Steuerung von Bewegungen

Hintergrund

Als gesteuerte Bewegungen werden diejenigen Bewegungen bezeichnet, welche ohne Rückkopplung von Informationen und einem aktuellen Bild der Abläufe ausgeführt werden. Sie stellen einen Sonderfall für die Betrachtung der Regelung von Bewegungen dar. Typische Beispiele sind explosive Schläge und Tritte mit sehr hoher Geschwindigkeit.

 

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Beim Anstieg der Geschwindigkeit von Bewegungsabläufen sinkt die Informationsverfügbarkeit zunächst immer weiter ab. Bei einem weiteren Anstieg der Geschwindigkeit genügt die verfügbare Zeit zum Durchlaufen des Regelkreises nicht mehr. Sobald kritische Geschwindigkeitsgrenzen überschritten werden, läuft die Ausführung von Bewegungen ohne ausreichend schnelle Verarbeitung der Informationen der Rückkopplung ab. Der dargestellte Arbeitspunkt ist in den Überlastbereich gerückt. Der Regelkreis kann nicht mehr folgen. Das bedeutet nicht, dass keine Bewegungen mehr stattfinden. Es ist nur ein Kennzeichen der Überlastung. Die Elemente im Regelkreis „funktionieren“ weiter. Gestartete Bewegungen laufen weiter.

 

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Die Bewegung ist also bereits abgeschlossen, bevor die ersten Informationen als Rückkopplung zur Verfügung stehen. Die Information ist dabei nicht verloren. Sie steht nur im Verhältnis (!) zum restlichen zeitlichen Ablauf nicht während der Bewegung zur Verfügung, sondern erst kurz danach.

 

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Man darf sich dabei dieses Abbrechen der Rückkopplung nicht als lang anhaltenden Zustand vorstellen. Es ist eher ein sehr kurzer Moment, z.B. kurze Geschwindigkeitsspitzen bei explosiv ausgeführten Bewegungen. Es ist kaum möglich, diese Geschwindigkeiten dauerhaft zu erreichen. Es lassen sich sehr kurze Bewegungssequenzen aneinanderreihen, aber es ist kein dauerhafter Zustand. Das folgende Diagramm deutet den Zusammenhang mit der Lage der Arbeitspunkte an.

 

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Typischer Ablauf

Bevor gesteuerte Bewegungen gestartet werden können, laufen im Regelkreis die normalen Prozesse ab. Es werden Informationen aus inneren und äußeren Reizen wahrgenommen (z.B. Gegner und seine Körperhaltung und seine Bewegungen).

 

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Danach folgt der Versuch die aktuelle Situation an Hand der identifizierten und interpretierten Reize aufzubauen (z.B. Erkennen, dass Gegner steht und gerade ausholt). Die Bewegung wird dann in Folgeschritten als Sollwert ausgewählt und weitergegeben (z.B. innerlich Suche und Vornehmen der Auswahl eines kleinen seitlichen Schritts aus der vermuteten gegnerischen Angriffslinie mit eigenem Schlag).

 

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An dieser Stelle beginnt der Ablauf, welcher gesteuerte Bewegung ermöglicht. Die aktuelle Situation liegt immer noch als Information vor. Der Vergleich des Sollwertes ergibt mit der aktuellen Situation des Körpers eine sehr starke Abweichung. Der Sollwert ist gerade erst gewählt worden. Die aktuelle Situation kann also nicht mit dem Sollwert übereinstimmen (z.B. man selbst steht und hat den Arm nah am Körper gegenüber dem geplanten und vorgegebenen Schritt und Schlag).

 

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Die sich ergebende Abweichung wird auf den Regler gegeben. Dieser ist für gesteuerte Bewegungen sehr aggressiv ausgelegt. Das bedeutet, dass kleinste Abweichungen bereits sehr starke Signale an die Muskeln auslösen. Die Muskeln werden im Fall der gesteuerten Bewegungen mit den stärksten möglichen Signalen angesprochen. Das starke Ansprechen der Muskeln entspricht der gewollten Bewegung, welche auf diese Art und Weise mit sehr hoher Geschwindigkeit ausgelöst wird.

 

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Die Überlastung des eigentlichen Regelkreises wird jetzt sichtbar. Das starke Ansprechen der Muskeln sorgt dafür, dass die durch die Muskeln bewegten Körperteile sich sehr schnell bewegen. Diese hohe Geschwindigkeit überlastet die eigene Wahrnehmung. Die Körperteile haben bereits eine neue Position erreicht, bevor im Regelkreis die rückgekoppelte Information verfügbar ist. Der Kreislauf ist für einen kurzen Moment geöffnet (Schlag und Schritt beendet, eigener Wahrnehmung fehlt noch diese Information).

 

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Erst wenn die Information der eigenen neuen Körperposition wahrgenommen wurde, steht ein Bild der aktuellen Situation wieder zur Verfügung. Das bedeutet, erst jetzt kann entscheiden werden, ob die gesteuerte Bewegung ihre gewollte Position erreicht hat.

 

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Dieser Ablauf kennzeichnet gesteuerte Bewegungen. Die Positionen werden ohne Wahrnehmung während des Ablaufs, quasi„blind“, sehr schnell angefahren.

 

Chancen und Risiken

Die gebotenen Chancen von gesteuerten Bewegungen liegen in der extremen Verkürzung der Ablaufzeiten. Es gibt keine anderen geregelten Bewegungen, welche derartig kurze Zeiten erreichen. Wer im Vergleich dazu versucht mit geregelten Bewegungen gegen gesteuerte Bewegungen anzukommen, wird durch die längeren Ablaufzeiten meist Nachteile erfahren.

Dabei benötigt man kein spezielles Training, um diese notwendigen Geschwindigkeitsbereiche zu erreichen. Im täglichen Leben und im Sport sind alle sehr schnell und explosiv ausgeführten Bewegungen gesteuert oder zumindest nah an der Grenze dazu. Diese Bewegungsart ist also nichts Besonderes, ganz im Gegenteil. Man greift unbewusst ständig darauf zurück. Sie stellt eine elegante Art der Bewegungsplanung und Ausführung dar, da die Ablaufzeiten auf sehr geringe Zeiten verringert werden können. Viele Bewegungsziele können ohne diesen Ansatz nicht erreicht werden. Sobald bestimmte Ablaufzeiten unterschritten werden, bleiben nur noch gesteuerte Bewegungen als Ansatz übrig, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Allerdings haben gesteuerte Bewegungen auch einige Nachteile. Der oben erwähnte Ablauf stellt hohe Anforderungen in seinen einzelnen Ablaufschritten, welche nicht immer gleich gut erfüllt werden können. Wenn sich der Gegner auch sehr schnell bewegt oder sich die Umwelt verändert, ist das Bild der aktuellen Situation bereits veraltet. Eine weitere Möglichkeit sind schadende Kompensationsvorgänge. Die aktuelle Situation kann dann durch fehlende Informationen nicht oder falsch erfasst werden. Im schlimmsten Fall wird eine völlig unpassende Bewegung ausgewählt.

Da der Regelkreis während der Ausführung im Überlastbereich arbeitet und keine Wahrnehmung zur Kompensation zur Verfügung steht, können an den gesteuerten Bewegungen keine Änderungen vorgenommen werden. Gestartet heißt automatisch auch wie vorgegeben ausgeführt. Wenn dabei die Bewegung auf eine unpassende Umwelt oder gegnerische Bewegung trifft, so ist unklar, was passiert. Die eigene aufgebrachte Körperspannung im Zusammenspiel mit den äußeren Kräften kann dann unpassende Ergebnisse liefern. Die eigentlichen Bewegungsziele werden dann nicht mit Planung, also mit sauberer Abwägung der kausalen Zusammenhänge mit Ursache und Wirkung, erreicht, sondern Zufälle bestimmen die Abläufe (siehe Abweichung Berep zu Bewegung). Man ist in der Bewegung „gefangen“ ohne Anpassungsmöglichkeiten. Tiefere Regelkreise (Selbstreflexe, …) sind je nach Ablaufgeschwindigkeit noch nicht deklassiert und springen bei lokal detektierten Abweichungen an. Allerdings ist dieser Vorgang unbestimmt. In manchen Kampfkünsten werden als quasi letzte mögliche Kompensationsstufe gesteuerte Bewegungen durch umfangreiche Vorbetrachtungen so angepasst, dass die innere Köperspannung mit möglichst vielen unbekannten Abläufen umgehen kann. Die Bewegungen werden dann kontext-sensitiv, da trotz der obigen Deklassierung mit potentiellen Fehlabläufen noch gesetzte Bewegungsziele erreicht werden können.

Die Vorteile überwiegen meist die Nachteile und rechtfertigen den Einsatz von gesteuerten Bewegungen. Der Gegner oder die Umwelt können sich nicht ständig sehr schnell verändern. Die obigen Nachteile tauchen erst dann systematisch auf, wenn man es mit einem Gegner zu tun hat, der genau zum gleichen Zeitpunkt auf gesteuerte Bewegung zurückgreift. Gerade bei sehr kurzen Distanzen und gleichwertigen Gegnern beginnt das Verhältnis von Vor- zu Nachteilen zu kippen.

Der Artikel wurde am 22. März 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.