Rückgang der Informationsverfügbarkeit

Hintergrund

Das Modell des erweiterten Regelkreises hatte als Einstiegspunkt für den Regelkreis eine Stufe der Informationsverarbeitung. Diese Stufe bestimmt mit ihren Eigenschaften zu einem großen Anteil die Arbeitsweise des Regelkreises.

 

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Jede Art von Handlungsregulation ist auf die Verfügbarkeit von Informationen angewiesen. Im Kampf kann Handlung zum Beispiel ein Agieren in Form von Angreifen oder die Planung von Bewegungen auf Basis von Strategien bedeuten. All diese Handlungen sind dafür aber auf Informationen angewiesen. Andernfalls können die Folgestufen im Modell keine Einschätzung der Lage vornehmen; sowohl des Zustandes des eigenen Körpers, als auch der eines Gegners oder der Umwelt. Ohne diese Einschätzung wiederum können keine Pläne entwickelt und keine Bewegungen entworfen werden. Das bedeutet, dass im Kampf jede Art der Handlung zum großen Teil von verfügbaren Informationen bestimmt wird. Es lohnt sich also, sich die Stufe der Informationsverarbeitung genauer anzusehen.

 

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Fehler oder Verzögerungen in dieser Stufe haben umfangreiche Auswirkungen auf den restlichen Regelkreis. Das beginnt bei einem einfachen Nachhängen von Bewegungen, über Fehlplanungen von Bewegungen (Danebenschlagen, zu hart oder schwach zuschlagen, …) bis zu der Illusion von raschen Trainingsfortschritten, welche sich aber als falsch herausstellen.

Auf die Funktionsweise der einzelnen Elemente wird hier nur im Hinblick auf Informationsverfügbarkeit eingegangen. In anderen Artikeln werden die entstehenden Probleme detaillierter beschrieben. Vor allem die jeweiligen Eigenschaften der Elemente bestimmen, ob und wenn ja, welche Informationen zur Verfügung stehen und welche Probleme daraus folgen.

Detektion

Die Detektion von Reizen wird vor allem durch Aufmerksamkeitspunkte bestimmt. Die Wahl des Aufmerksamkeitspunktes ist auch wieder ein „kleiner“ Regelkreis, dieses Mal verknüpft mit Identifikation und Interpretation. Das bedeutet, dass bei der Suche nach bestimmten Details auf Basis von verfügbaren Informationen wiederum die Aufmerksamkeit angepasst wird. Dieser Regelkreis unterliegt damit auch Bandbreitenbeschränkungen und Überlastungserscheinungen. Damit ergibt sich auch gleich die Einschränkung bei schnellen Abläufen. Bei hohen Geschwindigkeiten muss man sich entscheiden, welche Art von Aufmerksamkeitspunkt man wählt. Je nachdem stehen andere Reize und später damit Informationen zur Verfügung. Wer sich zum Beispiel auf Details konzentriert, wird das Gesamtbild nicht wahrnehmen und umgekehrt (siehe diesen Versuch). Welcher Blickwinkel mehr Informationen zu Verfügung stellen kann, ist aber nicht immer im Vornherein klar.

Die folgende Darstellung kann diesen Prozess nur bedingt darstellen. Es gilt zu verstehen, dass bereits an dieser Stelle durch Überlastungserscheinungen die ersten Informationen verloren gehen. Der Aufmerksamkeitspunkt bestimmt für den gesamten Folgeprozess die „wahren“ verfügbaren Informationen.

Im ersten Fall liegt bei der Wahl des Aufmerksamkeitspunktes noch keine Überlastung vor. Der Punkt kann frei gewählt werden und „wandert“ je nach Wahl vom Gesamtbild auf einzelne Details. Die verfügbaren Reize können alle aufgenommen werden.

 

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Im zweiten Fall ist der Übergangsbereich erreicht. Der Aufmerksamkeitspunkt kann nur noch bedingt gewechselt werden, bevor der Vorgang beendet ist. Die Anzahl der möglichen wahrgenommenen Reize sinkt damit ab.

 

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Im dritten Fall ist der Übergangsbereich überschritten und der Aufmerksamkeitspunkt kann nicht mehr gewechselt werden. Es verbleiben die Reize des gerade aktuellen Aufmerksamkeitspunktes.

 

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Identifikation

Bei der Identifikation werden Reize auf bekannte Muster hin untersucht. Wenn ausreichend Zeit war um alle Reize wahrzunehmen, kann sauber aus bekannten Mustern gewählt werden.

 

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Wenn durch die Überlastung im Detektionsablauf zu wenige Reize wahrgenommen werden können, wird trotzdem ein Mustervergleich stattfinden. An dieser Stelle beginnt bereits ein erster Kompensationsmechanismus zu wirken. Bei zu wenigen verfügbaren Reizen werden mit der Auswahl eines Musters automatisch wieder Informationen hinzugefügt. Solange die Muster eindeutig und kausal den verfügbaren Reizen zugeordnet werden können, ist dieses erneute Hinzufügen kein Problem.

 

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Sobald aber eine Differenzierung notwendig wäre, wird die forcierte Anwendung des Musters „falsche“ Informationen hinzufügen. Die Wirklichkeit wird also konstruiert, statt wahrgenommen zu werden. Bei Schmidt und Lee oder Kahnemann finden sich dafür viele Studien. Die Studie mit Werfern beim Cricket lässt den Kompensationsmechanismus noch am klarsten erkennen. Eine andere Studie bei Schmidt und Lee zeigt den gleichen Effekt. Dabei fragt ein Teilnehmer der Studie fremde Testpersonen auf der Straße nach dem Weg. Dann drängen sich „durch Zufall“ zwei Handwerker mit einer großen Platte zwischen den beiden durch. Die Testperson verliert dadurch kurz den Blick auf den Teilnehmer. In diesem Moment wird der Teilnehmer mit einem ähnlich aussehenden Teilnehmer ausgetauscht. Wenn die Testperson den nun neuen Teilnehmer sieht, erkennt sie den Austausch nicht und erklärt weiterhin den Weg.

 

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Trotz dieses Zusammenhang haben Experten einen entschiedenen Vorteil gegenüber Anfängern. Bei tendenziell weniger verfügbaren Reizen können Experten durch Erfahrung bereits Muster aufgebaut haben, welche weniger von bestimmten Reizen und deren Verfügbarkeit abhängen. In Extremsituationen mit zu vielen möglichen Varianten und damit verbundenen Mustern oder extra dafür konstruierten Studien (vgl. Schachstudie) können aber auch Experten mit ihrer Musterauswahl fehlschlagen. Das Problem liegt darin zu wissen, welche Anteile wirklich wahrgenommen wurden und welche durch den Mustererkennungsprozess ergänzt wurden.

Interpretation

In der Stufe zur Interpretation wird unabhängig von den Reizen versucht mit anderen bekannten Informationen (bekannt aus Training, vorherigen Abläufen, allg. Kontext, …) die verfügbaren Informationen weiter auszuwerten und einzuordnen. Als Ziel wird versucht von der aktuellen Situation ein möglichst gutes Bild zu haben, um darauf aufbauend Bewegungen zu planen. Dieser Prozess der Verknüpfung ist genauso wie die Identifikation davon abhängig, dass ausreichend Informationen vorliegen und diese auch „die Wirklichkeit“ abbilden. Andernfalls wird in dieser Stufe weiter eine „eigene“ Wirklichkeit konstruiert, welche nur bedingt etwas mit der Realität zu tun hat. An dieser Stelle spielt der Wagenhebereffekt eine große Rolle. Sobald aus früheren Generationen die hinzugezogenen Informationen mit Fehlern belastet sind, wird diese Stufe kein sauberes Abbild der Situation schaffen können.

 

Zusammenfassung

Insgesamt können die vorgestellten Kompensationsmechanismen bei hohen Geschwindigkeiten erfolgreich fehlende Information ersetzen. Allerdings schlägt die Kompensation fehl, sobald diese auf nicht eindeutige oder unpassende Situationen angewendet wird. Letztlich ist die Mustererkennung ein heuristischer Prozess, um bei geringer Verfügbarkeit von Informationen noch eine Handlungsfähigkeit zu erhalten. Nur beim Auftreten bekannter Muster kann dieser Prozess sauber wirken, andernfalls schadet er. Ausgedrückt im Scherenmodell für Heuristiken ergibt sich auf der einen Seite der Schere die Sammlung aller bekannten Muster. Auf der anderen Seite stehen die Umwelt und der Gegner. Nur wenn die Muster auf beiden Seiten gleich sind, kann die „Schere“ erfolgreich „schneiden“, also die Kompensation gelingt.

 

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Daraus ergibt sich die Notwendigkeit im Training diese Muster sauber herauszuarbeiten und den Prozess der Mustererarbeitung zu unterstützen. Vor allem gilt es Abläufe auf eindeutige Muster zurückzuführen, sodass keine weitere Differenzierung mehr notwendig ist, um den Zeitvorteil nutzen zu können.

Je nachdem, ob die Wirklichkeit wahrgenommen wird oder konstruiert wird, ergeben sich weitere Probleme und Phänomene:

Der Artikel wurde am 1. März 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.