Umgang mit Komplexität

Hintergrund

Wenn man sich über einen längeren Zeitraum mit Kampfkünsten beschäftigt, wird man unweigerlich über die große Anzahl an Stilen1Ich möchte an dieser Stelle keine Definition von „Stil“ geben. Die Diskussionen über die Notwendigkeit oder den Verzicht auf eine solche Perspektive muss gesondert erfolgen. stolpern. Jeder Stil hat seine eigenen Ansätze und Theorien, um mit den auftauchenden Problemen im Kampf umzugehen. Im Großen und Ganzen koexistieren diese Ansätze, allerdings scheinen sich die Diskussionen über die „Wirksamkeit“ der einen oder andern Kampfkunst endlos zu erstrecken. Den Versuch einer Klärung und die dahinterstehende Leidenschaft möchte ich hier nicht in Frage stellen. Auf die einzelnen Arten von Diskussions- und Lösungsansätzen (Versuch/Irrtum, Belastungstests, Modellierungen, …) möchte ich an dieser Stelle auch nicht eingehen. Jeder Ansatz hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Ich möchte aber auf den Umstand hinweisen, dass diese Situation auf Grund einer sehr hohen Komplexität der Kampfkünste basiert und weder positiv noch negativ bewertet werden kann. Die Anzeichen für eine hohe Komplexität sind zum Beispiel die große Anzahl an parallel existierenden Ansätzen, widersprüchliche Ergebnisse von Belastungstests oder die sich immer wieder im Kreis drehenden Diskussionen ohne die scheinbare Möglichkeit zu klaren Aussagen zu kommen. Mit klaren Aussagen sollen nicht endgültige Lösungen verstanden werden; aber es gilt ein tieferes Verständnis des Prozesses zu gewinnen. Dazu gehört Probleme zu erkennen, zu beschreiben und zu detaillieren. Dazu gehört sich mit Lösungsansätzen kritisch auseinanderzusetzen und die Bandbreite an Lösungen zu betrachten. Schlussendlich muss eine Diskussion der Grenzen und der Vor-/ Nachteile einer Lösung erfolgen.

 

„Die Kunst vernetzt zu denken“

Diese Problematik einer hohen Komplexität und den damit verbundenen Problemen ist von diversen Autoren aufgegriffen worden. Als Beispiel möchte ich ein Zitat von Frederic Vester aus seinem Buch Die Kunst vernetzt zu denken vorstellen.

Zitat Frederic Vester

Unser Dilemma im Umgang mit der Komplexität unserer Welt lässt sich darauf zurückführen, dass wir wohl darin ausgebildet wurden einfache logische Schlüsse zu ziehen und naheliegende Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu definieren. Von vernetzten Zusammenhängen offener Systeme hingegen mit ihrem oft akausalen Verhalten habe wir in der Schule, meistens auch in der späteren Ausbildung wenig gehört. Deshalb schrecken wir davor zurück und konzentrieren uns lieber auf Detailfragen. Diese Einengung im Denken führt zu den typischen Fehlern im Umgang mit komplexen Systemen. Simple Ursache-Wirkungs-Beziehungen gibt es nur in der Theorie, nicht in der Wirklichkeit. Dort reagieren indirekte Wirkungen, Beziehungsnetze und Zeitverzögerungen, die oft eine Zuordnung der Ursachen verhindern, was dann – da man die Systemzusammenhänge nicht erfasst – die Folgenabschätzung von Eingriffen zusätzlich erschwert.

Der Autor Vester hat an den Anfang seines Buches eine Liste mit den typischsten Fehlern im Umgang mit komplexen Systemen gestellt (gemeint sind Prozesse/Vorgänge, nicht Kampfkunstsysteme). Die im Bereich Hintergründe/ Methodik vorgestellten Artikel adressieren viele dieser Probleme.

Fehler im Umgang mit komplexen Systemen

Falsche Zielbeschreibungen

Der mit Abstand wichtigste Punkt ist die Festlegung von konkreten und nachvollziehbaren Zielen. Diese stellen immer den Betrachtungsrahmen dar und lassen später eine Bewertung zu. Andernfalls findet sehr schnell eine Konzentration auf einzelne Probleme statt und eine Art „Reparaturdienstverhalten“ setzt ein. Man kümmert sich um das erste Problem, stellt fest, dass es nicht genügt, beginnt mit dem zweiten Problem usw. Der Blick auf das Ganze und die damit verbunden gestellten Ziele fehlt. Bei dieser Aneinanderreihung von Problemen besteht immer die Gefahr, dass die Lösung des ersten Problems neue „Baustellen“ aufreißt. Die Lösung des ersten Problems ist dann kontraproduktiv für Folgeziele. In Kampfkünsten stellt sich dieses Problem bspw. immer dann, wenn eine Bewegung für eine gewisse Situation konstruiert wird. Bei sehr hohen Ablaufgeschwindigkeiten müssen sensorisch nicht unterscheidbare Ablaufalternativen betrachtet werden. Wenn möglich, sollten gleich zu Beginn so viele Alternativen wie möglich in die Betrachtungen einbezogen werden. Andernfalls findet schnell das Reparaturdienstverhalten statt und jede Variante wird einzeln betrachtet. Ansätze über Baumdiagramme und klare Ziele können an dieser Stelle Abhilfe schaffen.

Unvernetzte Situationsanalyse

Beim Sammeln von Informationen müssen diese möglichst in ordnende Strukturen überführt werden. Ansonsten hat man schnell viele Informationen, aber keinen Überblick, welcher Punkt wohin gehört. Dieses Problem stellt sich in Kampfkünsten in extremer Form durch die vielen Stile und Bewegungen. Anfänger haben durch die Möglichkeiten des Internets geradezu unbegrenzten Zugang zu Informationen, aber ein Verständnis stellt sich mitunter nur schwer ein. Ordnende Strukturen wie die im Blog diskutierten Ansätze der Regelkreise, Übertragungsfunktionen oder Reaktionsarten helfen die Leistungsfähigkeit von Bewegungen einzuordnen.

Irreversible Schwerpunktbildung

Bei diesem Punkt wird ein Schwerpunkt gesetzt und dieser als Favorit weiter verfolgt. Andere auftretende Probleme werden dann vernachlässigt. In den Kampfkünsten ist diese Schwerpunktbildung bspw. in Diskussionen über Reaktionszeiten zu beobachten. Einzelne Einflussfaktoren (z.B. „schnellere Sensorik“) werden dann als ausschlaggebend für Reaktionen „identifiziert“. Es genügt ein Blick auf das Modell des Regelkreises um zu sehen, dass die Liste mit Einflussfaktoren geradezu endlos ist und es kaum einen extrem dominierenden Anteil gibt. Zumal dieses Modell des Regelkreises noch extrem vereinfacht ist. Die im Körper vorhandene Verschachtelung der einzelnen Regelkreise ist (noch) nicht modelliert.

Unbeachtete Nebenwirkungen

Beim Konstruieren von Bewegungen wird oft eher „linear“ vorgegangen. Bei den erstellten Lösungen wird nur auf das „eine“ Problem geschaut und auftretende Nebenwirkungen werden nicht mit in die Lösungsfindung einbezogen. Als Beispiel treten bei Bewegungen mit hohen Geschwindigkeiten nicht unterscheidbaren Ablaufalternativen (siehe IdI) auf. Je nach Zielstellung müssen diese Alternativen auch mit dem erarbeiteten Ansatz gelöst werden. Ansonsten führt eine Vernachlässigung beim Auftreten der Alternativen zu einem Scheitern der Bewegung. An dieser Stelle helfen auch wieder Belastungstests und Baumdiagramme.

Tendenz zur Übersteuerung

Bei der Bearbeitung von Problemen neigt man zu ständigen Anpassungen ohne sich mit den Abläufen im System zu beschäftigen. Langwierige Rückkopplungen und Verzögerungen werden außer Acht gelassen. Da sich diese Effekte nicht „schnell“ genug zeigen, wird man ungeduldig und ändert zu viel. Wenn die Effekte von Rückkopplungen dann eintreten und sich negativ auswirken, sind die eigenen Anpassungen bereits so zahlreich, dass sich nicht mehr erkennen lässt, wie sich das System wieder „fangen“ lässt. Im Körper stellt sich dieses Problem bei der Verschachtelung von Regelkreisen. Die schnellen inneren Regelkreise (bspw. Selbstreflex, quasi „direkt vor Ort“) können eine äußere Störung durch Muskelanspannung schon ausgeregelt haben. Durch die Signalverzögerung im Körper wird die Störung aber zu einem späteren Zeitpunkt in höheren Regelkreisen („Bewusstsein“, …) verarbeitet. Diese spätere Verarbeitung wählt weitere Anpassungen aus und schickt diese noch weiter verzögert zum Ort des Geschehens. Einfach gesagt, es kommt noch einmal ein „Schub“ hinterher. Diese verzögerte Anpassung kann dann in der Summe kontraproduktiv sein. Es ist dann eine Aufgabe im Training dieses übersteuernde Verhalten zu korrigieren.

Tendenz zu autoritärem Verhalten

Bei der Analyse des Systems stellt sich der Glaube ein, es durchschaut zu haben. Die Möglichkeit der Anpassungen vermittelt ein Machtgefühl. Beide Effekte zusammen können ein geradezu diktatorisches Verhalten hervorrufen und es wird versucht ein System völlig gegen dessen innere „wahre“ Struktur anzupassen („Weil, so schließt er messerscharf, // nicht sein kann, was nicht sein darf“). Zweifelhafte Prestigegewinne können als zusätzlicher Antrieb dienen. In Kampfkünsten finden sich diese Praktiken zum Beispiel bei der Konstruktion von Bewegungen zur erzwungenen Bildung „eigener“ Stile.

 

„Die Logik des Misslingens“

Ein anderer Autor zu diesem Thema ist Dietrich Dörner und sein Buch Die Logik des Misslingens. F. Vester verweist auch auf dieses Buch und die darin vorgestellten Experimente. Der Autor Dörner stellt als Fazit am Ende des Buches eine Liste mit den gesammelten Erfahrungen und den notwendigen Vorgehensweisen, um diese Effekte erfolgreich einzuschränken. Auch hier gilt wieder, dass verschiedene Artikel aus dem Bereich Hintergrund/ Methodik diese Dinge aufgreifen.

Ziele setzen

Ziele sind auch hier wieder der Dreh- und Angelpunkt. Ohne Ziele kann keine Richtung vorgegeben werden und eine abschließende Bewertung ist nicht möglich.

Kompromissbereitschaft bei gegensätzlichen Zielen

Bestimmte Ziele widersprechen sich und können nicht zusammen umgesetzt werden. Diese Widersprühe zu erkennen, zu detaillieren und sich mit Lösungsmöglichkeiten dieses Konflikts auseinanderzusetzen ist ein weiterer wichtiger Punkt. Das Eingehen von Kompromissen ist eine Möglichkeit. Zum Teil können Widersprüche aber auch als falsche Annahmen erkannt und aufgelöst werden. Einer der typischsten Widersprüche in Kampkünsten ist zum Beispiel die Forderung einen Gegner zu treffen, ohne selbst getroffen zu werden. Jede Nähe für eigene Treffer erlaubt im Normalfall auch dem Gegner seinerseits zu treffen. Es gibt viele Ansätze sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Nur setzt das gezielte Auseinandersetzen das Erkennen des Problems voraus.

Schwerpunkte der Betrachtung bilden

Die von Dörner geforderte Bildung von Schwerpunkten unterscheidet sich von Vesters vorgeworfenen falschen Schwerpunktbildungen. Bei Vester ging es um Schwerpunkte, bei denen isolierte Betrachtungen den Blick auf das Gesamtsystem verhüllen. Dörner meint mit Schwerpunktbildung den bewusst isolierte Blick auf einzelne Systemteile, wobei aber die Grenzen und der Austausch mit dem restlichen System nicht außer Acht gelassen werden. Wenn der Schwerpunkt ausreichend beschrieben wurde, „zoomt“ man wieder heraus und beschäftigt sich mit anderen Systemteilen. An dieser Stelle kann wieder das Beispiel mit den Arten der Reaktionen und deren Reaktionszeiten erwähnt werden. Über das „Hereinzoomen“ erkennt man die Abhängigkeit zur Informationsverfügbarkeit. Nach der Beschäftigung mit diesem Schwerpunkt „zoomt“ man heraus und schaut sich weitere Teile des Regelkreises und deren Anteile an Reaktionszeiten an.

Modelle schaffen, um antizipieren zu können

Ohne Modelle ist man den Abläufen immer ausgeliefert. Man reagiert und „rennt hinterher“. Mit Hilfe von Modellen können Vorhersagen über das zu erwartende Verhalten getroffen werden. Die auf diesem Blog vorgestellten Modelle (Regelkreis, …) kommen dieser Notwendigkeit nach.

Informationen mit richtiger Auflösung verarbeiten (detailliert oder grob)

Informationen können je nach Notwendigkeit sehr detailliert oder eher grob aufgenommen und eingeordnet werden. Bei diesen Einordnungen muss ständig hinterfragt werden, ob man sich noch auf der richtigen Ebene bewegt. Ist eher der Blick fürs Ganze nötig oder sollte man auf die Detailebene herabstoßen? Das Verheddern in Detaildiskussionen, obwohl noch nicht einmal ein grober Überblick besteht, ist ein gutes Beispiel. Dabei stellt die Diskussion selbst kein Problem darstellt, eher die frühe Wahl sich mit der tiefen Detailstufe und den dortigen Informationen zu beschäftigen endet in der Detaildiskussion.

Zu schnelle Bildung von Abstraktionen

Durch Abstraktionen lassen sich gut Strukturen für den Überblick erarbeiten und hinzukommende Informationen einordnen. Allerdings können diese Abstraktionen behindern, wenn bei dem Abstraktionsvorgang wichtige Dinge nicht mit einbezogen werden. Neue Informationen können dann nicht eingeordnet werden und verwirren. Diese Art von zu frühen Abstraktion entsteht bei Kampfkünsten sehr schnell, wenn Bewegungen in Belastungstests versagen und als „nicht-funktionierend“ eingeordnet werden. Die frühe Abstraktion „was nicht gleich funktioniert, ist schlecht“ verhindert die Auseinandersetzung mit den Ursachen.

Vermeidung der Konzentration auf eine zentrale Ursache

Dieser Punkt deckt sich mit Vesters (negativer) Schwerpunktbildung.

Regeln nötig für Sammlung von Informationen

Informationen sind für Entscheidungen nötig. Nur wie soll man wissen, ob man weiter suchen soll oder ob es an der Zeit ist, sich auf der vorhandenen Basis zu entscheiden? Diese Problematik stellt sich in Kampfkünsten viel bei Anfängern, welche im Kampf immer erkennen wollen, was eigentlich genau vor sich geht. Diese Suche kann zu lange dauern und sie werden deswegen getroffen. Eine Regel kann sein, dass beim kleinsten Zucken des Gegners angegriffen wird, statt noch weiter zu warten2Diese Regel hat viele Nachteile und kann mit Hilfe des Scherenmodells für Heuristiken beschrieben und bewertet werden.. Das Zucken wird als ausreichende Information gewertet, die weitere Suche eingestellt und zum Handeln übergegangen.

Aktionismus vermeiden, nur um etwas zu tun

Der Drang nach Aktivität, um nicht nur „herumzustehen“ oder passiv zu wirken, kann sich sehr negativ auswirken. Ruhe zu bewahren und die Bereitschaft sich Dinge auch erstmal nur anzusehen statt sofort zu agieren sind Voraussetzungen für ein Verständnis von Zusammenhängen. Im Bereich des Lernens ist das Trainieren der Mustererkennung ein gutes Beispiel für benötigte Ruhe. Aktionismus gekoppelt mit einer ständigen Reizüberflutung wird den Lerneffekt für die Wahrnehmung von Mustern einschränken.

Regelanwendung ohne Verständnis der Hintergründe

Diesen Aspekt wurde im Artikel Scherenmodell vorgestellt. Regeln werden auf Basis eines gewissen Wissens und dem Einsatz dieses Wissens in einer definierten Umgebung eingesetzt. Nicht nur die Regeln, auch die Hintergründe aus denen diese Regel gebildet wurde, müssen bekannt sein. Ein Beispiel ist das bereits oben genannte Angreifen beim kleinsten Zucken. Diese Regel kann nicht in jeder Umgebung eingesetzt werden. Wenn das Zucken auch etwas anderes als einen Angriff darstellen kann, ist der eigene Angriff vielleicht unpassend. Zu dem Zeitpunkt der Entscheidung für den Angriff ist noch nicht klar, wie sich die Situation entwickeln wird. Eine sture Anwendung der Regel wird je nach Situation funktionieren oder scheitern.

Selbstreflektion für Umorganisation des eigenen Denkens und Verhaltens

Bestimmte Abläufe ergeben sich erst durch die eigene Beteiligung in einer Situation. Den eigenen Einfluss zu erkennen ist eine Voraussetzung um eine saubere Trennung zwischen sich und dem betrachteten Objekt oder Ablauf zu gewährleisten. Ein typisches Beispiel ist die Körperhaltung und welchen Eindruck man damit auf andere vermittelt. Dieser Punkt geht aber viel weiter. Man kann nicht immer auf externe Rückmeldungen vertrauen. Erst mit Hilfe von Selbstreflektion findet eine wirkliche Verarbeitung von Zusammenhängen statt.

Fußnoten   [ + ]

1. Ich möchte an dieser Stelle keine Definition von „Stil“ geben. Die Diskussionen über die Notwendigkeit oder den Verzicht auf eine solche Perspektive muss gesondert erfolgen.
2. Diese Regel hat viele Nachteile und kann mit Hilfe des Scherenmodells für Heuristiken beschrieben und bewertet werden.

Der Artikel wurde am 20. Oktober 2014 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.