Rekonstruktion von Bewegungen

Hintergrund

Bewegungsentwicklungen können sehr komplex sein. Dabei werden viele Ziele und Randbedingungen einbezogen. Es gilt aus einer Vielzahl an Elementen passende Elemente auszuwählen und diese zu einer Gesamtbewegung zusammenzusetzen.

In vielen Fällen ist aber bereits eine Bewegung vorhanden. Die Elemente sind an dieser Stelle bekannt und vorgegeben. Dadurch verschiebt sich die Perspektive. Statt eine Bewegung neu aufzubauen, wird die Bewegung mit Hilfe von Belastungstests überprüft. Wenn dabei die Bewegung ihre gesetzten Ziele nicht erreicht, kann eine Rekonstruktion helfen die Leistungsfähigkeit der Bewegung zu erhöhen1Die vorgestellte Rekonstruktion lässt weitere Perspektiven wie bspw. kulturelle Veränderungen außen vor. Der Fokus liegt auf den Einflüssen von Bewegungsproblemen..

Dann stellen sich die folgenden Fragen:

  • Warum erfüllt die Bewegung die Anforderungen nicht?
  • Wie muss die Bewegung verändert werden, damit die Anforderungen erfüllt werden?

 

Es gibt viele Ursachen für die Nicht-Betrachtung oder andere Art der Betrachtung von Anforderungen. Folgend werden einige Ursachen vorgestellt. Diese Ursachen bilden die Grundlage für die Rekonstruktion.

Annahme von Anforderungen

Die ursprünglichen Anforderungen an eine Bewegung sind nicht immer bekannt oder transparent. Wenn dann eigene Annahmen getroffen werden, kann es zu Unterschieden kommen. In diesem Fall sind die Abweichungen in den Ergebnissen also in den Annahmen zu suchen, weniger in der Bewegung selbst. Dadurch erklärt sich die allgemeine Notwendigkeit Bewegungen und deren Anforderungen immer sauber und transparent zu dokumentieren.

Überoptimierung von Bewegungen

Bei der Weitergabe von Bewegungen über Generationen von Schülern können Anforderungen verloren gehen (bspw. Dokumentation nicht ausreichend). Kritische Ablaufvarianten werden zum Beispiel nicht mit betrachtet. Die gewählten Bewegungselemente konzentrieren sich dann zu stark auf die betrachtete Variante. Ohne die Absicherung der anderen kritischen Varianten ist die Bewegung damit „überoptimiert“ auf einen Teil der Anforderungen.

Probleme durch Trennung der Berep zur Bewegung

Die Berep ist für eine Bewegungsentwicklung die kritische Komponente. Sie fasst die Bewegungsziele zusammen. Erst mit den äußeren und inneren Einflüssen ergibt sich die resultierende Bewegung. Die Berep ist nicht sichtbar. Die resultierende Bewegung kann im Gegensatz dazu wahrgenommen werden. Dadurch erfolgt bei vielen Bewegungen eine zu starke Konzentration auf die Weitergabe der resultierenden Bewegung. Damit sind viele Folgeprobleme verbunden, welche verhindern, dass Anforderungen erfüllt werden können (Ausregelung der Varianten, Mehrdeutigkeit, Training der Berep, …).

Vereinfachung der Bewegung für Schüler

Bewegungsfolgen können aus sehr vielen komplexen Einzelelementen bestehen. Eine Aufteilung in einzelne kurze Bewegungen mit weniger Elementen kann das Lernen unterstützen. Diese neue kurze Bewegung muss aber nicht unbedingt die Anforderung an die gesamte Bewegungsfolge erfüllen. Ist die Vereinfachung allerdings im Lehrbetrieb nicht transparent, können Lehrende oder Schüler glauben, dass die vereinfachte kurze Bewegung „richtig“ sei, also das eigentliche Lernziel darstellt. Die ursprüngliche Bewegungsfolge droht dann verloren zu gehen.

Einbettung von Elementen in Hilfsbewegungen

Bestimmte Bewegungselemente können sehr schwierig zu erfassen und damit zu verstehen sein. Ein Ansatz besteht darin, dass Element in eine einfache Hilfsbewegung einzubetten, sodass sich das eigentliche Element „automatisch“ mit ergibt. Diese Hilfsbewegung muss nicht unbedingt den Anforderungen späterer Einsatzszenarien genügen. Auch hier kann es vorkommen, dass diese ursprüngliche Idee im Lehrbetrieb verloren geht und die Hilfsbewegung plötzlich als eigentliches Lernziel erscheint.

Institutionelle Vorgaben

Die Zusammenstellung von Bewegungselementen ist mitunter widersprüchlich. Jedes ausgewählte Element bringt eigene Vor- und Nachteile in eine Bewegung. Dadurch gibt es nie eine „perfekte“ Zusammenstellung. Kampfkunststile oder Vereine als Institution sind im Gegensatz dazu im Unterricht auf eine gewisse Struktur und Durchgängigkeit angewiesen. Schülern oder Lehrende können nicht in jedem Training erneut über Bewegungen diskutieren oder über Details „verhandeln“. Damit können nie alle Anforderungen an die Bewegung erfüllt werden. Das Ziel einer „Unterrichtbarkeit“ steht im Vordergrund und verdrängt die Anforderung einer umfassend „funktionierenden“ Bewegung. Fehlende Transparenz lässt dann wiederum Bewegungen als „richtig“ erscheinen, statt die Widersprüche transparent zu veröffentlichen.

 

Unterschied Entwicklung zu Rekonstruktion

Zwischen der Entwicklung einer Bewegung und einer Rekonstruktion gibt es starke Unterschiede. Bei der Entwicklung gibt es keine strikten Vorgaben. Die Anforderungen stehen nicht von Anfang an völlig fest. Es kann frei aus verschiedenen Elementen gewählt werden. Die Anforderungen und die eingesetzten Mittel (in Form von Bewegungselementen) werden immer wieder in Frage gestellt2Bestimmte Anforderungen sind am Anfang zu hart gestellt. Die Aussage „Ich will in jedem Fall treffen“ ist sehr schwer in allen Fällen zu erfüllen. Eine abgeschwächte Form „Treffer sind wichtig, aber nur ein Ansatz die Situation zu lösen“ kann als Anforderung eher erfüllt werden. In dieser Art werden Anforderungen ständig angepasst..

Belastungstests und deren Ergebnisse bilden die „Leitplanken“, welchen sich die Berep unterwerfen muss. Dieser ständige Abgleich lässt die obigen Probleme nur in sehr schwacher Form auftauchen. Am Ende erfüllt die Bewegung im besten Fall die letztlich sich ergebenden Anforderungen.

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Im Gegensatz dazu werden bei der Rekonstruktion der Bewegung bereits eine große Anzahl an Anforderungen und Bewegungselementen als Grundlage angenommen. Belastungstests zeigen dann, dass die Bewegung bestimmte weitere Anforderungen nicht erfüllt.

 

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Bei der Rekonstruktion wird angenommen, dass die Leistungsfähigkeit der Bewegung durch Anpassungen (z.B. durch Lehrer3Anpassungen können mit besten Absichten erfolgen. Wenn diese ohne einen Blick auf das Gesamtbild erfolgen, wird die Leistungsfähigkeit der Bewegung abnehmen. Natürlich kann auch der umgekehrte Fall vorliegen, sodass eine Bewegung über Generationen hinweg kontinuierlich verbessert wurde und den Anforderungen genügt. In diesem Fall ergeben sich bei Belastungstests keine Abweichungen.) verändert wurde und deswegen bei Tests schlecht abschneidet. Weiterhin wird angenommen, dass die Bewegung in einer abgewandelten Form die Anforderungen erfüllen könnte. Für eine Annäherung wird die Bewegung angepasst, ergo rekonstruiert auf eine möglichere frühere Form. Als Grundlage können die obigen Ursachen „rückwärts“ betrachtet werden und in dieser Art zu einer früheren Form der Bewegung führen.

 

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Durchführung

Die Rekonstruktion beginnt mit einer bestehenden Bewegung. In den ersten Schritten werden die bestehenden Anforderungen und die Bewegung zusammengestellt.

 

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Beispiel

Das folgende Beispiel stellt einen typischen Startpunkt für eine Bewegung dar. Die Anforderung und die Mittel sind festgelegt:

Anforderung:

  • Partner hat eigenes Handgelenk gegriffen
  • Ziel ist Handgelenkbefreiung

 

Priorisierung

  1. Befreiung aus Griff als oberstes Ziel
  2. Keine weiteren Ziele

 

Gewählte Mittel

  • Element A
  • Element B
  • Element C

 

Vergleich und Anpassung der Anforderungen

Die obige Bewegungsbeschreibung ist einfach gehalten, allerdings ist dies in vielen Fällen im Training der Normalfall. Gründe für eine derartige Zusammenstellung der Anforderung sind weiter oben in diesem Artikel vorgestellt worden (z.B. institutionelle Vorgaben).

An dieser Stelle muss eine Entscheidung getroffen werden. Es stellen sich die Fragen:

  • Kann die Bewegung im angedachten Einsatzfall ausreichend funktionieren (z.b. Methode)?
  • Wenn nein, sollen die Anforderungen verändert werden?
  • Sollen dann die Bewegungselemente angepasst werden?

 

Im obigen Beispiel wird die reine Handgelenkbefreiung als einzige Anforderung festgelegt. Bei der Diskussion des Einsatzfalls ergeben sich weitere Anforderungen. In der jetzigen Form werden keine Überlastungen bei der Ausführung oder mögliche parallele Ablaufvarianten (z.B. Gegner greift während der Befreiung an) einbezogen4Es genügt nicht die Bewegung schnell und kraftvoll auszuführen. Jede Bewegung hat Grenzen (siehe kombinierte Effekte)..

Dadurch weicht der Einsatzfall zu stark vom Training ab. Das bedeutet, dass die Bewegung später fehlschlagen könnte. Es muss also eine Anpassung der Anforderung erfolgen. Dazu werden Überlastungsfälle und Ablaufvarianten in die Betrachtung mit aufgenommen.

 

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Grad der Bewegungsanpassung

Die Abweichung der Bewegung zu den neuen Anforderungen bewegt sich innerhalb einer gewissen Bandbreite. Je nach Stärke der Abweichung muss die Bewegung angepasst werden. Die notwendigen Anpassungen können dabei sehr klein sein, also z.B. nur wenige Elemente anpassen oder austauschen. Ist die Abweichung größer, müssen mehr Elementen angepasst werden. Im Extremfall kann die Bewegung allerdings aus einer Kombination von Elementen bestehen, welche keine Lösung für die Anforderungen bietet.

 

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Jede Anpassung der Elemente verändert die Bewegung. Sobald äußerlich wahrnehmbare Elemente angepasst werden, wird die Bewegung von Beobachtern als verändert wahrgenommen. Es kann versucht werden die äußerlichen Abläufe gleich zu belassen. In diesem Fall werden gezielt Elemente angepasst, welche von außen nicht sichtbar sind (Berep, Art der Wahrnehmung, …). Die resultierende Bewegung bleibt dann in ihrer äußerlich wahrnehmbaren Form erhalten5Dieser Ansatz wird vor allem für Kampfkunststile benötigt. Auf diese kann der Stil noch erkannt werden, obwohl die Bewegung angepasst wurde..

Rekonstruktion

An dieser Stelle setzt der Unterschied einer Rekonstruktion zur Bewegungsentwicklung ein. Bei der Entwicklung würden sich in den Folgeschritten die Wahl der Mittel mit den Belastungstests und den Bewertungen abwechseln. Die jeweiligen Ergebnisse geben die Richtung vor.

Bei der Rekonstruktion wird die Richtung stärker durch die bestehende Bewegung vorgegeben. Die Anpassung der Bewegungselemente erfolgt nicht willkürlich den Anforderungen folgend. Stattdessen werden mögliche wirkende Effekte in Betracht gezogen und deren Ablauf „rückwärts“ angewendet. Dadurch wird versucht sich stark an die Ausgangsbewegung zu halten und trotzdem die Anforderungen Stück für Stück zu erfüllen.

 

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Das folgende Beispiel greift die obige Handgelenkbefreiung wieder auf. Der Ansatz der Rekonstruktion wird nur kurz aufgegriffen. Das Erkennen und Wirken der verändernden Effekte zu erkennen und zu kompensieren wird in anderen Artikeln aufgeschlüsselt.

 

Beispiel

Das obige Beispiel einer Handgelenkbefreiung hat durch institutionelle Vorgaben weitere Anforderungen nicht erfüllt. Die Bewegung war für den Unterricht stark vereinfacht worden.

Im ersten Schritt werden Anforderungen ergänzt. Die neuen Anforderungen durch mögliche Überlastungen kommen hinzu.

Anforderung:

  • Partner hat eigenes Handgelenk gegriffen
  • Ziel ist Handgelenkbefreiung
  • Neu: Überlastung der Wahrnehmung mit Variante 1, 2 und 3
  • Neu: Überlastung der Kraft mit Variante 4, 5 und 6

 

Danach werden die Priorisierungen angepasst. Die neuen Anforderungen werden dann in der Liste der Dringlichkeit eingeordnet.

Priorisierung:

  1. Befreiung aus Griff als oberstes Ziel
  2. Keine weiteren Ziele
  3. Neu: Lösungsansätze für obige Überlastungen hinzu
  4. Neu: Lösung für Variante 1, 3 und 5 als am wichtigsten angesehen

 

Im letzten Schritt werden die Elemente angepasst. Die einzige Anpassung bestehender Elemente erfolgt nicht wahrnehmbar. Die ursprüngliche Bewegung bleibt fast erhalten. Die neuen Elemente werden zur Kompensierung möglicher Überlastungen eingefügt.

Gewählte Mittel:

  1. Element A
  2. Element B
  3. Element B angepasst (nicht wahrnehmbar)
  4. Element C
  5. Neu: Element D, E und F als Ansatz die Überlastung abzumildern

 

Im letzten Schritt erfolgt die Abschlussdokumentation, damit die Anpassungen von der Argumentation nachverfolgt werden können. Im besten Fall kann die anfängliche Bewegung die neuen Anforderungen erfüllen. Im schlechtesten Fall müssen sehr viele Elemente ausgetauscht werden, sodass die ursprüngliche Bewegung stark verfälscht wird.

Fußnoten   [ + ]

1. Die vorgestellte Rekonstruktion lässt weitere Perspektiven wie bspw. kulturelle Veränderungen außen vor. Der Fokus liegt auf den Einflüssen von Bewegungsproblemen.
2. Bestimmte Anforderungen sind am Anfang zu hart gestellt. Die Aussage „Ich will in jedem Fall treffen“ ist sehr schwer in allen Fällen zu erfüllen. Eine abgeschwächte Form „Treffer sind wichtig, aber nur ein Ansatz die Situation zu lösen“ kann als Anforderung eher erfüllt werden. In dieser Art werden Anforderungen ständig angepasst.
3. Anpassungen können mit besten Absichten erfolgen. Wenn diese ohne einen Blick auf das Gesamtbild erfolgen, wird die Leistungsfähigkeit der Bewegung abnehmen. Natürlich kann auch der umgekehrte Fall vorliegen, sodass eine Bewegung über Generationen hinweg kontinuierlich verbessert wurde und den Anforderungen genügt. In diesem Fall ergeben sich bei Belastungstests keine Abweichungen.
4. Es genügt nicht die Bewegung schnell und kraftvoll auszuführen. Jede Bewegung hat Grenzen (siehe kombinierte Effekte).
5. Dieser Ansatz wird vor allem für Kampfkunststile benötigt. Auf diese kann der Stil noch erkannt werden, obwohl die Bewegung angepasst wurde.

Der Artikel wurde am 15. Mai 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.