Heuristiken und Scherenmodell

Hintergrund

„Take the best“

Das Scherenmodell ist ein von Gigerenzer und Selten vorgestellte Metapher, um die Arbeitsweise von Heuristiken und deren Abhängigkeit von der Umgebung zu verdeutlichen. Heuristiken sind stark vereinfacht ausgedrückt kleine Regeln, welche helfen unter Zeitdruck und mangelndem Wissen noch ausreichend guten Entscheidungen zu treffen.

Ein typisches Beispiel ist die im Buch vorgestellte Heuristik „Take the best“, „Nimm das Beste“. Wenn man unter Zeitdruck eine Entscheidung zwischen vielen Varianten fällen muss und eine tiefergehende Analyse nicht möglich ist, so konzentriert man sich auf ein einziges Merkmal. Dieses eine Merkmal sucht man dann in allen Varianten und nimmt diejenige Variante, welche dieses Merkmal am besten erfüllt. An dieser Stelle beginnen dann bereits die Probleme. Welches Merkmal soll man denn wählen? Und was passiert, wenn mehrere Varianten das Merkmal sehr gut erfüllen?

Daran sieht man, dass diese Regeln vor allem dann funktionieren, wenn sie in der richtigen Umgebung angewendet werden. Bei dieser Heuristik benötigt man ein sicheres klares Merkmal und Varianten, die sich mit diesem Merkmal gut unterscheiden lassen. In diesem Fall liefert die Heuristik gute Ergebnisse. Andernfalls lohnt es sich nicht diese Heuristik einzusetzen.

Die Metapher einer Schere fasst diesen Zusammenhang zusammen. Dabei ist eine der Scherenhälften die Heuristik und die andere Scherenhälfte die Umgebung. Nur wenn beide sauber aufeinandertreffen, wird die Schere erfolgreich schneiden.

 

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Vor allem ist damit klar, dass jede Regel auf Basis einer Heuristik niemals alleinstehend weitergeben werden kann. Es muss immer auch die Umgebung, in der diese funktioniert, definiert und weitergegeben werden. Andernfalls wird die Heuristik mitunter in falschen Umgebungen angewendet. Der Erfolg in einer solchen Anwendung kann dann nicht systematisch der Heuristik zugeschrieben werden. Ganz im Gegenteil, es kann vorkommen, dass die Heuristik völlig falsche Ergebnisse liefert. Auf Grund von fehlendem Hintergrundwissen oder mangelnder Zeit für eine umfangreichere Analyse werden die Ergebnisse dann als „richtig“ anerkannt. An diesen Stellen wird es gefährlich, wenn diese Ergebnisse als Basis für weitere Überlegungen dienen sollen.

 

Bildung von Heuristiken

Der Einsatz von Heuristiken kann sich immer dann lohnen, wenn Zusammenhänge sehr komplex sind und diese nicht mehr in einfacher Form weitergegeben werden können. Für die Bildung von Heuristiken werden diese Zusammenhänge vereinfacht, quasi „eingedampft“. Dabei sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass die so erstellten Heuristiken nur ein stark vereinfachtes Abbild der ursprünglichen Zusammenhänge sind. Heuristiken können also nur sehr eingeschränkt als Basis für Weiterentwicklungen genutzt werden (siehe Wagenhebereffekt).

Die Grundlage von Heuristiken wird aus verschiedenen Komponenten gebildet. Diese Komponenten sind später die Ansatzpunkte um zu verstehen, warum Heuristiken funktionieren oder auch als Entscheidungshilfe fehlschlagen. Man spricht an dieser Stelle von der Güte einer Heuristik. Je besser die Heuristik an die Umgebung angepasst ist, umso höher ist die Güte. Die grundlegenden Komponenten sind der Kontext und anderes Hintergrundwissen (die Einordung in die Umgebung, bestehende Regeln, …), die in der später auftretenden Situation verfügbaren Informationen (bspw. obiges Merkmal für „Take the best“) und die gesetzten Ziele, welche mit der Heuristik verfolgt werden. Der in der folgenden Skizze angedeutete Trichter stellt den Vereinfachungsprozess dar. Die Vereinfachungen basieren wiederum auf Schlussregeln, also Vorgehensweisen wie Schlussfolgerungen aus Zusammenhängen gezogen werden um die Heuristik zu bilden.

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Fehlerquellen

An dieser Stelle lassen sich auch gleich mögliche Fehlerquellen einkreisen. Wenn der Kontext falsch abgeschätzt wurde, entstehen Heuristiken mit falschem Bezug zur Umgebung. Die Heuristik und die Umgebung für deren Einsatz lassen sich dann nicht wie im Scherenmodell zur Deckung bringen. Wenn für den späteren Einsatz nicht verfügbare Merkmale gewählt werden (siehe IdI), wird die Heuristik nicht anwendbar sein. Das Merkmal kann dann zwar vorkommen, aber es wird nicht wahrnehmbar sein und die Heuristik kann sich nicht darauf beziehen. Wenn die Ziele schlecht gesetzt werden, bspw. durch unpassende Priorisierung, kann man die Heuristik zwar ausführen, wird aber mit den Ergebnissen nie zufrieden sein. Die Ziele werden dann mit der Heuristik nicht erfüllt.

 

Güte

In der folgenden Skizze wird die Güte einer Heuristik skizziert. Dabei vergleicht man, ob die Entscheidungen mit Hilfe der Heuristik die gleichen Ergebnisse liefern, wie ein langwierigerer Ansatz mit den ursprünglichen Zusammenhängen. Erst mit diesem Vergleich kann bestimmt werden, ob sich die Heuristik bewährt und als praktikabler Ersatz eingesetzt werden kann. Wenn die Abweichungen zu stark werden, können Heuristiken nicht eingesetzt werden.

 

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Der Artikel wurde am 10. Oktober 2014 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.