Typische Fehler in Bewegungsentwicklungen

Hintergrund

Bewegungsentwicklungen sind durch ihre Komplexität und den Aufwand sehr anfällig für Fehler. Deswegen sind Vereinfachungen des Ablaufs „willkommen“. Dafür kann es viele Gründe geben, sei es um Zeit zu sparen oder weil Bewegungen nur sehr rudimentär betrachtet werden sollen. Jede Vereinfachung birgt aber wiederum die Möglichkeit für Fehlbetrachtungen. Der Ausgleich zwischen den Herangehensweisen ist mitunter schwer zu vollbringen.

Die einzelnen Abläufe einer Bewegungsentwicklung (z.B. Dokumentation) werden als Basis genommen. Dann stellt sich die Frage: Was passiert, wenn dieser Punkt nicht ausreichend bearbeitet wird?

 

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Beispiel

  • Situation
    • Potentielle Überlastung der Bewegung wird nicht als Fall betrachtet.
  • Ergebnis
    • In späteren Einsatzfällen kann die Bewegung mit Überlastungen nicht ausreichend umgehen.

 

In jeder Phase gibt es Fehler, welche den Erfolg einer Entwicklung stark einschränken. Die folgenden Fehler sind typisch bei Entwicklungen und sollten vermieden werden. Es gibt spezifische Methoden um die Fehler zu vermeiden oder die Auswirkungen zu verringern. In den folgenden Absätzen werden die Fehler deswegen immer nur angerissen.

 

Typische Fehler

Anforderungen unzureichend anpassen

Anforderungen sind nicht immer am Anfang einer Entwicklung klar formuliert. Anforderungen können meist erst zu einem späteren Zeitpunkt nach diversen Schleifen der Betrachtung ausformuliert werden (Beispiel: Überlastungen erst spät in der Analyse erkannt). Das Zurückspringen mit Anpassungen der Anforderungen ist essentiell. Wenn Anforderungen trotzdem zu starr gestellt werden, sinkt die Anzahl an Lösungsmöglichkeiten tendenziell sehr stark.

 

Beispiel

  • Anforderung
    • Blockieren der Bewegung eines Gegners.
  • Gewähltes Mittel
    • Handgelenk greifen.
  • Analyse
    • Fallbetrachtung zeigt, dass Greifen nur in wenigen Ablaufvarianten gelingt. Anforderung zu hart gestellt.
  • Anpassung der Anforderung
    • Teilweises Blockieren genügt auch.
  • Angepasstes  Mittel
    • Greifbewegung angepasst zu teilweisem Blockieren mit dem Unterarm.

 

Mittel nicht als Bandbreite sehen

Sobald Anforderungen nicht genau gestellt werden können, lohnt eine Betrachtung der Mittel in einer Bandbreite. Das bedeutet, dass ein Mittel bei unklaren Anforderung zwischen zwei Extremen verändert wird (Beispiel: Viel Kraft gegenüber wenig Kraft). Bei den folgenden Fallbetrachtungen und Schleifen der Entwicklung wird sich irgendwann eine vorteilhafte Wahl ergeben. Ein typischer Fehler besteht darin, diese Betrachtung als Bandbreite nicht durchzuführen. Durch die zu frühe Festlegung auf einen festen Punkt in der Bandbreite werden Lösungsmöglichkeiten oder vorteilhafte Fälle nicht betrachtet.

 

Beispiel

  • Anforderung
    • Gegner in Möglichkeiten einschränken
  • Gewähltes Mittel
    • Wahl einer blockierenden Bewegung
    • Ausführung der Bewegung mit wenig oder viel Kraft?
  • Betrachtung als Bandbreite
    • Viel zu wenig Kraft
  • Systematische Fahlbetrachtungen als Teil der Bewegungsentwicklung
    • Was passiert mit viel Kraft?
    • Was mit wenig Kraft?
    • Wo ergeben sich akzeptable Ergebnisse?
  • Ergebnis
    • Höhere Kraft liefert in einer Vielzahl der Fälle bessere Ergebnisse
  • Gewähltes Mittel klarer
    • Anpassen der Anforderung zu erhöhter Kraft

 

Ablaufvarianten unzureichend betrachtet

Überlastungen sind bei schnellen oder kräftigen Bewegungen der Normalfall. Parallel ablaufende Varianten sind ein möglicher Überlastungseffekt. Durch die Überlastung kann die Handlungsplanung nicht mehr alle möglichen Abläufe einbeziehen. Die Chance für Fehlplanungen beim Auftreten dieser Abläufe steigt. Deswegen werden Ablaufvarianten bei Bewegungsentwicklungen mit in die Planung der Bewegung einbezogen. Bewegungen ohne diese Betrachtungen werden später nicht mit den Varianten umgehen können.

 

Beispiel

  • Anforderung
    • Gegner mit Kraft festhalten
  • Überlastungsfall
    • Gegner schafft es größere Kraft aufzubringen und sich durchzusetzen.
  • Ergebnis
    • Durchsetzen des Gegners führt zu Misserfolg der Bewegung.
  • Betrachtung der Überlastung
  • Keine Lösung der Überlastung
  • Anpassung der Mittel
    • Festhalten so anpassen, dass eigene Kraft möglichst hoch ist. Überlastungsgrenze wird später erreicht.
    • Bewegung so auslegen, dass Fehlschlag des Festhaltens wenigstens weitere Ziele nicht fehlschlagen lässt.

 

Bedeutungsüberhöhung von Varianten

Sobald viele Freiheitsgrade zur Verfügung stehen, lassen sich eine Vielzahl an Ablaufvarianten erzeugen. Danach ist eine geschickte Auswahl auf relevante Varianten notwendig. Bei der Auswahl kann es zu einer Bedeutungsüberhöhung einzelner Varianten kommen. Statt Varianten als gleichberechtigt zu sehen und an Hand objektiver Kriterien auszuwählen, werden subjektiv Varianten bevorzugt und in ihrer Bedeutung überhöht. Diese Varianten werden bevorzugt, weil diese zum Beispiel gut gelöst werden können. Statt also eine Bewegung mit Hilfe von Varianten und Belastungstests auf Schwächen zu prüfen, werden umgekehrt passende Varianten gewählt, damit die Bewegung möglichst gut erscheint.

 

Alternativlosigkeit bei Bewegungswahl

Die Bewegungsplanung erfordert eine Wahl der Bewegungselemente, welche die gestellten Anforderungen erfüllen. Bei der Auswahl ergeben sich meistens mehrere Lösungsansätze. Ein typischer Fehler liegt in der eigenen Einschränkung der Lösungsmöglichkeiten auf einen einzigen „passenden“ Ansatz (z.B. weil die entstehende Bewegung zu einem bekannten Stilelement passt). Dieser Ansatz wird nicht ausreichend kritisch betrachtet. Jede weitere Alternative wird nicht sauber analysiert und scheint nicht zu funktionieren (bspw. durch „Totschlagargumente“: Wenn so, dann passiert definitiv sowas …). Es sieht so aus, als würde kein anderer Ansatz als der „passende“ Ansatz übrigbleiben. Wirkliche Alternativlosigkeit besteht selten. Es gilt die Alternativen ohne vorherige subjektive Auswahl einzuschränken.

 

Unzureichende Transparenz

Jede Bewegungsentwicklung verlangt eine Vielzahl an gedanklichen Schritten und Entscheidungen, um am Ende eine passende Bewegung zu erhalten. Diese Entscheidungen für oder gegen gewisse Bewegungselemente müssen transparent geführt werden. Andernfalls entstehen bei Außenstehenden Fragen: Wieso wurde die Bewegung so ausgelegt? Warum nicht anders?

Die fehlende Transparenz wirft eine Entwicklung wieder auf Vorstufen zurück und bereits geführte Diskussionen wiederholen sich. Der Wille zum Wissen kann soweit führen, dass Schüler eigene Theorien entwerfen, warum eine Bewegung gerade in einer gewissen Form besteht. Dieses Denken ist Teil der Entwicklung eines Schülers zu mehr Unabhängigkeit und deswegen wünschenswert. Die Gefahr besteht darin, dass falsch gezogene Schlüsse starken Schaden verursachen (z.B. Leistungsfähigkeit im Einsatzfall zu niedrig und starke Verletzungen drohen).

 

Keine Annäherung an Einsatzfall

Die Entwicklung einer Bewegung zielt auf einen Einsatzfall ab. Dieser setzt sich zusammen aus dem Gegner (dessen Stärke, Geschwindigkeit, …) und dem zu erwartenden Kontext (Umgebung, …). Der Einsatzfall ist mitunter schwer zu definieren. Trotzdem existiert meist ein schemenhaftes Bild. Dabei können Anforderungen an eine Bewegung sehr hoch sein, vielleicht auch zu hoch, um erreicht zu werden.

Ein typischer Fehler besteht in einer unzureichenden Annäherung an den Einsatzfall. Statt die Anforderungen schrittweise mit Hilfe der Bewegungsentwicklung zu erreichen, werden nur Vorstufen erreicht. Es gibt verschiedene Ursachen (unzureichende Auseinandersetzung, zu wenig Zeit, …). Das Ergebnis bleibt aber gleich. Die Bewegung wird im später auftretenden Einsatzfall nicht im ausreichenden Maße funktionieren.

Der Artikel wurde am 3. August 2016 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.