Strategieausbildung in wechselnden Umgebungen

Hintergrund

Kampfkünste und -sportarten haben für ihre jeweiligen Einsatzgebiete eigene Strategien entwickelt. Bei der Vielzahl an Ansätzen und Strategien stellt sich immer die Frage, welche der Strategien in welcher Umgebung die besten Aussichten auf Erfolg haben. Anfängern, selbst Profis, fällt es mitunter schwer Einschätzungen zu treffen, welche der Ansätze die besseren Aussichten auf Erfolg bieten. Das folgende Modell, vorgestellt bei Gigerenzer und Selten (Konzept von Hogarth), versucht über eine sehr allgemeine Einordnung die Strategieentwicklung in wechselnden Umgebungen abzuschätzen. Achtung, das Modell ist eigentlich nur für Heuristiken (schnelle Entscheidungsregeln) entworfen worden. Die Anwendung auf allgemeine Strategien funktioniert aber auch sehr gut. Es geht darum, wie gut einer Strategie vertraut werden kann, welche unter gewissen Umgebungsbedingungen gebildet worden ist. Die hier betrachtete Umgebung ist der Kampf oder das Training. Es kommt hier vor allem auf die Details an. Bereits sehr kleine Änderungen an Regelzusammenstellungen oder Umgebungsbedingungen können stark spezialisierte Strategieansätze völlig zunichtemachen.

Das folgende Modell kann sowohl für Einschätzungen zu passenden Strategien „live“ im Kampf genutzt werden, als auch für Strategieentwicklungen im Training für Kämpfe. Der Unterschied liegt darin, dass im Kampf, bei sehr hohen Geschwindigkeiten, eher Heuristiken (schnelle Entscheidungsregeln) gebraucht werden. Im Training steht mehr Zeit zum „Tüfteln“ zur Verfügung. Strategien können umfassender und allgemeiner entworfen und getestet werden.

 

Weiterer Nutzen

  • Abschätzung und Auswahl von  passenden Strategien bei einer hohen Anzahl an Wahlmöglichkeiten
  • Selbsteinschätzung eigener Strategien
  • Unterschiede „live“ im Kampf oder im Training herausarbeiten

 

 

Einzelne Anteile

Qualität der Rückmeldung

Unter der Qualität der Rückmeldung wird versucht einzuschätzen, ob die erhaltene Rückinformation ausreicht, um kausale Schlüsse zu ziehen. Wenn die Information nicht zur Verfügung steht oder „verrauscht“ ist (ungenau zu deuten), so sind die kausalen Schlüsse ungenau. Kausalität in den eigenen Einschätzungen, also die unterlagerten Prozesse zu erkennen und die daraus entstehenden Effekte zu deuten, ist nötig um passende Strategien zu entwickeln. Das Fehlen oder Verrauschen kann in einem Kampf auf viele Arten entstehen. Bei der Überschreitung kritischer Wahrnehmungsgrenzen wird die nötige Information in dem speziellen Moment nicht zur Verfügung stehen. Vielleicht wenige Sekunden später wieder, wenn man sich gewahr wird, was passiert ist, aber eben nicht zum eigentlich wichtigen Zeitpunkt.

Konsequenzen für Fehler

Bei der Entwicklung von Strategien muss es einen gewissen Druck geben, diese zu überprüfen. Andernfalls wird die Strategie nicht getestet um herauszufinden, wie gut diese in der Umgebung funktioniert. Wenn Fehler in der Strategieentwicklung kaum Konsequenzen haben,  werden die Strategien auch nicht angepasst um diese Fehler mit einzubeziehen. Wenn man bspw. als Trainer eine Verantwortung über Schüler hat und deren Handeln schwere Konsequenzen haben kann, wird man eigene Strategien anders überprüfen, als wenn keine Verantwortung vorliegt. Wenn die Gefahr von Verletzungen vorliegt, werden Strategien auch anders überprüft, als wenn alles ein „Ponyhof“ ist.

 

Modell für Strategieausbildung

Das Modell versucht über die Gegenüberstellung von den je zwei Extremen der zwei Anteile die Strategieentwicklung darzustellen. Die Einteilung in genau vier Bereiche ist nicht vollständig. Es können eine große Anzahl an Abstufungen gebildet werden. Um die Tendenz für die „Güte“ einer Strategie zu verstehen, ist diese Einteilung aber genau richtig.

 

DE_Strategieausbildung_Umgebung_1

Für einen einfacheren Einstieg ist die folgende Variante sehr überspitzt dargestellt.

DE_Strategieausbildung_Umgebung_2

 

Erläuterungen:

„Kopf hart getroffen, also Kopfschmerzen“

Eine eindeutige Zuordnung ist möglich. In einer solchen Umgebung bilden sich passende Strategien heraus. Etwas anderes kann man sich durch die drohenden Konsequenzen nicht „leisten“.

„Du wachst morgens auf und bist tot“

Wenn man „tot aufwacht“, kann man nicht feststellen, was man falsch gemacht hat. Eine Strategieausbildung ist nicht möglich, da keine Strategien getestet werden können.

„Wir machen das schon seit 20 Jahren so“

Typische Aussage um neue Strategien in sich ändernden Umgebungen (!) erstmal abzulehnen. Die notwendige Anpassung wird vermieden, da es bisher immer noch funktionierte. Im Hintergrund lauern aber nicht erkannte Probleme. Nur da kein größeres Unheil droht, muss die Strategie nicht geändert werden.

„Hoëcker, Sie sind raus“

In dieser Comedy-Szene werden „Fakten“ erarbeitet. Der Witz ergibt sich daraus, dass Hoëcker trotz eindeutigem Feedback immer alles falsch interpretiert. Er zeigt mit seinem Verhalten, dass er die Rückmeldung der Kollegen nicht verarbeitet (entspricht verrauscht). Er landet von sich aus gesehen immer rechts unten. Er wird immer wieder eingeladen und muss keine Konsequenzen fürchten. Seine Strategie ist aber falsch.

Schlussfolgerungen

Wichtig ist, dass man niemandem vorwerfen kann, dass seine erarbeiteten Strategien falsch seien (im Sinne von minderwertig). Es geht darum, welche Informationsgrundlage zur Verfügung steht. Auf Basis falscher oder verrauschter Informationen entstehen schlechte Modelle. Es gibt in diesen Fällen keine „Schuldfrage“. Diese Frage stellt sich erst später, ohne dieses Modell. Hätte man es denn besser wissen können? Hätten sich die Übungen näher an die eigentliche Umgebung legen lassen? Hätte man die Konsequenzen im Training näher an den eigentlichen Fall heranführen können? Hätte es Möglichkeiten einer besseren Rückmeldung gegeben?

Kampfsportler haben tendenziell durch ihren Rahmen mit bekannten Regeln, damit einhergehenden eingeschränkten Handlungsrahmen und einem ständigen Druck in Wettkämpfen sehr gute Chancen passende Strategien zu erarbeiten. Die Konsequenzen durch Misserfolge in Wettkämpfen setzen Kampfsportler einem hohen Druck aus. Die Konsequenzen bei Fehlern sind hoch. Die Anzahl der Rückmeldung ist durch die hohe Anzahl an Wettkämpfen auch sehr hoch. Damit ergibt sich tendenziell eine höhere Chance auf qualitativ hohe Rückmeldungen. Die Betonung liegt hier auf den genannten Bedingungen. Kampfsportler ohne Wettkampferfahrung erfüllen diese Bedingungen nicht.

Kampfkünste haben einen davon abweichenden Rahmen. Der Rahmen für Konsequenzen in Kampfkünsten lässt sich eben nicht „bis zum Tod“ steigern, auch wenn Kampfkünste es als letzte Konsequenz in Überlegungen einbeziehen. Die Qualität der Rückmeldung lässt sich bei den drohenden Konsequenzen (Verletzungen bis Tod) auch nicht bis an vergleichbare Grenzen wie in Kampfsportarten steigern. Das heißt nicht, dass sich in Kampfkünsten keine passenden Strategien entwickeln. Aber die Chance, dass gute und schlechte Strategien koexistieren, ist in Kampfkünsten auf Grund dieser Umstände ungleich höher als im Vergleich zum Kampfsport. Diejenigen, welche auf Grund persönlicher Erfahrungen den Konsequenzen „näher“ gekommen sind, werden mit Hilfe der Rückmeldung aus den parallel existierenden Strategien besser wählen können.

Das Modell kann dementsprechend bei parallel existierenden Strategien eine Entscheidungshilfe darstellen. Wenn bei der Überprüfung von Strategien nicht die Konsequenzen an vertretbare Grenzen geführt werden, wird die Strategie eben nicht „auf die Probe“ gestellt. Wichtige Einflussfaktoren werden nicht identifiziert und bearbeitet. In solchen Fällen kann nicht entschieden werden, ob die Strategie zum Ziel führt. Solche nicht überprüften Strategien „hängen in der Luft“. Wichtig ist hierbei, dass eine reine Behauptung eines Einsatzes in einer Umgebung mit hohen Konsequenzen nicht genügt. Die Umgebung muss auch „betreten“ werden. Andernfalls ist es eben nicht (!) die eigentlich gedachte Einsatzumgebung.

Um den Umstand von parallel existierenden, ungeprüften Strategien zu ändern, muss das Modell rückwärts angewandt werden. Es gilt, bessere Rückmeldung zu bekommen und die Konsequenzen zu verschärfen.

Der Artikel wurde am 14. Oktober 2013 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.