskette

Hintergrund

Bei Schmidt und Lee findet sich ein gut verständliches Grundlagenmodell für Reaktionen. Dabei wird sauber zwischen einzelnen Stufen der Reaktion unterschieden. Für bestimmte Reaktionsarten werden Teile davon weggelassen. Das Modell ist veraltet, aber didaktisch gut nutzbar.

Im Gegensatz zu Antizipation wird hier nur ein rudimentäres inneres Modell gebildet. Dieses steckt hier in den Anteilen Reizidentifizierung und Reaktionsauswahl. Die Übergänge sind fließend. Die Unterscheidung lässt sich eher am Trigger festhalten. Bei einer Reaktion liegt der Trigger am Start der Reaktionskette. Bei Antizipation liegt der Trigger nach der Reaktionsauswahl.

Der Nachteil des Modells liegt in der strikten Einteilung von einzelnen Phasen. Diese Phasen laufen nicht derartig isoliert ab. Es ist anzunehmen, dass alle diese Phasen in gewisser Weise ständig und auch parallel stattfinden. Bei Schmidt und Lee kann dazu eine umfassende Diskussion gefunden werden. Viele Probleme bei der Anwendung von Reaktionsmodellen auf Anwendungsszenarien gründen sich auf diesen Umstand.

Der Vorteil liegt eindeutig in der Einfachheit der Anwendung. Auch wenn innerhalb eines Kampfes ständig eine Flut an Informationen auf einen selbst wirken, lassen sich die einzelnen Anteile doch sauber isolieren. Wenn man die Reaktionskette analytisch einsetzt, kann es sich lohnen die eigenen Bewegungen weg von tendenziell langsamen Wahlreaktionen zu anderen Typen zu führen. Mit dem Hintergrundwissen der einzelnen Anteile lassen sich gezielt Testszenarien entwerfen, um zu bestimmen, ob die Reaktionszeit ausreichend ist. Ein typischer Fehler liegt in der Annahme von Einfachreaktionen, obwohl in späteren Situationen Wahlreaktionen dominieren.

 

Weiterer Nutzen

  • Gezielte Suche nach langsamen Einzelkomponenten
  • Abschätzung der Möglichkeiten für Verzicht auf langsame Anteile
  • Bestimmung des Anteils der einzelnen Phasen
  • Verringerung von Reaktionszeiten unter bestimmten Bedingungen
  • Vergleich von Reaktionen untereinander, bei sonst gleichen Elementen ist die Zeit kürzer mit der geringeren Anzahl an Elementen

 

 

Einzelne Anteile

Reizdetektierung

Die Reizdetektierung umfasst als Anteil nur die reine Detektierung des Reizes. Die Frage, die sich für diesen Anteil immer stellt, ist: „Passiert etwas? Welche Reize habe ich?“. Dieser Anteil ist für Analysen dann interessant, wenn Gegner versuchen mögliche Reize zu verstecken oder erst sehr spät zu zeigen. Der Gesamtanteil für Reaktionszeiten ist relativ gering.

Reizidentifizierung

Die Reizidentifizierung beschäftigt sich mit dem Anteil der Verarbeitung der Reize. Aus den Reizen muss die Information gewonnen werden, was sich abspielt. Die Frage für diesen Anteil ist also: „Was passiert?“ Die Reizidentifizierung kann je nach Situation sehr lang sein. Je mehr Möglichkeiten es in einer Situation gibt, umso stärker muss differenziert werden. Diese Unterscheidung benötigt bei steigender Anzahl der Möglichkeiten mehr Zeit. Es muss dann immer die Folgefrage gestellt werden, ob denn überhaupt wirklich eine derartig starke Unterscheidung zwischen all den Möglichkeiten getroffen werden muss. Dieser Anteil muss aus verfügbaren Informationen ein inneres Modell zukünftiger Ereignisse aufbauen. Je nach der Informationsverarbeitung kann es zu Fehlinterpretationen kommen.

Reaktionsauswahl

Die Reaktionsauswahl hat je nach Training einen unterschiedlich großen Anteil an der Reaktionszeit. Vor allem wenn in einer Situation mit unterschiedlichen Möglichkeiten reagiert werden kann, steigt diese Zeit an. Die inneren Hemmungen, um zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden und zu wählen, kosten Zeit. Dieser Anteil kann reduziert werden, wenn für Bewegungen sauber die Differenzierungskriterien für die Auswahl der Bewegung herausgearbeitet werden. Dieser Ansatz kostet aber wieder Zeit in der Reizidentifizierung. Ein anderer Ansatz können kontexsensitive Bewegungen sein, welche keine oder eine geringe Differenzierung benötigen.

Reaktionsausführung

Die Reaktionsausführung hat je nach Art der Bewegung den größten Anteil an den einzelnen Komponenten. Es gilt also immer die Verhältnisse der Anteile zu betrachten. Wenn ein Anteil von der ganzen Reaktionszeit mehr als 2/3 der Zeit verbraucht, dann muss an dieser Stelle angesetzt werden. Die Reaktionsausführung, also das Ausführen der eigentlichen Bewegung, sollte immer im Fokus von Optimierungsbemühungen stehen.

 

Abgeleitete Reaktionsarten

Wahlreaktion

Wahlreaktionen umfassen alle Elemente der Reaktionskette. Die Vorteile der sauberen Reizidentifizierung und der Reaktionsauswahl liegen in der zielgerichteten Auswahl von Gegenmaßnahmen. Situationen im Sport oder Regelsysteme mit starken Einschränkungen erfordern eine gute Differenzierung (bspw. Kopf und Oberkörper als Trefferzone erlaubt, der Hals aber nicht). Die Probleme entstehen erst, wenn die zur Verfügung stehende Zeit zu knapp ist. Wahlreaktionen sind also nicht per se schlecht. Erst die Kombination mit der Notwendigkeit schneller Entscheidungen lässt Wahlreaktionen als schlechte Lösungen erscheinen. Weiterhin unterliegen die Reizidentifizierung und Reaktionsauswahl den Problemen der Fehlwahrnehmungen, Fehlinterpretationen und falschen Auswahl (sowohl der verfügbaren Information als auch der Bewegung).

 

DE_Reaktionskette_1

 

Start/Nicht-Start-Reaktion

Start/Nicht-Start-Reaktionen verzichten auf die Reaktionsauswahl. Die Reaktionsauswahl muss also bereits im Vorfeld durch irgendeine andere Art der Information erfolgt sein. Fehlwahrnehmungen, Fehlinterpretationen usw. sind wieder die bestimmenden Probleme. Auch wenn eine Bewegungsauswahl getroffen wurde, kann diese Auswahl falsch sein. Die Reaktionszeit ist dann zwar geringer als die einer Wahlreaktion, aber das gesetzte Ziel wird vielleicht nicht erreicht. Ein typisches Beispiel ist das Zurückweichen vor Gegnern. Innerlich ist die Bewegung eines Rückwärtsschrittes bereits gefällt worden (Reaktionsauswahl). Das Ziel ist ein passender Schritt, nur wenn er benötigt wird. Der Zeitpunkt wird durch Reizidentifizierung getroffen.

 

DE_Reaktionskette_Start_Nicht-Start_1

 

Einfachreaktion

Einfachreaktionen haben bei sonst gleichen Elementen gegenüber Wahlreaktionen und Start/Nicht-Start-Reaktionen die geringsten Reaktionszeiten. Die Probleme der Fehlinterpretation und Fehler in der Bewegungsauswahl wiegen hier aber auch schwerer. In Regelsystemen mit einer direkten Disqualifizierung ist eine falsche Einfachreaktion nicht tolerierbar (z.B. Fehlstart bei 100m Sprints). Die zeitlichen Vorteile der Einfachreaktion sind aber sehr groß. Die Anteile der Reizidentifizierung und Reaktionsauswahl haben einen großen Anteil an der gesamten Reaktionszeit.

DE_Reaktionskette_Einfachreaktion_1

 

Schlussfolgerungen

Dreh- und Angelpunkt für Reaktionsarten ist die Notwendigkeit von Differenzierungen, ob man sich Fehlentscheidungen leisten kann und die Verfügbarkeit der Informationen für diese Entscheidungen. Wenn die Konsequenzen es erlauben, kann man den Vorteil von Einfachreaktionen nutzen.

 

Reaktionskette_Schlussfolgerung

 

Randbedingungen

Um Reaktionen einsetzen zu können, müssen eine Reihe von Randbedingungen erfüllt sein. Die einzelnen Bedingungen können später für Arbeitstechniken zur Überprüfung der Machbarkeit verwendet werden. Diese Bedingungen sind hier in allgemeiner Form aufgeführt. Viele der Bedingungen wird man schnell als erfüllt abhaken können. Es gibt aber immer wieder Situationen, in denen einzelne Bedingungen überhaupt nicht erfüllt sind. Je nach Komplexität der Situation ist man dann „blind“ für eine passende Analyse. Die hier aufgeführten Bedingungen können in diesen Fällen als Checkliste dienen.

Wille zur Reaktion

Reaktionen sind in erster Linie passiver Natur. Es muss eine bewusste Entscheidung vorliegen, eine Situation mit einer Reaktion zu lösen. Wenn im Gegensatz dazu die Initiative ergriffen wird, liegt keine Reaktion vor.

Reizverfügbarkeit

Es müssen überhaupt verarbeitbare Reize verfügbar sein. Wenn Gegner es schaffen diese Reize mit den notwendigen Informationen zu verstecken oder bis zuletzt zurückzuhalten, wird der Start der Reaktion verzögert. Die gesamte Reaktionszeit kann dann zur erfolgreichen Zielerfüllung ungenügend sein. Die zurückgehaltenen Informationen können einfacher Art sein (Zurückhalten eines Bewegungsteils bis zum letzten Moment) oder sehr komplexer Art (Kontextwechsel von normaler Situation zu direktem Angriff).

Bereitschaft zur Reizverarbeitung

Wenn die eigene Aufmerksamkeit sich nicht mit der Situation auseinandersetzt, können die Reize vorliegen, werden aber nicht verarbeitet. Die Reaktion kann dann nicht ablaufen.

Reizidentifizierung

Reize können in verschiedenen Formen vorliegen und unterschiedlich kodierte Informationen beinhalten. Je nach Art der Information und der Kodierung müssen Interpretationen durchgeführt werden. Zur Beantwortung der Frage, ob eine saubere Reizidentifizierung möglich ist, helfen kommunikationspsychologische Ansätze (gemeinsamer Hintergrund, Vier-Ohren-Modell, Kooperationsmodell der menschlichen Kommunikation, Kommunikationsdisplay /-signal, …). Vor allem Fehlinterpretationen lassen Reaktionen fehlschlagen. Das Auftreten von zu vielen oder widersprüchliche Informationen kostet zusätzlich Zeit. Die benötigte Zeitdauer für die Reizidentifizierung ist kein direkter Teil dieser Betrachtungen.

Kausalität der Zusammenhänge

Die Kausalität zwischen den verarbeiteten Informationen und den später eintreffenden Ereignissen muss gegeben sein. Ohne die Erfüllung dieser Bedingung kann keine saubere Planung der zukünftigen Ergebnisse erfolgen. Kausalität heißt hier an dieser Stelle, dass die im Hintergrund laufenden Zusammenhänge erfassbar und in Form eigener Überlegungen verarbeitbar sind. Die inneren Modelle der zukünftigen Ereignisse stimmen sonst nicht mit den „wirklichen“ Abläufen überein und es kann keine Reaktionsauswahl erfolgen.

Isolierung der Möglichkeiten

Regelsysteme im Kampfsportarten (Disqualifizierung bei Berührung gewisser Körperzonen) oder bspw. Randbedingungen in Kampfkünsten (Rüstungen mit bestimmten sehr kleinen Trefferbereichen) verlangen einen hohen Differenzierungsgrad. Die einzelnen Abläufe und Möglichkeiten müssen sauber isoliert werden können. Ohne die Möglichkeit dieser Isolierung werden Reaktionen fehlschlagen und die gesetzten Ziele nicht erfüllt.

Abbruchkriterien für Bewegungsauswahl

Bei einer zu großen Anzahl an Reaktionsmöglichkeiten muss es klare Kriterien geben, um sich für eine Lösung zu entschieden. Andernfalls steckt man gedanklich in einer Schleife fest, welche Lösung denn „richtig“ wäre. Die dafür verbrauchte Zeit kann die Reaktionszeit erhöhen.

Dauer der Reaktionsausführung

Die ganze Dauer der Reaktionsausführung darf nicht zu lang sein. Wenn die einzelnen Anteile zu viel Zeit verbrauchen, wird die Gesamtdauer der Reaktion länger, als der Ablauf auf den man reagieren möchte.

 

Der Artikel wurde am 13. Oktober 2013 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.