Trennung von Mittel und Ziel

Hintergrund

Es erscheint wie immer trivial, aber die saubere Trennung zwischen Mitteln und Zielen ist nicht selbstverständlich. Ein Mittel dient der Umsetzung von Zielen. Es sollte vordergründig nicht allein dem Selbstzweck dienen. In Kampfkünsten ist ein Bewusstsein für diesen Zusammenhang sehr wichtig. Bei M. Tomasello findet sich das interessante Modell des Wagenhebereffektes. Dieser Effekt beschreibt die Art und Weise der Weitergabe von Informationen in Form von Artekfakten (Bewegungen, Waffen, …) über Generationen hinweg. Er benötigt zum Wirken eine sehr saubere Weitergabe von Informationen. Andernfalls werden die Artefakte nur unvollständig weitergegeben. Eine schrittweise Verschlechterung der Artefakte bei der Weitergabe kann nicht verhindert werden. Es verbleibt oft nur ein Rumpf mit Selbstzweck zurück, aber ohne die ursprünglichen Ziele. Der Trainierenden ist dann gezwungen über Emulationslernen diese Ziele erneut zu erarbeiten.

Das Problem möglicher Optimierungen ist damit eng verbunden. Bei sehr komplexen Zusammenhängen ist eine Ausarbeitung über eine Generation hinweg meist nicht möglich. Die Artefakte müssen über Generationen hinweg weiter verändert werden. Hierfür ist eine Mischung aus Imitations- und Emulationslernen nötig. Ohne eine sauber dokumentierte Basis mit Hilfe von Imitationslernen können Folgegenerationen nicht direkt mit der weiteren Ausarbeitung beginnen. Eine freie Auseinandersetzung mit Artefakten wird damit stark eingeschränkt, wenn nicht sogar vollständig verhindert. Emulationslernen „ersetzt“ dann die fehlende Dokumentation. Diese Art des Lernens unterliegt dann anderen Problemen.

Das nächste Problem entsteht bei der Notwendigkeit von Anpassungen. Artefakte als Träger von Zielen sind auf spezifische Umweltbedingungen optimiert. Ändern sich diese Randbedingungen, so genügt das Artefakt diesen neuen Anforderungen nicht mehr. Ein Artefakt, ohne sauber dokumentierte Ziele, kann nicht problemlos an neue Anforderungen angepasst werden. Es ist erst wieder Emulationslernen nötig.

Diese Zusammenhänge sind auch mit anderen Lernmodellen beschreibbar und haben in den Sprachgebrauch Einzug gehalten (Zwerge auf den Schultern von Riesen). Die Ansätze auf dieser Webseite für die Kompensation von Bewegungsproblemen sind relativ komplex. Das erfordert eine umfassendere Art der Dokumentation mit den obigen Punkten im Hinterkopf. Die Hintergründe für die Wahl und Umsetzung von Lösungsansätzen können ohne eine gemeinsame gedankliche Basis der Ziele nicht verstanden werden. Dazu bedarf es einiger radikaler, im Sinne von „zu den Wurzeln zurückkehrender“, Ansätze. Die obigen angesprochenen Probleme (Weitergabe, Anpassung und Optimierung) wirken andernfalls im Verborgenen. Es geht bei dieser Auflistung weniger um eine reine Wiederholung von Altbekanntem. Es gilt ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge zu schaffen und damit die Rechtfertigung der komplexeren Dokumentation. Was nützen Bewegungen, in die sehr viel Wissen hineingeflossen ist, wenn die Folgegenerationen die Zusammenhänge nicht erfassen können? Eine saubere Dokumentation der Ziele mündet zuletzt in einem gut geführten Lehrplan.

 

Formen der Zuordnung

Die folgenden Zusammenhänge stellen schrittweise die Möglichkeiten für Verknüpfungen zwischen Mitteln und Zielen vor. Bei Bewegungsplanungen liegen immer Mischformen aus den einzelnen Stufen vor. Diese Zuordnungen bilden die Basis für spätere Arbeitstechniken.

 

Zuordnung einzelnes Mittel zu einem Ziel

Diese Zuordnung stellt die erste Stufe dar. Dabei wird für eine Bewegung ein einzelnes Mittel einem Ziel zugeordnet (bspw. nur verteidigendes Element).

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Isolierte Zuordnung Mittel zu Ziel

Bei dieser Stufe werden verschiedenen Mitteln isoliert Ziele zugeordnet (bspw. linker Arm verteidigt, rechter Arm greift an).

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Redundanz: mehrere Mittel für ein Ziel

Bei dieser Stufe arbeiten verschieden Mittel einem gemeinsamen Ziel zu (bspw. linker und rechter Arm verteidigen).

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Überladung: ein Mittel für mehrere Ziele

Eine Zuordnung von einem Mittel zu mehreren Zielen stellt vom Schwierigkeitsgrad die höchste Stufe dar. Dabei kann ein einzelnes Mittel innerhalb eines Ablaufs oder bei gleichzeitig ablaufenden Alternativen jeweils andere Ziele erfüllen (bspw. linker Arm greift an, Alternative 1: linker Arm wirkt schützend). Gerade diese Stufe erfordert eine saubere Dokumentation. Dieser Ansatz wird für kontextsensitive Bewegungen verwendet um für verschiedene, nicht unterscheidbare, Alternativen Lösungen bereitzuhalten (siehe Illusion der Informationsverfügbarkeit).

 

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Mischformen

Eine spätere Dokumentation beinhaltet für die Diskussion der Ergebnisse immer Mischformen aus den oberen Stufen.

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Weiterer Nutzen

Dokumentation nicht sichtbarer Ziele

Die auf dem Blog besprochenen Ziele setzen sich mit speziellen Problemen der Bewegungswissenschaften (z.B. Illusion der Informationsverarbeitung) auseinander. Dabei werden die Probleme als Ausgangspunkt genutzt, um systematisch daraus Ziele für Bewegungsplanungen abzuleiten. Gerade in den Kampfkünsten höherer Stufen liegt das Wissen nicht in direkt sichtbarer Form vor. Ausgeführte Bewegungen stellen immer nur eine Momentaufnahme dar. Die ursprüngliche Bewegungsplanung mit den Zielen für Ablaufalternativen ist nicht sichtbar. Es gilt vor allem zu verstehen, dass es im Einsatz der Bewegungen keine Wiederholung wie im Training gibt. Die Planung und Ausführung einer Bewegung muss in der Anwendung gleichzeitig mit möglichst vielen Alternativen umgehen können.

Entwurf von Bewegungen

Jede Bewegung kann als Problemstellung an den eigenen Körper verstanden werden. Dabei werden die Anforderungen vom Gegner, der Umwelt und der eigenen körperlichen Grenzen als Grundlage angesehen. Mit Hilfe verschiedene Arbeitstechniken werden diese Anforderungen als Ziele definiert. In Folgeschritten werden Lösungsansätze mit verfügbaren Mitteln erarbeitet. Erst mit einem klaren Bewusstsein der Zusammenhänge können neue Lösungen systematisch entworfen werden. Dabei werden Mittel und Ziele ständig aufeinander abgestimmt. Eine ungenaue Trennung erschwert diesen Prozess. Bewegungen mit reinem Selbstzweck können nicht verändert werden und behindern diese wechselseitigen Anpassungen hin zu einem Optimum.

Reverse Engineering (Rekonstruktion) von Bewegungen

Bei Analysen kann es vorkommen, dass Bewegungen die gestellten Ziele nicht erfüllen. Die Ursachen sind meist fehlendes Hintergrundwissen (Illusion der Informationsverfügbarkeit, …). Dabei werden diese Bewegungen über Generationen mit Mängeln weitergegeben und auf Grund äußerer Umstände nicht angepasst (siehe Strategieausbildung in wechselnden Umgebungen). Bei diesen Bewegungen wird in den ersten Schritten versucht, die ursprünglichen Ziele (und die Umgebungsbedingungen) zu rekonstruieren. Bei unklaren Zielen können eigene Ziele hinzugefügt werden. In Folgeschritten werden Anpassungen der Bewegungen vorgenommen.

Der Artikel wurde am 13. Oktober 2013 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.